Wiederentdeckt und neu gezeichnet

Das literarische Darmstadt im Oktober

Grafik: Rocky Beach Studio
Grafik: Rocky Beach Studio

Gute Verwandschaft ist selten und nur begrenzt frei wählbar. Große Auswahl bietet alternativ dazu der Bücherherbst:

 

Dienstag, 02. Oktober

„Bruder und Schwester Lenobel“ verbindet das Schicksal der jüdischen Eltern während des Nationalsozialismus so sehr, dass jede eigene familiäre Bindung scheitert. Wo und wie sie dennoch zueinander finden, beschreibt Michael Köhlmeier in seinem neuen Roman, den er ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche vorstellt.

 

Mittwoch, 03. Oktober

In „Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt“ beschreibt Jörn Leonhard, wie vor fast einhundert Jahren eine Nachkriegsordnung ausgehandelt wurde, die nicht lange bestehen sollte. Ab 11.30 Uhr stellt der Freiburger Geschichtsprofessor sein Epochenporträt in der Stadtkirche vor.

„Jazz & Lyrik“ treffen ab 19 Uhr wieder im Literaturhaus aufeinander, wenn dieses Mal Teilnehmer der Literaturwerkstatt ihre Texte zu den Klavier- und Kontrabass-Klängen des Duos „PiKo“ lesen.

 

Donnerstag, 04. Oktober

Mit der „Operation Bird Dog“ wird 1948 auch in West-Berlin die Deutsche Mark eingeführt. Was die Währungsreform mit dem Tod eines Bankiers zu tun hat, klärt Jahre später dessen Sohn auf. Die Ermittlungsergebnisse fasst Jan-Christoph Nüse in seinem ersten Krimi zusammen, aus dem der Fernsehredakteur ab 19.30 Uhr im Künstlerkeller im Schloss liest.

Eduard von „Keyserlings Geheimnis“ wird 1901 mit einem Porträt des Münchner Malers Lovis Corinth gelüftet, von dem sich der baltische Graf empört abwendete. Zeitgenossen gefiel das ehrlich getroffene Bild mit dem hässlichen Romancier allerdings. Fasziniert von den überlieferten Zitaten und Anekdoten widmete Klaus Modick seinen neuen Roman der vergangenen bairischen Boheme, in die er uns ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche einführt.

 

Freitag, 05. Oktober

„Der schlaflose Cheng“ kann in Wien nur mit einem Arm ermitteln – und „Die Büglerin“ Tonia packt im Heidelberger Exil ein ganz heißes Eisen an: Die Krimis von Heinrich Steinfest werden auch von der Literaturkritik empfohlen, Motive und Gründe erfahren wir ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche.

 

Samstag, 06. Oktober

Unter anderem Angela Allesklar aus Heidelberg, Julie Kerdellant aus Landau und Karsten Hohage aus Weinheim treten ab 20 Uhr beim 53. Krone-Slam in der Goldenen Krone im Wettbewerb um Zuschauergunst und Kronkorken an.

 

Sonntag, 07. Oktober

„Und jeden Morgen das Meer“ begrüßt die ehemalige Hotelmanagerin Sonja, die nach dreißig Jahren nur noch vom Pech verfolgt zu sein scheint. Dass aber das Unglück im verregneten Wales besser zu ertragen ist als an der Bodensee-Küste, lehrt Karl-Heinz Ott in seinem neuen Roman und ab 11.30 Uhr in der Stadtkirche.

 

Dienstag, 09. Oktober

„Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ ist das fünfbändige, tausendseitige und zwei Jahrhunderte und mehrere Kontinente umfassende Romandebüt von Philipp Weiss, der seinem Überraschungserfolg ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche repräsentative Szenen entlockt.

„Vom ersten Gedanken bis zum fertigen Roman“ liegen noch viele Arbeitsschritte, denn auch das literarische Schreiben ist ein zu lernendes Handwerk. Barbara Zeizinger gibt ihr Wissen über Plots, Figuren und Dialoge ab 19.30 Uhr im Hotelrestaurant Rosengarten weiter.

„Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ handelte das letzte Buch von Axel Hacke. Höflich, wie der Kolumnist ist, wird er seinem Publikum in der Centralstation ab 20 Uhr auch Ausschnitte aus anderen Veröffentlichungen bieten.

Ganz unspießig dreht Katja Klengel in „Girlsplaining“ den Spieß um und erklärt in ihrer Comic-Kolumne ihre feministische Sicht auf das Berlin, die Welt und das Netz. Dort erschienen die aufklärerischen Strips zuerst, nun sind sie in einem schicken Sammelband nachzulesen, das ab 20 Uhr in der Oetinger Villa vorgestellt wird.

