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Foto: Jan Ehlers

Die Hoffnung auf ein besseres Leben führte Olexesh mit seiner Mutter vor mehr als 20 Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Heute zählt der Darmstädter Olexij Kosarev zu den erfolgreichsten Rappern des Landes. Mit seinem Debüt „Nu Eta Da“ landete er 2014 aus dem Stand in den Top-Ten der Albumcharts, legte letztes Jahr mit gleich zwei Platten auf Platz fünf der Charts nach und spielte zwei restlos ausverkaufte Deutschland-Tourneen, während Szene-Medien seinem „Rasiermesserflow“ huldigten. Aufgewachsen in Kranichstein blickt Olexesh jetzt der Veröffentlichung seines dritten Albums entgegen: „Makadam“. Eine Platte, die seiner Mutter sowie dem von Hochhaussiedlungen gezeichneten Darmstädter Stadtteil gewidmet ist – und die eine der großen deutschen HipHop-Alben des Jahres werden dürfte.

 

Welche Bedeutung hat der Ort unseres Treffpunktes, das städtische Jugendhaus in der Oetinger Villa, für Dich?

Olexesh: Hier habe ich einige meiner besten Freunde gefunden: Romano, Benny, Samir, Ibo, Rashid, Ramazan – lauter so Leute. Schreib die bitte alle rein, die werden sich freuen. Hier im Jugendhaus gab es früher auch einen HipHop-Raum. Der Manu, der Mitarbeiterin hier, habe ich auch viel zu verdanken.

Schon früh hast Du Dich für HipHop begeistern können. Deine ersten Texte hast Du als Achtjähriger geschrieben. Wie ging das los?

Das war damals in Ruppertsheim, bei Kelkheim im Taunus. Durch eine HipHop-AG bin ich auf die Musik, also Rap gestoßen. Ich wurde quasi von Freunden gezwungen. „Haste Bock? Ja, dann komm mit! Fang an!“ So war das. Mit zwölf ging es dann schon etwas richtiger los und wurde immer ernster und ernster. Rap, Rap, Rap!

Deine Mutter sei damals nicht sehr begeistert gewesen, meintest Du. Was denkt Sie heute über Deine Leidenschaft, die zum Beruf wurde?

Meine Mutter ist überglücklich. Sie freut sich unglaublich für mich – und natürlich sorge ich auch für sie. Ich habe ihre Schulden bezahlt, ihr ein Auto gekauft, greife ihr bei den Kosten für die Klassenfahrten meiner Geschwister unter die Arme und sie muss nichts für die Führerscheine meiner kleinen Brüder zahlen. Ihr bleibt vieles erspart. Sie lag damals also falsch! [lacht]

Die Sorgen Deiner Mutter von damals kannst Du aber verstehen, oder?

Na klar. In der Schule lief es bei mir einfach nicht. Es gab ständig Ärger. Da gab es Tage, an denen ich morgens mit dem Schulranzen aus dem Haus bin, mich irgendwo auf die Bank gelegt, einen Wecker gestellt und geschlafen habe – und um 13 Uhr bin ich mit dem Ranzen nach Hause. Meine Mutter dann immer so: „Wie war die Klassenarbeit?“ „Ja, ich habe nur meinen Namen und das Datum aufgeschrieben, das Einzige, was ich weiß. Den anderen Scheiß weiß ich nicht.“ Ich hatte einfach keinen Bock auf Noten und diesen Zwang. Klar ist Schule eigentlich wichtig, aber das war nix für mich.

Wobei das Musikmachen heute ja quasi auch benotet wird. Wenn eine neue Platte kommt, wartest Du auch auf Zahlen. Das ist ja fast wie Noten bekommen.

Das stimmt! [lacht] Meine beste Chartplatzierung war bisher die Fünf. Im Gegensatz zur Schule ist das aber super [lacht].

Fühlst Du Dich der HipHop-Szene Darmstadts verbunden? Hier sind und waren ja immer einige am Start.

Darmstadt war immer schon so: Keiner hat sich gegenseitig gepusht. Es war immer so konkurrenzmäßig, auch damals im HipHop. Die kannten mich ja alle, aber wieso haben die mich nicht gepusht? Jetzt bin ich da, der Youngstar – und ich komm‘ von gaaaaanz unten – und pushe die Alten mit den Bärten. Jetzt wollen die alle was von mir, weil ich aus Darmstadt bin und Erfolg habe. Jetzt soll ich Werbung für Gude machen. Aber ich bin nicht nachtragend, ich mache mit. Sonst wäre ich ja genauso wie die. Das ist einfach falsch gelaufen. Hier fehlt der Zusammenhalt. Ich bin cool mit denen, aber so ist es. Ich spreche das eigentlich ungern aus, aber sonst redet ja niemand darüber.

Von seiner Musik leben zu können, ist ein Privileg. Wie war es zu realisieren, dass Du diesen Schritt geschafft hast?

Es war krass. Es war wie im Traum. Weißt Du, damals wollte man immer im Lotto gewinnen – und jetzt ist es schon so. Jetzt braucht man nicht mehr zocken [grinst]. Ganz ehrlich: Es verändert dich. Positiv! Du glaubst, dass alles machbar ist. Du bekommst Anerkennung für das, was du tust. Das gibt mir Kraft, weil ohne Props, ohne irgendein Zeichen hört man irgendwann auf. Ich bin letztens mit dem Taxi gefahren und vorne läuft mein Lied. Das ist geil, Bruder! Es war auch kein Lied, in dem Mütter und Väter beleidigt werden, deswegen kommt‘s auch im Radio [lacht].

Du bist nicht nur erfolgreich, sondern auch verdammt fleißig. 2014 erschien Dein Debüt, 2015 die zweite Platte „Masta“ sowie das Mixtape-Album „Straßencocktail“, die ebenfalls in die Top Ten eingestiegen sind.

Manchmal ist viel arbeiten auch gar nicht verkehrt. Wenn man selbstständig ist, sollte man fleißig sein – und das Finanzamt will ja auch immer noch was abhaben [lacht]. Das Gute ist, es macht mir wirklich Spaß. Ich kann’s nicht lassen. Ehrlich, es ist so: Ich jage die Musik!

Jetzt erscheint „Makadam“, Album Nummer drei. Es heißt ja, dass die dritte Platte immer eine besondere Herausforderung darstellt, weil sich Künstler auch irgendwie neu positionieren müssen.

Auf dem neuen Album gehe ich auf jeden Fall auch neue Wege. Zum Beispiel der Song „Geboren in der Großstadt“, zu dem wir auch ein Video gedreht haben. Das ist Musik, die könnte vielleicht sogar ein älterer Herr hören, der mit Rap nichts am Hut hat. Das ist ein Song, den ich auch meiner Oma, meinem Opa vorspielen kann. Mein Rap hat sich geändert. Es wird nicht mehr so übertrieben geflext. Die Storys, die ich erzähle, sind direkter. Die Bilder sind zum Greifen. Digger, ich sag‘ Dir, Du willst mit mir Geld machen, wenn Du das hörst! Das neue Album hat vor allem einen roten Faden. Es ist richtig durchdacht, verstehst Du? Ich hab‘ mir genau überlegt, wie die Songs wirken. Es ist ein erwachsenes Album.

„Makadam“ scheint auch sehr persönlich zu sein. Das Albumcover zeigt eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Zu sehen ist Deine Mutter mit einem Kinderwagen vor einer Hochhaussiedlung.

Genau. Das Foto zeigt Kranichstein, Gruberstraße. Das ist uralt – Sechziger, Siebziger. Das Bild kennt fast niemand. Wir kannten das, weil wir früher immer stoned am Computer „Kranichstein“ bei Google eingegeben haben. Einfach, um zu gucken, was es so gibt über unsere Gegend, unsere Blocks und so. Wir haben den Fotografen gefunden, ein alter Mann, und ihm das Foto abgekauft. Auf dem Bild war aber keine Frau! Meine Mutter und den Kinderwagen – das Motiv habe ich in einem alten Fotoalbum gefunden – haben wir reinmontiert. Ich find’s krass.

Für ein Rap-Album ist es ein wirklich ungewöhnliches Cover.

Ja, es ist kein alltägliches Rap-Cover. Keine fette Schrift, keine dicke Hose, keine Angeberei. Es ist elegant, künstlerisch. Das Artwork ist insgesamt eine kleine Dokumentation über Kranichstein.

Kranichstein ist in Deiner Musik immer präsent.

