Foto: Jan Ehlers, nouki.co

Kurz vor Weihnachten war es so weit: P-Fotograf Jan „Nouki“ Ehlers veröffentlichte sein erstes Buch. Der Bildband „Long Time No See“ versammelt auf knapp 170 Seiten mit 70 Portraits ein beeindruckendes, herzlich-persönliches Abbild der Darmstädter Kulturszene und des örtlichen Nachtlebens (mehr dazu in P #127, September 2020). Gebunden in Handarbeit in der Buchbinderei Kaffenberger mit schick-schlichtem Layout von André Liegl, Cover in edlem Schwarz, dicker Einband mit Prägungen, sehr, sehr hochwertig – kein Wunder, dass die erste Auflage mit 200 Exemplaren auf einen Schlag ausverkauft war. Für alle, die leer ausgegangen sind, gibt’s jetzt gute Neuigkeiten: Es wird eine zweite Auflage des charmanten Zeitdokuments geben! Bestellungen nimmt Nouki ab sofort per Mail entgegen – schreibt mit dem Betreff „Long Time No See“ an info@janehlers.net. Kostenpunkt: 38 Euro. Entstanden sind die analogen Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Bandes im Frühjahr 2020 als die ersten schlagartigen Einschränkungen das wuselige kulturelle Geschehen Darmstadts zum Erliegen brachten. Um mit der Kalamität zu brechen, schnappte sich der Künstler zwei uralte sowjetische Kameras sowie seit 20 Jahren abgelaufene Filme – und ging visuell in die Offensive. „Ich habe mich gefragt, was machen jetzt eigentlich die ganzen Kulturleute, die nicht mehr arbeiten können?“ Im Versuch, eine Antwort zu finden, entstand eine ganze Serie von einzigartigen Fotografien.

Fleißig, fleißig, auch zwischen den Jahren. Inmitten der Besinnlichkeit der Feiertage überraschte Gwen Dolyn mit einem neuen Musikvideo. Verfilmt wurde das Grunge-Pop-Stück „Fucking Ray Of Sunlight“ von der 2020 erschienenen EP „Things To Tell A Crying Girl“ vom Darmstädter Filmemacher Gerson Reschke. Mit durchdringendem Blick fokussiert Euch die junge Musikerin in dem Clip, der so trotz minimalistischer Darmstädter Straßenkulisse dringlich und vereinnahmend wirkt. Richtig gut! Mehr über Gwen Dolyn erfahrt Ihr im großen Blackbox-Interview aus der letzten Doppelausgabe (P #130, Dezember 2020/Januar 2021) oder auf gwen-dolyn.com.

„Pustekuchen“ ist Jan Härtels Autoren-Debüt. Zweieinhalb Jahre arbeitete der 33 Jahre alte Darmstädter an seinem „Herzensprojekt“ und finalisierte im vergangenen Sommer das Manuskript. „Es ist meine ganz persönliche Geschichte, aber gleichzeitig auch eine, in der sich viele Menschen wiederfinden können“, so der als Designer tätige Darmstädter zu seinem autobiografischen Werk, das „Verluste und Niederschläge, aber Momente der Hoffnung und Glückseligkeit“ vereint. Cooler Kniff: Wie ein roter Faden schlängelt sich Musik durch die Erzählungen. Über QR-Codes im Text könnt Ihr diese zu jeder Stelle beim Lesen interaktiv abrufen. Veröffentlicht und vertrieben wird das Buch von Jan Härtel im Eigenverlag und ist somit exklusiv über dessen Webseite erhältlich. Vorbestellungen können noch bis 27. Februar abgegeben werden. Die Erlöse aus dem Verkauf spendet der Autor der Deutschen Depressionshilfe.

Der Renner: das brandneue Video von Meloi zur Single „Monaco“. Granatenstarker Hard-Rock-Sound trifft auf Glanzzeiten der Formel 1, Sportflieger, eine Bootsfahrt, Bier, Partykeller … inklusive Cameo-Auftritt von Jan „Nouki“ Ehlers. Mehr auf Facebook und Instagram.

