Randsport im Rampenlicht, Folge 25: Boxklub Martinsviertel

Fotos: Aimée Lorenz

Sport, der in Darmstadt betrieben wird, und – Trommelwirbel – nicht Fußball ist? Vor lauter Lilienfieber ist’s ein bisschen in den Hintergrund geraten, aber: Jawohl, den gibt’s. Hier stellen wir sie vor, die Sportarten, die (noch) nicht von einem großen Publikum bejubelt werden. Zum Beispiel, weil sie bislang kaum jemand kennt. Oder weil sie eben einfach zu speziell sind, um die Massen zu begeistern. Oder vielleicht, weil man lieber unter sich bleibt? Wir gucken uns das für Euch aus der Nähe an. In dieser Ausgabe: Boxen für Kids und Jugendliche.

Es ist Donnerstag, 17 Uhr, in der ersten Septemberwoche. Vor der historischen Baas-Halle in der Pankratiusstraße haben sich einige Menschen eingefunden. Viele tragen ein weißes T-Shirt. Auf der Brust ein kreisrundes, blaues Wappen mit Boxhandschuhen. Den Rücken ziert ein großes, silber-graues Lilien-Symbol. Der Schriftzug über und unter der Stadtblume verrät, worum es hier heute geht: „Boxklub Martinsviertel“.

Moment mal! Wie hat sich denn Boxen hier in die Rubrik Randsportarten verirrt? Klar, seitdem Größen wie Henry Maske oder die Klitschko-Brüder nicht mehr in den Ring steigen, ist die Begeisterung in Deutschland etwas abgeflacht, aber dennoch ist der Sport, bei dem die Fäuste sprechen, immer noch in unserer Gesellschaft präsent. Erst recht mit dem frisch gekürten Schwergewichts-Weltmeister Agit Kabayel, mit ihm hat nach langer Zeit mal wieder ein Deutscher den renommierten WBC-Weltmeistergürtel um die Hüften gebunden. Der Boxsport hierzulande ist also gerade eher wieder auf dem besten Weg, zu seiner alten Beliebtheit zurückzukehren, als in der Unbekanntheit zu versinken. Geht’s hier also um eine andere Art des Boxens, mit einem besonderen Twist und neuen Regeln?

Nein, aber beim Boxklub Martinsviertel handelt es sich um ein besonders niedrigschwelliges Sportangebot für junge Menschen zwischen 12 und 21 Jahren, welches aus einer Kooperation zwischen dem Netzwerk Rope e. V., dem SV Darmstadt 98 und der Jugendförderung der Wissenschaftsstadt Darmstadt hervorgeht und an diesem heißen Spätsommertag vorgestellt wird.

Niedrigschwellig und gratis

Wir werden reingerufen, alle strömen in die ehemalige Produktionshalle für Baas-Aufzüge, die mittlerweile eine soziale und sportliche Einrichtung für Kinder und Jugendliche ist. Der Sporthallenboden ist gezeichnet von einigen Jahren an Benutzung. An den weiß-blau bemalten Backsteinwänden blättert die Farbe schon etwas ab. Lediglich die Befestigungen aus schwarzem Metall an den Wänden stechen hervor, denn sie sind neu, genauso wie die Boxsäcke, die an ihnen hängen. Die Hinterhofhalle hat einen etwas rauen, aber herzlich authentischen Charme. Hier hätte auch gut ein Rocky Balboa trainieren können, der als Underdog nach den Sternen greifen will. Langsam füllt sich die Halle. Am Ende kommen rund 120 Besucher:innen.

Ein Mann im beigen Lilien-Pulli schnappt sich das Mikrofon. Sein Name ist Roy Reinelt-Peter, er ist Präsidiumsmitglied beim SV Darmstadt 98. Durch seinen Kontakt zu Rope ist das Projekt ins Rollen gekommen. Gemeinsam habe man überlegt, wie im Martinsviertel ein Sportangebot für junge Menschen entwickelt werden könnte. Daraus entstanden ist der Boxklub Martinsviertel, „ein Ort der Begegnung für junge Menschen in unserer Stadt, die sich vielleicht sonst nie wirklich begegnet wären“, erklärt Reinelt-Peter. Sport schaffe Räume. Diese müssen zunächst nicht perfekt sein, um genutzt zu werden, sagt Roy. Auf die Baas-Halle trifft das auf jeden Fall zu. An diesem späten Nachmittag wünsche ich mir in der vollgepackten Halle und etwa 28 Grad Außentemperatur tatsächlich eine Klimaanlage oder eine gute Belüftung herbei. Ich schwitze schon beim Notizenmachen. Zum Glück hat der Magistrat der Stadt gerade erst eine umfassende Sanierung der Halle für das Jahr 2028 beschlossen, wie später Bürgermeisterin Barbara Akdeniz verkündet, die ebenfalls da ist.

