Foto: Mathias Hill
Foto: Mathias Hill

Das Pillhuhn ist eine Darmstädter Institution wie die Lilien, das Bölle, die Rosenhöhe und der Hochzeitsturm. Seit 1975 wählt der Watzeviertler hier zwischen Sieben-Minuten-Pils vom Fass und Rotwein aus der Schachtel (mit starker Tendenz zu Ersterem) und als es 2007 unterzugehen drohte, gab es erst einen Aufschrei und dann Soli-Aktionen ohne Ende. Das war genau die Zeit, in der Walter und Karina, die bis dahin im Huhn angestellt waren, das Ruder über- und einen neuen Anlauf mit der Kneipe nahmen. Und da in ihrem Etablissement ein großer Teil der Darmstädter Musikszene sein Post-Proben-Bier schoppt, mussten sich die beiden neuen Wirte dem großen P-Classic-Rock-Hörspiel stellen.

 

Cream „I Feel Free“

Eric Claptons Subbergrupp mit einem Psych-Blues-Hit aus ihrem 1966er Debüt-Album.

Karina: Cream, oder? Klar, bei den ersten Tönen erkannt … ein guter Oldie!
Walter: Das kenn ich aus der Hutte.

Und, hätte das auch Chancen im Pillhuhn?

Walter: Ja, das konnt’ auch im Pillhuhn laufen. Wir haben hier so ein paar Fossilien…

… die haben die noch live gesehn!

Walter [lacht]: Ja, wahrscheinlich…
Karina: Zur Musik im Pillhuhn: Der Kossi [Bassist und Schlagzeuger in ungefähr 100 Darmstädter Punkbands, Anm. d. Red.] hat hier zehn Jahre gearbeitet, der hat hier immer Hardcore und Punk laufen lassen. Das hat sich aber irgendwann gelegt, denn davon wurd’ er selber ganz nervös.
Walter: Cream… das war meine Späthippie-Zeit.

 

Uriah Heep „Free Me“

Eigentlich eine Hard-Rock-Band, hier eher Soft-Rock – ganz groß in den Siebzigern…

Walter: Oh Gott!
Karina: Kennt ma aach, von wem war das?
Walter: Net mei’ Musik!
Karina: Na ja, für Fasching ganz okay…

Das ist Uriah Heep.

Karina: Was? Da war ich net drauf gekomme‘, das ist zu schnulzig.
Walter: In der Hütte liefen die immer. „Lady in Black“, die Klopper, die in den Charts gelaufen sind.

Das ist nix für‘s Pillhuhn, oder?

Walter: Naja, nach ein Uhr und 15 Bier…

 

The Who „Boris the Spider“

Bassist John Entwistle schrieb diese schräge Nummer für das zweite Album der englischen Maximum-Rhythm-and-Blues-Band.

Walter [nach zwei Takten]: Oh, das ist The Who! Das könnt‘ ma‘ hier laufen lassen – „Boris The Spider“!
Karina: Kenn‘ ich net ma vom Titel.

Der Walter kennt‘s!

Karina: Der ist ja auch jünger als ich [genau ein halbes Jahr, Anm. d. Red.]. Ich hab’ nix von The Who! Zeppelin ja, aber The Who?
Walter: Ich war früher viel in der Hütte…
Karina: Ich bin damals eher im Brett [illegaler Club in der Stauffenbergstraße, Anm. d. Red.] gewesen.

 

Deep Purple „You Fool No One“

Von „Burn“, 1973 in der Schweiz eingespielt. In den Siebzigern waren sie doch am besten!

Karina [wirft mir einen beleidigten Blick zu]: So alt sind wir auch wieder net! Klingt ein bisschen wie Cream, von der Stimme her.

Walter: Deep Purple!

Die gibt‘s übrigens auch noch.

Walter: …die alde graue Herr‘n.
Karina: …oder Wishbourne Ash! Da geht doch kein Mensch mehr hin. Mein letztes Konzert waren The Tubes in Aschaffenburg. Und in der Centralstation hab’ ich mir neulich Living Colour angeguckt.
Walter: Von Purple hatte ich die LP „Live in Japan“.