Weniger rasant, aber ebenso sehenswert ist die Live-Session von Samba Gueye alias Junes OD, die im Atelierhaus „LEW1“ aufgenommen wurde. In den Räumen des Vereins Kultur einer Digitalstadt e. V. an der Rosenhöhe spielt der Musiker (und Macher des P-Podcasts „Parole P“) die beiden Stücke „Neonlight Dinner“ und „Flora“. Dreamy Blues-Folk, schön! Findet Ihr als Teil der Reihe „Nah*einander Statements“ auf dem Youtube-Kanal des Vereins.

Ob David Bowie, Sun Ra oder Public Service Broadcasting – das Weltall als Projektionsfläche hat in Popsongs Tradition. Ihren Beitrag hierzu veröffentlichten die Woog Riots kurz vor Jahresende als Abschluss ihrer 2020er Single-Trilogie. Mit Lo-Fi-Electronica-Sound formuliert das Darmstädter Duo eine Kritik an der massenhaften Nutzung des erdnahen Orbits für kommerzielle Zwecke durch Elon Musk „Starlink“-Projekt. Gedreht wurde „Who Makes The Stars“ inmitten von Riesen-Teleskopen, Raumschiff- und Planetenmodellen in der Volkssternwarte auf der Ludwigshöhe.

Inspiriert von E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ verhandelt die Band Messer Brüder auf ihrem neuen Album das Verhältnis von Menschen und Maschinen. Der Titel: „Herzmaschine“. Die technikphilosophische Fragestellung der Konzept-Platte wird flankiert von einem umfangreichen Multimedia-Konzept. Das Electronic-Garage-Rock-Trio mit Faible für Performance und Theater inszeniert die 13 Stücke vielschichtig: „Atmosphärische Sounds untermalen experimentelle Filmsequenzen. Spielfilmszenen, Texte und Stimmen treten in Beziehung zu elektronisch grundierten New-Wave-Songs.“ Erschienen am 27. Dezember 2020, erhältlich als CD sowie Download. Alle Infos und das Musikvideo zum Titelstück findet Ihr auf: messerbrueder.jimdo.com.

 

Die Absage all ihrer geplanten Konzerte wollte die in der Oetinger Villa aktive Programmgruppe Angeschimmelt Youth Crew nicht unkommentiert lassen. Seit zehn Jahren veranstaltet das Kollektiv dort Shows mit Fokus auf Hardcore, Post-Punk, New Wave, Indie et cetera und initiierte Ende 2020 das Benefiz-Projekt Lost Summer: Alle 23 lokalen und internationalen Bands, die im vergangenen Frühjahr und Sommer hätten spielen sollen, wurden in Form eines schicken, zeitgeistigen Designs auf T-Shirts und Risographie-Druck verewigt. Die Erlöse aus dem Verkauf gingen an die Menschenrechtsorganisation „Pro Asyl“. Die Spendensumme: 2.000 Euro.

Mehr als 30.000 Bäume (Tendenz steigend) hat das Erden Project bereits pflanzen können. Mit dem Verkauf des Schmuckstücks „10 Bäume Armband“ will die junge Darmstädter Initiative einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Jedes verkaufte Bändchen (hergestellt in Handarbeit in hiesigen Behindertenwerkstätten) finanziert zehn grüne Setzlinge, die in Madagaskar, Kenia, Mosambik, Haiti, Nepal und Indonesien wachsen.

Nach der super erfolgreichen Premiere im Herbst 2020 legt Chrome nach – nur 48 Stunden nach Erscheinen war die erste Vinyl-Single des Dubstep-Kollektivs restlos vergriffen. Darauf zu hören: Abduzidub aus São Paulo mit zwei Tracks. Jetzt steht Veröffentlichung Nummer zwei in den Startlöchern. Wieder eine Vinyl-Single, wieder nur 100 Exemplare, wieder zwei Nummern einer Szene-Größe. Die basslastige 7-Inch-Platte mit experimentellem Sound von Soukah geht am 05. Februar in den Verkauf!

