Abbildung: Marie-Theres Nolde

Wie geht ein gesunder Umgang mit Handy, Social Media & Co.? In Darmstadt gibt es ein Haus der digitalen Medienbildung und Angebote in Sachen Medienbildung für Kids und Jugendliche. Aber wird diese Kompetenz auch (ausreichend) genutzt? Eine kritische Analyse.

 

Stell Dir vor: Du bist neu geboren, alle haben sich sehr gefreut, brachten Geschenke – vom kuscheligen Swaddle zum Pucken bis zum Heated Tummy Wrap – und wünschten Dir nur das Beste. Da tritt die 13. Fee an Dein Moseskörbchen und legt etwas zwischen Deine winzigen Fingerchen: „Nimm das. Es soll zu Dir gehören wie ein Teil Deines Körpers, Deiner Seele soll es gar zum Wichtigsten werden. Allerdings weiß niemand, ob es Dir zum Guten oder zum Schlechten gereicht. Weil eigentlich keiner damit umgehen kann. Komm also selbst klar!“ Deine Eltern machen gerührt Fotos – die winzigen Fingerchen! – und teilen sie mit der ganzen Welt. Kein Märchen, sondern Realität.

Erst einmal die Fakten: Zum kindlichen Nutzungsverhalten von Social Media und anderen Onlineangeboten werden regelmäßig Studien durchgeführt – KIM (Kindheit, Internet, Medien / 6 bis 13 Jahre), MiniKIM (2 bis 5 Jahre) und JIM (14 bis 19 Jahre). Daraus lässt sich Folgendes ableiten: 44 Prozent der 2- bis 5-Jährigen nutzen täglich und regelmäßig verschiedene digitale Angebote wie Spiele, Streams und Apps. Mit durchschnittlich 8 1/2 Jahren bekommen Kinder ein eigenes Smartphone, 80 Prozent der 13-Jährigen besitzen eines und nur 5 Pozent der 17-Jährigen haben keines. Daneben stehen die Ergebnisse der Studien, die zeigen, wie schädlich, gar fatal sich der falsche Umgang mit dem Handy auf Leib, Geist und Psyche bei Heranwachsenden auswirken kann.

Social-Media-Nutzung kann Selbstwert- und Körperbildstörungen verursachen. Sozialer Vergleich, öffentliche Bewertung und Cybermobbing können Angst und depressive Symptome hervorrufen. Körperliches Wohlbefinden, Schlafverhalten, Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstregulation können beeinträchtigt und eine gesunde Identitätsbildung sowie der Aufbau sozialer Beziehungen gestört werden.

Dass simple Verbote – ob generell durch die Politik, in Schulen oder im Elternhaus – keine nachhaltigen Lösungsansätze sind, ist inzwischen den meisten klar. Wer sich mit australischen Eltern unterhält (dort gilt seit Dezember 2025 offiziell ein Social-Media-Verbot für Minderjährige), erfährt, dass die Plattformen gar nicht, wie gefordert, dafür sorgen, dass Unter-16-Jährige keinen Zugang bekommen. Wer einmal nach Schulschluss am Schultor beobachtet, wie Kinder gebannt auf ihre endlich wieder funktionierenden Apps starren, bekommt vielleicht eine Gänsehaut.

Zugang zu sämtlichen Online-Angeboten

Smartphones sind eine Lebensrealität der Hälfte der Kinder und fast aller Teenager, die damit einen täglichen Zugang zu sämtlichen Online-Angeboten in ihren Händen halten. Dazu gehören neben der Kommerzialisierung der Kindheit auch Gewalt, Pornografie, Cybermobbing und -grooming sowie politische und gesellschaftliche Manipulation. Lösungsansätze liegen nicht im Verbot, sondern im Erlernen eines gesunden Umgangs damit.

Es sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass einem Großteil der Eltern offenbar die Erziehungskompetenz fehle, diesen gesunden Umgang mit digitalen Endgeräten zu vermitteln, erzählt mir Ilona Einwohlt, Bildungsreferentin für das Haus der digitalen Medienbildung (HddM) in Darmstadt. Überlastete, unsichere Eltern, die in einem durchgetakteten Alltag funktionieren, aber keinerlei Vorstellung von einer notwendigen digitalen Gesundheit haben, überlassen ihre Kinder an den Endgeräten quasi sich selbst. Konsequent dazu werden Kinder autodidaktisch relativ schnell fit im digitalen Raum, können jedoch das Vertrauen in ihre Eltern verlieren. Übrigens hier wie auch im restlichen Leben.

