Illustration: Daniel Wiesen

Seit Jahren, immer wenn Aktenzeichen XY läuft, liege ich meiner Frau in den Ohren: „Wenn mich diese falschen Polizisten mal anrufen und meine Kohle wollen, dann bin ich bereit!“ Nicht aus Abenteuerlust, sondern weil ich diese Masche so perfide und zum Kotzen finde – und weil ich weiß, wie viele Menschen durch solche Anrufe um ihr Erspartes gebracht werden.

Vielleicht war ich naiv, vielleicht ein bisschen zu selbstsicher. Wie ein Elfmeter, von den man immer wieder träumt: schön geschossen, aber nie gespielt. Doch an jenem Morgen war es dann tatsächlich so weit. Endlich.

Gegen 10 Uhr – ich war ausnahmsweise im Homeoffice – klingelte mein Festnetztelefon. Ja, wir haben tatsächlich noch so ein Teil. Man trennt sich halt nicht gerne von gewohnten Sachen – auch wenn sie eigentlich kaum noch genutzt werden. Ihr kennt das. Am anderen Ende war ein Mann, der sich als Mitarbeiter der Kriminalpolizei vorstellte. Man habe eine Einbrecherbande festgenommen und bei den Tätern einen Zettel mit meinem Namen und meiner Adresse gefunden. Aus Sorge um meine Sicherheit wolle man nun überprüfen, ob die Angaben korrekt seien. „YES!“, rief ich innerlich. Ich bin bereit. Let the game begin!

Er nannte mich „Herr Hoffmann“ – und an dieser Stelle hätte das Ganze schon scheitern können, da ich ja gar nicht Hoffmann heiße. Spoiler: Laut der echten Darmstädter Kripo hatten sich die Betrüger wahrscheinlich verwählt – der echte „Herr Hoffmann“ wohnt in einer ganz anderen Straße. Doch statt zu widersprechen, nahm ich den Ball auf. Ich gab meine echte Adresse an und begründete den vermeintlichen „Umzug“. Mein Ziel war es ja, die Brüder zu mir zu locken.

Schnell noch den Lautsprecher vom Festnetztelefon an, mein Handy im Aufnahmemodus, mich so gut wie möglich verstellen und versuchen, als ängstlicher, alter Mann rüberzukommen.

Die Fragen wurden schnell konkreter: Ob ich einen Tresor habe, welche Wertsachen, wie viel Bargeld. In mir stieg eine Mischung aus Befangenheit, Neugier und einer unerwarteten Bereitschaft: Was wäre, wenn ich wirklich plötzlich Teil dieser Geschichte wäre? Ich sprach von Goldmünzen, Schmuck und circa 16.000 Euro Bargeld – frei erfunden, aber wahrscheinlich genau richtig, um glaubwürdig zu klingen.

Dann kam die Ansage: Seine Chefin werde sich bald melden, um alles Weitere zu klären. Ich sagte, dass ich mir gerade Badewasser eingelassen habe und dieses tägliche Ritual rund 20 Minuten in Anspruch nehmen würde. Wir vereinbarten den Rückruf seiner „Vorgesetzten“ circa 30 Minuten später. Genau die Zeit, die ich brauchte um die echte Kripo zu informieren.

Falsches Namensschild, echte Betrügerbande

Während ich also mit der echten Polizei telefonierte und ihnen mitteilte, das wir hier eine „Situation“ haben, brachte ich noch schnell ein Namensschild mit „Hoffmann“ an Klingel und Briefkasten an. Ich dachte mir: Wenn schon, dann richtig. Mit allem Drum und Dran.

Die Kripo war natürlich sehr interessiert und so versuchten sie erst mal genügend Kolleg:innen zu mobilisieren. Sie vereinbarten mit mir, dass sie sich gleich wieder auf meinem Handy melden würden.

Kurz darauf meldete sich „Frau Krämer“, die vermeintliche Chefin der Betrügerbande. Sie fragte mich fast fürsorglich nach meinem Alter. Ich sagte: „76“. Sie meinte, ich klinge eher wie 46 – der zweite Moment, in dem alles hätte zusammenbrechen können. Ich bedankte mich aber für das Kompliment und erwiderte, dass ich scheinbar recht jung geblieben sei. Offenbar überzeugend genug.

Es folgten Fragen nach meinem Leben: ob ich alleine wohne, ob jemand regelmäßig bei mir zu Besuch ist, wann der Pflegedienst kommt. Natürlich war ich verwitwet und empfing keine Besuche – bis auf den Pflegedienst, der einmal die Woche kommen würde. Ich versuchte taktisch vorzugehen und meine Situation so darzustellen, dass sie mich hilflos und abhängig wirken ließ, ganz so, wie sie es hören wollten.