 

Mittwoch, 10. Oktober

„Alle, außer mir“ – so hadert die vierzigjährige Ilaria mit ihrem Schicksal und ihrem Vater, über den sie nie geahnte Dinge erfährt. Francesca Meladri verschränkt persönliche Familiengeschichte mit kolonialer Vergangenheit; ab 19.30 Uhr führt Bianca Schamp in der Stadtkirche in den dritten Roman der italienischen Autorin ein.

„Das Teemännnchen“ verbrüht sich regelmäßig und moderne Don Quichottes kämpfen gegen Windräder. Über das Banale und Böse kann Heinz Strunk nicht nur in Romanen schreiben. Auch in kurzen Geschichten zeigt er uns den abgründigen Alltag; erste Anekdoten hören wir ab 20 Uhr in der Bessunger Knabenschule.

„Die Kunst des lässigen Anstands“ lehrt der Journalist Alexander von Schönburg und bietet in der Bücherinsel Dieburg ab 20 Uhr eine Einführung an.

 

Donnerstag, 11. Oktober

In „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ lässt uns Karen Duve an der unbeschwerten Zeit der 23-jährigen Annette von Droste-Hülshoff teilnehmen, die mit ihrem Auftreten in ihrer adeligen Familie und ihren berühmten Gästen bewusst aneckt. Kostproben aus der Erzählung über ihre berühmte Kollegin liest sie ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche.

 

Freitag, 12. Oktober

„Für Freiheit bereue ich nichts“ bekennt der tibetische Autor Shokjang, aus dessen in China verbotenen Texten Katja Behrens ab 19 Uhr im Literaturhaus liest.

„Die Live Butterfly Show“ bestreitet in der Stadtkirche ab 19.30 Uhr der preisgekrönte Lyriker Jan Wagner mit schwerelosen Versen aus seinem neuen Gedichtband gemeinsam mit dem Jazz-Pianisten Sebastian Sternal.

 

Samstag, 13. Oktober

„Nur nicht aus Liebe weinen“ war nicht nur ihr größter Schlager, sondern ist auch der Titel der Autobiografie von Dunja Rajter, die sie ab 20.30 Uhr im Halb Neun Theater vorstellt.

 

Sonntag, 14. Oktober

„Der Verräter“ – oder im Original passender: „The Sellout“ erzählt von versteckter Rassentrennung in den USA und einem offensiven Umgang mit ihr. Der New Yorker Paul Beatty wurde für seine drastische Satire mit dem britischen Man Booker Prize ausgezeichnet. Warum, erfahren wir auch von Bianca Schamp, die ab 11.30 Uhr in der Stadtkirche aus der deutschen Übersetzung lesen wird.

Das Deutsche Polen-Institut lädt für 17 Uhr in den Karl-Dedecius-Saal im Schloss und widmet seine „Polenlese“ der berühmten Dichterin Wisława Szymborska.

 

Dienstag, 16. Oktober

„Das innere Ausland“ liegt für Andreas Vollmann in Frankreichs Süden, der dort zu vereinsamen droht. Wie und warum das der Besuch seiner Nichte verhindern könnte, erzählt Thommie Bayer in seinem neuen Roman, aus dem er ab 19 Uhr im Literaturhaus liest.

 

Donnerstag, 18. Oktober

Auf die Spur der „Schattenmänner“ in der Rüstungsindustrie begibt sich Kommissar Eugen de Bodt im neuen Polit-Krimi von Christian von Ditfurth, aus dem der Berliner Historiker ab 20 Uhr in der Bücherinsel Dieburg liest.

 

Freitag, 19. Oktober

Rosa Luxemburg hinterließ der Nachwelt neben politischen Werken auch „Briefe aus dem Gefängnis“, mit denen sich die anders Denkende Freundinnen und Freunden vertraulich mitteilte. An den Gedanken der vor einhundert Jahren inhaftierten Sozialistin lässt uns ab 19.30 Uhr die Journalistin Bettina Bergstedt im Literaturhaus teilhaben.

 

Samstag, 20. Oktober

Vielbunt kann und will auch kontrovers sein: Um 19 Uhr stellt Herausgeberin Patsy l’Amour laLove im Queeren Zentrum in der Oetinger Villa den Sammelband „Beißreflexe“ vor, dessen verschiedene Beiträge eine „Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“ formulieren.

 

Sonntag, 21. Oktober

Der Kranichsteiner Literaturverlag begeht das fünfjährige Jubiläum seines literarischen Wohnzimmers in der Sandbergstraße 36 ab 11 Uhr mit Jorge Luis Borges. Der argentinische Erzähler, der mit seinen fantastischen Erzählungen auch europäische Autoren beeinflusste, wird von Roland Held porträtiert.

„Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny gehört zu den wenigen modernen Romanen, die es in die Alltagssprache geschafft haben. Wer es in den letzten 35 Jahren noch nicht schaffte, die Biografie über den Polarforscher John Franklin zu lesen, sollte um 17 Uhr die Stadtkirche besuchen.

 

Montag, 22. Oktober

„Nachtleuchten“ lässt das Elend in einem Vorort von Buenos Aires in anderem Licht erscheinen. Über Hoffen und Bangen im Angesicht der Militärdiktatur berichtet María Cecilia Barbetta in ihrem neuen Roman, aus dem die mittlerweile in Berlin lebende Argentinierin ab 19 Uhr im Literaturhaus liest.

„Die Kreuzfahrer“ lassen es sich zwischen Pool, Dinner und Animation gut gehen und werden dabei von Wladimir Kaminer beobachtet. Das gewohnt selbstironische Ergebnis passt zwischen zwei Buchdeckel – und ab 20 Uhr auf die Bühne der Centralstation.

Fünfzig Jahre nach dem Jahr, dass eine ganze Generation geprägt hat, legt auch Gretchen Dutschke ihre Bilanz vor: „1968 – worauf wir stolz sein können“ wird im Gespräch mit HR-Info-Redakteurin Anne Baier in der Bessunger Knabenschule vorgestellt.

 

Dienstag, 23. Oktober

Ausgerechnet der Siegertyp und Investmentbanker Victor will „Hochdeutschland“ zu Fall bringen. Aus dem drastisch komischen Roman von Alexander Schimmelbusch liest Victor Tahal ab 20 Uhr in der Bar der Kammerspiele des Staatstheaters.

 

Mittwoch, 24. Oktober

„Einen Abend mit Laurence Sterne“ gestaltet anlässlich dessen 250. Todestages der Übersetzer Michael Walter ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche, der nicht nur den „Tristram Shandy“, sondern auch noch weitgehend unbekannte Werke des Zeitgenossen von Lessing und Goethe im Reisegepäck hat.

 

Donnerstag, 25. Oktober

Schon traditionell wird die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in der Centralstation mit einem besonderen Podium und beliebten Autoren eröffnet. Mit den Waffen der Kritik die Literaturkritik kritisieren: An dieser hohen Kunst versuchen sich unter dem Motto „Daumen hoch, Daumen runter“ Katja-Lange Müller, Lucas Bärfuss, F.C. Delius und Michael Lentz ab 19.30 Uhr.

 

Freitag, 26. Oktober

Auch Poetry Slams brauchen nachwachsende Talente. Diese werden in U20-Wettbewerben gefördert. In der Centralstation strahlen die Scheinwerfer ab 19.30 Uhr auf die Teilnehmer der von Finn Holitzka moderierten Lichterschlacht.

Mit einer sicherlich zitierfähigen Rede und einer anschließenden Lesung aus ihren Texten nimmt Terézia Mora ab 20 Uhr in der Orangerie den diesjährigen Georg-Büchner-Preis entgegen.

 

Sonntag, 28. Oktober

„Die Zukunft der Schönheit“ erfährt 1966 in einem New Yorker Jazz-Klub ein junger deutscher Student. Aus seinem autobiografisch geprägten Roman liest Friedrich Christian Delius ab 17 Uhr in der Stadtkirche stilecht zur improvisierten Musik von Saxofonist Otis Sandjö.

 

Dienstag, 30. Oktober

„Lichter als der Tag“ erscheint Raimund seine Vergangenheit mit Inger. Über verpasste Chancen und gelebte Leben schreibt Mirko Bonné in seinem im Vorjahr viel gelobten Liebesroman, aus dem der Hamburger Autor ab 19 Uhr im Literaturhaus liest.

 

Mittwoch, 31. Oktober

Um den „Gott der Barbaren“ tobt 1860 in China ein christlicher Glaubenskrieg. In die hochaktuellen Wirren seines neuen Romans, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, führt Stephan Thome ab 19.30 Uhr im Ratssaal der Hammermühle in Ober-Ramstadt ein. Da die Plätze im Restaurant begrenzt sind, wird um Reservierung gebeten.

 

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