Foto: Jan Ehlers

Tätowierer, Sozialpädagoge, Landschaftsgärtner, Werbetechniker – das klingt solide. Wenn Basti, Alex, Olly und Marco nicht gerade als Captain Capgras auf der Bühne losbrettern. Die Band noch jung an Jahren, die Musiker nicht so mehr so ganz: Die vier gestandenen Herren, alle Anfang 40, haben eine veritable Vita zwischen straightem Punk (Ungunst, Kackophonia, The Wolves) und moshendem Hardcore (47 Million Dollars) vorzuweisen. Zu einem netten Schnack – unter anderem über die Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Alltagsscherben“ – traf das P drei der Band im Tattoo-Shop des Schlagzeugers.

 

Wo ist Euer Sänger?

Olly: Der Marco muss daheim seine Kinder bewirten. Hat irgendwie nicht geklappt mit der Terminabsprache.

Dabei wollten wir von Marco noch mal genau erzählt bekommen, wie das mit dem legendären Geheimkonzert der Toten Hosen in Weiterstadt war.

Alex: Ja, macht das unbedingt noch separat. [schwärmt] Die geile Aktion ist auf seinem Mist gewachsen, deshalb soll er das auch erzählen [mit Marco schnackten wir daher separat. Zu lesen am Ende dieses Interviews]

Okay. Wir waren ja eigentlich auch auf der Suche nach einer jungen, talentierten Nachwuchsband …

O [lächelt]: … und dann traft Ihr uns: eine Seniorenband für Punkrocker, kurz vor der Rente, fast schon Gnadenhof.

Aber für Hamburg reicht es noch. Da habt Ihr kürzlich auf einer großen Bühne gespielt.

Basti: Ja, das war super. Wir durften bei den großen Feierlichkeiten zum Hafengeburtstag auf der Bühne des Jolly Roger spielen [legendäre linke St. Pauli-Szenekneipe]. War zwar schon mittags um 12.45 Uhr, aber die Leute haben es getickt. Manche Punk-Festivals sind ja mittlerweile Ü50-Veranstaltungen, … [ lacht] da gelten wir noch als Nachwuchsband.

Zurück zum Anfang: Woher stammt der Bandname? Irgendein Freibeuter? Und wann ging es los als Band?

A: Joseph Capgras war ein Psychiater, der ein Syndrom beschrieb, bei dem der Betroffene glaubt, nahestehende Personen seien durch identisch aussehende Doppelgänger ersetzt worden. Gibt weltweit wohl nur um die 1.000 Menschen, die daran leiden.

B: Tendenz aber deutlich steigend, wenn ich mich so umschaue. Passt irgendwie zur Aluhut-Szene.

O: Und Captain vorne dran klingt immer gut. Ich finde den Namen gut, zumindest besser als Schlepphoden. 2013 ging es los. Ich wollte immer schon was mit dem Marco machen und zu dem Zeitpunkt gab es endlich mal Luft im Zeitplan. Wir sind ja alle berufstätig und Familienväter, daher spielen wir höchstens zehn Konzerte über das Jahr verteilt.

A: Die erste Platte haben wir 2014 beim René Hofmann [Sänger/Gitarrist bei der Psychedelic-Band Wight und Macher des Labels Fat & Holy Records] aufgenommen, die neue jetzt letztes Jahr bei Lolo Blümler [Schlagzeuger bei Ska Trek und Besitzer des Ironbar Studios]. Gemastert wurden die Aufnahmen dann beim Kohlmannslehner im Kohlekeller. Warum wir erst knapp ein Jahr danach die Platte rausbringen, hat was mit Prokrastination zu tun. Falls Du weißt, was das bedeutet.

Ja, weiß ich. Hobby von mir. Wie hoch ist die Auflage der Platte?

A: 500 CDs und 100 limitierte Vinyl mit CD-Beilage.

O [sarkastisch]: Mehr lohnt nicht. Alte Punk-Säcke wie uns will eigentlich niemand mehr hören. Und wir haben auch so wenig Zeit.

Warum so depri? Es gab doch in den letzten Jahren dutzende Comebacks von namhaften 80er-Punkbands wie Slime, Razzia, Wizo, Emils oder Toxoplasma.

O: Okay, das sind ja quasi Gründungsväter. Wir sind als Band noch jung und profitieren eigentlich nur von Netzwerken, die man sich über die Jahrzehnte aufgebaut hat. Ich bin eng mit St. Pauli verbunden, habe auch eine Dauerkarte vom FC und fahre zu vielen Spielen von Pauli. Daraus resultieren dann auch solche kleinen Highlights wie der Gig beim Hafengeburtstag.

Wie ging es bei Euch persönlich los mit Musik?

