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Foto: Essbares Darmstadt

Die Urban-Gardening-Initiative „Essbares Darmstadt“ will Darmstadt bepflanzen. Jeder kann mitmachen, Gemüse, Obst und Kräuter anbauen und sie ernten. Und zwar nicht nur in privaten oder separierten Räumen, sondern direkt an den Straßen, im Hinterhof, auf öffentlichen Plätzen oder am Arbeitsplatz. Gemeinsam soll gegärtnert, gelernt und verzehrt werden. Den Initiatoren Anna Arnold und Dieter Krellmann geht es aber auch um das Vermitteln von biologischer Vielfalt – und um die sinnliche Wahrnehmung von (essbaren) Pflanzen – überall in Darmstadt, am liebsten flächendeckend.

Was ist die Idee hinter der Initative Essbares Darmstadt?

Anna: Die Idee hat viele Ebenen. Bildung, Umweltschutz, Klimaschutz und Biodiversität sind große Schlagworte. Es geht um ein Bewusstsein, den öffentlichen Raum aktiv mitgestalten zu dürfen und dort Verantwortung zu übernehmen – in Absprache mit den Behörden.

Dieter: Ja, denn der öffentliche Raum wird normalerweise vor allem praktisch verwendet und nicht vielfältig. Eine vielfältigere Nutzung käme aber auch dem Stadtleben zugute. Das sollen die Menschen erkennen. So gesehen ist das auch ein Kunstprojekt, denn es ist eine Kunst, die Wahrnehmung für mögliche Bepflanzungen zu schärfen.

Ist das auch ein Stück Selbstermächtigung in Bezug auf das eher gleichförmige Angebot der Lebensmittel-Discounter?

A: Wir wollen keine Discounter boykottieren, aber die Qualität der Ernte ist bei unserem Projekt einfach eine andere. Es wird nicht gespritzt, es sind kurze Transportwege und die Früchte sind nicht nachbehandelt.

D: Das Thema ist vor allem Diversität. Im Supermarkt gibt es vielleicht sieben Sorten Tomaten. Weltweit gibt es aber 2.500 samenfeste Tomaten und unter diesen noch einmal 7.500 Kreuzungen.

A: Es wachsen sogar Wassermelonen, Zuckermelonen, Auberginen, Ringelbumen oder exotische Dinge wie Prickelkraut. Auch in Darmstadt.

D: Prickelkraut ist spannend, weil es eigentlich nur in der gehobenen Gastronomie verwendet wird. Es prickelt im Mund und nach einem Schluck Rotwein ist das Prickeln weg. Das ist ein richtiger Gaumenkick.

Was passiert, wenn jemand eine faule Tomate isst und im Krankenhaus landet. Oder im eigenen Beet plötzlich Cannabis wächst, weil es ein anderer Urban Gardener dort eingepflanzt hat?

A: Es ist, wie aus dem eigenen Garten zu ernten. Wenn da eine Zucchini bitter ist, isst man sie nicht. Hier setzen wir – wie generell bei diesem Projekt – auf die Eigenverantwortung der Leute. Und zwar einmal für das Umfeld der eigenen Bepflanzung und beim Konsum für sich selbst. Ich knabbere ja auch nicht an den Bäumen rum, gucke was passiert und beschwere mich danach [lacht].

D: Es wachsen überall in der Stadt viele Dinge, die nicht essbar sind, und sie werden auch nicht einfach gegessen. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass die informelle soziale Kontrolle und Eigenverantwortung gut funktionieren. Pflanzt jemand etwas, das illegal ist, wird das geahndet wie an jedem anderen Ort auch.

Gibt es in Darmstadt Stadtteile mit besonderer Affinität für Urban Gardening?

D: Der Plan ist, das Ganze flächendeckend zu gestalten. Es gibt in Darmstadt an vielen Ecken kleinere, ähnliche Aktionen zur Bepflanzung.

A: Ja, richtig, auch in Kranichstein mit dem internationalen Garten und den Permakulturflächen [das P hat berichtet]. Es ist eine große Kooperation und die gibt es in allen Quartieren.

D: Die Leute vor Ort haben am meisten Ahnung, auch mehr als wir. Wir verbinden – und dieses verbindende Glied gab es bis dato nicht. Ziel ist eine Plattform: Wer macht wo was? Wen kann ich ansprechen? Schließlich ist es meine Stadt.