Die hat ja jeder gehabt.

Walter: Da war ich stolz wie Bolle drauf! Die ist inzwischen total zerkratzt.
Karina: Ich hab dann immer den Tonarm vom Plattenspieler mit Groschen beschwert, damit sie nicht springt.
Walter: Die HipHopper haben das später mit Fünf-Mark-Stückern gemacht.
Karina: Hab ich schon 1980 gemacht!
Walter: Hättst’s dir mal patentieren lassen!

 

Black Sabbath „Planet Caravan“

Mal kein Doom-Rock-Brett, sondern eine psychedelische Einschlafballade vom zweiten Album der Band mit dem lustigen Ozzy.

Walter [sofort]: Das ist Black Sabbath.

Oh, das hätt‘ ich nicht gedacht, dass Ihr das erkennt!

Walter: Doch, ich hab die Platte. Die hatten ja immer diese zwei Seiten: Heavy und Schnulze.

Das ist jetzt eher ein Rausschmeißer, oder?

Karina: Ohne die Sperrstunde gibt’s inzwischen gar keine Rausschmeißermusik mehr.
Walter: Früher gab’s als Rausschmeißer im Schlosskeller den Balu-Song [„Versuch‘s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Dschungelbuch, Anm. d. Red.]. Das hat aber nicht funktioniert, da alle getanzt haben. Wir hatten zeitweise mal Sinatra.
Karina: Oder die Monroe oder Glenn Miller … aber am Ende gefällt‘s den Gasten noch und sie bleiben.

 

Meat Loaf „I’m Gonna Love Her for Both of Us“

Der rockende Hackbraten aus Dallas spielt einen seiner typischen Schmachtfetzen.

Karina [nach dem Pianointro]: Ganz klar Meat Loaf!
Walter: Durch die Rocky Horror Picture Show [in der er damals, 1975, den Eddie spielte, Anm. d. Red.] ist der ja seinerzeit bekannt geworden. Mein Bruder war damals immer im City-Kino in der Schulstraße: Sechs Joints und dann Reis geschmissen!

Und wie wär‘s mit Meat Loaf für’s Pillhuhn?

Karina: Die Heidi hat den ein paar Mal aufgelegt. Wie heißt die Platte von dem, die jeder hat?

„Bat out of Hell“

Karina: Wir legen hier alle einen ähnlichen Stil auf. Ich mag vor allem meine Australier: AC/DC, die alten INXS, Rose Tattoo. .. alles ein bisschen kernig!
Walter: Oder Airbourne. Die klingen wie AC/DC, als ob die früher zusammen geprobt hatten! Muss ich dir mal vorspielen.

 

Living Colour „Final Solution“

Die Funk-Punk-Wunderkiste um Vernon Reid mit einer Coverversion der Avantgarde-Punker Pere Ubu.

Karina: Kennt man die Combo?
Walter: Naturlich kenn‘ ich die… ähm…
Karina: Kann ich nichts mit anfangen.
Walter: Living Colour?
Karina: Was? Da muss ich mich bei denen das nachste Mal beschweren!

Okay, das war unser Classic-Rock-Hörspiel. Habt ihr noch ein Abschlussstatement für unsere Leser?

Walter: Wir freuen uns, wenn die P-Leser die richtige Vorstellung von unserer Musik bekommen haben und hierher kommen…
Karina: …oder ihren eigenen Scheiß mitbringen!

 

Fazit: Walter vier, Karina zwei. Nahezu alle Fälle in der Akte wurden gelöst, sogar das verzwickte Living-Colour-Attentat auf Pere Ubu. Als hätten wir es nicht schon gewusst: Die Pillhuhn-Crew ist so leicht nicht aus der Ruhe zu bringen. Dann mal Prost bis zum nächsten Sieben-Minuten-Pils!

 

www.pillhuhn-kneipe.de

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