Lebensmut mit Stotterbremse

Unsere Theater-Tipps im März

Foto: Neue Bühne

Kampf um Teilhabe im Staatstheater

Wem gehört die Stadt?: „Kranichstein represent“ war ein Paradestück darüber, wie Theater im öffentlichen Raum stattfindet, Fragen stellt und Szenerie samt Zuschauern mit in das Geschehen einbindet. Darf das eigentlich jeder und was macht Kunst mit dem öffentlichem Raum? Diese Frage stellen sich Schauspieldirektor Oliver Brunner, das Darmstädter Architektur-Kollektiv „DIESE Studio“ und Bewohner*innen des Stadtteils Kranichstein. Die Diskussionsrunde ist deshalb so spannend, weil sie eine staatliche Kunstinstitution, ein handwerkliches Künstlerkollektiv und Bürger zusammen auf die Bühne bringt. Das zeigt, wie Theater eine Form der Intervention sein kann, sich den öffentlichen Raum auf andere, eben nicht zweckrationale Weise anzueignen – ja, ihn vielleicht sogar zurückzuerobern. Wem gehört sie eigentlich, unsere Stadt? Und wer ist uns?

Drei verpasste Leben: Man kennt das heutzutage: eingepfercht in Umstände, die einem nicht schmecken, die einen zu erdrücken drohen. Resignation, Ohnmacht und Revolte geben sich die Klinke in die Hand, ohne so richtig einen Fuß aus der Tür zu bekommen. Das Spielchen geht so lange, bis das bleierne Gefühl entsteht, dass man die Chance, ein Leben zu führen, verpasst hat. Das Setting von Tschechows „Drei Schwestern“ fühlt sich erstaunlich aktuell an. Die drei Schwestern Olga, Mascha und Irina wurden vom Vater aus dem glanzvollen Moskau der Jahrhundertwende in die Provinz verfrachtet, deren kultiviertester Ort das dort stationierte Militär ist. Das Drama ist eine Allegorie auf die nach Aufbruch gierende, vorrevolutionäre Zeit, deren Einblicke ins Innere der Figuren Seelen zeigen, die gerne mutig gewesen wären.

„An der Bar mit …“ am Mi, 11.03., um 20 Uhr in der Bar der Kammerspiele

„Drei Schwestern“ Premiere am Fr, 27.03., um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Planlos in die Geschichte

Sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, ist wohl eine der ältesten Formen menschlicher Kultur. Dabei muss es nicht immer ein Skript, eine Regie oder einen Plan geben. Die Improgruppe „Alles auf Anfang“ macht mit ihren Frankfurter Kolleg*innen von „Improglycerin“ genau das. Dabei folgen die Schauspieler*innen ihren eigenen spontanen Impulsen, dem Geschehen um sie herum oder auch den Stichworten, die ihnen das Publikum gibt. So wird aus ein paar Leuten, die auf der Bühne stehen, plötzlich ein Friseurbesuch im Hallenbad oder eine opernhafte Gesangsnummer über Haselnüsse. Komik, Tragik und Poesie können sich minütlich abwechseln. In Zeiten von dauernder Verfügbarkeit der Medien ist die Gewissheit schön, dass diese Geschichten nur an diesem einen Abend, dessen Teil man ist, erzählt werden.

„Alles auf Anfang“ am Sa, 07.03., um 20 Uhr

Hoff-Art Theater, Lauteschlägerstraße 28a

www.hoffart-theater.de

 


Adel verpflichtet zur Ansprache

Öffentliche Reden sind ihm ein Graus. Für unsereins eine umgehbare Situation, allerdings nicht für Prinz Albert, Sohn des britischen Königs George V. – Adel verpflichtet zur Ansprache. Nun hat Albert nicht nur keine Lust, sondern seit seiner Kindheit verfolgt ihn ein heftiges Stottern, an dem sich eine ganze Horde von Ärzten abgearbeitet hat. Als seine Frau Elizabeth die Kleinanzeige des Sprachtherapeuten Lionel Logue entdeckt, scheint es wieder Hoffnung zu geben. Durch seine unkonventionellen Methoden gelingt ein nahezu fehlerfrei vorgetragener Shakespeare-Monolog! Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1933 wartet allerdings eine ungeahnt große Aufgabe auf Albert, bei dem Worte Menschenleben bedeuten.

„The King’s Speech“ Premiere am Sa, 21.03., weitere Termine: Fr, 27.03. + Sa, 28.03., jeweils um 20 Uhr

Neue Bühne Darmstadt, Frankfurter Landstraße 195

www.neue-buehne.de

 

Pfennigfuchsen in Alt-Darmstadt

Achtung, fragil! Eine Ehe zerbricht bekanntlich nicht an einer zerbrochenen Vase. Hier scheinen allerdings zwei Familien am Verkauf eines alten Glasschranks zu zerbrechen. In der Mundart-Komödie „Der Glasschrank“ bekommen die Zuschauer einen interessanten Einblick in das kleinbürgerliche Alt-Darmstadt um 1920. Die Dialoge wirken nicht angestaubt, da die Originalfassung von Heinrich Rüthlein durch Robert Stromberger noch einmal gekonnt nachgewürzt und humoristisch vertieft wurde. Besonders deutlich wird, dass der Kleinbürger nicht nur Angst hat, etwas zu verlieren, sondern auch nichts dagegen hat, ein lukratives Geschäft mit alten Erbschaften zu machen. Koste es zwischenmenschlich, was es wolle.

„Der Glasschrank“ am Mo, 09.03. + Mo, 23.03., jeweils um 19.30 Uhr

Weißer Schwan in Arheilgen, Frankfurter Landstraße 190

www.theater-lust-darmstadt.de

 

Frühlingsknistern mit Mussigg

Veronika, der Spargel wächst! Im Theater im Pädagog (TIP) geben Klaus Lavies und Ingrid Walter einen Vorgeschmack auf Sommernächte, in denen Fledermäuse zur Liebe anstiften und Engel verführt werden. Autorin Ingrid Walter liest aus ihrer Geschichte „Südliche Nächte“, die unter anderem auf dem Darmstädter Marktplatz spielt – zugegeben: ein Ort, der bis dato nicht unbedingt für seine erotischen Vibes bekannt war. Da lassen wir uns aber gerne eines Besseren belehren! Theatermacher Klaus Lavies funkt mit erotischen Gedichten von Brecht dazwischen. Umrahmt wird die erotische Lesenacht von Jazzgitarrist Holger Henning. Wir sind gespannt, wie intensiv das Trio den TIP-Keller frühlingshaft zum Knistern bringt.

„Sex oder Sehnsucht“ am So, 08.03., um 18 Uhr

Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5

www.paedagogtheater.de

 

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