Studien belegen, dass gesellschaftliche Krisen die psychische Belastung und Verunsicherung von Eltern erhöhen können. Das nimmt Einfluss auf die Fähigkeit, ihren Kindern emotionale Sicherheit und Orientierung zu geben. Stattdessen können sie Stress und Angst übertragen. Ein so erfahrener Vertrauensverlust in die Eltern kann Kinder zwingen, eigene Wege zu beschreiten, um das Leben selbst zu meistern – ohne das emotionale und praktische Rüstzeug eines Erwachsenen. In Büchern und Filmen wird das gern erzählt: Pipi Langstrumpf, Momo und die rote Zora kriegen das alles sehr gut hin. Aber wie sieht es in der Realität aus?

„Es tut mir in der Seele weh, dass Kinder mit elf Jahren wissen, wie man Gewalt, Porno, Cybergrooming, DickPics und Tierquälerei blockiert, während die Eltern diese Themen auf dem Handy ihrer Kinder völlig ignorieren“, erklärt Ilona Einwohlt.

Die durchschnittliche Smartphone-Screentime der 12- bis 18-Jährigen beträgt 231 Minuten pro Tag. Beinahe vier Stunden. Das könnte alarmierend wirken. Wenn man einen Unterschied zwischen analogem und digitalem Leben macht und Letzteres nicht als wahrhaftiges Leben annimmt. Doch das wäre ebenso unterkomplex wie der Ruf: Nehmt ihnen die Handys weg!

Social Media erfindet Zugehörigkeit, Freundschaft, Konflikt und Identitätsbildung nicht neu – es verändert aber deren Geschwindigkeit, die Dauerhaftigkeit beziehungsweise Nachhaltigkeit und deren Messbarkeit. Kinder und Jugendliche müssen nicht aus digitalen sozialen Beziehungen herausgehalten werden. Stattdessen gilt es, ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, die offline genauso wichtig sind – Grenzen setzen, Konflikte austragen, Gruppendruck erkennen, solidarisch handeln, mit Ablehnung umgehen und sich in der Not Hilfe holen. Hinzu kommen spezifisch digitale Kompetenzen wie Öffentlichkeit zu verstehen und Privatsphäre zu wahren, falsche Inhalte zu erkennen und deren Weiterverbreitung zu unterbrechen, Algorithmen und Werbung zu durchschauen sowie digitale Gruppendynamiken zu reflektieren und die eigene Nutzungsdauer zu regulieren. Das nennt man Medienkompetenz.

Hat gerade jemand in einer flotten Selbstreflektion laut aufgelacht? Ich lache mit Dir.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Wer vermittelt diese Medienkompetenz, wenn Eltern überfordert sind, die Schule keinen Platz dafür im Lehrplan findet und die Politik weder strukturelle Veränderungen will noch sich an die Plattformen selbst herantraut? Denn auch das ist wichtig zu verstehen: Der digitale Raum besteht aus kommerziell betriebenen, algorithmisch geordneten, datenproduzierenden Infrastrukturen. Die Verantwortung des Aufenthalts darin kann und darf nicht ausschließlich individualisiert werden.

Abbildung: Marie-Theres Nolde

Plattformkompetenz hilft!

Vor der Medienkompetenz steht die Medienbildung. Gute Medienpädagogik generiert nicht nur Aufrufe wie „Poste keine privaten Bilder!“ oder „Benutze Dein Handy weniger!“, sie vermittelt auch Plattformkompetenz. Warum wird mir genau dieses Video angezeigt? Warum hat ein Feed niemals ein Ende? Wer will, dass ich hier bleibe und warum? Was weiß die Plattform über mich? Wie beeinflussen mich Likes darin, ob ich etwas als wichtig oder normal empfinde?

Genau hier setzt das HddM, ein Projekt des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e. V. (MuK) und der Stadt Darmstadt, an. Es organisiert Veranstaltungen zur Medienbildung. Dabei steht der persönliche Umgang mit digitalen Geräten, sich selbst und anderen Menschen im Fokus. Das Bildungsangebot richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, an Eltern und Pädagog:innen.

„Ich habe 2021 allen Darmstädter Schulen eine Kiste mit Medienchecks vor die Tür gestellt“, erzählt Ilona Einwohlt. Über die Hälfte der Darmstädter Grundschulen nehmen inzwischen an den vom Institiut angebotenen Medientagen teil. Die Schüler:innen checken gemeinsam ihr Medienverhalten: „Im Stuhlkreis erzählen sie ohne jede Scheu von ihren Erfahrungen im digitalen Raum.“ Das ist wichtig für eine Einordnung. Oft haben sie dieses Vertrauensverhältnis zu ihren Eltern nicht (siehe oben). Die könnten ja genervt sein, schimpfen oder ihnen das Handy wegnehmen.

