Erwartungen an die Vergangenheit

Das literarische Darmstadt im September

Grafik: Rocky Beach Studio
Grafik: Rocky Beach Studio

Der Winter ist noch lange nicht da, aber genau jetzt ist die Zeit, sich einen Bücher-Vorrat anzulegen. Inspirationen liefern im September nahezu täglich und mehrfach Veranstaltungen im literarischen Darmstadt:

Samstag, 02. September

Seit fünf Jahren scharen sich beim Krone-Slam im Konzert-Saal der Goldenen Krone weit gereiste Poetry Slammer, lokale Nachwuchsdichter und privilegierte Zuschauer um das Mikrofon. Das Jubiläum wird mit einer besonderen Saison-Eröffnungsshow gefeiert: Ab 20 Uhr zeigen Jule Weber, Alex Dreppec, Finn Holitzka und Egon Alter ein Best-Of ihrer Bühnenliteratur; musikalisch umrahmt vom Rock’n’Roll-Song-Poeten Frank Albersmann.

 

Sonntag, 03. September

Den Literarischen Herbst eröffnet in der Stadtkirche die Reihe „Andel Müller trifft …“: Der ehemalige Programmleiter des Literaturhauses sitzt ab 11.30 Uhr dem Literaturwissenschaftler und Journalisten Volker Weidermann gegenüber, der das „Literarische Quartett“ erfolgreich wieder ins ZDF gebracht hat.

 

Dienstag, 05. September

Christoph Ribbat führt als Kulturhistoriker seine Feldforschungen auch „Im Restaurant“ aus. Nichts weniger als eine „Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ ist das Ergebnis seiner Studien, das uns der Chronist des Alltagslebens praktischerweise ab 19 Uhr im Restaurant Poseidon neben dem Literaturhaus präsentiert.

Im Schlosskeller ist ab 20 Uhr das Deutsche Polen-Institut zu Gast. Moderiert von Manfred Mack liest Alexandra Tobor als Vertreterin einer jungen, in Europa angekommenen Generation aus ihren humoristischen Romanen „Minigolf Paradiso“ und „Sitzen vier Polen im Auto“.

Zun einem Blinddate mit einem Autor von der Longlist des deutschen Buchhandels lädt ab 20 Uhr die Bücherinsel in Dieburg ein. Welcher der potentiellen Preisträger aus seinem aktuellem Werk lesen wird, ist also noch nicht bekannt: Von der überraschenden Newcomerin bis zum gefeierten Schriftsteller-Star ist alles möglich.

 

Mittwoch, 06. September

Neue Lyrik von Martina Weber aus Frankfurt und Barbara Zeizinger aus Darmstadt stellt Kurt Drawert ab 19.30 Uhr auf der Lesebühne im Literaturhaus vor.

 

Donnerstag, 07. September

„Tanze mit Raketenschuhen“ fordert uns der Darmstädter Lyriker und Verständlichkeitsforscher Alex Dreppec mit seinem seinem neuesten Buch auf. Darin gesammelte Gedichte zu verschiedenen Wissenschaften stellt der Erfinder des Science Slams ab 19.30 Uhr auf Einladung der Literaturinitiative im Künstlerhaus Ziegelhütte vor.

 

Freitag, 08. September

„Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ ergaben für Wladimir Kaminer immerhin so viele unergründliche Mysterien und mystische Gründe, dass ein neues Buch mit anschließender Lesereise entstand, die den Kult-Autor ab 20 Uhr in die Centralstation führt.

 

Mittwoch, 13. September

Paulus Hochgatterer erzählt in „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“ von der Freundschaft zwischen einem verwaisten Mädchen und einem entflohenen russischen Kriegsgefangenen, die 1944 in Niederösterreich nicht nur vor Wehrmachtssoldaten fliehen, sondern dabei auch ein Gemälde zu retten versuchen. In der Stadtkirche führt uns der Autor ab 19.30 Uhr in das Abenteuer ein.

 

Donnerstag, 14. September

Zwei Debütromane werden ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche vorgestellt: Maren Wurster lässt in „Das Fell“ eine junge Frau eine Verwandlung von einer gekrämkten Partnerin zu einer von Eifersucht Überwältigten erfahren. Theresia Enzensberger entwirft in „Blaupause“ den abenteuerlichen Aufbruch einer Studentin am Weimarer Bauhaus unter revolutionären Professoren wie Walter Gropius und Wassily Kandinsky.

 

Freitag, 15. September

„Peter Holtz. Sein glückliches Leben von ihm selbst erzählt“ kommt wie eine Autobiografie daher, ist aber das fiktive Porträt eines windigen und wendigen ostdeutschen CDU-Mitglieds, das auf der Suche nach dem Glück vom Kommunismus zum Kapitalismus überläuft. Was auf dem Weg dorthin passiert, berichtet uns Ingo Schulze ab 19 Uhr in der Stadtkirche.

 

Samstag, 16. September

„Wer wir waren“ erklärte Roger Willemsen mit einem Blick aus der Zukunft zurück in die schon vergangene Gegenwart. Ab 20 Uhr interpretieren im Staatstheater Schauspieler Joachim Król und weitere Vortragende das Erbe des vor zwei Jahren verstorbenen Autors.

 

Sonntag, 17. September

Dieser Krimiabend in der Bessunger Knabenschule verspricht nervenaufreibende Spannung, denn die Psychiaterin Sarah scheint nach einem Unfall den Verstand zu verlieren. Auf den Spuren des Wahnsinns begeben sich die Schweizer Autorinnen Mitra Devi und Petra Ivanov als zwei Sisters in Crime: Sie haben Ihren Psychothriller „Schockfrost“ gemeinsam verfasst und lassen uns ab 19.30 Uhr erschauern.

