Kuratorin Marie Härtling | Foto: Nouki

Das Jazzinstitut Darmstadt blickt mit der Ausstellung „35 1/5 Umdrehungen” multimedial auf seine turbulente Geschichte zurück – und ist ein sehr offenes Haus. Ein roter Faden zieht sich durch das musikalische Herz von Bessungen. Genauer gesagt durch das Jazzinstitut im barocken Kavaliershaus am Bessunger Jagdhof, wo das europaweit größte Forschungs- und Informationszentrum zum Jazz residiert – und derzeit besonderen Grund zum Feiern hat.

Die städtische Kulturinstitution schaut auf bereits 35 Jahre Archivarbeit zurück. Dafür wird nun ein sprichwörtlicher roter Faden über drei Stockwerke für die Ausstellung „35 1/5 Umdrehungen” gespannt.

Mit der erläuternden Hilfe von Kuratorin Marie Härtling entwirrt sich der Faden beim Ablaufen der verschiedenen Stationen. Jede Station stellt ein Jahr dar und veranschaulicht bedeutende Ereignisse für den Darmstädter Kulturbetrieb. Die Schau besteht aus Dutzenden Dokumenten, Fotografien und Designs, abgerundet von auditiven Medien, die sich mithilfe von QR-Codes abspielen lassen und so zusätzliche Einblicke ermöglichen. Darüber hinaus wird die Geschichte des Jazz mit selektierten Fotos aus dem Archiv neu aufgerollt.

Nicht nur Darmstädter versetzt das Institut in Staunen. Musizierende und Jazz-Fans aus der ganzen Welt blickten schon auf die zahlreichen Schellackplatten, Vinylplatten und CDs. Dazu gesellen sich diverse Printmedien, ergänzt durch persönliche Korrespondenzen von Akteur:innen des Jazz. Das Ergebnis dieser akribischen Archivierungsarbeit ist eine Sammlung, die mehr als 63.000 Bücher, 62.000 Tonträger, 40.000 Fotografien und Hunderte von Zeitschriften umfasst.

Der „Jazz-Papst“ ebnete den Weg

„35 1/5 Umdrehungen” beginnt im Erdgeschoss des schmucken Altbaus im Herzen von Bessungen – und mit dem Jahr 1983, rund sieben Jahre vor Eröffnung des Instituts. Der international renommierte Musikjournalist und -produzent Joachim-Ernst Berendt, in der Szene auch „Jazz-Papst” genannt, trat damals seine Rente an und hinterließ der Stadt Darmstadt für 300.000 D-Mark seine umfassende Jazz-Sammlung. Mit großem Einsatz von Kuratorin Annette Hauber wurden diese Exponate für die Ausstellung „That’s Jazz” im Jahr 1988 genutzt. Schon damals reisten Besucher:innen aus der ganzen Welt nach Darmstadt an, um die Geschichte des Jazz genauer betrachten und förmlich aufsaugen zu können.

Teil der aktuellen Ausstellung ist auch der Struktur- und Funktionsplan von Ekkehardt Jost, dem ersten Professor für Jazz in Deutschland. Dieser Plan prägt das Jazzinstitut bis heute. Damals gab die Stadt Darmstadt den Plan für eine Million D-Mark in Auftrag. Unter anderem war – und ist bis heute – eine Nutzung als frei zugängliche Fachbibliothek und Forschungszentrum im öffentlich-kommunalen Rahmen mit Bildungsauftrag vorgesehen. Das Jazzinstitut ist also für alle da und allen zugänglich: „Man kann einfach hierherkommen, etwas in der Bibliothek lesen, etwas aus dem Plattenarchiv hören, eine Führung bekommen – das Haus steht allen offen“, erklärt Marie Härtling.