O: Es hat bei mir ganz klassisch-peinlich angefangen mit Scorpions und Europe und so ’nem Scheiß. Dann gaben Ende der 1980er die Toten Hosen und Ärzte schon mal die richtige Richtung vor und man schaute, warum die anderen coolen Leute T-Shirts mit Ramones- oder 999-Aufdruck trugen. Dann das erste Tape von Social Distortion. Und so kam eins zum anderen und man rutschte immer tiefer in dieses Punk-Ding.

A: Erstmal Jimi Hendrix und ELO, danach auch Hosen und Ärzte … und dann drückt dir einer ein Agnostic-Front-Tape in die Hand und du merkst, da passiert was. Es gab damals vor 25 Jahren Bommys Skateshop in der Hügelstraße/Ecke Saalbaustraße [der damalige Besitzer Michael Bommersheim ist jetzt Bademeister im Woog], wo sich Leute aus den unterschiedlichsten Richtungen trafen. Da war man dauernd neuen Einflüssen ausgesetzt.

Hast Du auch mit Hair-Metal begonnen, Basti?

B [trocken]: Ich hab mit acht Jahren Troopers gehört und hör die immer noch [alle lachen]. Nee, Quatsch, auch mit Europe und so. Ich weine immer noch vor Wonne, wenn ich das im Radio höre. Ich habe aber drei große Brüder und die haben mir dann den richtigen Weg gezeigt. Ich hing dann ab 1991 immer am Lui, im Pillhuhn oder in der Villa rum. [grinst] Da war klar, dass es nur abwärts gehen kann.

Was bedeutet für Euch Punk? Der Begriff ist ja leider ziemlich ausgeleiert, jeder definiert ihn für sich anders. Ist es nur ein reines Genre oder auch eine Idee oder gar eine Lebenseinstellung?

B: Also zumindest damals der Grundstein einer Lebenseinstellung. Jetzt aber sicher nur noch ein Teil von mir.

O: Ich kann es nicht ab, wenn Leute sich als Punk bezeichnen, dann aber nur egoistisch freien Eintritt, freies Bier und freies Kotzen vor die Bühne fordern. Das hat nix mit Punk zu tun, zumindest nicht auf Dauer. Wer dadrauf jahrzehntelang hängen bleibt, ist einfach nur peinlich. Und ich mag keine stumpfen Parolen und leider funktioniert für viele Punk nur noch so. Ich sehe das eher im Kontext, auch politisch: Was man sagt, wo man spielt, wie man sich verhält. Es ist ein extremes Sprachrohr, was blöd, aber auch gut angewendet werden kann.

A: Punk als Begriff bedeutet für mich eben nicht nur Rumasseln und Dosenbier. Das ist auch mal ganz witzig, aber kein Lebensentwurf auf Dauer. Unabhängig sein, verkrustete Denkmuster vermeiden, anders an Sachen rangehen – das ist für mich Punk. Schau Dir die Arschgebuiden [legendäre Darmstädter Punkband rund um Jörg Dillmann, aus der die Partei Uffbasse hervorging] an. Da führte Dosenbier auf dem Luisenplatz direkt ins Stadtparlament.

B: Für uns war Punk auch immer ein klares Bekenntnis zu Antirassimsus und Antifaschismus. Das scheint mir heute nicht immer so zu sein, wenn ich mir die Grauzone so ansehe [manche Bands/Künstler werden im Bereich einer sogenannten Grauzone eingestuft, wenn sie sich als vermeintlich links oder unpolitisch definieren, aber doch durch rechtslastige Interaktionen oder personelle Überschneidungen auffallen und sich davon nicht klar distanzieren]. Wir schauen also genau, mit wem wir zusammen spielen.

A: Wir haben auch schon Konzerte mit solchen Bands abgesagt. Und ich bin gerade bezüglich Antifaschismus sehr konsequent, konsequenter noch als früher, aber so was kann auch schnell zum falschen Politikum werden, wenn zum Beispiel die ganz klar antirassistischen SHARP-Skins hier in Darmstadt ein Konzert veranstalten und sich danach komischen Vorwürfen ausgesetzt sehen, Grauzone-Bands eingeladen zu haben. Die sind echt lange genug dabei und wissen genau, wen sie einladen und warum. So pisst man sich in der eigenen Szene immer ans Bein. Das kann auch nerven. Bisschen gegenseitiges Vertrauen wäre auch mal gut.

Basti und Alex, Ihr wart ja auch lange richtig politisch aktiv bei Uffbasse. Ist das noch aktuell?

B: Nicht mehr wirklich. Es geht einfach zeitlich nicht mehr, seitdem ich ein eigenes Geschäft habe. Aber ich stehe natürlich politisch immer noch voll hinter der Partei. Und mache noch ab und zu Plakate für Wahlen.