Das klingt nach einer großen Kommunikations- und Integrationsmaschine …

A: Ja, ein Inklusions- und Integrationsprojekt. Ein Garten verbindet Menschen da auf eine tolle Art und Weise, weil jeder hat irgendwie einen Bezug dazu, ob Garten der Oma oder die eigene Lieblingspflanze. Man kommt durch das Gärtnern mit den Nachbarn nochmal ganz anders ins Gespräch.

D: Dazu habe ich eine schöne Geschichte. Koptische und muslimische Flüchtlinge trafen zusammen und keiner wollte mit dem anderen etwas machen. Jetzt musste aber die Pflanze in den Boden, sonst geht sie kaputt. Da ist es egal, ob Kopftuch oder nicht, es geht hier um die Pflanze! Das sind tolle Nebeneffekte.

A: Auch Kontakte zum Eigenbetrieb für kommunale Aufgaben und Dienstleistungen gibt es, die haben viel Material. Zum Beispiel Holz oder die dort kultivierte „Terra Preta“-Erde bekommen wir, wenn wir rechtzeitig Bescheid sagen.

D: Darmstadt selber kriegt es noch gar nicht so mit, aber das Projekt hat eine riesige Strahlkraft. Die Initiative steht sogar auf der Seite der Bundesregierung. Zehn Orte sind in Darmstadt umgesetzt und zwanzig bis dreißig Straßen sind in Planung. Gardening-Projekte müssen unterstützt werden, das steht im aktuellen Koalitionsvertrag in Darmstadt. Das ist einmalig in Deutschland.

Wie kann ich konkret vorgehen, wenn ich bei Essbares Darmstadt mitmachen will?

A: Man muss sich zusammenschließen. Wer ist vor Ort und hat Interesse, um das Projekt mit Wasser, Material oder Hilfe zu unterstützen? Patenschaften für die Flächen sollen übernommen werden, damit das Projekt weiterläuft und nicht nach der ersten Bepflanzung aufhört. Man muss sich auch fragen: Was ist sinnvoll dort anzubauen? Was gibt es im Umfeld noch an Optionen?

D: Die Interessierten sollen dann mit ihrer Idee direkt zu uns kommen. Wir haben den Kontakt zum Grünflächenamt und können klären, was möglich ist. Die meisten Eigentümer und Firmen warten nur darauf, dass etwas bepflanzt wird.

A: Es geht um das, was die Leute brauchen, und dann kann man klären, was man darf und was nicht. Das funktioniert in der Regel sehr einfach. Ist eine Skizze dabei, kann alles noch besser eingeschätzt werden. Idealerweise gibt es irgendwann einen Baukasten: Okay, ich will was machen, da und da geh ich hin, mit Fahrzeug, Wasserspeicher etcetera. Das sind langfristige Ideen.

D: Die Idee mit dem Baukasten wäre dann Urban Gardening 2.0 oder sogar 3.0 [lacht].

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Foto: Essbares Darmstadt

Wie essbar ist Darmstadt?

Als Vorbild dient vor allem die „essbare Stadt Andernach“. Nun wird auch in Darmstadt gegärtnert, gegessen und geschnuppert – im öffentlichen Raum und durch die Bewohner selbst. Dabei setzt die Initiative Essbares Darmstadt auf Synergien in Form aktiver Gestaltung durch Bürger, Politik, Wirtschaft und alle, die dabei sein wollen. Die Plattform www.essbaresdarmstadt.de soll in Zukunft helfen, sich zu organisieren, ohnehin bestehende Kräfte zu bündeln und Urban-Gardening-Anfängern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aktuell fungieren www.facebook.com/urbangardendarmstadt und www.facebook.com/golddererde als interaktive Info-Kanäle.

Wo sind die aktuellen Spots?

Folgende Orte werden bereits von der Initiative Essbares Darmstadt bewirtschaftet: Kaupstraße, Herrngartencafé, Parcusstraße, Osthang und Datterich Klause am Hauptbahnhof.

Was ist Terra Preta?

Terra Preta (portugiesisch: „schwarze Erde“), mit der die Initiative gerne arbeitet, ist ursprünglich eine besonders fruchtbare, speziell kultivierte Bodenart aus dem Amazonasbecken. Diese Erde setzt sich vor allem zusammen aus Holzkohle, Exkrementen, Aschen und Lebensmittelabfällen. Sie ist dadurch besonders humushaltig und nährstoffreich. Terra Preta kann aber auch dem Original nachgeahmt in hiesigen Gefilden hergestellt und gekauft werden.

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