Wegweisende Veränderungen

Im Jahr 1990 war es dann so weit. Das Institut, damals noch im John-F.-Kennedy-Haus untergebracht, öffnete mit Wolfram Knauer als Direktor (der dies im Übrigen bis Februar 2024 blieb, auf ihn folgte Bettina Bohle). Knauer war es ein großes Anliegen, als kommunal geförderte Einrichtung gute Beziehungen zur freien Szene und sonstigen Jazz-Akteur:innen zu pflegen. Aus dieser liebevollen Kontaktpflege entwickelte sich die Idee des „Wegweiser Jazz”, ein bis 2010 halbjährlich erschienenes Buch, in dem der Musikwissenschaftler die gesammelten Kontaktdaten und Anlaufstellen vor allem der deutschen, österreichischen und Schweizer Jazzszene – also Musiker:innen, Veranstaltende, Journalist:innen, Forschende und Labels – veröffentlichte. Damals noch sehr zeitintensiv per Post oder Fax versendet, seit 2010 digital in Form einer Datenbank und erreichbar über die Webseite des Jazzinstituts. Bis heute werden diese Daten weiter gepflegt und stellen eine äußerst wertvolle und beständige Ressource für die Community dar.

Foto: Nouki
Foto: Nouki
Foto: Nouki

Zukunftsorientiert, progressiv, divers

Sowohl die Ausstellung als auch der Jazz im Allgemeinen fallen mit einer Zukunftsorientierung sowie einer ausgeprägten progressiven Ader auf. Immer wieder wird Jazz in seiner geschlechtlichen Vielfalt dargestellt. Angesichts des allgegenwärtigen Patriarchats keine leichte Aufgabe. Eine besondere Hürde stellte die Darstellung von diversen Künstler:innen dar, die ihr Geschlecht jenseits von Mann und Frau verorten, so Marie Härtling. Aufzeichnungen von beispielsweise nicht binären Musizierenden habe es erst in den letzten Jahrzehnten gegeben, weshalb eine Repräsentation davor nicht realisierbar gewesen sei. Aufgrund dieses ungleichen Verhältnisses zeigt die letzte Fotoreihe der Schau ausschließlich Frauen und Personen mit diverser Geschlechtszuordnung. Das Thema klingt immer wieder in der Ausstellung an – und auch im Institutsalltag. So sind die Mitarbeitenden des Instituts des Öfteren zuständig für die Vergabe von Jurypositionen, wobei sie besonderen Wert auf eine möglichst gerechte und allumfassende Repräsentation von Personengruppen legen.

Internationale Stars und Lokale Legenden

Neben dem roten Faden, der im Treppenhaus die Timeline des Instituts nachbildet, gibt es in einem weiteren Raum eine handverlesene Auswahl von Bildmaterial aus dem eigenen Archiv. An unterschiedlichsten Lokalitäten auf der ganzen Welt können Akteur:innen des Jazz bestaunt werden – von lokalen Berühmtheiten bis hin zu Urgesteinen des Jazz. Unter ihnen sind meisterliche Schnappschüsse – wie beispielsweise Marie Härtlings Lieblingsbild: Darauf zu sehen ist das seltene Lächeln von John Coltrane, umgeben von Pharoah Sanders, Jimmy Garrison und Rashied Ali, allesamt Mitglieder seiner damaligen Band. Im Mittelpunkt jedoch steht Alice Coltrane, die zweite Ehefrau von John. Zum einen steht sie Hand in Hand mit John, zum anderen sticht sie mit einem pinken Rock und einem beigen Parker hervor. Das im Hintergrund zu sehende und fast schon heruntergekommene „Village Vanguard“ entzaubert die Illusion eines glamourös-opulenten Etablissements. Der New Yorker Szenetreffpunkt erreichte mit John Coltrane und Bill Evans weltweite Bekanntheit und ist bis heute ein Veranstaltungsort mit exzellentem Ruf.