„Die Hauptstadt“ Brüssel ist bei den meisten Europäern unbeliebt und im neuen Roman von Robert Menasse Schauplatz einer geschichtsträchtigen Image-Kampagne. In die unmoralischen Grundlagen politischen Zeitgeschehens führt uns der österreichische Schriftsteller ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche ein.

 

Mittwoch, 20. September

„Außer sich“ ist Alissa, als ihr Bruder Anton verschwindet und sie sich auf die Suche begibt. Ab 19.30 Uhr können wir Alissa und die Autorin Sasha Marianna Salzmann bei der Entwirrung einer verworrenen Familiengeschichte zwischen Russland, Deutschland und der Türkei begleiten. Ebenso wie die zweite Roman-Debütantin an diesem Abend in der Stadtkirche: Juliana Kálnay verfasste „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, in der sich eine illustre Schar sonderbarer Hausbewohner ein Geheimnis abtrotzt.

 

Donnerstag, 21. September

Die Betrachtung des Gemäldes „Schlafende Sonne” lässt Rudolf Zacharias im Jahre 2011 das ganze vergangene Jahrhundert bilanzieren. Über persönliche Verstrickungen in das Zeitgeschehen handelt der neue Roman von Thomas Lehr, den er ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche vorstellt.

„Morgen ist leider auch noch ein Tag.“ beklagt Tobi Katze und beschreibt damit so humorvoll wie kaum ein anderer betroffener Autor seine Depression. Schelmisch grinsend liest der Poetry Slammer ab 20.15 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel aus seinem Erfahrungsschatz.

 

Freitag, 22. September

„Direkt danach und kurz davor“ spielt die Handlung im neuen Roman von Frank Witzel. Zwischen Krieg und Frieden lässt der Autor seine Figuren nach Verwandten und den Sinn im Leben suchen. Erste Antworten erhalten wir ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche.

 

Sonntag, 24. September

Im literarischen Wohnzimmer des Kranichsteiner Literaturverlags stellt die aus Darmstadt stammende Schriftstellerin Barbara Maria Kloos ab 11 Uhr die Schauspielerin und Skandal-Autorin Rahel Sanzara vor, die 1926 mit einem Kriminalroman um einen Kindsmord bekannt wurde.

„Wir werden erwartet“: Unter diesem hoffnungsvoll verpflichtenden Titel beschreibt Ulla Hahn die widersprüchlichen Erfahrungen einer jungen Frau in den 1970er Jahren zwischen literarischen Überzeugungen und politischen Gehversuchen. Wie autobiografisch dieser Roman gefärbt ist, erfahren wir ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche.

 

Dienstag, 26. September

Über „Diese wunderbare Bitterkeit“ und das „Leben mit Tee“ klärt uns das Gespräch des Journalisten Martin Maria Schwarz mit dem Schriftsteller Christoph Peters auf, dessen leidenschaftlicher Genuss ihn entlegenste Gefilde führte und auch zu seinem neuen Erzählband „Selfie mit Sheikh“ inspiriert haben mag, aus dem er auch ab 19 Uhr im Literaturhaus lesen wird.

Im Restaurant Rosengarten, in der Frankfurter Straße 79 stellt Iris Welker-Sturm ab 19.30 Uhr ihren biografischen Roman „Büchner überstimmen“ vor. Gewidmet ist dieser Luise Büchner, die vor allem in der Ich-Perspektive und an historischen Fakten orientiert in Briefen, Dialogen und Tagebucheinträgen zu Wort kommt.

„Geliehene Landschaften“ bedichtet Marion Poschmann und zitiert damit das Gestalten der Natur durch den Gartenbau mit dem Gestalten der Sprache in der Lyrik. Ihre prosaische Seite zeigt uns die Autorin auch ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche, wenn sie einen Akademiker aufgrund traumwandlerischer Eifersucht spontan aus Ehe und Beruf aussteigen und „Die Kieferninseln“ bereisen lässt.

„Die stillen Trabanten“ scheinen der rote Faden im Werk von Clemens Meyer zu sein: Den verfallenen Zeugen eines untergegangenen Landes sind auch seine neuesten Erzählungen gewidmet. Wie sie sich zwischen neuen Zäunen und alten Schienen durchschlagen, berichtet der Leipziger Autor episodenhaft ab 20 Uhr in der Centralstation.

 

Mittwoch, 27. September

„Psalmen“ erdichtete Uwe Kolbe in Ermangelung anderer Ausdrücke für den irdischen Reichtum und hat in der Stadtkirche ab 19.30 Uhr sicher kaum einen passenderen Ort für seine modernen Gebete. So improvisiert die biblisch anmutenden Verse von Kolbe sind auch die Einsätze von Uwe Steinmetz, der den Abend an Saxofon und Klarinette begleitet.

Das Werk von Axel Hacke wächst und wächst – und damit auch sein Reisegepäck und die Ungewissheit, was der beliebte Kolumnist lesen wird. Sicher dabei sind ab 20 Uhr in der Centralstation Erläuterungen aus seinem neuen Band „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“.

 

Donnerstag, 28. September

„Lichter als der Tag“ scheint die Vergangenheit in den grauen Alltag von Raimund Merz, der unverhofft die Gelegenheit zur Aussöhnung hat. Ob die gelingt, berichtet uns Mirko Bonné in seinem neuen Roman – und ab 19.30 Uhr in der Stadtkirche.

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