Begegnungen ohne Geländer

Unsere Theatertipps im Oktober

 

Foto: Christian Zuckermann (Theater Curioso)

Überwachungsstolz und Vorurteile im Staatstheater

Kameras, die auf Seelen zielen: Dunkle Synthesizerklänge und vibrierende Körper auf der Bühne. An die Leinwand projizierte Industrieromantik trifft auf vier digitalisierte Charaktere, die sich in den unterschiedlichsten Winkeln des globalen Cyberspace befinden. „Ich schaue dich an“ ist Tanztheater, Performance und Film. Kein abgefilmtes Theater, sondern ein Theaterfilm. Durch Covid-19 hat das Ensemble um Regisseur Barish Karademir aus der Not eine Tugend gemacht und das Bühnenstück zur Videoproduktion uminszeniert. Was man allerdings im Film zu sehen bekommt, sind Charaktere, die de facto im Cyberspace isoliert sind und auch auf der Bühne isoliert auftreten. In dieser Hinsicht hat die Abstandsnorm auch einen kleinen Teil zur Gestaltung der Inszenierung beigetragen.

Lagerbildung und Zerrissenheit: Im ostdeutschen Leerstadt eskaliert die Lage: Zuwanderung, neurechte Demagogie, Wut und Ängste dominieren die öffentliche Meinung. Das städtische Theater soll boykottiert werden, in dem das multinationale Ensemble eine umstrittene Aufführung des „Hauptmann von Köpenick“ mit einem kamerunischen Darsteller in der Hauptrolle inszeniert. Ein medialer Wirbel erfasst die Stadt und zeigt Rassismusvorwürfe und Ost-Vorurteile, bis die Mitglieder des Theaters ankündigen, Leerstadt zu verlassen. Das Hörspiel „Der Absprung“ ist eine 20-Kanal-Audioinstallation im Rahmen des Festivals „Performing Arts & Digitalität“, das die aktuellen gesellschaftlichen Fliehkräfte um Lagerbildung und innere Zerrissenheit vielschichtig darstellt.

„Ich schaue dich an – Je te regarde“ am Do, 01.10. + Do, 29.10, jeweils um 10 Uhr + online auf vimeo.com/staatstheaterdarmstadt

„Der Absprung“ am Sa, 03.10., um 11 Uhr + 13 Uhr + 15 Uhr und 17 Uhr sowie am So, 04.10., um 15 Uhr + 17 Uhr im Foyer Großes Haus

staatstheater-darmstadt.de + performingarts.digital

 

Schachzüge gegen das Schweigen

Cham Eisenberg, Israeli mit deutschen Wurzeln, besucht in wanderlustiger und historischer Absicht das malerische Inning. Ein Alpenort, wie man ihn sich vorstellt: rustikal, ursprünglich und ein bisschen kitschig. Im Gasthaus „Zum roten Ochsen“ versorgt ihn der Wirt auf das Allerbeste – nur eine Sache fehlt: ein würdiger Schachpartner. Nach vielen beharrlichen Nachfragen findet sich Adolf Oberhuber aus der Nachbarschaft. Zug um Zug wird klar, dass es hier um mehr geht als nur Schach. Es geht um eine Spurensuche familiärer Vergangenheit der dritten Generation nach dem Holocaust. Die dialogische, unbequeme Nachforschung entdeckt das, was längst bekannt war, aber unter dem Deckmantel des Schweigens nicht hervorkommen sollte.

„Chaim und Adolf“ Premiere am Fr, 23.10. + Sa, 24.10., jeweils um 20 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

theater-curioso.de

 

Paradise Lost oder: der Anti-Leibniz

Leben wir wirklich in der besten aller Welten? Voltaire war sich da nicht so sicher wie Philosophenkollege Leibniz. Dazu hat er keine sperrige philosophische Abhandlung geschrieben, sondern die satirische Novelle „Candide oder der Optimismus“. Voltaire reagiert damit auf den Adel, den Siebenjährigen Krieg und das Erdbeben von Lissabon – womit er Leibniz‘ Diktum in den Kontext seiner Zeit rückt. Das Schauspiel beginnt mit einer Urszene menschlicher Kultur: Zunächst scheint für den frisch verliebten Candide im Schloss zu Donnerstrunkhausen alles perfekt, er lebt in der besten aller Welten – bis ihn ein paar ordentliche Tritte in den Hintern aus dem Paradies katapultieren. Hier fängt die Geschichte an, die keine naiven Heilsversprechen mehr kennt.

„Candide“ am So, 11.10., um 18 Uhr

Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5

paedagogtheater.de

 

Spiel mit Intimität

Die Frage von Nähe und Distanz ist seit Corona keine individuelle mehr. Wie begegnen wir einander, ohne uns gefährlich zu nah zu kommen? Oder besser: Wie kommen wir einander emotional nah, ohne uns gesundheitlich zu nahe zu treten? Die Theatermacher Darmstadt nutzen in „Spiel“ die Offenheit der Kunst, um im öffentlichen Raum zu erforschen, wie ein Spiel von Nähe und Distanz, gesetzlichen Regeln, Intimität und persönlichem Schutzraum gelingen kann. Spiel und Kultur sind übrigens ziemlich eng verknüpft: Der Kulturwissenschaftler Johan Huizinga vermutet den Ursprung der Kultur im Spiel selbst! Na, dann: auf in den öffentlichen Raum zum Spielen, Zusehen, Mitmachen und den kulturellen Wandel zu gestalten, um vielleicht damit neue Umgangsformen zu finden!

„Spiel“ am Fr, 30.10., um 17 Uhr + Sa, 31.10., um 11 Uhr und um 13 Uhr auf dem Friedensplatz

theatermacher.net

 

Fragile Körperdialoge

Fünf Jahre Tanzfestival Rhein-Main heißt: seit 2015 jedes Jahr ein zweiwöchiges Programm mit Uraufführungen und hochkarätigen Gastspielen in Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden. Den Auftakt macht „Versuchte Annäherung an einen Scheitelpunkt der Schwebe“ in Form eines beeindruckenden Parcours mit vier menschlichen Skulpturen. Körper werden hier in spektakuläre Formen gepresst, um sich wieder von ihnen zu lösen und sich zu begegnen. In „Harleking“ liegt der Fokus auf dem Vergnügen des Zusehens, das im Nachgang nicht immer Freude bereiten muss: Wie viel Gewalt steckt in unseren alltäglichen, überlieferten Gesten? Das waren lediglich zwei Mikro-Teaser zum Festival, das noch mehr Balanceakte, Fragilität und Umdeutungen von Altbekanntem zu bieten hat.

Tanzfestival Rhein-Main: „Fragile Balancen“ von Fr, 30.10. bis So, 15.11. unter anderem im Staatstheater Darmstadt

tanzfestivalrheinmain.de

 

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