Imaginäre Goldmünzen und erfundenes Bargeld

Ich sollte also nun aufzählen, was ich so alles besitze. Vor allem an den Goldmünzen waren sie interessiert. Also schnell parallel die Suchmaschine angeschmissen und geschaut, was so die teuersten Goldmünzen sind, die man käuflich erwerben kann. Ich erzählte ihr von einigen „Krugerrand-Münzen“ und mehreren kleinen Goldbarren. Nun wollte sie auch noch, dass ich das Bargeld in Form von 100- und 500-Euro-Scheinen zählte. Also ging ich zu meinem Drucker, nahm das Papier und zählte laut meine „Scheine“. Wir kamen auf 50 mal 100 Euro und 31 mal 500 Euro.

„Gut Herr Hoffmann, zur Wertermittlung müssen Sie nun die ganzen Sachen zu unserer Polizeiwache in Frankfurt bringen.“ Dass mir dies als „älterer, gehbehinderter Mann“ nicht möglich war, darauf spekulieren sie ja. Ich verneinte also und – so ein Zufall: Der Herr Staatsanwalt könne einen Kurier vorbeischicken und die Sachen für mich zur Polizei bringen. Welch ein Glück. Ich bedankte mich fast überschwänglich.

Nun erhielt ich konkrete Anweisungen: Etwas Blickdichtes zum Verpacken suchen. Ich legte den Hörer zur Seite – Auflegen darf man ja nicht, da legen sie wert drauf … größtmögliche Abschottung zur Außenwelt – und ließ mir sehr lange Zeit, etwas zu suchen. In Wirklichkeit telefonierte ich per Handy mit der echten Kripo, die schon unterwegs waren.

Zurück am Betrüger-Telefon dann der große Schock: Der Akku meiner Festnetz-Handgurke war leer und das Gespräch somit abgebrochen. Alles klar, dachte ich mir, das war’s! Die melden sich nicht mehr. Dennoch schnell die Akkus ausgetauscht.

In der Zwischenzeit war die echte Kripo angekommen und ich erzählte ihnen, was bisher geschah. Sie waren sich sicher, dass sich „Frau Krämer“ noch mal melden würde, schließlich waren sie scharf auf mein Gold.

Und tatsächlich war es auch so.

„Frau Krämer“ bat mich, nun alles sicher zu verpacken und zu meiner eigenen Sicherheit – sie waren extrem um meine Sicherheit besorgt, das erwähnte sie immer wieder – die Tüte in den Hof stellen und mich zu Hause einzuschließen. Schließlich sei ja noch ein Täter auf der Flucht und man habe ihn in meiner unmittelbaren Nähe geortet.

Auf frischer Tat ertappt

Gesagt, getan. Die Polizei positionierte sich in und um meine Wohnung herum – und nun hieß es warten. Ziemlich genau eine halbe Stunde später öffnete sich das Hoftor und jemand wollte die Tüte an sich nehmen.

Zack! Zugriff.

Die Polizei bedankte sich bei mir – und ich war froh, dass der Spuk – auch wenn ich ihn mir ursprünglich herbeigewünscht hatte – nun endlich vorbei war. Das ganze Szenario zog sich knapp fünf Stunden hin. Ich war müde und musste erst mal was essen. Was ein Ritt.

 

Warum ich diese Geschichte erzählt habe:

1. Weil es ’ne Mörderstory ist.

2. … und das ist der eigentliche Grund:
 Weil Betrüger am Telefon eine ganz bestimmte Technik nutzen, die auch nach Jahrzehnten immer noch funktioniert. Sie schaffen Druck, Verwirrung und das Gefühl, in unmittelbarer Gefahr zu sein. Viele Menschen – besonders ältere – geraten dadurch in Stresssituationen, in denen sie Dinge tun, die sie sonst nie machen würden.

Darum möchte ich noch einige Ratschläge für Euch und Eure Liebsten – Eltern, Großeltern und alle ,die davon betroffen sein könnten – geben:

Wichtige Hinweise:

• Die echte Polizei fragt niemals telefonisch nach Bargeld oder Wertsachen.

• Es kommt niemals vor, dass Polizisten am Telefon sagen, sie würden Geld oder Schmuck abholen.

• Zeitdruck, Geheimhaltung und klare Anweisungen wie „Bleiben Sie am Telefon“ sind typische Manipulationstechniken.

Und dann ist da noch diese KI.
In letzter Zeit häufen sich Anrufe, bei denen auch Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt. Stellt Euch vor, Eure Eltern erhalten einen Anruf – und Eure Stimme ist zu hören. Meist seid „Ihr“ in einem Unfall verwickelt und müsst eine hohe Kaution zahlen. Diese Art von Schockanrufen sind besonders perfide. Eltern und Großeltern machen natürlich alles, um ihren (Enkel-)Kindern zu helfen – und schon steht jemand vor der Tür, um die Kaution in Empfang zu nehmen.

Mein Tipp: Vereinbart mit Euren Eltern oder Großeltern ein Kennwort, das nur Ihr kennt. Wenn dieses dann bei Nachfrage nicht vom vermeintlichen (Enkel-)Kind genannt werden kann: sofort auflegen!

Generell: Auflegen ist erlaubt. Misstrauen ist kein Zeichen von Unhöflichkeit. Und: Hilfe holen ist keine Schwäche!

Fazit: Ich hatte Zeit, Vorbereitung und Glück. Andere haben das nicht. Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen.