Foto: Aimée Lorenz

Freiraum für Begegnung und Bildung

60 Jahre Jugendhof Bessunger Forst: eine Geschichte mit Wendungen, die eine neue Broschüre dokumentiert. Am 10. Oktober wird groß gefeiert!

 

Der Schotter knackt unter den Füßen, als wir den Weg entlanggehen, der gesäumt ist von Buchen, die einen großen Blättertunnel mit gedimmtem Sonnenlicht formen. Zu hören sind gedämpfte Geräusche, ein Stimmgewirr. Was uns hier, mitten im Wald zwischen Darmstadt und Roßdorf, wohl erwartet? Vor uns erscheint ein Fachwerkgebäude in warmem Gelb mit dunkelbraunen Holzbalken und einem reichlich bemoosten Dach. Direkt vor der Hauswand befinden sich zwei aus Holzlatten gezimmerte Tresen. Darauf und dahinter stehen diverse, schmackhaft aussehende Kuchen, eine Kaffeemaschine, ein Kühlschrank … und fröhliche Menschen. Es duftet nach Kaffee – und nach Wald. Träumen wir gerade?

Foto: Aimée Lorenz
Foto: Aimée Lorenz

Rechter Hand öffnet sich der Wald zu einer Wiese, die mit verschiedenen Bäumen und Holzsitzgarnituren gespickt ist. In der Luft wabern sanfte Beats und Melodien, die von einem DJ-Pult weiter hinten kommen. Wir folgen dem Weg weiter bis ums Haus herum zum Eingang. Hinter den offenen Flügeltüren erstreckt sich über die gesamte Breite des Gebäudes ein lichtdurchfluteter Raum mit hohen Decken. Der hübsch gemaserte Holzboden knarzt und verströmt einen typischen Geruch. Ans hintere Ende des Raums grenzen eine Küche sowie ein Flur mit ein paar Büroräumen. In einem dieser Räume schaltet und waltet Eva Garbode. Sie ist die Geschäftsführerin dieses besonderen Ortes. Denn diese Szene ist kein Traum, sondern könnte sich an Sommersonntagen, beim Forstlove Café im Jugendhof Bessunger Forst, genau so abgespielt haben.

Foto: Aimée Lorenz
Foto: Aimée Lorenz

Seit 2020 gehört Eva zum Team des Jugendhofs. „Für uns war direkt klar, dass wir ganz viel wollen, aber erst mal klein anfangen müssen“, sagt sie über die Anfangszeit bescheiden. Der Jugendhof Bessunger Forst – der sich samt Außenbereich über 18.000 Quadratmeter erstreckt – ist ein Begegnungsort und eine Bildungsstätte, hauptsächlich für Kinder und Jugendliche, die hier Freiräume ausfüllen und sich entfalten dürfen. Kitagruppen, Kindergärten, Schulklassen, Pfadfinder:innengruppen, Jugendverbände, aber auch Fachschaften, Lehrer:innen in verschiedenen Formaten und diverse andere Gruppen kommen dazu für mehrere Tage und Nächte (oder auch nur für einen Tag) und haben ihre eigene Agenda oder nutzen das pädagogische Angebot vom Jugendhof selbst. Dazu gehört das „Woodiversum“, die inklusive Holz- und Siebdruckwerkstatt.

 

Von Woodiversum bis Forstlove Café

Die Gäste werden dann im „Zentralbau“ bewirtet, können sich aber auch selbst versorgen, dank der mit Schlafmöglichkeiten, barriererfreier Wohnküche und Duschbadezimmer ausgestatteten „Sharewood Lodge“, einem anderen Gebäude. Es gibt zudem insgesamt fünf Seminarräume sowie das weitläufige Außengelände. An ausgewählten Sonntagen öffnet in der warmen Jahreszeit außerdem das bereits genannte Forstlove Café.

