
Blackbox mit Silvana Battisti und Thomas Waldherr vom frisch gegründeten und schon sehr agilen Pop Netzwerk Darmstadt e. V.
Mit einem kostenlosen „Festival für alle“ präsentierte sich das Pop Netzwerk Darmstadt, das aus Vertreter:innen der Live-Musik-Branche, Veranstaltenden, DJs, Produzent:innen und weiteren kreativen Köpfen besteht, im Februar 2026 in der Bessunger Knabenschule. Seitdem treibt man den Gedanken eines Popbüros auch in Darmstadt konsequent weiter, um der hiesigen Musikszene einen höheren Stellenwert zu verschaffen. Mitte April wurde der Pop Netzwerk Darmstadt e. V. mit dem Ziel gegründet, „Darmstadt kulturell genre-, geschlechts- und altersübergreifend voranzubringen und sichtbarer zu machen“. Ende August waren die engagierten Netzwerker:innen mit einem Infostand beim Golden Leaves Festival vertreten. Bereits vor der Darmstädter Kommunalwahl 2026 kontaktierten sie die antretenden Parteien und Fraktionen und befragten sie mit einem Zehn-Fragen-Katalog zum Stellenwert lokaler Popkultur [alle Antworten sind auf der Website des Vereins nachzulesen]. Das P traf Silvana Battisti, erste Vorsitzende und weibliche Hälfte des Duos Woog Riots, und den zweiten Vorsitzenden Thomas Waldherr, Kurator der „Americana“-Reihe in der Knabenschule, und sprach mit ihnen über Ziele, Hintergründe und erste Erfolge des neuen Netzwerks.
Wie kam es zur Gründung des Pop Netzwerks Darmstadt?
Silvana: Die Idee zu einem Netzwerk entstand letztes Jahr während des Heinerfests. Damals trafen sich einige musikaffine Menschen auf der Piazza an der Stadtkirche. Wir überlegten uns, dass es schade ist, dass jede:r in seiner eigenen Blase schwimmt. Es wäre schöner, wenn wir uns zusammen tun und einfach einmal austauschen könnten. Der eine kennt hier ein tolles Studio, die andere dort tolle Auftrittsorte. Wie war das noch mal mit der GEMA und der GVL [Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten]? Da haben wir erkannt: Es gibt einen großen Bedarf für ein Netzwerk. Beim ersten Treffen im November 2025 waren schon 16 Leute dabei. Das Feedback war toll, und die Menschen kamen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Es waren Musikschaffende, Veranstaltende, Tonstudio-Leute und Grafiker:innen, die sich alle der Popkultur zugehörig fühlten. Das machte Mut! Wir fanden einen Menschen, der uns unterstützen wollte. Damit konnten wir im Februar die Knabenschule mieten. Günstig war es auch, dass im März 2026 Kommunalwahlen stattfanden. Wir konnten den Parteien der Stavo [Stadtverordnetenversammlung] Fragen stellen, deren Antworten an diesem Abend in der Knabenschule vorgestellt wurden. Es ergab so ein tolles Feedback bei über 200 Besucher:innen. Daraufhin sagten wir: Okay, jetzt müssen wir doch einen Verein gründen, was im April auch geschah.
Eure erste Veranstaltung, das „Festival für alle“ fand ganz ohne Eintritt statt. War das eine bewusste Preispolitik?
Silvana: Unser Förderer hat die Kosten übernommen. Wir sind in der Kunst, in der Musik, immer auch davon abhängig, Menschen zu finden, die das unterstützen wollen. Ansonsten sind wir natürlich Verfechter der These, dass Kunst niemals kostenlos sein sollte. Wir erarbeiten momentan einen Gagenkompass für Darmstadt, der für die Musizierenden, aber auch für die Veranstaltenden gestaltet werden soll. Gerade versuchen wir, Konsens zu finden. Ein wenig orientierten wir uns an Pro Musik, dem bundesweiten Verband für Selbstvermarkter. Das versuchen wir auf Darmstadt herunterzubrechen.
Mehrere Bands des Eröffnungsabends konnte man dann auf dem diesjährigen Nonstock Festival wiedertreffen.
