Überwachte Lustgärten mit Implantat

Unsere Theatertipps im Juli und August

Foto: Staatstheater Darmstadt

 

Kameras, die auf Seelen zielen

Dunkle Synthesizerklänge und projizierte Industrieromantik treffen auf vier Charaktere, die sich in den unterschiedlichsten Winkeln des Cyberspace befinden. „Ich schaue dich an“ ist Tanztheater und Film. Durch Covid-19 hat das Ensemble das Bühnenstück zur Videoproduktion uminszeniert. Regisseur Barish Karademir ist sichtlich stolz, trotzdem spricht er mit etwas Wehmut: „Theaterproben brauchen Körperkontakt, Reibung und Energie. Corona nahm uns teilweise den Flow.“ Was man zu sehen bekommt, sind Charaktere, die de facto isoliert sind. In dieser Hinsicht hat die Abstandsnorm auch ihren kleinen Teil zur Inszenierung beigetragen.

„Ich schaue dich an“ ist eine Kritik an den Folgen der Digitalisierung und am Verlust von Sinnlichkeit. Die Dystopie ist eine übersteigerte Form dessen, was wir auch heute schon beobachten können. Die User sind zwar Menschen aus Fleisch und Blut, nur ist ihr einziges Interaktionsmedium das Netz. Ein Konzernchef verliebt sich in eine Angestellte auf der anderen Seite des Globus. Eine Gefängniswärterin ist abhängig von einem Insassen, der ihre emotionale Sollbruchstelle auszunutzen versucht. Die Augen der User sind Spycams und sie pflegen ihre Avatare mehr als den eigenen Körper.

Die Technik ist längst zum Subjekt geworden, das die kontrollsüchtigen User nicht mehr unter Kontrolle haben. Die auf ihnen lastenden Blicke sind verinnerlichte Regelkonformität. Die Disziplinarmacht ist ein Konzept des französischen Philosophen Michel Foucault: „Ich sehe dich, aber du siehst mich nicht.“ Es spielt keine Rolle, ob jemand zusieht. Entscheidend ist, dass sich die Person so verhält, als würde sie beobachtet. Der Frankfurter Flughafen ist gegen Ende Kulisse für den dramaturgischen Höhepunkt: Es wartet ein Treffen in der realen Welt.

„Ich schaue dich an (Je te regarde)“ am So, 05.07., um 20 Uhr im Kleinen Haus sowie im Online-Stream am Fr, 03.07. + Sa, 04.07. + Do, 09.07. + Fr, 10.07., jeweils um 20 Uhr auf vimeo.com/staatstheaterdarmstadt

staatstheater-darmstadt.de

Theatergarten für Kopf, Herz und Magen

Das Sommerangebot des Theater im Pädagog (TiP) ist abwechslungsreich und sinnlich: Der Platz vor dem schönen Barockgebäude wird zum Sommergarten und zur Freilichtbühne. Dort sind Sketche, Pantomime, Lesungen und Konzerte geplant. Der Theatergarten versteht sich als Open Stage, um unterschiedlichsten Künstler*innen Raum zu geben. Den Anfang machen Felix Münk als Datterich, Gitarrist Dan Dietrich, das Holger Henning Trio mit Jazz und TiP-Leiter Klaus Lavies mit Pantomime. Kulinarisch kredenzt das TiP Espresso aus dem Siebträger, selbst gemachte Limonaden, Wein und Bier. Das Essen ist deftig und mediterran: Bauernbrot, Kochkäs’, getrocknete italienische Würste, Käse, Olivencreme and many more.

„Theatergarten im TiP“ im Sommer 2020 von Do bis So, von 16 bis 22 Uhr

Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5

Alle Termine: paedagogtheater.de und facebook.de/TheaterImPadagogTip

 

Intervention durch Implantation

Theater ist nicht nur Salon, Theater ist auch Street. Tanz- und Performancekünstler*innen erkunden und bespielen den Stadtraum. Damit deuten sie ihn auch aktiv um: Er ist nicht mehr nur pragmatische Nutzfläche der Ordnungsämter, sondern wird künstlerisch gestaltet und öffnet Möglichkeitsräume. Wem gehört die Stadt? Wie darf man sich in einer Stadt verhalten? Durch interventionistisches Theater werden solche Fragen gestellt und praktische Inspiration gegeben. Das Veranstalterkollektiv „ID_Frankfurt“ ist eine gemeinnützige Assoziation freischaffender Künstler*innen, deren Steckenpferd die Verbesserung kulturpolitischer Arbeit ist. Wir hoffen auf viel Intervention und künstlerische Raumumdeutung in Darmstadt!

„Implantieren Festival“ von Do, 20.08. bis Di, 06.09. in Darmstadt, Offenbach und Frankfurt

implantieren-festival.de

Tragikomik aus der Clownklasse

Der historische Spaßmacher hat viele Namen: Harlekin, Narr, Hanswurst oder eben Clown. Alle diese Figuren tragen eine gewisse Ambivalenz in sich. Die Narrenkappe symbolisiert die Teufelshörner, sein Träger stört auf gute und böse Weise die herrschende Ordnung. Der Clown bringt zum Lachen, obwohl er selbst oft eine tragische Figur ist. Umso interessanter, dass die Bühnenclownklasse 2018 bis 2020 von Clownschule/Theater Transit Darmstadt mit ihrer Abschlussarbeit in beispiellosen Zeiten auftritt, deren Genre die Tragikomödie sein könnte. Mit Worten, Taten und Melodien versuchen die Clowns darzustellen, was sie umtreibt und ihre Mitmenschen heilt, aufwühlt und zum Lachen bringt.

„Clowns unterwegs in beispiellosen Zeiten“ Auftakt am Do, 06.08., um 18 Uhr vor dem Theater Moller Haus + am Fr, 07.08. in ausgewählten Nachbarschaften, siehe Webseite + Sa, 08.08., um 18 Uhr vor dem Theater Moller Haus

theatertransit.de

Theater auf Augenhöhe

Das „TUSCH“ ist ein bundesweites Theatermodell der Begegnung. Die konkreten Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen werden mit den künstlerischen Prozessen professioneller Bühnen verbunden. Das Medium Theater ist so Übermittler für Begegnungskultur auf Augenhöhe. Reibung gibt es bekanntlich auch zwischen Institutionen. Diese Reibung kann kreative Wärme erzeugen. Dabei sind unter anderem: Theaterlabor Inc., Theater 3D, Theater Transit, Theater Lakritz, Staatstheater und zahlreiche Schulen aus Darmstadt und Umgebung. Durch Covid-19 arbeitet das Team an Alternativlösungen, um das Programm umzusetzen. Bei Redaktionsschluss war eine digitale Variante von „TUSCH“ mit filmischen Ausschnitten aus den Versuchslaboren geplant.

„TUSCH digital“ Online-Premiere am Fr, 03.07. auf der Veranstaltungswebseite:

tusch-darmstadt.de

 

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