Die Tyrannei der Blutwurst

Unsere Theater-Tipps im Juni

Foto: Nils Heck

Lebenswelten des Staatstheaters

Platte mit Perspektive: Warum immer Kreuzberg und nie Marzahn? Und warum immer das Martinsviertel und nie Kranichstein? Coolness ist schließlich auch Perspektivsache. Der Regisseur und Autor Volker Schmidt hat gemeinsam mit Einwohner*innen Kranichsteins ein Stationentheaterstück gebastelt. Eingeflochten sind Schnipsel aus individuellen Lebenswelten und der Historie Kranichsteins. Der theatrale Performance-Stadtspaziergang bewegt sich zwischen realistischem Nachguss der Lebensverhältnisse und einer fantastischen Überhöhung. Das Stück bespielt die 1968 entstandene Wohnsiedlung als sozial breitgefächerten und multikulturellen Stadtteil mit dem Potenzial zum modellhaften Zukunftsentwurf. Hier kann Kunst zeigen, was sie kann: so lange überhöhen und verzerren, bis man anders sieht.

Zurück zum Körper: Manchmal weiß man gar nicht mehr, wo der eigene Körper aufhört, und wo das Smartphone oder die Brille anfangen: Der Titel „#Mensch“ lässt bereits erahnen, dass es bei diesem Stück um das Spannungsfeld zwischen Menschsein und Digitalsein geht, was immer schwerer voneinander trennbar zu sein scheint. Das Hessische Staatsballett um Tim Plegge zeigt mit 80 Tanzbegeisterten aus der Region (ja, da durfte jeder mitmachen!) ein tänzerisches Partizipationsprojekt. Eine ganze Spielzeit lang wurde sich mit dem eigenen Körper und den Körpern der anderen auseinandergesetzt. Vor allem damit, welchen Körper die technisierte Zukunft von uns fordert und wie wir dem begegnen wollen.

„Kranichstein Represent (Deutschland braucht das)“ am Mi, 05.06., um 18.30 Uhr + viele weitere Termine, mit Abfahrt an der Haltestelle Darmstadtium/Kongresszentrum (wichtig: Regenjacke und trittfestes Schuhwerk nicht vergessen!)

„#Mensch“ Premiere am Fr, 14.06., um 19.30 Uhr im Großen Haus

www.staatstheater-darmstadt.de

Chön Charf mit Impro-Einlage

Das Ensemble von „Alles auf Anfang“ hat die Mainzer und Wiesbadener „Chili con Impro“ im Hoffart zu Gast. Wer noch nicht beim Improtheater gewesen sein sollte: Hier gibt es kein Skript, kein Drehbuch und keinen doppelten Boden. Alle Szenen, Songs und dramaturgischen Elemente entstehen aus dem spontanen Moment heraus. Auch die Zuschauer spielen eine tragende Rolle, wenn sie die Szenen-Settings hereinrufen dürfen. Und so kann schnell ein Frisörladen auf der Kölner Domplatte stehen und einen Dialog über Lederhosen führen. So, oder so ähnlich könnte der Abend laufen. An der Qualität dieser Bühnenshow merkt man im Übrigen, wie sich die Rhein-Main-Improszene von Jahr zu Jahr mehr vernetzt und gegenseitig bereichert. Lohnt sich!

„Impro-Show feat. Chili con Impro“ am Sa, 22.06., um 20 Uhr

Hoff-Art Theater, Lauteschlägerstraße 28a

www.allesaufanfang.eu

Mit dem Teufel im Schlepptau

Straßenzirkus und Zelttheater sind die sympathischsten Randformen der Theaterwelt. Dabei haben sie seit jeher eine zentrale künstlerische Rolle gespielt: Man denke nur an Till Eulenspiegel oder Bertolt Brechts Faszination für die Schausteller auf dem Jahrmarkt, die später Vorbild für die „Dreigroschenoper“ werden sollten. In „Das Imaginarium des Doktor Spazulini“ zieht eine schräge Theatergruppe samt Teufel und Varietévehikel durch die Lande. Mit einem magischen Spiegel wird das Tor zur Fantasie eröffnet, wo man natürlich mehr kann und mehr darf als im Alltagstrott. Faustisch: Spazulini wird ohne Vorwarnung vom Teufel verführt und hält mit der Macht der Fantasie heroisch dagegen.

„Das Imaginarium des Doktor Spazulini“ am Do, 27.06., um 20 Uhr + weitere Termine

Parkplatz vorm Bioversum, Kranichsteiner Straße 253

www.convoy-exceptionell.com

Herrscher werden im Schweinsgalopp

In Europa und Übersee regiert ja bereits der eine oder andere Hanswurst einen ganzen Nationalstaat. In der Adaption „König Blutwurst I.“ regiert ebenfalls einer, über den man lachen kann, auch wenn es einem bei seiner Tyrannei gern mal im Halse stecken bleibt. Der Tyrann ist aber nicht durch Zufall da, wo er ist: Immer schon wollte er alles haben. In diesem Fall einen ganzen Kühlwagen voller Blutwürste – und nebenbei noch der mächtigste Mensch der Welt werden. Man muss es halt einfach nur machen! Also im Schnelldurchlauf den Regenten stürzen, ihn ermorden und sich selbst zum Herrscher ernennen. So schnell kann es manchmal gehen. An diesem Hanswurst klebt Blut!

„König Blutwurst I.“ am So, 16.06., um 19 Uhr

Bessunger Knabenschule, Ludwigshöhstraße 42

www.chawwerusch.de

Keine Macht für niemand

Fragt man den französischen Philosophen Michel Foucault, dann gibt es keine Herrscher mehr, sondern nur noch Beherrschte. So funktioniert das Prinzip Macht. Aber ist das wirklich so? Der gefallene Präsident in der Eigenproduktion „Ein Stück Macht“ des TUD Schauspielstudios ist da durchaus ambitioniert: „Macht hat mich schon immer fasziniert. Erst wollte ich sie haben. Dann wollte ich sie sein!“ Um den Plot einer Gruppe Studierender kurz vor der Rausschmeißklausur und abstrakteren Szenen um eine gefallene Präsidentschaft werden die Dimensionen und Spielformen des Phänomens Macht künstlerisch ausgelotet. Von zentraler Bedeutung sind: die Macht zu urteilen – und die Macht zu entscheiden. Eine soziologische Analyse mit ästhetischen Mitteln.

„Ein Stück Macht“ Premiere am Sa, 15.06., um 20 Uhr + weitere Termine

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.tud-schauspielstudio.de

 

 

 

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