Dort sind meine Wurzeln. Die Hood lässt dich nie los und die Hood will sich immer hören. Wenn ich ein Album ohne Kranichstein-Song machen würde, flippen die Leute aus. „Hat der uns vergessen oder warum erwähnt der uns nicht mehr?“ Aber ich vergesse niemanden. Ich kehre immer wieder zurück. Wenn wir in Kranichstein Videos drehen, macht das die Menschen glücklich. Das bedeutet ihnen viel, wenn sie Teil davon sind.

Was verbindest Du mit Kranichstein?

Es hat mir große Häuser gezeigt. Es hat mir viele Nationalitäten gezeigt. Das kannte ich nicht. Ich kam als Kind aus dem Taunus nach Kranichstein. Kranichstein war für mich direkt wie eine kleine Metropole. Im Taunus gab‘s nicht mal einen Dönerladen! Und ich komme hier hin und plötzlich gibt‘s hier einen russischen Laden und alles. Ich dachte direkt: „Hier gehöre ich hin. Jetzt kann‘s losgehen.“ Kranichstein hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Sind die Geschichten, die Du erzählst, authentisch, also Deine Erlebnisse?

Das Album ist vollbepackt mit dem Leben. Pures Leben. Trauer, Leid, Glück, Schmerz, Sex, Drogen, Tod. Natürlich gab‘s das schon von anderen Künstlern, über deren Leben. „Makadam“ ist aber meine Sicht auf das Leben. Ich erzähle aber auch mit dem Blick anderer. Geschichten von Menschen, die nicht rappen können. Die einfach nur abgefuckt sind, die keine Stimme haben. Mit „Makadam“ gebe ich auch solchen Leuten eine Stimme. Auf dem Album wurde für jeden gesorgt!

Rap ist ja auch schon immer eine Art Sprachrohr derer gewesen, die sonst nicht gehört werden.

Genau, und Rap ist auch weiterbildend. Auch wenn Schimpfwörter fallen und der ganze Kram, den man eigentlich nicht hören sollte – es ist nämlich trotzdem wichtig zu wissen, dass es das gibt. Bringt ja nix, die Augen davor zu verschließen; denn unwissend zu bleiben, ist ja wohl das Allerblödeste. Und mit Musik erreicht man auch gerade Jugendliche gut. Die haben Bock und hören dann auch mal zu. Nicht so wie Schule. Ich habe auch mal einen Song über Spielsucht gemacht, „Avtomat“. Bisschen mit Witz auch, aber auch ernst.

Auf Deinen Platten gab es bisher immer ein, zwei Stücke, die eher witzig waren. Songs mit sympathischer Selbstironie. Ein altes Musikvideo zeigt Dich zum Beispiel auch mit einem klapprigen Damenrad ohne Sattel durch Kranichstein rollend statt mit dem dicken Auto.

Ja klar! Sich selbst auch mal lächerlich machen! Ich bin ja auch mit Eminem und so Sachen aufgewachsen. Daher habe ich diese Art. Das wird‘s auch wieder auf „Makadam“ geben. Die Leute feiern das ja auch. Und wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, ist man weniger angreifbar. So habe ich ein Ass im Ärmel [zwinkert].

Ein wichtiges Thema auf „Makadam“ ist die Ukraine, dein Geburtsland. Für die Produktion zweier Musikvideos bist Du nach Kiew gereist und hast Deine Großeltern besucht, die auch im Video gezeigt werden. Was war der Anlass, Dich mit Deiner Herkunft auseinanderzusetzen?

Auch wegen meiner Mutter. Das Cover zeigt meine Mutter als Siebzehnjährige, ich war zwei, drei Monate alt. Das Album ist ihr gewidmet und die Ukraine ist ein Teil von ihr. Diese Geschichte, die Geschichte meiner Familie, wollte ich dann unbedingt reinbringen. Also bin ich hingeflogen. Oma, Opa, die gesamte Ukraine, die Basare, die Leute, fremde Gesichter, viele Seelen – diese ganzen Eindrücke, die haben mich gepackt und stecken im Album.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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Foto: 385ideal

Olexesh

Das neue Album „Makadam“ erscheint am 21.10. beim Frankfurter Label 385ideal und ist als CD, Vinyl sowie digital überall erhältich.

www.facebook.com/Olexesh64

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