Silvana: Genau. Das Nonstock hat einige Bands dort entdeckt und direkt engagiert. Das war ganz toll. Die Bands wurden dann auch Mitglieder des Vereins. Das ist unser Ansatz: Wir sind schon seit Jahren dabei und möchten den jungen Künstler:innen Tipps geben, bestimmte Dinge anzugehen – wie die Frage, wie man die richtige GEMA-Liste erstellt. Uns ist wichtig, den Künstler:innen Dinge zur Professionalisierung mit auf den Weg zu geben. Im kleinen Rahmen kann man damit Geld verdienen. Dieses Streben sollte man haben. Thomas gestaltete hier den schönen Begriff der Lobbyarbeit.
Thomas: Lobbyarbeit betrifft zum einen die Hilfestellung und Beratung für Bands. Andererseits möchten wir in Darmstadt auch auf die Popmusikkultur aufmerksam machen. Zu Recht ist die Stadt stolz auf das Jazzinstitut, die Ferienkurse für Neue Musik oder den Klassikbereich. Wir wollen ein Stück weit zeigen, dass hier eine noch vielfältigere Musikkultur existiert. Daher versuchen wir, mit Kulturpolitiker:innen und anderen in der Stadt ins Gespräch zu kommen.
Silvana: Das klappt auch ganz gut. Wir befinden uns mit dem Kulturamt im regen Austausch. Mit der neuen Amtsleitung Britt Baumann haben wir jetzt einen weiteren Termin, um über Proberäume zu sprechen. Verschiedene Parteien haben uns schon zu Fraktionssitzungen eingeladen. Darmstadt besitzt eine lange Pophistorie – in den Achtzigern existierte ein reger Austausch mit Hamburg oder Berlin. Den gab es irgendwann nicht mehr. Nun versuchen wir, es wieder mehr an die Oberfläche zu bringen, was wir hier für tolle Popbands und Festivals haben. Wir sind gut aufgestellt, haben aber alle das Gefühl, dass wir immer noch unter dem Radar laufen. An der Akademie für Tonkunst existieren keine popkulturellen Studiengänge. Warum eigentlich nicht? Auch hier möchten wir ansetzen.
Welche konkreten Termine sind in Planung?
Silvana: Es gibt ein reguläres Treffen, zu dem jede:r hinkommen kann. Der nächste Termin ist am Dienstag, 29. September, um 18.30 Uhr in unseren Räumen in der Landwehrstraße 75 [bei Christine Musics]. Außerdem planen wir für Januar oder Februar 2027 eine Messe, voraussichtlich in der Knabenschule, wo wir allen die Möglichkeit geben wollen, sich vorzustellen – seien es Tonstudios, Bands, DJs, Instrumentenbauer:innen oder Plattengestaltende. Dies planen wir wieder bei freiem Eintritt, damit jede:r ohne große Hemmnis hingehen kann.
Thomas: Wir definieren natürlich auch: Was sind die Themen, die in der Szene diskutiert werden und wichtig sind? Wenn wir in diesem Interessenverband, wenn man ihn so nennen will, alle Gewerke zusammengebracht haben, gilt es, Themen wie faire Gagen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und dies zusammenzubauen. Ich als Kurator der „Americana“-Reihe habe eine andere Perspektive als Leute, die auftreten möchten. An dem Thema könnte man idealtypisch darstellen, wie gut es läuft, wenn alle Fäden zusammenlaufen.
Wie viele Mitglieder hat der Verein?
Silvana: Aktuell haben wir 20 Mitglieder, aber zu den Treffen kommen oft auch mehr Menschen. Immer noch stellt es scheinbar eine Hemmschwelle dar, zu unterschreiben und einen Jahresbeitrag zu zahlen. Man hat aber einen Mehrwert. Gestern rief mich ein junger Musiker an, der noch Menschen für eine Bandgründung suchte. Hier versuchen wir, Kontakte zu vermitteln. Wir sind noch ein junger Verein. Natürlich sagen wir da nicht Nein, wenn uns jemand fördern möchte. Wir sind aber nicht gemeinnützig – das ist wichtig zu sagen. Es gibt weniger Spender:innen, weil wir keine Bescheinigung ausstellen können. Je mehr Mitglieder wir aber sind, umso optimaler ist es: Wir können dann kostenlose Angebote wie Workshops anbieten, wovon alle profitieren. So haben wir etwa einen Rechtsanwalt für Medien- und Urheberrecht in unseren Reihen. Zudem hatten wir das Glück, von der bundesweiten „Initiative Musik“ mit Fördergeld bedacht worden zu sein. Auch die Sparkasse Darmstadt-Dieburg sponsert uns, wofür wir sehr dankbar sind.
