Foto: Torsten Bruns

Das Ensemble der Theaterquarantäne inszeniert das Stück „Techno – Temporäre Autonome Zone“ unter der Regie von Hanno Hener und Victor Schönrich im Hoffart Theater. Ein nackter Wahnsinn zwischen Performance-Theater, Happening und ritualisierter Anti-Struktur. Wir haben uns die Premiere am Freitag angesehen.

Das Bühnenbild sieht aus, als hätten die Einstürzenden Neubauten die Berliner Trümmerfrauen einfach weggescheucht: Drei mit Stoff bespannte und psychedelisch bemalte Quader bilden die Rahmenkulisse des subkulturellen Berlins um die Zeit des Mauerfalls. In einem der drei Quader versteckt sich die dreiköpfige Band Messer Brüder, die das Stück live beschallt, was sofort den berühmten Funken überspringen lässt. Von Anfang an ist klar, dass es laut und schrill werden wird. Die Kostüme bewegen sich zwischen Techno-Trash, Transgender und offensiver Sexsymbolik. In diesem Arrangement wird geschrammelt, gebasst und getanzt.

Das siebenköpfige Ensemble tritt mit Wucht auf die Bühne. Endlich soll der muffige Punk in seinem ’68er-Gewand dem Techno Platz machen. Dazu wird sich so richtig gekloppt. Von diesen körperlich intensiven Choreographien lebt das Stück. Man spürt die enorme Spielenergie, die permanent ins Publikum transportiert wird. Textlich stehen absurde Dialoge und Pimmelwitze im Vordergrund: „Ich fühl mich, den Boden und meine Eier.“

Rausch ohne sozialisiertem Maulkorb

Quasi-religiös verteilt man die Pillen als Oblaten aus einem goldenen Kelch an die Musikjünger. Der Club ist ihre Kirche. Entsprechend gierig werden sie verschlungen. Mit Engelsflügen wird der Auszug aus Ägypten aus einem Autoatlas verlesen. Ab und an werden die Predigten durch theoretische Abhandlungen um die temporäre Autonome Zone unterfüttert. Hier scheißt eine Gruppe wütender junger Menschen ganz offensiv auf die Regeln des guten Geschmacks und der bürgerlichen Sitte. Sie zelebrieren den Rausch und die teilweise Ernüchterung nach dem Kater. Das macht Spaß, obwohl man sich zuweilen wünscht, mittanzen zu können, statt nur zuzusehen.

Und nicht zu vergessen, wir sind im Berlin der späten 1980er Jahre: Die Mauer fällt ganz nebenbei dadurch, dass ein Grenzer den riesigen Penis eines der Protagonisten zu sehen bekommt. Nacktheit und der offene Umgang mit Sexualität sind Leitmotive des Stücks. Und im Falle des Falles der Mauer werden mit diesen unkonventionellen Mitteln buchstäblich Grenzen gesprengt. Die alternative Erzählung ist wesentlich reizvoller als eine Darstellung aus dem Geschichtsbuch, die man schon zu oft gesehen hat.

Ausweitung der Kampfzone?

Dass hier alles erlaubt ist und nicht in einem logischen Sinnzusammenhang stehen muss, markiert den Kontrapunkt zum gesellschaftlichen Alltag an genau diesem Ort zu genau dieser Zeit. Man nimmt die einzelnen Schauspielerinnen und Schauspieler daher auch selten als Subjekte wahr. Je intensiver zum Techno getanzt wird und Pillen eingeschmissen werden, desto mehr gleichen sich die Figuren einander an und verschmelzen in der Situation.

Eine große Collage, ein Happening ist das, was einen schönen Kontrapunkt zum klassischen Erzähltheater darstellt und sehr erfrischend anzusehen ist. Eine detailgetreuere Ausbuchstabierung des Rituals durch ein von Techno, Tanz und Drogen getriebenes Kollektiv hin zu einer anderen politischen Praxis hätte der Inszenierung allerdings gut getan. Die eingeflochtenen philosophischen Abhandlungen bleiben daher leider etwas blutleer im Raum stehen und wirken eher wie neomarxistische Kalendersprüche. Denn was hätte die Inszenierung daran gehindert, die autonome Zone an diesem Abend samt Publikum in die Realität umzusetzen? Vielleicht klappt das ja bei den kommenden zwei Vorstellungen: am Montag, 10.04., und Dienstag, 11.04., jeweils um 20 Uhr im Hoffart-Theater.

Tickets & mehr Infos: www.theaterquarantaene.eu/karten/

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