Faustische Diktatorengattinnen auf der Suche nach Heimat

Unsere Theater-Tipps im Dezember 2018 + Januar 2019

Foto: Stephan Ernst

Maskenball mit Handküssen von Mao im Staatstheater

Was für ein explosives Setting bei „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“: Drei vornehme Damen aus drei Nationen sprechen auf einer Pressekonferenz über die Verfilmung ihres Lebens – samt einer Dolmetscherin. Aber es handelt sich nicht um drei Lieschen Müllers, sondern um die Frauen dreier Diktatoren, die so einiges an Blut am Stecken haben. Ich darf vorstellen: Frau Imelda, Frau Leila und Frau Margot. Das zunächst sanfte Nachbarschafts-Kaffeepläuschchen über Partys bei Stalin, Handküsse von Mao und schusssichere BHs wirkt harmlos. Aber da gibt es noch die eigenen Verstrickungen in die Monstrositäten der Männer. Was kann Frau Margot schon dafür, wenn manche so blöd sind und über die Mauer klettern? Doch irgendwann spielen sie die Schandtaten nicht mehr herunter, sondern versuchen sich gegenseitig damit zu überbieten. Theresia Walsers zeitgenössisches Stück ist ein elegantes Diktatoren-Quartett auf der Bühne.

Mit Giuseppe Verdi ist es ein bisschen wie mit Woody Allen. Jeweils eine schöne, satte Portion Kitsch und Klischee – aber wer mit beiden geschickt zu spielen weiß, geht ihnen nicht in Gänze auf den Leim. Verdis Oper „Ein Maskenball“ spielt im Boston des 17. Jahrhunderts und hat alles, was es braucht: eine verratene Freundschaft, eine heimliche Liebe und eine Prophezeiung. Gustavo ist die Hauptfigur und liebt die Frau seines besten Freundes. Eine Wahrsagerin sagt ihm bereits im ersten Akt den Tod voraus. Soll er sich dem drohenden Konflikt und seinem Schicksal brav ergeben? Gustavo macht’s wie Helmut Dietls Monaco Franze: A bissel was geht immer! Im Maskenball, dem großen Finale, zeigt sich, für welchen Weg sich Gustavo entscheidet und wann die Masken fallen.

„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ Premiere am Fr, 07.12., um 20 Uhr in den Kammerspielen

„Ein Maskenball“ Premiere am Sa, 08.12., um 19.30 Uhr im Großen Haus

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Jeder darf mal ran im Hoff-Art

Man weiß nie, was an so einem Abend rauskommt. Aber genau das macht Improtheater so spannend! Praktischerweise kann man sich bei dieser Improveranstaltung im Hoff-Art Theater sogar die Seite aussuchen: auf die Bühne als Schauspieler oder vor die Bühne als Zuschauer. Dabei sind alte Improhasen und solche, die erste Bühnenerfahrung suchen oder Neulinge, die noch nicht das passende Format zum Einstieg gefunden haben. Jede Improvorstellung ist auf jeden Fall einzigartig und wird so nie mehr zu sehen sein. Schon halbe Musicals, Sketche oder kleine Tragödien konnte man bestaunen. Sogar das Publikum bekommt meistens eine tragende Rolle: Es gibt Spielorte und Themen vor, um den Künstlerinnen und Künstlern einen passenden Aktionsrahmen zu basteln.

„Alles auf Anfang – Impro-Newcomertage 2018“ am So, 02.12., um 19.30 Uhr

Hoff-Art Theater, Lauteschlägerstraße 28a

www.hoffart-theater.de

 

Im Pakt mit Tod und Teufel im Theater Moller Haus

Das Theater Profisorium zeigt „Midnight Dinner“ nach Neil Simons „Eine Leiche zum Dessert“. Allister Grey ist Milliardär und hat zum Dinner im Herrenhaus geladen. Die Gäste sind fünf große Krimiautoren und bekommen zum Hauptgang kein Entrecôte, sondern einen Mord serviert. Wer von ihnen das Verbrechen löst, dem ist ewiger Ruhm zugesichert. Neben der Aufklärung sollten die Gäste aber nicht vergessen, selbst heil das Haus zu verlassen.

Technologie kann Menschen zugrunde richten und Menschen heilen, so geht die Dialektik des Fortschritts in Kurzfassung. Jede Zeit hat ihren eigenen Faust und die Urformel von Goethes Tragödie greift noch immer. Welche Fragen und Antworten der Faust uns heute noch stellt und gibt, lotet das Theaterlabor in „Trieb Werk Faust“ aus.

„Midnight Dinner nach Neil Simons. Eine Leiche zum Dessert“ Sa, 01.12. + So, 02.12., jeweils um 20 Uhr

„Trieb Werk Faust“ Premiere am Fr, 11.01., um 20 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.theatermollerhaus.de

 

Utopische Heimatsuche mit dem Theaterlabor

Ob auch Darmstadt bald ein eigenes Heimatministerium bekommt? Wohl kaum. Trotzdem spaltet der Begriff Heimat die Gemüter wie kaum ein zweiter. Heimat klingt angenehm, geborgen, unveränderbar, beengend und ein bisschen wie von vorgestern. Der Begriff scheint in sich ambivalent und so unscharf, dass er nicht auf einen Nenner zu bringen ist. Irgendwie ist er an Orte gebunden, aber auch an Lebensstile und utopische Vorstellungen vom Platz, an dem man zu Hause sein könnte. Das Theaterlabor lädt in „Labor_Heimat“ zum theatralischen Streit im öffentlichen Raum ein. Schauspieler und Zuschauer machen sich auf die Suche nach einer Utopie, mitten im grauen Beton der Unterführung an der Schulstraße.

„Labor_Heimat“ Do, 20.12. + Fr, 21.12., jeweils um 20 Uhr am Kapellplatz, Unterführung zur Schulstraße, Eingang am Einhorn-Brunnen

www.theaterlabor-inc.com

 

Diva und Dandy im neuen West Side Theatre

Dass Kunst ab und an über Handwerk geht, beweist die schräge Diva Florence Foster Jenkins. Im Gesang eher so mittel, aber in der Performance eine Bombe! Schrill und inbrünstig schmettert sie ihre Gesangseinlagen. „Souvenir“ ist die Broadwayfassung der Geschichte von Foster Jenkins, die rührend naiv an sich glaubt und siegt.

Sein eigener Sinnspruch bringt Tucholsky gut auf den Punkt: „Lieber einen Anzug nach Maß als eine Gesinnung von der Stange.“ Der Pazifist und Dandy war ein überschäumender, blitzgescheiter Beobachter und Kommentator seiner Zeit. In „Mensch, Kurt!“ von Marijke Jährling kommt eine große Tucholsky-Revue mit Songs, Parodien und Kabarett von und über Tucholsky auf die Bretter.

„Souvenir“ Sa, 08.12, um 20 Uhr + weitere Dezember-Termine sowie Sa, 12.01. + 19.01., um 20 Uhr

„Mensch, Kurt! Die Tucholsky Revue“ So, 02.12., um 18 Uhr + Do, 13.12., um 20 Uhr + So, 13.01. + So, 27.01., jeweils um 18 Uhr

West Side Theatre, Industriestraße 5, Eberstadt

www.westsidetheatre.de

 

 

 

 

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