Foto: Antje Herden
Foto: Antje Herden

Ist Darmstadt lebenswert? Und wenn ja: Wieso eigentlich? Die Zeiten sind schlecht – geprägt von Klimawandel, Finanzkrise und leeren Stadtkassen. Dagegen stehen die schiere Kommunikationsfreude der Bürger, die Möglichkeiten politischer Einflussnahme und der Drang des Einzelnen, öffentliche Räume zu erobern. Lässt sich daraus nicht etwas machen? „Lasst uns über Darmstadt reden!“, hieß es im Rahmen des Architektursommers Rhein-Main 2012, der sich programmatisch und thematisch auf unsere Stadt fokussierte. Konkret wurde das Ganze auf dem ungeliebten Friedensplatz.

Schon im vergangenen Sommer hatten Studenten der Hochschule Darmstadt (h_da) gemeinsam mit dem Darmstädter Architektursommer e.V., der Centralstation und dem Londoner Architekturbüro „muf“ das experimentelle Labor „Let’s talk about Darmstadt“ ins Leben gerufen. Gesucht und erforscht wurden Aufenthalts- und damit Lebensqualitäten an bereits existierenden Plätzen, Orten und Räumen unserer Stadt. Dass sich die große bauliche Geste niemand mehr leisten kann, ist lange offensichtlich. Doch inwieweit lässt sich das, was sowieso da ist, minimal – auf alle Fälle jedoch kostengünstig – so verändern, dass nahezu ideale Bedingungen für die Bewohner geschaffen werden? Ist es womöglich sogar deren Kompetenz, die weiterhilft?

Das Labor war im letzten wie auch in diesem Jahr eine wunderbare Möglichkeit über den eigenen öffentlichen Lebensraum nachzudenken. Das nur scheinbar überraschende Ergebnis des letzten Sommers: Die Nutzung und Wahrnehmung eines Ortes sind viel wichtiger als dessen Gestaltung. Da bot sich der betonlastige, vollgemöbelte Friedensplatz geradezu an, das einmal am Objekt auszuprobieren. „Anbauen“ war die Devise – und alle durften und sollten mitmachen.

Es wurde ein Team von studentischen Expertinnen gegründet, eine Müllanalyse durchgeführt („Was passiert hier eigentlich so?“) und der Platz professionell gereinigt. Unter Anleitung von Heinrich Strauch, dem Gartenmeister des Rosariums auf der Rosenhöhe Darmstadt, wurden Salvien und eine Rose gepflanzt. Und schließlich wurden – nach intensiven Gesprächen mit den Anrainern – am 15. und 16. Juni 2012 sechs installare Stationen zum Wahrnehmen, Mitmachen und Erleben aufgebaut.

Ich war da, verweilte, schaute und agierte.

Neben dem erhabenen Reiterdenkmal gab es eine kleine, ihm nachempfundene Bühne (sogar mit Pferd zum Umhängen!) – für jeden, der etwas zu sagen hatte und wollte. Unter anderem sprach Gartenmeister Strauch über Rosen. Diese Station wurde betreut von Elisabeth Prießnigg, „Expertin für Alltagskultur und Teilhabe“, und Waltraut Langer, Jugendamt.

Wäre er nicht temporär gewesen, dann wäre er mein Lieblingsort geworden: In Zusammenarbeit mit dem orientalischen Restaurant Haroun’s wurde ein charmanter Außensitzplatz geschaffen, mitten in den hohen Betonrabatten, die ansonsten nicht genutzt werden. Betreut von Johanna Schulte, „Expertin für Großzügige Grenzen“, und Gastronom Haroun.

Im Kleidungsgeschäft „Gegenüber“ erhielt der Kunde an der Kasse einen Blumentopf und konnte die Pflanze auf dem Platz einpflanzen. Die Angestellten des Geschäfts gossen die Setzlinge. Betreut von Natalie Fedtke, „Expertin für gemeinschaftliche Patenschaften“, und Anke Vogel, Geschäftsführerin „Gegenüber“.

Der Sandspielplatz wird zwar rege benutzt, allerdings nur von Kindern. Darum wurde im Sand ein abgeschlossener Bereich geschaffen und mit gemütlichen Kissen ausgestattet – hier konnte man lagern und poetischen Geschichten zu Plätzen in der ganzen Welt lauschen. Betreut von Bianca Hirner, „Expertin für Geschichten als Orte“, und Theo Jülich, Direktor des Hessischen Landesmuseums.

Im Gegensatz zu vielen anderen mag ich die Kübel und Möbel aus Beton auf dem Friedensplatz. Doch Beton wird (laut dieser Station) nur noch bis 2050 verbaut werden dürfen. Dann wird er archäologischer Schatz, den es zu entdecken und bewahren gilt. Betreut von Vanessa Haindl, „Expertin für Übersehene Details“, und Dr. Holger Göldner, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abteilung Archäologie.

Die Fahrradwippe soll den über den Platz jagenden Fahrradverkehr entschleunigen. Außerdem werden Radler und Zuschauer zu Akteuren, die den Platz bespielen und als Aufenthaltsraum aufwerten. Betreut von Anna Kathrin Daub, „Expertin für Koexistenz unverträglicher Nutzungen“, und Prof. Bernhard Meyer, Initiator Spielbare Stadt.

Eine Video-Dokumentation und weitere Ideen (zum Beispiel „ehemalige Eis-Friedel als Veranstaltungsort im Sommer 2013“) gibt’s im Internet: www.letstalkaboutdarmstadt.de

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