Workshops mit Realitycheck

Die Ergebnisse der Workshops sind wenig didaktisch und sehr kindgerecht. Mithilfe gestellter „iPads“ entstehen Comics, Plakate und kurze Filme zu selbstgewählten Themen. In den weiterführenden Schulen sind diese oft Cybergrooming und -mobbing. „In den Comics und Videos wird der Groomer dann ermordet“, hat Ilona Einwohlt beobachtet. In den 5. und 6. Klassen erweitern sich die Workshops um Fragen wie „Ist Social Media demokratisch?“. Sie werden von den Schüler:innen audiovisuell beantwortet.

Das (für Darmstädter Schulen) kostenfreie Angebot wird hauptsächlich von Haupt- und Gesamtschulen in Anspruch genommen. Dass sich die Gymnasien eher bedeckt halten, wirft (meiner Meinung nach) Fragen auf, die einen eigenen Artikel verdienten.

Außerschulisch findet man das Haus der digitalen Medienbildung ebenfalls im Darmstädter Raum vertreten – zum Beispiel am Aktivspielplatz, beim Schlossgrabenfest oder am Weltkindertag auf dem Marktplatz. Das (sehr nette) Team erwartet Euch dort unterm Pavillon mit dem eigens vom Werkhof gebauten Medien-Quizrad. Wer sich traut, mitzuspielen und sich den Challenges stellt („Lösche sofort eine App!“) kann ein Schokoladenhandy gewinnen – in manchen Situationen vielleicht die bessere Alternative. „Wir wollen Werte, Haltung und Kompetenz vermitteln“, sagt Ilona Einwohlt. Darum bietet das HddM auch kostenfreie Medienschulungen für Menschen aus der Jugendpädagogik sowie Elternabende an.

„Eigentlich müssten Workshops zur Medienkompetenz genauso wie die Drogenprävention an die Schulen gebracht werden“, findet die Bildungsreferentin. Doch noch hängt Medienbildung an der Initiative engagierter Einzelpersonen. Als wäre das Ganze ein kleiner Sidequest. Wer die Brisanz darin gerade nicht versteht, der lese diesen Artikel bitte noch einmal. Ilona Einwohlt betont: „Die vorhandenen Angebote sind bereit für eine strukturelle Lösung.“ Und die ist unbedingt notwendig.

Infoveranstaltung „Scrollen, Zocken, Streamen …“

Warum üben soziale Netzwerke, Gaming-Angebote und digitale Plattformen eine so große Anziehungskraft aus? Wie viel Mediennutzung ist „normal“? Wann wird sie problematisch? Und wie können Eltern und Fachkräfte junge Menschen kompetent begleiten? Diesen Fragen widmet sich die Infoveranstaltung „Scrollen, Zocken, Streamen – Medienkonsumtrends bei Jugendlichen“. Unter dem Stichwort „digitale Pubertät“ liefern Vertreter:innen aus Medienpädagogik, Erziehungsberatung, Suchthilfe und Prävention fachliche Inputs. Mit dabei sind: das Haus der digitalen Medienbildung (HddM) / Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e.V. (MuK), das Medienzentrum des Landkreises Darmstadt-Dieburg, die Fachberatung bei Problemen mit Gaming und Medien des Caritasverbandes und die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des Landkreises Darmstadt-Dieburg:

Hoffart Theater | Mi, 16.9. | 16 bis 18 Uhr | Die Teilnahme ist kostenfrei, um Anmeldung per Mail wird bis 7.9. gebeten: fsp@ladadi.de

 

Jugendsummit zum Thema „Social Media (Verbot)“

Das MuK freut sich, für das Hessische Sozialministerium am 19. September in Darmstadt ein Jugendsummit zum Thema „Social Media (Verbot)“ ausrichten zu dürfen. Dabei sollen „junge Menschen“ ihre konkreten Bedarfe und Forderungen zu digitalen Lebenswelten gemeinsam erarbeiten und formulieren. Diese Ideen fließen als Impulse in die Anträge der Jugend- und Familienministerkonferenz (JFMK) ein. Die Teilnehmer:innen kommentieren und bewerten außerdem die 56 Empfehlungen der Bundes-Expertenkommission.

In Darmstadt (Ort wird nach Anmeldung bekanntgegeben) | Sa, 19.9. | Anmeldung bis 15.9. per Mail an anmeldung@muk-hessen.de

 

Weitere Infos + eine Lesung mit Gespräch

Weitere Informationen zum Haus der digitalen Medienbildung sowie alle Angebote für Kinder, Jugendliche, Pädagog:innen und Eltern findet Ihr online unter:

hddm-darmstadt.de

Und noch ein weiterer Veranstaltungstipp für Pädagog:innen und Eltern – save the date!

Lesung und Gespräch mit dem Lehrer und Autor Thomas Hillers („Die Social-Media-Sprechstunde – Was unsere Kinder online erleben und wie wir sie schützen“):

Nachbarschaftsheim (Schlösschen im Prinz-Emil-Garten) | Mi, 21.10. | 19 Uhr | Eintritt frei