Wirklichkeiten aus dem Kaninchenbau

Unsere Theater-Tipps im Oktober

Foto: Daniel Lugo („Omphalos“, Tanzfestival Rhein-Main)

Kein Held ist auch ein Kraftwerk

Anti-Helden in Kranichstein. Ein Titel, der das Thema der derzeitigen Spielzeit „Abschied von den Helden“ am Staatstheater besser nicht treffen könnte: „Keine Zeit für Helden“. Die Spieler*innen aus dem im Sommer gezeigten „Kranichstein represent“ machen sich erneut auf die Suche nach neuen Welten und wie sie funktionieren. Denn wer legt eigentlich fest, was die berufliche und private Welt ist, wo die digitale anfängt und wo sie aufhört? Entscheidend ist, wer die Welt(en) gestaltet und sie in unterschiedliche Welten zerteilt. Es gibt schließlich auch Grenzen. Die Welt gestalten sollten nämlich die, die in ihr leben müssen und wollen. Für Helden haben wir keine Zeit, wir müssen nämlich zur Arbeit und nebenbei die Welt retten. Ein wunderbares Theaterprojekt, das dem elitären Blick zeigt, wie es ist, nicht zu herrschen.

Dramaturgischer Plattenabend: Musik kann unterstreichen, erzeugen und Selbstzweck sein. Für Schopenhauer war sie die größte und wichtigste aller Kunstformen. Und eigentlich wären die meisten Musikjournalisten auch gern selbst Musiker geworden (sorry, aber das ist kein Klischee). Drum kramt der Musikdramaturg Gernot Wojnarowicz tief in seiner Plattenkiste und spielt uns das Beste daraus vor. Er muss es schließlich wissen, welche Töne an welchen Stellen ihre volle Wirkung entfalten. Und wie Musik in unterschiedlichen Kontexten absolut anders wirken kann. Hier wird eine Playlist inszeniert, vor der jeder Algorithmus das Zittern bekommt.

„Keine Zeit für Helden – Kranichstein erklärt die Welt“ Premiere am Mi, 16.10., um 20 Uhr in den Kammerspielen + weitere Termine

„Lauschangriff – Kraftwerke“ am Mi, 09.10., um 20 Uhr in der Bar der Kammerspiele

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Wien wort auf di

Die Faszination für Österreich ist groß. Neben Leuten, die man lieber meiden sollte (HC Strache zum Beispiel) sind da grandiose Kulturexporte wie Josef Hader, Granada oder die Romane von Wolf Haas. Zeit also, dem Wiener und der Wienerin auf den Wesensgrund zu gehen. Theatralisch-musikalisch wird einem das Wienerische beigebracht. Oder wissen alle, was ein „Adaxl“ oder ein „Zwutschkerl“ ist? Ein vergessenes Wort der Küchensprache, das Hautgout (sprich: Oguuu), hat es sogar in den Stücktitel geschafft und schmeckt, wie man sich einen Wiener in seinem Kaffeehaus vorstellt: süßlich, intensiv und streng. Verpackt in Lieder aus Gemütlichkeit, dem Saufen und der gern gegrüßten Morbidität.

„A bisserl schwarz. A bisserl weiß. Ein Wiener Abend mit Hautgout“ am Sa, 26.10., um 20 Uhr

Agora, Erbacher Straße 89

www.wuweitheater.de

Die Verortung des Menschen

Vom 31. Oktober bis 17. November findet das vierte Tanzfestival Rhein-Main in den Städten Darmstadt, Frankfurt, Offenbach und Wiesbaden statt. Der Auftakt ist in Darmstadt mit anschließender Eröffnungsparty. Das Stück ist einer Eröffnung würdig: Der Künstler Damien Jalet inszeniert bildmächtige Tanzstücke. 20 Tänzer*innen des mexikanischen Centro de Producciòn de Danza Contemporánea tanzen energetisch auf einer übermächtig-riesigen Satellitenschüssel. Das hört sich nicht nur spektakulär an, es sieht auch genauso aus. Das Stück reflektiert das Verhältnis von Europa und Mexiko zwischen den Ruinen unserer Zivilisation und den Mythen der indigenen Bevölkerung. Das ist nichts weniger als eine künstlerische Reflexion der Verortung des Menschen in der Welt.

„Omphalos“ am Do, 31.10., um 19.30 Uhr

Staatstheater Darmstadt, Großes Haus

www.tanzfestivalrheinmain.de

Mit Maggi für den Marxismus

1969: Mondlandung, Marxismus, Studentenproteste, Woodstock. Da war was los, könnte man sagen. Aber die große Mehrheit liebte nach wie vor Sonntagsbraten, Käffchen und Maggi, die angenehme Beschaulichkeit und Ruhe im nicht-mehr-ganz-Nachkriegsdeutschland vermitteln. Und in dieser Zeit nisten sich zwei seltsame Freunde in ein Mietshaus ein und Leben fröhlich in ihrer Blase, die nicht über den eigenen Mikrokosmos hinausreicht. Eigentlich nichts Besonderes, bis einem das Genre des Stücks klar wird: Retro-Science-Fiction-Komödie. So schaffen es die Dialoge, die Klischees der Zeit durch die Einführung von Sci-Fi-Elementen gekonnt zu brechen. Auf einmal passen die spießbürgerliche Mittagsruhe und „Love and Peace“ perfekt zusammen.

„Fressalien“ Premiere am Sa, 26.10., um 20 Uhr

Musische Gruppe Auerbach, Riedlingerstraße 3

www.musische-gruppe-auerbach.de

Die Jahre nach dem Kaninchenbau

Arme Alice! Jahre nach ihrem Besuch im Kaninchenbau ist die gute Frau schwer traumatisiert. Die Ärzte der Nervenanstalt sind nämlich alles andere als sicher, ob das Wunderland nicht eine Ausgeburt ihrer Fantasie ist. Die Figuren aus Lewis Carrolls Klassiker sind Zerrbilder, die sich in einem permanenten Dazwischen befinden: Wahn versus Wirklichkeit, Fantasie versus Realität. Die alten Fragen werden durch das moderne Setting der Psychiatrie noch mal aufgerollt. Gerade sie eignet sich besonders für das Absurde der Welt, denn warum sollte die Realität der Insassen weniger wert sein? Matrix und Shutter Island lassen grüßen. Die Uhr tickt trotzdem noch gegen Alice und die Grinsekatze zieht die Mundwinkel verstörend nach oben.

„Alice (im Anderland)“ Premiere am Fr, 18.10., um 20 Uhr + weitere Termine

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.tud-schauspielstudio.de

 

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