Feigenblätter für die herrschende Klasse

Unsere Theater-Tipps im November

UPDATE: Wegen des neuen Shutdowns im November finden diese Veranstaltungen nicht mehr statt.

 

Foto: Gerd Altmann auf Pixabay

 

Ewige Kunst und das reine Gute im Staatstheater

Revolution durch Anti-Romantik: Das winterkalte Paris am Ende des 19. Jahrhunderts. Vier Künstler leben zwischen Unabhängigkeit, Armut und Ausgelassenheit. Sie alle suchen nach dem Inbegriff der Kunst. Rodolfo, einer der drei, begegnet Mimi und – natürlich – verliebt er sich in sie. Nach dem kurzen Aufschwung folgt die Vergeblichkeit, denn Mimi ist an Tuberkulose erkrankt. Wird sie in Rodolfos Händen selbst zum Objekt, das ob ihres Leids kreativ ausgepresst werden soll? Und jetzt ohne Kitsch: Regisseur Wolfgang Nägele zeigt die Widersprüche des Kunstbegriffs von Puccini und die ökonomischen Zwänge, die den revolutionären Künstler heute wie damals wieder radikaler herausfordern, statt ihn lieblich zu romantisieren.

Mit Feigenblatt und Gütesiegel: Am Theater sind doch die Guten – oder? So oder so wissen viele nicht, für wen oder wozu das Theater als Kunstform so richtig gut sein soll. Also muss das Ganze weltoffener und diverser werden, damit es gut werden soll! Okay, gut. Aber was, wenn die drei migrantischen Jugendlichen für die Inszenierung von Lessings Emilia Galotti sehr schnell merken, dass sie nur ein Feigenblatt für den eurozentrischen, elitären und patriarchalen Theaterbetrieb sind? Meine Güte! Ein schönes Gütesiegel macht eben noch kein gutes Produkt. Und exakt diesem Widerspruch wird hier nachgegangen: nach „Kranichstein represent“ spiegelt das Stück selbstkritisch die Strukturen der eigenen Kunstproduktion zurück.

„La Bohème“ Premiere am Sa, 14.11., um 19 Uhr + Sa, 21.11., um 19.30 Uhr im Großen Haus

„Staatstheater represent (Wo ist Emilia G.?)“ am Di, 03.11., um 18 Uhr + Sa, 14.11., um 20 Uhr + So, 29.11., um 18 Uhr in den Kammerspielen

staatstheater-darmstadt.de

 

Auf der Borderline

Starke Stimmungsschwankungen, Impulsivität, Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und innere Leere: Borderline ist eine Achterbahnfahrt, bei der nie klar ist, ob der Sicherheitsbügel hält. Den Grundstoff zu „Achterbahn“ bilden Interviews mit Betroffenen, Angehörigen und Psycholog*innen. Das Stück zeigt in szenischen Collagen und verschiedenen künstlerischen Stilen das Leid und die intensiven Momente der Krankheit – und eine Gesellschaft, die kaum fähig ist, mit Menschen umzugehen, nicht immer nur funktionieren können. Wer noch mehr darüber erfahren will: Nach dem Stück ist der Auftakt zum „Trialog Darmstadt“ – einem Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachmenschen mit dazugehörigen Vorträgen. Beide Veranstaltungen gibt es online und offline!

„Achterbahn“ + „Trialog Darmstadt“ Premiere am Do, 12.11., um 19 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

theatermollerhaus.de + theatermacher.net + trialog-darmstadt.de

 

Interkontinentale Generationenpoesie

Der kleine Cedric lebt in ärmlichen Verhältnissen in New York. Die Mutter ist verwitwet und die Lage wenig tröstlich. Nun könnte sich alles ändern, denn Cedric soll aus den USA zurück in die „alte Welt“, nach Großbritannien, wo sein Großvater wartet. Der ist seinerseits der Earl von Dorincourt und möchte seinen einzigen Enkel zu seinem Erben erziehen. Womit der mürrische Großvater nicht rechnet: Cedric ist arglos und vertrauensvoll. Die kindliche Klugheit, auf die Dinge zu blicken, bringt das Weltbild des alten Mannes auf positive Weise ins Wanken. Lebensbejahend und feinsinnig werden hier unterschiedlichen Welten und Generationen verhandelt. Dazu gibt es Leckeres aus den USA und Großbritannien.

„Der kleine Lord“ am Sa, 07.11. + So, 08.11., um 18 Uhr + viele weitere Termine

Neue Bühne Darmstadt, Frankfurter Landstraße 195

neue-buehne.de

 

Lust an der Vergänglichkeit

„Zwei alte Frauchen“ zeigt episodenhaft den Umgang mit der eigenen Endlichkeit. Ihr Blick auf das Vergängliche ist unverfroren und lustvoll. Was bleibt einem schließlich auch übrig? Die Clowneske changiert dabei zwischen viel Charme, Zärtlichkeit, Furchtlosigkeit und absurdem Humor, um über Freundschaft, Liebe, Tod und Einsamkeit nachzudenken und nachzufühlen. Das Stück entstand 2010 in der Regie von Miriam Goldschmidt, die vielleicht nicht jeder kennt, aber spätestens danach kennenlernen sollte. Sie starb vor zwei Jahren und 2019 erschien der Film über ihr Leben: „Miriam Goldschmidt – Erfinderin von Dazwischen“. Nach der Vorstellung am 20. November ist Zeit für einen Austausch über die Regisseurin.

„Twee Oude Vrouwtjes – Zwei alte Frauchen“ am Sa, 14.11. + Fr, 20.11. + Sa, 21.11., jeweils um 20 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

theatertransit.de

 

Royaler Geburtstag mit Impro

Sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, ist wohl eine der ältesten Formen menschlicher Kultur. Dabei muss es nicht immer ein Skript, eine Regie oder einen Plan geben. Die Improgruppe „Alles auf Anfang“ macht genau das. Dabei folgen die Schauspieler*innen eigenen spontanen Impulsen, dem Geschehen um sie herum oder auch den Stichworten, die ihnen das Publikum gibt. So wird aus ein paar Leuten, die auf der Bühne stehen, plötzlich ein Friseurbesuch im Hallenbad oder eine opernhafte Gesangsnummer über Haselnüsse. In Zeiten von dauernder Verfügbarkeit der Medien ist die Gewissheit schön, dass diese Geschichten nur an diesem einen Abend, dessen Teil man ist, erzählt werden wird. Der grobe Rahmen diesmal: The Royal Birthdayparty.

„Alles auf Anfang – The Royal Birthdayparty“ am Sa, 14.11., um 20 Uhr

Hoff-Art Theater, Lauteschlägerstraße 28a

hoffart-theater.de

 

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