Fotos: Aimée Lorenz

Disziplin, Respekt und Selbstvertrauen lernen

Warum man sich für das Boxen entschieden hat, verrät Reinelt-Peter den Anwesenden auch: „Boxen ist aus unserer Sicht ein Werkzeug, um Disziplin, Respekt und Selbstvertrauen zu lernen. Hier werden Regeln respektiert, Grenzen anerkannt und Verantwortung füreinander übernommen.“ Verdeutlicht wird das auch noch mal durch die Hallenregeln, die auf einem großen Banner für jeden sichtbar an der Wand hängen.

Jetzt geht’s ans Eingemachte. Bryan Dawys Perea Rodriguez stellt sich vor. Gemeinsam mit Nicole Motschmann, die bei der Eröffnung leider verhindert ist, wird er hier künftig das Training leiten. Bryan berichtet davon, wie der Boxsport ihm anfangs selbst geholfen hat, Selbstvertrauen zu finden. Jetzt, als Trainer, habe er eine besondere Bindung zu den Kindern. Sie reden mit einem auch über Themen außerhalb des Sports, die sie gerade beschäftigen, wie etwa Schule, Beziehungen oder Streit mit den Eltern. Ihnen durch den Sport dabei zu helfen, sich mit diesen Sachen auseinanderzusetzen, sei für ihn als Trainer eine große Motivation.

Bevor das Event mit Essen und Getränken ausklingt, gibt es noch eine kleine Trainings-Kostprobe. In einem etwa 30-minütigen Workout zeigen Bryan und einige boxbegeisterte Teilnehmende, was einen künftig beim Boxklub erwartet. Hier geht’s nämlich um die Grundlagen des Boxens, wie man schlägt und sich bewegt sowie das richtige Verhalten, also wann man angreift, wie man ausweicht und natürlich das gemeinsame Zusammenkommen und Sporttreiben, unverbindlich und ohne große Hürden. Gekämpft im Ring wird hier nicht.

Eine Woche später. Ich treffe Bryan vor der Baas-Halle. In 15 Minuten geht das Training los. Einige Jungs sind schon da und spielen drinnen Fußball. Bryan erklärt mir, was es eigentlich als Grundausstattung zum Boxen braucht. Da wären die passenden Boxhandschuhe, Bandagen für die Hände und ein Springseil. Zudem brauchen viele Übungen ein Gegenüber und/oder einen Boxsack. „All das wird hier beim Boxklub Martinsviertel gratis gestellt“, sagt Bryan. Sollte jemand Gefallen am Boxsport finden und mehr machen wollen, kann man zusammen nach einem passenden Verein suchen. Ab da braucht es dann aber auch etwas mehr Ausrüstung, die man sich besorgen muss, wie Kopf- und Mundschutz und richtige Boxschuhe, die die Knöchel besser vorm Umknicken schützen.

Fotos: Aimée Lorenz

Seilspringen zu HipHop-Beats

Wir gehen in die Halle, während ich wieder als fauler Beobachter auf der Bank Platz nehme, finden sich alle Teilnehmer:innen mit Springseilen in der Hand in einem großen Kreis ein. Es ist eine bunte Mischung, die etwa die komplette Alterspanne von 12 bis 21 Jahren umfasst. Bryan macht über eine Box Musik an. Das Surren der Seile vermischt sich mit den Beats der HipHop-Tracks. Zuerst wird normal gesprungen, wie man es vom Seilspringen kennt. Einige der Älteren haben dabei schon eine beachtliche Frequenz drauf. „Jetzt abwechselnd vom linken aufs rechte Bein“: Bryan beginnt die nächsten Sprünge anzusagen. Es folgen alle möglichen Variationen des Rope Skippings. Ein Bein, vor und zurück, Doppelsprünge über Kreuz und im vollen Tempo. Bryan und einige der erfahreneren Teilnehmenden tänzeln förmlich mit dem sich schnell drehenden Seil.

