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Foto: Nadine Deiß + Stefan Krombach + Caroline Link

Jeder kennt das: Kurz vorm Urlaub ist der Kühlschrank noch voll und, weil man selbst nicht alles aufessen kann, landen Lebensmittel im Müll. Dass in Deutschland jährlich tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden, ist bekannt. Für die Verschwendung sind aber tatsächlich zu rund zwei Dritteln private Haushalte verantwortlich – noch vor Handel und Industrie. Seit einiger Zeit gibt es jedoch einen gegenläufigen Trend: Deutschland (und damit auch Darmstadt) teilt Lebensmittel. Über die Foodsharing-Bewegung sprachen wir mit Jilly Latumena, die – gemeinsam mit Miriam Heil – Darmstädter Foodsharing-Botschafterin ist.

Foodsharing – ins Deutsche übersetzt: Essen teilen. Wie funktioniert das?

Bei Foodsharing geht es darum, Lebensmittel zu teilen und vor der Mülltonne zu retten. Wenn man zum Beispiel in den Urlaub fährt und sieht, dass der Kühlschrank noch voll ist, man aber nicht in einer WG lebt oder seine Nachbarn nicht kennt, kann man diese Lebensmittel im Internet zum Teilen anbieten. Das funktioniert entweder über die Plattform www.foodsharing.de. Noch schneller geht es über die Facebook-Gruppe „Foodsharing Darmstadt“. In der Gruppe postet man einfach das, was man abzugeben hat. Oder andersherum fragt man an, falls man etwas Bestimmtes braucht. Dann kann man per Nachricht ausmachen, wo und wann etwas abgeholt oder gegeben wird.

Was wird dann alles abgeholt oder gegeben?

Da gibt es alles Mögliche: Milchprodukte, Brot, Gemüse, Obst, Süßigkeiten. Selbstgemachtes kann auch angeboten werden. Man sieht zum Beispiel immer wieder Postings von Leuten, die nach einer Geburtstagsfeier Kuchen übrig haben. Vorsichtig sollte man aber bei Alkohol sein, der sollte aufgrund der Altersbeschränkung nicht angeboten werden.

Du engagierst Dich als Darmstädter Botschafterin für Foodsharing – warum?

Wir wissen, dass private Haushalte jedes achte Lebensmittel, das sind 82 Kilo pro Kopf im Jahr, wegwerfen. Durch Foodsharing kann man diese Lebensmittel retten. Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass mit Konsumgütern verantwortungsvoller und achtsamer umgegangen wird. Ich wünsche mir, dass wir von einer Leitkultur des Verschwenderischen und des Überflusses wegkommen. Es gibt in Darmstadt auch noch andere Angebote, die in einer ähnlichen Richtung funktionieren. Zum Beispiel das Repair-Café oder die Facebook-Gruppe „Free your Stuff“. Das sind alles Konzepte, die mit dem Teilen oder Retten von Konsumgütern zu tun haben. Wir hoffen auch, dadurch die Leute dafür zu sensibilisieren, sozialer und solidarischer miteinander umzugehen. Wenn man nur das Nötigste konsumiert und Müll vermeidet, schont man außerdem die Umwelt.

Gibst Du eigentlich vor lauter Teilen überhaupt noch Geld für Lebensmittel aus?

Ja, ich kaufe schon selber ein, aber inzwischen relativ selten. Meistens auf Märkten, da will ich die Menschen unterstützen, von denen ich weiß, dass sie nachhaltig wirtschaften. Und klar gibt es auch Momente, in denen ich nicht drum herum komme, im Supermarkt einzukaufen.

Wie bist Du zum Foodsharing gekommen?

Ich habe einfach mitbekommen und beobachtet, dass viele Lebensmittel weggeschmissen werden. Genau so ging es auch den Urgesteinen von Foodsharing Darmstadt. Deshalb haben wir angefangen, uns für das Teilen und Retten von Lebensmitteln zu engagieren.

Foodsharing in Darmstadt ist inzwischen ja auch mehr als nur die Facebook-Gruppe

Genau, wir haben sogenannte „Fairteiler” eingerichtet. Das sind frei zugängliche Kühlschränke, in die man Lebensmittel zum Teilen reinstellen und entnehmen kann. Der erste Darmstädter „Fairteiler” steht zum Beispiel im Offenen Raum des AStA der TU Darmstadt, weitere in der evangelischen Hochschule und im Kaufhaus der Gelegenheiten. Im Vergleich zum privaten Foodsharing gibt es bei den „Fairteilern“ aber andere Regeln. Selbstgemachtes ist tabu, weil man nicht weiß, wie es zubereitet wurde. Fisch, Gehacktes und Eiprodukte sollten auch nicht in die „Fairteiler” gestellt werden, da sie ein Verbrauchsdatum haben und kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Das heißt, sie müssen bis zu dem genannten Datum wirklich verbraucht werden. Lebensmittel mit Mindesthaltbarkeitsdatum hingegen sind auch nach dessen Ablauf nicht automatisch verdorben.

