Dioramen vom Club 27

Unsere Theater-Tipps im Dezember und Januar

Foto: Theaterlabor INC

Blind vor Gier im Staatstheater

Tragischer MILF-Hunter: Im Original von Sophokles, weitergesponnen von Hölderlin und noch mal hochgedreht von Heiner Müller. Nicht zu vergessen der von Freud benannte Ödipus-Komplex, der es in unseren alltäglichen Sprachgebrauch geschafft hat. Die Geschichte selbst ist eine der ältesten uns bekannten Erzählungen, dabei denkbar simpel und voller gesellschaftlicher Tabus: Ödipus wurde getäuscht ob seiner eigenen Herkunft und wird vom Orakel von Delphi beauftragt zu töten. Natürlich weiß der fanatische Wahrheitssucher nicht, dass der Getötete sein Vater ist. Genauso wenig weiß er, dass er mit der eigenen Mutter ein Kind gezeugt hat. Wer soll diese Schuld aushalten können? Wer vorher so blind vor Wut und Gier war, der muss sich selbst das Augenlicht nehmen. Müllers Ödipus ist unverschnörkelt, konkret und minimalistisch. Genau darin liegt die Wucht der Inszenierung!

Emanzipation in Weimar: Die junge Luise Schilling will Architektur studieren. Das macht sie an einem der spannendsten und polarisierendsten Orte, die es damals in der jungen Republik der 1920er gibt: am Bauhaus in Weimar. Dort wird von Gropius, Kandinsky und vielen weiteren alles gelehrt, was der bildende Kunstbegriff hergibt und unsere Gegenwart bis heute maßgeblich prägt: Weberei, Grafik, Architektur, Malerei und Möbelbau. Kunst und Handwerk werden eins und Schönheit bemisst sich durch Funktionalität. Frauen waren dort zwar zugelassen, aber sie hatten es nicht leicht. Luise sieht sich dabei zwischen den Stühlen und ist mitten in den Konflikten zwischen rechts und links, lieben und es hassen. Dabei stellt sich letztlich die Frage, ob weibliche Emanzipation in den 1920er-Jahren überhaupt möglich war. Theresia Enzensbergers Text wird mit viel Licht, Zeichnungen und Stimmen aus dem Bauhaus auf die Bühne gehoben.

„Ödipus, Tyrann“ am Sa, 07.12. + Sa, 14.12. + Fr, 27.12. + Fr, 17.01., jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

„Blaupause“ am Fr, 06.12. + Fr, 10.01., jeweils um 20 Uhr in der Bar der Kammerspiele

www.staatstheater-darmstadt.de

Jedem seine Zeit

Achtung, Aufführung mit Zeitzünder, ganz dem Zeitgeist entsprechend. Metaphorischer geht es kaum, wenn einem die Zeit davonläuft. Etwas, das man irgendwie messen und takten kann, das auch irgendwie subjektiv und kollektiv zugleich ist, dem wachsen Beine. Und dann läuft es auch noch weg von uns! Wie man es vom inklusiven und neu formierten Theaterlabor kennt, wird das Phänomen in all seinen Facetten zusammen mit den Zuschauern experimentell ausgelotet. Das Theater Moller Haus wird zur Black Box, in der die Uhren abgelegt werden. Warum? Weil hier sowieso alles anders tickt und alle zu Versuchskaninchen der Zeitzauberer werden. Das Motto der Aufführung: „Lass sie lachen, lass sie weinen, aber vor allem, lass sie warten.“

„Z – eine Reise auf dem Fluss der Zeit“ am Fr, 10.01., um 20 Uhr + viele weitere Termine

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.theaterlabor-inc.com

Drama-Diorama mit Endoskop

Hier werden die Genregrenzen verschoben und man darf sich selbst fragen, ob das nun Theater ist oder nicht. Die Künstlergruppe Stahljustiz zeigt vier Klassiker des expressionistischen Stummfilms aus den 1920er-Jahren: „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Orlacs Hände“, „Nosferatu“ und „Der Golem“. Und jetzt der theatrale Teil: Inszeniert werden die Filme mit als Dioramen gestalteten Mini-Kulissen, durch die eine Endoskop-Kamera fährt – begleitet mit entsprechend atmosphärischer Musik. Das ist so abgefahren und damit fast schon eine eigene Kunstform. Am Ende geben „The Dass Sägebett“ noch ein paar Lieder zum Besten, bevor die Zuschauer*innen zum Kunstverdauen in die Nacht entlassen werden.

„Expressionismus im Film (eine audiovisuelle Diorama-Endoskoper)“ am Fr, 06.12., um 21 Uhr

Künstlergruppe Stahljustiz im Hoff-Art Theater, Lauteschlägerstraße 28 a

www.hoffart-theater.de

Musikalische Seilschaft digital

Rainer Bauer veranstaltet den mittlerweile 83. Mollerkoller. Und der ist in der Region eine Seltenheit, denn es gibt kaum gemischte Kleinkunstshows, die so ausgewogen Theater, Akrobatik, Musik und Comedy zu einem Ganzen fügen. Elisabeth Heinemann alias „Frau Professor“ (ist sie wirklich!) philosophiert kenntnisreich über die digitale Leichtigkeit des Seins mit dem Hypochonder 3.0 oder dem postenden Pudel. Laura Dilettante ist Liedermacherin mit Akkordeon und Ukulele. Sie leistet Erste Hilfe für Spinner und Sympathisanten, die sich gerne selbst fühlen, aber auch über sich lachen können. Und akrobatisch wird es mit Mira Waterkotte, die Rope-Skipping (Seilhüpfen 2.0) auf einem Niveau macht, das man sonst nur noch bei den Europa- und Weltmeisterschaften der Zunft sehen kann.

„83. Mollerkoller“ am Sa, 07.12., um 20.30 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.mollerkoller.de

Ausriss zu Amy

Zwei Freundinnen schwören sich ein: solidarisch, durch alle Höhen und Tiefen – und Hauptsache weg aus der Provinz. Lebenshungrig hauen sie ab und wollen nach London, zum Grab von Amy Winehouse. Früher wäre man eventuell noch nach Paris, zu Jim Morrison. Amy ist für die beiden jungen Frauen die Anti-Heldin der Stunde, die so exzessiv und gierig lebte, dass es der eigene Körper nicht aushielt. Auszureißen und den Wendepunkt des Lebens selbst einzuläuten, ist sicher nicht nur auf die Jugend gemünzt. Sich einer Sehnsucht hingeben und noch einmal neu anzufangen ist für unzählige Leben imponierend. Das realistische Stück wirkt filmisch, wie ein Roadmovie, das den Ausbruch zelebriert und noch offen lässt, wie die Freiheit in Zukunft verwandelt werden will.

„Amy4Eva“ am Do, 05.12., um 18 Uhr + Fr, 06.12., um 11 Uhr + Fr, 27.12., um 20 Uhr in den Kammerspielen

www.staatstheater-darmstadt.de

 

 

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