Autokratie im Schafspelz

Unsere Theater-Tipps im April

Foto: Ursula Kaufmann

Morgen war alles besser

Mensch, waren die Kleider und Anzüge in „Mad Men“ oder „Babylon Berlin“ noch schön! Aber wahrscheinlich geht ohnehin alles ziemlich sicher den Bach runter, siehe „Black Mirror“ auf Netflix. Ja, die (Serien-)Popkultur zeichnet erstaunlich oft ein romantisches Bild von früher oder ein düsteres Bild von morgen. Aber kaum jemand macht sich Gedanken über die Welt, die wir gerne unseren Enkelkindern hinterlassen wollen. Dieser große Entwurf beginnt sicher auch damit, sich eine Geschichte von unserer Zukunft zu erzählen, die positive Utopien beinhaltet und praktisch Mut macht: Regisseurin Sandra Strunz zeigt in „Wir werden mutig gewesen sein“ in Form musikalischer Szenen ein Narrativ, das hofft und sich traut, Neues zu träumen.

Wann ist jemand authentisch und wann spielt er? Im klassischen Theater ist das meist recht eindeutig. Bei einer Talkshow wird die Sache aber schon ein bisschen verzwickter. Wer Lust auf Authentizitätsgrenzgänge hat, dem sei „An der Bar mit Kathi“ ans Herz gelegt. Die charismatische Schauspielerin Katharina Hintzen (übrigens in „Peer Gynt“ am Staatstheater zu sehen) ist Gastgeberin und lädt sich den Rapper Yassin und ihren Schauspielkollegen Christian Klischat (ebenfalls vom Staatstheater) in die Bar zum Reden ein. Das heißt: Zwei Schauspieler und ein inszenatorisch gewiefter Rapper, der grade sein erstes Soloalbum „Ypsilon“ veröffentlicht hat, machen eine Talkshow. Könnte außeralltäglich und real werden.

„Wir werden mutig gewesen sein – Szenen einer guten Zukunft“ am Sa, 06.04. + Do, 11.04. + Do, 25.04., jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus

„An der Bar mit Kathi“ am Mi, 10.04., um 20 Uhr in der Bar der Kammerspiele

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Ein Autokrat der alten Schule im Mollerhaus

Einmal laut „Scheiße“ schreien und direkt König sein. Gekonnt! Na ja, schließlich ist Ubu ein Autokrat alter Schule, von dem man sich in Sachen Massaker und Herrschaft übers Volk noch einiges abschauen kann. Aber was ist das eigentlich für ein Typ, dieser Ubu? Das Theater Transit nimmt ihn in „Ubu c’est moi“ genau unter die Lupe. Es seziert die Anatomie des Bösen und experimentiert mit der Mikrophysik der Macht. Und plötzlich ist Ubu ein kleiner, feiger Spießer, der gleichzeitig perfide Marterinstrumente wie die Gehirnzerquetschmaschine erfindet. Ein klassisches Königsdrama wird zur spöttischen Farce, die leider heute immer noch ziemlich wahr scheint.

„Ubu c’est moi – ein Machtspiel zwischen Musik und Theater“ Premiere am Sa, 27.04., um 20 Uhr + So, 28.04., um 18 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.theatertransit.de

Lustvolles Spielchen im TIP

Ein ätzender, enttäuschender Tag voller Castings für den Klassiker „Venus im Pelz“. Keine der Schauspielerinnen scheint der feminin-dominanten Rolle der Buchvorlage gerecht zu werden. Und da stolpert auf einmal Vanda zur Tür herein und ist alles, was der Regisseur verabscheut: naiv, einfältig und auf dumme Weise rücksichtslos. Doch er lässt sie gnädig vorspielen und siehe da, es tut sich etwas. Die Probe selbst wird plötzlich zum erotischen Machtspielchen zweier virtuoser Spieler, die sich in nichts nachstehen. Wer führt hier wen – und ist das überhaupt noch eine Probe oder ein heißes, waghalsiges Rollenspiel, das sich nur tarnt und den Inhalt des Stücks in die Realität überführt? Wer Roman Polanskis filmisches Kammerspiel gesehen hat, weiß, wie genial es ist.

„Venus im Pelz“ am So, 07.04., um 20 Uhr

Theater im Pädagog, Pädagogstraße 5

www.paedagogtheater.de

Tod durch Stutenbiss

Esther Vilars Stücke polarisieren nicht zuletzt die feministische Szene. In „Eifersucht“ zeigt Vilar drei Frauen, die im selben Hochhaus wohnen und eine Affäre mit demselben Mann beginnen. Dabei könnten die Damen unterschiedlicher nicht sein: Helen, die erfolgreiche und toughe Anwältin, Yana, die sinnliche Architektin und Iris, die scheinbar friedvolle, kein Wässerchen trübende Studentin. Was als klischeehafte Stutenbissigkeit beginnt, wird zum gemeinsamen Machtkampf gegen den Liebhaber. Dabei bleiben die Mittel klassich: verzweifelte Boshaftigkeiten neben sarkastischen und bissigen Anschuldigungen. Fragt sich nur, wer am Ende gewinnt und verliert. Generell darf man gespannt sein, wie die durchaus umstrittene Autorin Vilar inszenatorisch vom Theater Curioso umgesetzt wird.

„Eifersucht“ am Sa, 06.04., um 20 Uhr

Theater Moller Haus, Sandstraße 10

www.theater-curioso.de

 

Die Poesie des übergroßen Karnickels

Private Poesie gegen den Rest der Welt! Nötig ist dafür ein zwei Meter großer Hase, der allerdings für Otto Normal unsichtbar ist. Aber nicht für Elwood P. Dowd, einem sympathischen Junggesellen, der den übergroßen Hasen Harvey trotzdem allen Beteiligten vorstellt, auch wenn sie ihn nicht sehen können. In „Mein Freund Harvey“ von Mary Chase prallen zwei Realitäten aufeinander und der Stärkere (die Gesellschaft) schickt den Schwächeren (Elwood) in die Psychiatrie. Da hat die Gesellschaft allerdings nicht mit Harvey gerechnet. Dieser Hase führt diesmal nicht wie bei Alice in den Kaninchenbau hinein, sondern aus dem schnöden Alltag in eine schönere, poetischere Welt hinaus.

„Mein Freund Harvey“ am Fr, 05.04. + Sa, 06.04. + Fr, 12.04., jeweils um 18 Uhr + weitere Termine

Neue Bühne Darmstadt, Frankfurter Landstraße 195

www.neue-buehne.de

 

Artikel drucken Artikel versenden