An den „Fairteilern“ darf sich dann einfach jeder bedienen?

Ja, die „Fairteiler“ sind für jeden gedacht! Nicht nur für Studierende, wie manche glauben. Jeder ist willkommen.

Aber nicht jeder stellt wahrscheinlich auch etwas hinein. Wenn ich mir nur etwas nehme, muss ich dann ein schlechtes Gewissen haben?

Nein, aber die „Fairteiler“ sind ja dafür da, dass man auch selbst etwas hinein tut. Manche denken, die Kühlschränke würden sich von selbst füllen, so dass man sich ständig nur bedienen kann. Das ist natürlich nicht so. Am Kühlschrank hängt auch eine Strichliste, auf der man eintragen soll, ob man etwas genommen oder gespendet hat. Daran können wir sehen, dass ungefähr doppelt so oft etwas entnommen wie reingelegt wird.

Hast Du auch schon negative Erfahrungen beim Foodsharing gemacht?

Ja, es gibt tatsächlich Leute, die mit zwei vollen, großen Taschen den „Fairteiler“ verlassen. Da weiß man nicht, ob sie die Lebensmittel selbst verbrauchen, weiter verteilen oder einfach nur raffgierig sind und sie am Ende doch wegschmeißen.

Landen nur private Spenden in den Kühlschränken oder beteiligen sich auch Unternehmen?

Wir haben inzwischen einige Kooperationspartner an Bord. Dazu gehören Supermärkte, Bäckereien und Schulen. Unsere „Foodsaver“ holen dort regelmäßig nicht verkaufte Lebensmittel ab. Außerdem kooperieren wir mit der Solidarischen Landwirtschaft in Darmstadt. Ein weiterer Partner ist die „Tafel“. Da waren zum Beispiel einmal fünf oder sechs Kartons voller Bananen übrig. Die konnten wir in kürzester Zeit verteilen, so dass sie nicht weggeworfen werden mussten.

Wie ist denn generell Euer Verhältnis zur „Tafel“?

Wir sind definitiv keine Konkurrenz. Wir haben ein freundschaftliches und kooperatives Verhältnis. Es gibt Supermärkte, von denen sowohl „die Tafel“ als auch wir Lebensmittel bekommen. Da sprechen wir uns aber ab, so dass wir an unterschiedlichen Tagen Essen abholen.

Seid Ihr mit anderen Foodsharern in Deutschland vernetzt?

Es gibt den Verein Foodsharing e. V., der zum Beispiel zu bundesweiten oder auch internationalen Treffen einlädt. Dort tauschen wir uns mit anderen Foodsharing-Aktivisten aus. Wir bekommen auch gewisse Regeln, Konzepte und Infos vom Verein, die uns bei Projekten und Kooperationen helfen. Zum Beispiel haben wir so erfahren, dass wir keine Spendenbox mehr aufstellen dürfen.

Wie kann ich mich denn selbst für Foodsharing engagieren?

Jeden ersten Mittwoch im Monat um 19 Uhr gibt es am „Fairteiler“ an der TU Darmstadt ein Neulingstreffen. Da kann man einfach vorbeikommen und sich informieren. Wir können zum Beispiel immer Leute gebrauchen, die die „Fairteiler“ regelmäßig kontrollieren und reinigen oder auch Lebensmittel bei den Kooperationspartnern abholen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Foto: Nadine Deiß + Stefan Krombach + Caroline Link
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Foto: Nadine Deiß + Stefan Krombach + Caroline Link

Standorte der „Fairteiler“ in Darmstadt

TU Darmstadt, Hochschulstraße 1, Gebäude S1|03, Offener Raum (direkt am AStA-Büro Stadtmitte), 24 Stunden zugänglich

Evangelische Hochschule Darmstadt, Walther-Ratgeber-Haus, Zweifalltorweg 12, zugänglich Mo bis Sa von 8 bis 18 Uhr

Kaufhaus der Gelegenheiten, Pallaswiesenstraße 122, zugänglich Mo bis Fr von 10 bis 18 Uhr und Sa von 10 bis 16 Uhr

www.foodsharing.de

 

Jilly represents!

Jilly Latumena, 29, ist Foodsharing-Botschafterin für Darmstadt. Nachdem sich Jilly schon länger für das Foodsharing in Darmstadt engagierte, übernahm sie die Botschafter-Aufgabe von ihrem Vorgänger. Dieser hatte sich wegen eines Auslandsaufenthalts zurückgezogen. Außerdem ist sie Steinbildhauer-Meisterin und studiert an der TU Darmstadt Bautechnik, Sport und Ethik auf Lehramt an Berufsbildenden Schulen.

 

 

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