Sandra Kucz

Ein Abend im Café Hess. Zwei Gestalten kommen herein. Doch noch bevor die beiden die Theke erreicht haben, stehen zwei frisch gezapfte Helle vor ihnen. Genau das, was sie wollten. Sandra Kucz kennt nicht nur ihre Pappenheimer, sondern auch deren Lieblingsdrinks: Rund neun von zehn Gästen im Café Hess sind Stammgäste. „Die müssen gar nicht warten und sind sofort glücklich“, sagt sie und lacht dieses ansteckende Lachen, bei dem man automatisch mitgrinsen muss. Ein herzliches Auftreten, die Arme voller Disney-Tattoos. Als Thekenmanagerin mit mathemagischen Fähigkeiten – ohne Deckel mit Strichen, die präzise erinnerten Drinks werden am Ende des Abends bezahlt – ist Sandra das Gesicht des Ladens. Oder wie sie selbst sagt: „Ich schmeiße halt die Bar.“ Das Understatement schlechthin.
Ihre Liebe zu Disney reicht bis in die Kindheit zurück: Damals wollte Sandra am liebsten eine Meerjungfrau sein – wie Arielle. Unter Wasser zu leben schien einfach cooler als an Land. Nur die Umsetzung gestaltete sich schwierig. Die heute 40-Jährige wurde im niedersächsischen Soltau geboren, wuchs aber in Darmstadt auf. Die Sommerferien verbrachte sie oft bei ihrer Tante in Hamburg, die in einem Restaurant arbeitete. Bei Fassbrause und Pommes wurde die Welt hinter dem Tresen früh zu ihrer zweiten Heimat.
Ihren heutigen Chef Ben Gustke kennt Sandra seit der gemeinsamen Ausbildung im Hotelfach. Schon damals malte er sich aus, irgendwann einen eigenen Laden zu haben – und zwar mit ihr im Team. Dass daraus tatsächlich einmal Realität würde, glaubte Sandra damals noch nicht so recht. Nach der Ausbildung arbeitete sie erst im Catering-Unternehmen ihrer Mutter, dann neun Monate im Megapark auf Mallorca. Dort erreichten sie Fotos einer Darmstädter Baustelle: Ben baute gerade das Café Hess auf. Es passte perfekt.
Seit der Eröffnung 2015 steht Sandra dort hinter der Theke. Und zwar meistens ganz allein. Das hat seine Vorteile, zum Beispiel die Alleinherrschaft über die Playlist. Die Ärzte haben dabei ziemlich gute Karten, immerhin wäre Farin Urlaub Sandras persönlicher Wunschgast im Café Hess. Bei der Arbeit braucht sie aber nicht nur Musikgeschmack, sondern auch eine gewisse Autorität. „Viele Männer – oder allgemein: Menschen – denken ja, eine Frau, die kann sich nicht durchsetzen“, sagt sie. Deshalb versuche sie, „schon auch ein bisschen streng zu wirken“.
Seit Ben Gustke 2021 zusätzlich den Biergarten Fohlenhof am Bürgerpark übernommen hat, ist Sandra auch dort regelmäßig im Einsatz: im Sommer sonntags, außerdem bei Hochzeiten oder Geburtstagen. Und wenn „Not am Tier“ ist, natürlich auch. Als Hofkater Schlingel sich im vergangenen Jahr schwer verletzte, war es Sandra, die seine Zunge hielt, damit diese wieder angenäht werden konnte. Heute geht es dem heimlichen König des Fohlenhofs zum Glück wieder gut und er hat seine Regentschaft wieder aufgenommen.
Sandras Schicht beginnt um 17 Uhr und endet am Wochenende schon mal um drei oder vier Uhr morgens. Zu Hause schaut sie dann oft noch einen Film, um ein bisschen runterzukommen. Weil sie arbeitet, wenn ihre Freund:innen frei haben, ist gemeinsame Zeit rar. „Freundschaften, die so was über Jahre aushalten, sind echt viel wert“, weiß die Thekenmanagerin. Manchmal kommen ihre Freund:innen aber auch im Café Hess vorbei, damit sie sich sehen.
Die Ruhe, die ihr der laute Job sonst selten lässt, findet Sandra auf der Rosenhöhe oder im Wald – gerne beim Radfahren oder Joggen. Montag ist ihr „Ausruhtag“, abends geht’s aber trotzdem zum Roller-Derby-Training bei den Riot Rollers. Dort heißt sie „Sändra Supperstar“. Der Spitzname stammt noch aus der Berufsschule, wo sie mit ihrem familiären Gastro-Hintergrund eine echte Überfliegerin war. Inzwischen hat er es sogar auf den Café-Hess-Merch geschafft: „Sändra’s Liebling“ steht auf den neuen Shirts.
Unter Wasser lebt Sandra nicht – und trotzdem ist sie ganz in ihrem Element. Und wenn Farin Urlaub eines Tages tatsächlich im Café Hess auftaucht, muss wahrscheinlich selbst Sändra Supperstar ausnahmsweise fragen, was er trinken möchte.
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