Als Nächstes werden Arme und Beine gelockert und ein paar Kraftübungen gemacht, dann die Handschuhe angelegt und Pärchen gebildet. Spätestens jetzt ist anfängliche Schüchternheit, die einigen Teilnehmer:innen noch anzumerken war, komplett verflogen. Die Freude am gemeinsamen Boxen ist bei allen angekommen, also wurde genau das erreicht, was sich das Projekt vorgenommen hat.

Weiter im Programm. Nun soll man die Schulter des Gegenübers berühren. Diese:r hat die Arme hinterm Rücken verschränkt und muss durch das Bewegen des Oberkörpers ausweichen. Wird man getroffen, wird gewechselt. Weglaufen ist verboten – erst mal. Später darf sich dann doch etwas bewegt werden, mit Ausfallschritten vor und zurück. Es entsteht eine Art Fang-Tanz zwischen den Paaren, der sehr viel Spaß zu machen scheint, denn es wird viel gelacht.

Fotos: Aimée Lorenz
Fotos: Aimée Lorenz

Schlag auf Schlag – aber mit der richtigen Technik

Jetzt erklärt Bryan einen der Grundschläge beim Boxen, den „Jab“. Ich merke, wie ich meine Hand selbst zur Faust balle und überlege, wie ich zu einem Schlag ausholen würde. Spoiler: ziemlich falsch.

Es fängt bei der Fußstellung an, mit einem leichten Schritt nach vorne, dabei werden Hüfte und Schulter der Schlaghand mit eingedreht, denn hier entsteht die Kraft für den Schlag. Damit man sich beim Schlagen nicht an der Hand verletzt, muss man auch noch darauf achten, dass die Hand so gedreht wird, dass die Seite mit dem kleinen Finger nach oben zeigt und man nur mit den Knöcheln von Zeige- und Mittelfinger trifft. Währenddessen ist die andere Hand hoch in der Deckung – wir wollen ja nicht von einem Konterschlag getroffen werden. Alles verinnerlicht? Perfekt!

Jetzt kommen die Übungen alle zusammen. Es geht Schlag auf Schlag. Mir wird klar, auf was man alles gleichzeitig achten muss. Die richtige Schlagtechnik, die Bewegung und Distanz zum Gegenüber, das Ausweichen und dabei die Deckung halten. Mein Kopf raucht, aber es wurde auch ein kleines Feuer entfacht. Denn ich bekomme richtig Lust, selbst die Handschuhe anzuziehen und mitzumachen. Aber nicht heute.

Ich verabschiede mich, habe mir aber vorgenommen, wiederzukommen. An den zwei Tagen, an denen ich als Reporter dabei sein durfte, herrschte eine ansteckende Atmosphäre, selbst mitzumachen. Man spürt, dass hier eine Menge Leute mitwirken, die wirklich Bock auf dieses Projekt haben. Wer also schon immer mal Lust hatte, in den Boxsport reinzuschnuppern und dabei nicht allein sein will, der sollte definitiv in der Baas-Halle vorbeischauen. Jede:r ist willkommen.

Fotos: Aimée Lorenz

Boxregeln – kurz erklärt:

Ich könnte hier jetzt ausführlich auf die Boxregeln eingehen, welche Schläge erlaubt sind, welche Treffer in einem Kampf gewertet werden und welche nicht. Aber beim Boxklub Martinsviertel geht’s ja gar nicht so sehr um diesen Aspekt des Sports, sondern um ein niedrigschwelliges Sportangebot für junge Menschen. Hier kommt man zusammen und lernt gemeinsam die Grundlagen des Boxens sowie die Werte wie einen respektvoller Umgang miteinander und das gegenseitige Unterstützen, für die der Sport steht und die auch außerhalb der Sporthalle wichtig sind.

 

Mitmachen:

Der Boxklub Martinsviertel trifft sich jeden Donnerstag von 17 bis 19 Uhr in der Baas-Halle in der Pankratiusstraße 35. Jede:r kann kostenlos und ohne Anmeldung mitmachen, man braucht nur seine Sportsachen und etwas zu trinken mitbringen. Alle nötigen Materialien fürs Training werden vor Ort zur Verfügung gestellt. Das Angebot richtet sich an junge Menschen zwischen 12 und 21 Jahren. Eltern oder ältere Geschwister/Freund:innen können aber gerne ein paarmal mitmachen, sollte sich jemand gerade am Anfang noch unsicher fühlen.

instagram.com/sportklubmartinsviertel und instagram.com/netzwerkrope

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