2026 hat das Team die Anerkennung als Außerschulischer Ergänzungsträger vom Land Hessen bekommen und kann sich nun auf finanzielle Unterstützung und ein breites Netzwerk bei der Planung von Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche verlassen. „Klein“, wie Eva anteaserte, hört sich der Status quo also gar nicht mehr an. Und die Orga läuft durch das Team von elf motivierten Mitarbeiter:innen inklusive pädagogischer Leitung, Köchin und Schreiner. Eva betont aber auch: „Der Jugendhof funktioniert nicht nur mit den Leuten, die hier arbeiten, sondern mit diesem ganzen Außenrum: mit den Ehrenamtlichen, Vereinsmitgliedern und Kooperationspartnern, mit ganz vielen Leuten, die irgendeine Expertise haben, die wir eben nicht haben.“ Und dieses Netzwerk ist auch ein Resultat der besonderen Geschichte des Jugendhofs, der so lange schon in Darmstadt seine Wurzeln schlägt.

Foto: Aimée Lorenz
Foto: Aimée Lorenz

 

Glückwunsch, altes Haus!

Den Jugendhof gibt es nämlich nicht erst seit 2020, er feiert dieses Jahr bereits sein sechzigjähriges Jubiläum. Am 10. Oktober wird gebührend gefeiert, es werden Ehemalige und Interessierte aus der Umgebung und von überall als Gäste erwartet (Details in der Infobox). „Da kommen Leute zusammen, die sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben“, prophezeit Eva – und freut sich schon vor.

Anlässlich des Jubiläums bringt der Jugendhof zudem eine reich bebilderte, von P-Grafiker André Liegl gestaltete Broschüre heraus, in der die Erinnerungen der vielen Jahre zusammengetragen werden. Deren Produktion wird vom Hessischen Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales und von der Entega Stiftung gefördert. Die Historikerin Leonie Otters wurde engagiert, um in der Vergangenheit herumzustochern: Sie wälzte Archive und beurteilte Dokumente, um die Frage aufzuarbeiten, wie der Jugendhof zu dem wurde, wie er ist, was für Erfahrungen er ermöglichte und was es sonst noch für vergangene Geschichten und Entdeckungen mit und über ihn gibt. Außerdem wurden unter anderem von der Darmstädter Journalistin Alexandra Welsch Interviews mit siebzehn Zeitzeug:innen geführt. „Wir haben aus jedem Jahrzehnt mindestens einen Gesprächspartner gehabt und werden das auch noch weiterführen. Das Projekt ist noch nicht beendet“, erklärt Geschäftsführerin Eva.

 

Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.
Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.

 

Reich bebilderte Broschüre zum Jubiläum

Um eine zeitliche Einordnung zu geben: Das Jubiläum bezieht sich auf den Zeitraum, in dem der Jugendhof in etwa so genutzt wurde wie heute – als Begegnungsort für Kinder und Jugendliche mit Jugendzentrums-Charakter und mehr oder weniger in Selbstverwaltung. Fest steht: Am 7. Oktober 1966 fand die offizielle Eröffnungsfeier im Justus-Liebig-Haus statt und ab diesem Zeitpunkt bestand ein Erbpachtvertrag zwischen der Stadt Darmstadt und dem heutigen Jugendhof Bessunger Forst e. V., der ab diesem Zeitpunkt in seiner Struktur fortbestand. Jedoch: Das Gelände und ein Teil der Gebäude haben schon ein paar mehr Jahrzehnte auf dem Buckel.