Zehn Jahre Vielbunt! Ende 2020 feierte der Verein sein Jubiläum – im Stillen. Aber auch ohne großer Sause soll hier mit einer kleinen Rückschau auf die Erfolgsgeschichte verwiesen werden: Gegründet von einigen Wenigen, zählt Vielbunt e. V. heute über 300 Mitglieder, zehn Arbeitsgruppen, betreibt das Queere Zentrum Darmstadt mit drei hauptamtlichen Mitarbeitern, bringt den CSD auf die Straße, zeigt stadtweit klare Kante gegen Homo- und Transfeindlichkeit und leistet einen immens wichtigen Beitrag zur Sichtbarkeit queerer Menschen – auch über Darmstadt hinaus. Gratulation!

Der Deutsche Theaterpreis „Der Faust“ geht an Bryan Arias. Ausgezeichnet wurde der gebürtige Puerto-Ricaner, der in New York aufwuchs, für die Produktion „29 May 1913“ in der Kategorie Choreografie. Zu sehen war die Arbeit, aufgeführt vom Hessen Staatsballet, als Premiere im Staatstheater Darmstadt im Februar 2020.

Allen Widrigkeiten zum Trotz hat auch das Kinder- und Jugendtheater Die Stromer Grund zu feiern. Zum Jahresende fiel der Vorhang für die 3.000 Aufführung der Kompanie. Seit 26 Jahren bringt die bunte Truppe ein großes Repertoire an Stücken für Kids auf die Bühnen – oft auch in sozialen Einrichtungen oder Schulen.

5.000 Quadratmeter für die Kunst. An der Mainzer Straße 83 soll die Städtische Kunstsammlung künftig ausreichend Platz finden. Die Bauarbeiten für das neue Kunstarchiv Darmstadts sollen im Sommer beginnen. 15,4 Millionen Euro Baukosten sind veranschlagt – eine Summe, die sich in Relation zu den aktuell gezahlten Mieten für die dezentralen Archive in 17 Jahren amortisiert haben soll, so die Rechnung aus dem Rathaus. Die Fertigstellung des vierstöckigen Funktionsbaus mit leistungsstarker Fotovoltaik-Anlage ist für Frühjahr 2023 anvisiert. Hier sollen auch Bestände des Instituts für Neue Technische Form (derzeit leidet das Intef im „Waben“ am Friedensplatz unter Platzmangel) und des Landesmuseums Platz finden.

Die Drogenhilfe Scentral am Herrngarten soll im Herbst 2023 einen Neubau beziehen. Die alten, maroden Gebäude auf dem Gelände werden abgerissen und weichen neuen Räumen. Kalkuliert werden dafür 6,5 Millionen Euro aus der Stadtkasse. Seit 1996 bietet die Einrichtung unter Leitung der Diakonie Darmstadt-Dieburg mit Kontaktladen-Café, psychosozialer Betreuung und Substitutionsambulanz an 365 Tagen im Jahr Betroffenen niedrigschwellige, professionelle Hilfe.

Bernd Krimmel ist am 20. Dezember 2020 im Alter von 94 Jahren verstorben. Der ehemalige städtische Kulturpolitiker prägte Darmstadt nachhaltig. Ab 1965 war Krimmel städtischer Kulturreferent, von 1975 bis 1989 Direktor des damals neu gegründeten Instituts Mathildenhöhe. Zuvor etablierte sich der vielseitig talentierte Künstler als Maler und Zeichner, ohne jemals eine formale Ausbildung absolviert zu haben. Bis 1960 leitete er die Darmstädter Sezession und platzierte abstrakte Werke als „Kunst am Bau“ im öffentlichen Raum. Darunter seine Fassadenmosaike „Helio I“ und „Helio II“ von den mittlerweile abgerissen Gebäuden am Kantplatz, die jetzt im neuen Hörsaalzentrum der TU Darmstadt an der Lichtwiese zu sehen sind.

Absolut mieser Start ins neue Jahr für den OHA Osthang: In den frühen Morgenstunden des 11. Januar hat es auf dem Gelände der Kulturinitiative gebrannt – im Winter, bei Schneefall. Die modulare Holzkonstruktion der Bar ist mitsamt Elektrogeräten (Kühlschränke, Herd) zerstört. Zu Redaktionsschluss prüfte die Polizei noch den Verdacht auf Brandstiftung. Das Osthang-Team bleibt jedoch positiv: „Jedes Ende (gibt) Raum für einen Neuanfang.“

Foto: OHA Osthang

 

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