A: Bei mir ähnlich. Wir stehen noch voll hinter der Idee, aber es mangelt an der Zeit.

Wie entstehen Eure Songs?

O: Die Texte schreibe meist ich und schicke sie unserem Sänger Marco zu, der die dann auch fast immer abnickt. [grinst] Er beschwert sich nur immer, dass die sich nicht reimen. Musikalisch arrangiert der Alex das meiste, auch wenn er zu bescheiden ist, das zuzugeben [Alex sendet ein Küsschen].

Ihr seid ja – bis auf Olly [wohnt in Rödermark] – fest in Darmstadt verwurzelt. Was bedeutet die Stadt für Euch?

B: Och, man kann hier ganz schön leben. Bin mit meinem Shop in einer etwas ruhigeren Gegend und genieße das eigentlich. Und dann hat man so seine Anlaufpunkte wie Pillhuhn, Oetinger Villa, Lowbrow oder Bessunger Knabenschule, wo ich praktisch seit meiner Kindheit in Proberäumen rumlungere. Mehr brauche ich gar nicht. Aber die blöden Mietpreise nerven.

A: Darmstadt ist eine coole und ziemlich weltoffene Stadt, gerade das Watzeviertel, wo ich wohne. Es ist verständlich, wenn Leute wegziehen, weil sie mehr Aufregung suchen. Wir sind aber langsam in dem Alter, wo man das nicht permanent braucht. Jeder hat hier so sein Umfeld mit 40 bis 50 Leuten. Das reicht zum Glücklich-sein. Und es gibt eine wirklich große Musikszene, auch wenn ich mir mehr jüngere Bands in unserem Genre zur Auffrischung wünschen würde. Mich kotzt aber an, dass hier manche völlig unnötig protzen, vor allem die jeweiligen Oberbürgermeister. Jeder will sich irgendein Denkmal setzen.

Abschließend: Wenn man Euer in der „Villa“ gedrehtes Video auf Youtube anschaut, kriegt man an der Seite Videos von den Hosen in Weiterstadt, von betrunkenen Autofahrten und Dokumentationen über GG Allin vorgeschlagen.

B [lacht]: Na, das fasst uns als Band doch bestens zusammen.

Dachten wir auch. Danke für das Interview.

 

„Wie war das mit den Toten Hosen?“

 

Marco Capgras, Sänger von Captain Capgras (vorher bei Ungunst), ansonsten Familienvater, Werbetechniker und Punkrocker aus Leidenschaft, war beim ersten Interview-Termin zeitlich verhindert. Da er aber über Captain Capgras hinaus verantwortlich war für das Geheimkonzert einer „Düsseldorfer Nachwuchsband“ Mitte April, das danach tagelang für Gesprächsstoff in der Presse und den Sozialen Medien sorgte, kontaktierten wir ihn noch mal separat.

Marco: Also gleich mal vorab: Alles, was die Jungs Dir über unsere Band erzählt haben, war erstunken und erlogen … [lacht] Dass ich zu spät von dem Interviewtermin erfuhr, wäre fast das Ende von Captain Capgras gewesen! [grinst] Nee, alles gut.

Dafür kommst Du jetzt noch ausgiebig zu Wort, weil Du der Initiator des jetzt schon legendären Secret Gigs der Toten Hosen Mitte April in Weiterstadt warst, der für mächtig Wirbel sorgte.

M: Haha, ja, im Nachhinein bekam die ganze Presse dann Wind davon und mein Telefon stand nicht mehr still. Da wollten Echo, der HR und FFH ganz genau wissen, was sie da verpasst haben.

Und in den Sozialen Medien ärgerten sich Tausende, dass sie es erst am nächsten Tag davon erfuhren. Was aber irgendwie ja auch im Sinn der Sache war. Wie kam es dazu?

M: Es gab irgendwann letztes Jahr den öffentlichen Aufruf der Hosen, sich per Video für eine kleine Tour mit geheimgehaltenen Konzerten in Wohnzimmern und ähnlich privaten Räumen zu bewerben. Und ich fragte dann spontan in meinem Umfeld, ob sich dafür Leute fänden, um dafür eine Idee zu entwickeln. Letztlich waren wir um die 15 Leute, was auch eine gute Menge war, um die Idee eines riesenhaften Banners von 10 mal 12 Meter mit Tote-Hosen-Motiv anzufertigen.

Das Herstellen des Banners kann man in Eurem Video bewundern.

M: Genau. Wir wollten nicht einfach ein billiges Video machen, in dem ein paar Leute einen Hosen-Song trällern. Das gab es sicher tausendfach. Wir zeigten die gesamte Entstehung des Banners an zwei Wochenenden in den Räumen der Villa und den geplanten Konzertort in der Schreinerei unseres Freundes Alonzo in Weiterstadt.