Im Jahr 1905 wurde im wahrsten Sinne des Wortes der Grundstein für all das, was heute der Jugendhof ist, gelegt und das erste Gebäude errichtet. Zuvor hatte sich der Verein Walderholungsstätte für kranke Arbeiter e. V. gegründet. Sein Ziel war, Arbeitende vor einer Erkrankung an Tuberkulose zu schützen, die zu jenen Zeiten viele Menschenleben einforderte. Das damals gewählte Mittel gegen Tuberkulose war im Prinzip Erholung an der frischen Luft – und da kam das wundersam im Wald außerhalb der Stadt gelegene Gelände des heutigen Jugendhofs ins Spiel. Am Anfang kamen nur Männer tagsüber in den Wald und kehrten abends in die Stadt zurück, ab 1907 war das Gelände auch für Frauen als Erholungsort nutzbar sowie nach dem Ersten Weltkrieg auch für Kinder. Das Klientel bestand vor dem Krieg aus Schneider:innen, Schlossern, Tagelöhnern, Schmieden und anderen Arbeitenden. Gewissermaßen war der Ort also schon von Beginn an zugänglich für möglichst viele Menschen. Das Konzept der Walderholung ist damals so beliebt, dass die Stadt Darmstadt das Gelände nach der Auflösung des Vereins übernimmt und weiter betreibt.

 

Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.
Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.

 

Ein Ort der Kontraste

Im krassen Kontrast dazu steht die Nutzung des Geländes im Nationalsozialismus: Ab 1937 wird es zunächst als Übungslager des Bundes Deutscher Mädel und dann als sogenanntes Wehrertüchtigungslager der Hitlerjugend genutzt. Dort, wo vorher Kinder genesen und sich erholen sollten, wurden somit Kinder auf den Krieg vorbereitet. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs hin wird der Ort dann als Versorgungslager genutzt – „aus dieser Zeit befinden sich wohl auch noch Überreste auf dem Gelände“, so Eva.

Nach dem Krieg brach eine weitere Epoche für das Grundstück des heutigen Jugendhofs an: Es sollte fast zwei Jahrzehnte als Kinderheim dienen und bis zu fünfzig Kindern eine Zuflucht bieten, die direkt auf dem Gelände bis zur achten Klasse die Schule besuchten.

Als die Kinder nach Mühltal in ein weniger sanierungsbedürftiges Gebäude umgesiedelt wurden, entdeckte ein junger Student in der Zeitung, dass das Gelände leerstand. Das war im Jahr 1966. Der Student wollte das Gelände nicht für sich, sondern für den Bund Deutscher Jungenschaften – ein Jungenbund, in dem sich Jugendliche selbst organisierten, wandern und zelten gingen. Der Bund Deutscher Jungenschaften nutzte das Gelände fortan als Bundeszentrum und gründete sogar eigens zum Zweck, es zu finanzieren, einen Verein. So begann der Jugendhof, sich zu dem zu entwickeln, was er auch heute noch ist.

Die jungen Menschen, zum Teil aus dem ganzen Bundesgebiet, arbeiteten gemeinsam an der Renovierung des Hofes und kämpften selbstorganisiert gegen den Verfall und Verschleiß an. Schnell öffnete sich das Projekt auch für Nicht-Jungenschafter, vor allem vor Ort, und es kamen Jugendliche aus allen Ecken des Landes, um sich zu versammeln, zu lernen, auszutauschen oder Freizeiten zu veranstalten.

Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.
Foto: Jugendhof Bessunger Forst e. V.

 

Ein Ort zum Bleiben

Ab dem Beginn der Renovierungen durch die Jungenschafter zogen auch immer wieder Menschen auf den Jugendhof, um dort zu leben. Die Grenzen zwischen Arbeit auf dem Hof und Privatleben verschwammen und es wurde bald eine Gemeinschaft mit wenig Hierarchien und geteilter Verantwortung angestrebt. Nicht alle waren davon begeistert: „In den 70er- und 80er-Jahren war das hier teilweise sehr verschrien – das waren halt ,die Anarchisten‘, ,die Hippies‘. Es gab da auch Beschwerdebriefe. Die Art und Weise, wie das betrieben wurde, war sicherlich auch, sagen wir mal: anders“, weiß Eva schmunzelnd zu berichten. „Ganz viele Gäste wussten aber auch damals schon zu schätzen, dass das hier ein freiheitlicher Ort ist.“

