
„Unerwartetes zu entdecken, ist das Schönste“
Ein Wochenende auf Reisen gehen, ohne die Stadt zu verlassen: Wer sich auf die bildgewaltigen Vorträge des Weitsicht-Festivals einlässt, kann abtauchen in andere Länder, Kulturen und Gesellschaften, sich in ihnen verlieren und mit neuer Begeisterung wieder zurückkehren in den Alltag. Sensibilisieren und begeistern möchte Organisator Jens Steingässer mit seinem dreitägigen Reise-Reportage-Abenteuer-Event, das dieses Jahr zum 21. Mal in Darmstadt stattfindet (vom 30. Oktober bis 1. November im Darmstadtium). Was 1993 in Frankfurt als Dia-Vorträge-Sammlung in abgedunkelten Sälen begann, ist mittlerweile eine audiovisuelle Komposition aus multimedialen Geschichten, die von unterschiedlichsten Persönlichkeiten erzählt und präsentiert werden. Das P traf Jens zum Blackbox-Interview, um noch mehr zu erfahren.
Für noch nie Dagewesene: Wie erklärst Du die Idee hinter der Weitsicht?
Jens Steingässer: Ich sehe die Weitsicht wie ein Kurzreise-Wochenende durch die Welt, nur ohne CO2-Fußabdruck. Es geht um echte Geschichten und eine globale Gesellschaft, die in Darmstadt live auf die Bühne gebracht werden. Es gibt jeden Tag vier Vorträge – plus einen am Freitagabend. Jeder Vortrag ist komplett anders, hat eine ganz andere Ansprache und einen ganz anderen Klang. Weitsicht auf der Bühne bedeutet, dass echte Menschen authentisch präsentieren und erzählen, und Resonanz zwischen Publikum und Referierenden entsteht. Und trotz der Größe – mittlerweile passen 1.300 Leute in den Saal – ist alles ganz persönlich, als säße man gemeinsam im Wohnzimmer und hört sich beim Geschichtenerzählen zu.
Wie bist Du zur Weitsicht gekommen?
Nach meinem Abitur erlebte ich einen Vortrag von Dieter Glogowski, dem ursprünglichen Gründer der Weitsicht, der mit grandioser Fotografie über die Menschen und die Gesellschaft im Himalaya erzählte. Da saß ich und dachte: Das will ich auch mal machen. Ich habe dann mit ein paar Umwegen Fotografie studiert, immer mit dem Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen. Mein erster Kontakt mit Dieter Glogowski war erfolglos – nachdem ich dann Praktika und einen längeren Auslandsaufenthalt hinter mir hatte und mitten im Fotografiestudium war, arbeiteten wir schließlich zusammen an einem weiteren Himalaya-Projekt. Mein erster eigener Vortrag hatte dann Premiere auf der Weitsicht. Dieser Kontakt zum Festival ist seitdem bestehen geblieben, ich habe danach quasi bei Dieter Glogowski mitgearbeitet. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich die Weitsicht übernehmen will, weil er langsam in den Vorruhestand gehen wollte. Meine Leidenschaft war immer die Fotografie, aber eben auch das Davor, das Dahinter und das Drumherum. Ich wollte nie nur der Fotograf sein, sondern wissen, wie man das gestaltet und ein Konzept aufbaut. Fotografie ist ja eigentlich immer nur ein Transportmittel für die Botschaften. Auch die Musik als Soundtrack zu den Geschichten war für mich immer schon wichtig. Genau das findet sich in solchen Vorträgen wieder, wie man sie auf der Weitsicht sieht.
Wie hat sich die Weitsicht verändert, seit Du sie machst?
Ich habe das Festival kurz vor Corona übernommen, und da hat sich natürlich erst mal extrem viel verändert, die Herausforderungen waren immens. Und in den letzten Jahren hat sich technisch, thematisch und darstellerisch sehr viel getan. Wir als Veranstaltende sind Schnittstelle zwischen dem Publikum und denen, die die Geschichten konzipieren und realisieren. Man merkt, dass die Person auf der Bühne immer wichtiger wird. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr nur auf der riesigen Leinwand, die bildgewaltig gefüllt werden soll, sondern es geht viel mehr um Storytelling. Die Geschichten haben einen viel authentischeren, subjektiveren Zugang in der Erzählweise. Damit hat sich schon einiges geändert, auch im Programm, aber das Portfolio der Vorträge ist dadurch auch viel reichhaltiger geworden. Die technischen Veränderungen haben auch interessante Auswirkungen: Zum Beispiel kann man mittlerweile die Redner:innen gezielt beleuchten, was auch zur Entwicklung hin zum Fokus auf die Menschen zu den Geschichten passt. Früher brauchte man, damit die Bilder wirken, komplette Dunkelheit. Und den Einfluss von sozialen Medien spürt man natürlich auch. Das hängt alles zusammen, der Fokus verändert sich.