Und im Video ist schön zu sehen, wie Ihr das riesige Banner bei einem Heimspiel der Lilien am Bölle auf der Gegengerade ausbreitet.

M: Oh mann, das war ein Mordsact. Hatten uns vorher mit Wuschel, einem der Fan-Koordinatoren abgesprochen, und das Banner dann beim Heimspiel gegen den HSV ausgebreitet … [lacht], welches wir dummerweise verloren haben, sonst wäre dieser Verein doch endlich mal in der 2. Liga gelandet. Ich bin ja als gebürtiger Offenbacher eigentlich kein Lilien-Fan und habe bis zur B-Jugend sogar beim OFC gespielt …

[schockiert] … ich glaube, wir müssen das Interview hier abbrechen …

M [lacht]: Haha, die Liebe hat mich nach Darmstadt verschlagen, aber ich fühle mich sauwohl hier. Und beim Spiel gegen den HSV war ich als St.-Pauli-Fan natürlich absolut für die Lilien!

Zurück zu den Hosen: Die sahen Euer Bewerbervideo und meldeten sich.

M: Absolut, das war echt einmalig. Etwa zwei Monate vor dem Gig gab es die Rückmeldung vom Management, dass ihnen das Video sehr gut gefiel. Es gab ja um die 10.000 Bewerbervideos und nur zwölf davon wurden ausgewählt. Das war für uns natürlich der Hammer, bedeutete dann aber in den Wochen davor äußerste Geheimhaltung. Es gab die klare Ansage vom Management, dass es auf keinen Fall vorher in der Presse oder in den Sozialen Medien öffentlich werden darf, sonst kämen die Hosen nicht. Es galt also, sehr genau ausgewählt knapp 100 Leute einzuladen und denen zu verklickern, dass sie gefälligst ihr Maul halten müssen.

Was ja auch klappte, wie man auf dutzenden Videos im Netz sehen kann. Wir bekamen auch erst kurz vorher Wind von der Sache. Das Konzert war dann in diesem intimen Rahmen wirklich phänomenal, selbst für Leute wie mich, die den Hosen mittlerweile eigentlich nicht mehr viel abgewinnen können.

M: Ja, genau, das geht ja den meisten so, irgendwie auch mir mit den Jahren des großen Erfolgs. Ich bin aber als Teenager mit den Hosen groß geworden und irgendwie rostet alte Liebe nicht total. Und die Jungs gaben sich superlocker und sympathisch. Das war keine billige Promo-Masche, wie einige danach meinten, sondern wirklich authentisch. Die Hosen hatten mächtig Spaß und die anwesenden Leute noch mehr. Es zeigte sich auch, dass wir die richtigen Leute eingeladen hatten, die wirklich was mit Punkrock anfangen konnten und nicht nur als Stehgeigen Songs nachträllern. Das war für die Hosen wie in deren 1980ern, als sie anfingen.

Bei einem Song gab Dir Campino dann auch das Mikrofon in die Hand.

M: Das war wirklich wie ein verspäteter Teenager-Traum, der endlich wahr wird. Bin ja mittlerweile 41 und Papa, aber als ich dann beim Song „Verschwende Deine Zeit“ ans Mikro durfte, fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der mit seinen damaligen Idolen auf der Bühne rumhüpft.

Wie ging es danach weiter?

M: Die Hosen haben danach noch stundenlang mit uns in der Werkstatt abgehangen und sind dann irgendwann ins Hotel. Später gab es noch Rückmeldungen, dass es ihnen supergut gefallen hat. Wir haben übrigens noch Geld übrig von dem Gig, das wir demnächst dem Verein für Krebskranke Kinder in Darmstadt spenden werden. Es war ja alles umsonst und die Hosen spielten nur für ein warmes Essen, aber es gab genug Getränkespenden, so dass wir jetzt noch 700 Euro über haben.

Danke für das Interview. Und gebt uns das nächste Mal gefälligst früher Bescheid, wenn bei Euch in Weiterstadt Die Ärzte, Pink Floyd oder Pur spielen.

 

 

Release-Party:

Captain Capgras feiern die Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Alltagsscherben“.

Live: Lygo (Bonn), Captain Capgras (DA), Fatzke (Weilburg) + Radaudisko-DJs

Oetinger Villa | Sa, 01.07. | 20 Uhr | 7 € (ab 20.45 Uhr: 8 €)

außerdem:

Wutzdog Festival (Riedstadt) | Sa, 26.08. | www.wutzdog-festival.de

mit Skaya: Herrngarten-Konzert | Sa, 09.09.

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