Wie kann man sich noch über den Verein informieren?
Silvana: Auf unserer Homepage kann man gut sehen, was wir vermitteln können und noch anbieten wollen. Da gibt es keine Grenzen nach oben oder unten. Das Schöne daran ist, dass wir selbst noch lernen, obwohl wir schon lange dabei sind. Genau deshalb ist es förderlich, wenn man ein Netzwerk an Gleichgesinnten hat.
Kurzer Exkurs: Wie sieht es eigentlich aktuell mit den Aktivitäten der Woog Riots aus?
Silvana: Wir haben erst gestern in Heidelberg gespielt. Wir besitzen ein Label, auf dem wir auch andere Bands veröffentlichen. Erst letztes Jahr haben wir den Darmstädter Musikpreis gewonnen – eine erfreuliche Sache. Damals haben wir aber auch gesagt: Es wäre toll, wenn es auch einen reinen Popmusikpreis geben würde.
In der Tat stammten die letzten Preisträger:innen mehr aus dem Klassik- oder Jazzsektor.
Thomas: Die Preisträger:innen aus der Popmusiksparte der letzten zwanzig Jahre kann man an zwei Fingern abzählen.
Silvana: Wenn wir jetzt sagen: „Darmstadt-Popcity!“, dann wird es bestimmt besser. Wir orientieren uns auch an Popbüros anderer Bundesländer. Mit Bayern oder den „Music Women* Hessen“ befinde ich mich im regen Austausch. Ebenso mit „Pop in Hessen“ – einer Initiative, die es bald geben wird. Es wird sich um einen Dachverband mit Sitz in Kassel handeln. Wir wären dann die Dependance in Südhessen.
„Hier existiert eine noch vielfältigere Musikkultur.“
Es gibt viele Bands, von denen man schon länger nichts mehr gehört hat. Daher erscheint es durchaus sinnvoll, die Kräfte zu bündeln und ihre Aktivitäten stärker publik zu machen, oder?
Silvana: Ja. Man könnte eine Art Datenbank anlegen und pflegen. Die gab es früher einmal beim Partyamt. Das fände ich eine gute Sache. Es gab immer wieder Acts aus Darmstadt, die wirklich international populär waren oder sind, wie zum Beispiel Yassin, The Satelliters oder auch Metty – was vielen Darmstädtern unbekannt ist [Anm. d. Red.: Räusper … nicht, wenn sie das P lesen, liebe Silvana!].
Auch die Auftrittsmöglichkeiten erscheinen hier durchaus überschaubar.
Silvana: Ja, die lokale Szene hat es nicht leicht, Auftritte zu finden. Da wir auch Veranstaltende bei uns haben, hoffen wir, über das Netzwerk zu helfen. Je nach Kapazität und Genre könnte man sich zusammentun. Wir möchten bei unseren Veranstaltungen immer Bands dabei haben, die sich hier vorstellen können. Bei der kommenden Messe haben wir auch wieder drei Live-Bands eingeplant.
Thomas: Auch ein Straßenmusikfestival wäre eine schöne Ergänzung, wir haben einige Ideen und Ansätze für Darmstadt.
Silvana: Das Kulturamt stellt sich neu auf. Ich bin mir sicher, dass sich auch hier etwas zugunsten aller Bands ergeben wird.
Wir drücken die Daumen, werden berichten – und danken Euch für das gute Gespräch.
Pop Netzwerk: Kontakt + Online-Mitgliedsantrag
Telefonisch ist das Pop Netzwerk von Montag bis Freitag zwischen 15 und 17 Uhr unter (0173) 4702508 erreichbar. Zudem existiert ein regelmäßiger Newsletter, für den man sich unter info@popnetzwerkda.de anmelden kann.
Ihr möchtet gerne beim Pop Netzwerk Darmstadt mitmischen? Dann ladet Euch den Mitgliedsantrag online herunter: popnetzwerkda.de/mitglieder
Der Mitgliedsbeitrag beträgt aktuell 30 Euro pro Jahr. Wer den Verein als Fördermitglied unterstützen möchte, zahlt mindestens 300 Euro pro Jahr.





