Moderner Beichtstuhl mit Lagerfeuer

Unsere Theater-Tipps im Februar

Foto: Isabel Cuesta

Scheiß auf Authentizität, sei Du selbst!

„Kiss me, Kate“ ist ein Musical im Musical. Die Machtstrukturen im Theater werden hier lange vor #metoo manifest: Ein Produzent besetzt die männliche Hauptrolle mit sich selbst, die weibliche Hauptrolle spielt die Verlobte des Geldgebers. Typisch für Broadway-Stücke der 1940er ist eine Flut an Intrigen und Affären, die den Stoff nach wie vor witzig und spannend machen.

In „Weg“ nähert sich ein Ensemble zusammen mit dem Publikum etwas sehr Existenziellem an: dem Wegsein. Weil der Tod mit dem Leben beginnt, ist das Verschwinden ein Prozess. Dieses Spannungsfeld lotet die Inszenierung schwer und humorvoll aus. Weil komisch ist das Leben sowieso – warum dann nicht auch der Tod?

Der moderne Mensch ist es gewohnt, sich immer wieder neu zu erfinden. Er darf nicht nur, er muss es! Ibsens „Peer Gynt“ ist das Paradebeispiel eines solchen Existenzbastlers: Er raubt auf einer Hochzeit die Braut, zeugt ein Kind und lebt als Eremit in den Wäldern. Er flieht vor sich selbst und fürchtet, dass seine Lügen und Wandlungen doch irgendwann auffliegen könnten. Groß!

Rachmaninow trifft auf modernes Ballett. Das knallt nicht nur musikalisch, sondern wirft auch einen Blick hinter die Fassade der Bürgerlichkeit. Liliom ist ein Herumtreiber, der feststellen muss, dass seine Liebe gescheitert ist. Julies bedingungslose Hingabe hilft gegen das übermächtige Schicksal rein gar nichts. Liliom lässt sich in seiner Verzweiflung auf einen Raubüberfall ein und bekommt noch eine letzte Chance.

„Kiss me, Kate“ Premiere am Sa, 02.02., um 19.30 Uhr im Großen Haus

„Weg“ Premiere am Fr, 08.02., um 20 Uhr in den Kammerspielen

„Peer Gynt“ Premiere am Sa, 09.02., um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

„Liliom“ Premiere der Uraufführung am Fr, 22.02., um 19.30 Uhr im Großen Haus

 

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Aufklärung in Mainz und Mord auf der Neuen Bühne

Ein junger Soldat sucht 1913 den Mainzer Dom zur Fastnachtsbeichte auf. Während er seine ersten Worte spricht, sackt er mit einem Dolch im Rücken in sich zusammen. Die Spur führt ins angesehene Mainzer Bürgertum. Carl Zuckmayer versteht es in „Die Fastnachtsbeichte“ meisterhaft, Spannung, Unterhaltung und große Fragen zu verbinden.

Der mittelalterliche Sherlock Holmes „Der Name der Rose“ von Umberto Eco ist ein moderner Klassiker. William von Baskerville und sein Schüler Adson haben eine vertrackte Mordserie in der düsteren Abtei Melk zu lösen. Dabei nutzt William seinen Verstand statt des Glaubens, um die Dinge aufzuklären.

„Die Fastnachtsbeichte“ Fr, 01.02. + Sa, 02.02., jeweils um 20 Uhr

„Der Name der Rose“ Sa, 09.02. + So, 10.02., jeweils um 18 Uhr und weitere Termine

Neue Bühne Darmstadt, Frankfurter Landstraße 195

www.neue-buehne.de

 

Einsame Schneestürme im Mollerhaus

Zwei moderne Archetypen geraten im Skiurlaub in einen Schneesturm: Die Bloggerin Jana und der Berater Moritz. Beide flüchten sich zum Schutz in eine einsame Berghütte. Die zwei Singles kennen sich bereits aus dem Hotel und können sich so gar nicht riechen. Jeder von ihnen hat sich über die Jahre ein nettes Weltbild zusammenkonstruiert, das außer für das eigene Ego wenig Platz bietet. Die zwei sind bestens digital vernetzt, leben in komfortabler Einsamkeit und sind gleichermaßen sehnsüchtig. So oder so, sie müssen jetzt kooperieren. Ob gemeinsames Feuermachen wieder etwas zwischenmenschliche Reibung und Wärme erzeugt? Das Setting in „Lonelyhearts“ könnte Spuren von Romantik enthalten.

„Lonelyhearts“ Fr, 08.02. + Sa, 09.02. + Fr, 22.02. + Sa, 23.02., jeweils um 20 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.theatermollerhaus.de

 

Flucht in den Tanz in der Knabenschule

Journalismus und Tanz würde man nicht direkt zusammenbringen. Diese Mischung der Disziplinen trägt in der Knabenschule allerdings ganz besondere Früchte: Die Journalistin Isabel Cuesta erzählt im Tanzprojekt „Impronte“ Geschichten der Migration, basierend auf ihren Recherchen in Deutschland und Italien. Das Projekt besteht aus vier Stücken, wobei jedes eine andere Perspektive auf die Erlebnisse und Erfahrungen von Migranten einnimmt. Spannend ist, dass unter den acht Tänzern selbst zwei Geflüchtete – je einer aus Gambia und Venezuela – sind. Durch die sinnliche Tanzperformance wird begreifbar, dass sich nie nur eine anonyme Masse auf den Weg macht, sondern dass es Menschen sind, konkrete Körper, in ihrer ganzen Stärke und Verletzlichkeit.

„Impronte [Spuren]“ am Fr, 01.02., um 20 Uhr

Bessunger Knabenschule, Ludwigshöhstraße 42

www.knabenschule.de

 

Land und Leben retten im Ernst-Ludwig-Saal

Die Lust an Mord, Schuld und Aufklärung funktioniert nicht nur im Film, sondern auch im Theater. Die Frankenstein-Bühne inszeniert Alfred Hitchcocks Krimikomödie „Die 39 Stufen“. Richard Hannah besucht ahnungslos eine Kleinkunstshow und plötzlich fallen Schüsse. Die Agentin, die er am selben Abend kennenlernt, ist am nächsten Morgen schon tot. Jetzt muss der arme Kerl nicht nur einen Mord aufdecken, sondern auch noch sein Land retten. Denn der Spionagering der „39 Stufen“ ist weit mehr als nur eine kleine Gangsterbande. Besonders raffiniert an der Bühnenfassung ist, dass nur fünf Schauspieler mehr als fünfzig Rollen spielen, um die Geschichte darstellerisch nachzuerzählen.

„Die 39 Stufen“ Premiere am Sa, 09.02., um 20 Uhr

Frankenstein-Bühne im Ernst-Ludwig-Saal, Schwanenstraße 42 in Eberstadt

www.frankenstein-buehne.de

 

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