Foto: Klaus Mümpfer („That’s Jazz“, 1988)
Foto: Klaus Mümpfer („That’s Jazz“, 1988)

Jazz hören, fühlen – und mit nach Hause nehmen

Abseits der aktuellen Ausstellung gibt es im Darmstädter Jazzinstitut auch noch das Archiv zu begutachten – und hier befindet sich eine weitere Attraktion: Die nebeneinander aufgereihten Tonträger sind direkt vor Ort abspielbar. Außerdem lassen sich die angehörten Songs und Alben auf einen USB-Stick übertragen und dann nach Lust und Laune auf der eigenen Musikanlage oder über das Smartphone abspielen. Eine überschaubare Anleitung liegt aus. Das Team des Jazzinstituts lädt alle Interessierten herzlich zum Hören und Speichern ein.

In einem anderen Abteil des Kavaliershauses stehen Bücher, Magazine und sonstige Schriftstücke zum Stöbern bereit. Das Konzept der „Oral History” bringt richtig Leben in die randvollen Regale und diese gewissermaßen sogar zum Sprechen. Über Kopfhörer werden Ausschnitte aus Interviews zu damals diskutierten Themen oder Personen vorgelesen. Nach einer sorgfältigen Begutachtung der Ausstellung lässt sich sogar die ein oder andere Hauptperson wiedererkennen. Das lässt einen Bericht über eine Person zu einem Bericht von einer Person werden und erscheint dadurch deutlich nahbarer.

Foto: Nouki

Jazz  und Politik

Im Gespräch mit Marie Härtling geht es thematisch schnell über das Institut hinaus: „Die Geschichte des Jazz ist schon immer eine Auseinandersetzung mit politischen Themen“, erklärt sie. Sei es die Sklaverei, die bis in das 19. Jahrhundert reinreicht und den gedanklichen Ursprung des Jazz darstelle, die Emanzipation der Frau oder die Repräsentation von nicht binären Persönlichkeiten. Die Nationalsozialisten betitelten das Musikgenre Jazz als „entartete Musik” und gingen gewaltsam gegen Musizierende und anderweitige Akteur:innen vor. Das kulturelle Überleben des Jazz in Deutschland versuchten unter anderem die „Jazz-Heinis” zu retten, führt die Musikwissenschaftlerin weiter aus. Sie blieben trotz aller Verbote und Einschüchterungsversuche ihrer Musik weiter treu, besuchten weiterhin Konzerte und musizierten teils selbst. Das Wichtigste aber: Sie grenzten sich aktiv vom Nationalsozialismus ab, teils auch mit direkten Provokationen. Die Hamburger Szene sei besonders aufmüpfig gewesen.

Fazit nach rund zweistündigem Eintauchen in (mindestens!) 35 1/5 Umdrehungen: Es lassen sich viele Parallelen zwischen dem Jazz als Musikgenre, dem Jazzinstitut als Forschungszentrum und Darmstädter Jazz-Protagonist:innen ziehen. Alles ist eng miteinander verbunden und so erscheint das Institut als weit mehr als das musikalische Herz nur von Bessungen. Mit der schieren Anzahl der Schriftstücke, Fotografien und Tonträger und ihrer hohen Qualität ist es mindestens das Jazz-Herz Europas. Mit der endlosen Leidenschaft und Hingabe aller Mitarbeitenden vielleicht sogar das der ganzen Welt.

 

Jazz-Archiv und Galerie

Das Jazzinstitut Darmstadt in der Bessunger Straße 88d hat dienstags bis freitags jeweils von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

Zusätzliche Öffnungstermine: Sa, 22.11., von 15 bis 17 Uhr (Führung: um 15.30 Uhr) + Fr, 5.12., von 17 bis 20.30 Uhr (Gespräch: ab 18.30 Uhr).

Die Ausstellung „35 1/5 Umdrehungen – die Geschichte des Jazzinstituts Darmstadt“ läuft noch bis 9.12.2025.

Sondertermin: Zum Abschluss der Ausstellung findet eine Finissage mit Gespräch am Fr, 19.12., ab 18 Uhr statt.

Die Ausstellung enthält einen Audioguide. Es wird empfohlen, ein eigenes Mobiltelefon mit Kopfhörern mitzubringen.

Der Eintritt ist frei.

jazzinstitut.de