Bringt das nicht auch Herausforderungen mit sich?
Natürlich. Heute kann man die tollsten Reportagen einfach anklicken, wann man will. Warum sollte man sich dann noch ein Ticket für so ein Festival kaufen, warum live angucken, wenn man es sich zu Hause gemütlich auf dem Rechner oder dem Handy anschauen kann? Aber: Es geht immer um die Resonanz, die man dabei spürt. Und das ist der große Anspruch, mit dem ich mich tagtäglich beschäftige: Wie kann man Menschen, die noch nie auf der Weitsicht waren, erklären, was sie eigentlich ist, wie kann man sie dafür gewinnen – und wie entsteht ein Programm, das das Publikum abholt – und gleichzeitig meinen Anspruch deckt?
Wie suchst Du die Gäste für die Weitsicht aus?
Wir werden heute jeden Tag von umwerfenden Bilderwelten überrollt. Deshalb ist mir das Wichtigste bei einem Vortrag, dass er, egal wodurch, wirklich nachhaltig bewegt und inspiriert. Gleichzeitig braucht das Wochenende einen Mix aus klassischen Ländervorträgen und ganz subjektiven Abenteuergeschichten, mit dem eben angesprochenen Fokus auf die Person und das Storytelling. Die Programmauswahl macht mir riesigen Spaß! Und dafür gucke ich mir auch selbst einfach sehr viel live an. Es gibt echt gute Geschichtenerzähler und Geschichten, aber neunzig Prozent davon sind so dröge wie ein Standard-Reiseführer. Das hat natürlich früher gut funktioniert, als es sonst eigentlich nur große Bildbände mit sehr klassischer Fotografie gab. Ich bin da immer sehr kritisch herangegangen. Aus der breiten Masse gefallen mir persönlich eigentlich nur etwa fünf Prozent der Inhalte und Geschichten wirklich.
Was ist besonders am Programm dieses Jahr?
Am Freitagabend [30. Oktober um 19.30 Uhr] macht der begnadete Schweizer Fotograf Manuel Bauer den Auftakt, der seit dreißig Jahren der Haus- und Hoffotograf des Dalai Lama ist. Wenn jemand wie er über das Leben des Dalai Lama erzählt, ist es schon etwas Besonderes. Er ist überall und immer dabei, und plaudert auf der Bühne aus dem Nähkästchen. Das ist wirklich einmalig. Ein ganz besonderer Vortrag ist auch „Italien – Luigi muss nach Hause“ [am Sonntag, 1. November]: Gereon Roemer und Martin Buschmann schaffen es wirklich, dieses italienische Dolce Vita, dieses Lebensgefühl, auf eine ganz einzigartige Art auf die Bühne zu bringen. Das ist etwas Leichtes, das dann auch mal guttut, gerade wenn man vielleicht am Abend vorher [um 20 Uhr] den Syrien-Vortrag gesehen hat. Und generell kann man natürlich ganz viel entdecken, auch Sachen, die man vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Oft sind die Vorträge, die als Nischenthemen im Vorverkauf gar nicht so gut laufen, dann die Perlen des Festivals – Besucher:innen, die über den Tagespass quasi „versehentlich“ zum Vortrag gekommen sind, kommen absolut begeistert wieder heraus. Unerwartetes zu entdecken, ist eigentlich das Schönste.
Gibt es eine Aufgabe, die das Festival für Dich zu erfüllen hat?