Ab den Siebzigerjahren kamen dann zeitweise bis zu acht Zivildienstleistende hinzu, die die Arbeit auf dem Hof mit bewältigten und sich in die Gemeinschaft einbrachten. Diese Zeit markierte auch einen Wandel des Jugendhofs, der mit dem Engagement des Bund Deutscher Pfadfinder_Innen (BDP) zusammenfiel. Er sollte festere Strukturen bekommen und konsistenter Ort der Bildungsarbeit und dafür etwas weniger autonom organisiert werden. Im Zuge dessen bekamen auch die Zivildienstleistenden einiges an Verantwortung übertragen, die durch ihre Zeit am Hof sehr geprägt wurden. Bis heute zeigt sich dieser Ansatz: Vier Freiwillige, oft auch aus anderen Regionen der Welt, unterstützen den Betrieb tatkräftig. Aktuell nicht mehr im Rahmen des Zivil-, sondern des Bundesfreiwilligendienstes oder auch über das „Weltwärts“-Programm.

Trotz einiger Konstanten erfuhr der Jugendhof 2018 einen großen Umbruch: Unstimmigkeiten im Team führten zur Einstellung der Vereinsarbeit und es war unklar, ob der Jugendhof bleiben würde. Es dauerte zwei Jahre, bis Eva Garbode als Teil des damaligen neuen Leitungsteams zusammen mit dem neuen Vorstand den Jugendhof übernahm. „Der komplette Neuanfang war der Reiz, das zu machen“, erklärt sie. Zwar dämpfte anfänglich die Corona-Pandemie die Begeisterung, letztendlich hatte aber auch dies keinen nachhaltigen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Jugendhofs. Eva gesteht: „Wir hatten so einen großen Sanierungsstau, wir hätten ohnehin nicht direkt öffnen können.“

 

Was macht den Jugendhof heute aus?

Das zentrale Anliegen: Der Jugendhof soll vor allem ein Angebot für alle sein. „Teilhabe und Inklusion haben von Anfang an für uns die wichtigste Rolle gespielt“, erklärt Eva. Dabei sollen nicht nur verschiedenste körperliche Bedürfnisse mitgedacht werden (Stichwort: Rollstuhlrampen), sondern eben auch „Jugendliche, die sonst nicht den Zugang haben zu solchen Bildungsangeboten“.

Insbesondere die Barrierefreiheit ist auf einem so geschichtsträchtigen Gelände eine große Herausforderung, die Eva und ihr Team annehmen und über die barrierearme Gestaltung hinaus auf Kommunikation und Unterstützung setzen. Das familiäre Klima im Jugendhof macht es sicher einfacher – hier wird keine:r gesiezt und es gibt viele offene Türen.

Woran es auch immer liegt, eines ist klar: Der Jugendhof Bessunger Forst scheint ein Ort zu sein, an den Menschen sich gerne erinnern und zurückkehren. In der Vergangenheit, der Gegenwart und sicher auch in der Zukunft.

 

Tipps für die Anreise

False friend: Der Jugendhof Bessunger Forst liegt nicht – wie man denken könnte – in Bessungen, sondern sondern an der Stadtgrenze kurz vor Roßdorf!

Hin kommt Ihr komfortabel mit dem Fahrrad über den neuen, perfekt ausgebauten Radweg von Darmstadt nach Roßdorf. Oder mit den Buslinien 673, 672, MO1, GB und RH – die Haltestelle „Bessunger Forsthaus Jugendhof“ liegt direkt vor der Tür.

 

60 Jahre Forsthofflimmern: Jubiläumsfeier am 10. Oktober

Jugendhof Bessunger Forst | Sa, 10.10. | ab 14 Uhr | Eintritt frei

Alle sind eingeladen!

Es werden Video-Interviews von Zeitzeug:innen gezeigt.

Es gibt DJ-Musik von den Topshake Soulknights, Team Berta und der Unicorn Crew (ab 16 Uhr bis open end).

Außerdem: Bewirtung und Mitmachaktionen für Kinder sowie verschiedene Stationen, um die Geschichte des Ortes zu entdecken.

jugendhof.org