Es hat immer eine Botschaft dabei zu sein, das ist klar. Es sollen gute Geschichten in eine kritisch zu betrachtende Welt hineingetragen werden, sie sollen Mut zu Veränderungen machen. Es ist toll, wenn die Leute inspiriert werden und merken, dass viele Vorstellungen, die sie über andere Länder, andere Menschen, andere Kulturen hatten, durch neue Sichtweisen bereichert worden sind. Also Weltoffenheit – das finde ich gerade in dieser Zeit immer wichtiger. Nachhaltiges Reisen sollte deshalb auf jeden Fall in den meisten Vorträgen mit angesprochen werden. Gerade deshalb finde ich es so toll, dass es diese Vorträge gibt: Man kann an dem Wochenende quasi eine kleine eigene Reise machen und zumindest ein bisschen Fernweh bei der Weitsicht stillen. Früher gab es immer noch eine riesige Reisemesse im Foyer, die ich ganz bewusst eingestellt habe, weil ich diese Reisevorträge nicht als Werbeveranstaltung fürs Reisen sehe. Ich will nicht, dass die Leute direkt danach rausgehen und bei einem Reiseveranstalter ihre Arktis-Kreuzfahrt buchen.
Wie gehst Du mit diesen Widersprüchen wie zum Beispiel Reisen und Klimawandel um?
Es geht mir viel darum, die Sensibilität zu schärfen. Das Programm soll „vollwertige“ Kost sein, die gerne auch mal etwas schwerer verdaulich ist und neben der Unterhaltung auch zum Nachdenken anregt. Es gibt eigentlich immer ein, zwei Vorträge, bei denen ich selbst denke: Hoffentlich geht das gut! Aber ich will sie unbedingt dabei haben. Zum Beispiel der Vortrag „Das neue Syrien“ dieses Jahr [am Samstag, 31. Oktober, um 20 Uhr]. Der Erzähler Lutz Jäckel ist grandios, er trifft genau den richtigen Ton, um auch schwergängige Themen wirklich erzählenswert für neunzig Minuten zu machen. Wenn man das kann, ist das ein enormer Mehrwert für die Menschen: Man bekommt ein Thema, mit dem man sich sonst nur schwer auseinandersetzt, noch einmal ganz anders präsentiert und findet vielleicht einen ganz anderen Zugang dazu.
Bist Du denn selbst noch viel unterwegs?
Mich selbst sensibilisieren all diese Vorträge natürlich auch in meiner eigenen Art des Reisens. Ich war als Fotograf für eigene Reportagen extrem viel unterwegs, das bringt eine gewisse Ambivalenz mit sich. Zum Beispiel sehr viel zu reisen für eine Reportage über den Klimawandel. Man muss lernen, mit solchen Widersprüchen zu leben, es ist immer eine Gratwanderung. Seit Corona bin ich weniger unterwegs, und es gilt auch hier die Einstellung „weniger ist mehr“. Ich lege mittlerweile großen Wert darauf, länger an Orten zu bleiben, weg von diesem „Ich muss alles gesehen haben“, hin zu der Frage: Was bleibt eigentlich? Die tiefen Einblicke sind das Faszinierendste. Bevor ich jetzt irgendwohin fahre, um mir schnell etwas anzuschauen, schaue ich mir lieber vorher die Weitsicht an und baue Reisedestinationen aus, in denen ich mich schon auskenne und denke: Eigentlich wollte ich da noch viel tiefer eintauchen.
Hast Du vor Augen, wie sich die Weitsicht in den nächsten Jahren entwickeln könnte?
Am liebsten würde ich irgendwann nur Tagestickets oder Festivalpässe verkaufen, damit das Publikum sich für Unbekanntes öffnen und noch tiefer eintauchen kann. Drumherum träume ich von einer kostenlosen Messe für Zukunftsfähigkeit, für ein zukunftsfähiges Leben. In der Umsetzung bin ich leider bisher gescheitert. Ich versuche auch immer, das Programm mutig und vorwärtsdenkend zu gestalten. Das bedeutet auch, dass mal ein Vortrag jemandem nicht gefällt. Ich glaube aber, damit kann das Publikum umgehen. Und dieses Risiko gehe ich immer lieber ein, statt nur die sicheren Vorträge zu buchen, die dann aber auch nie so einen Wow-Effekt haben. Letztes Jahr gab es als Abschluss etwas Ungewöhnliches: einen halbstündigen Epilog von Professor Harald Welzer. Er hat aus seiner Sichtweise über den Vortrag vor ihm reflektiert, in dem Klaus Petrus eine Langzeitreportage zu Fluchtrouten auf der Balkanroute präsentierte. Das war eine ganz besondere Gestaltung eines Vortragsslots, wie ich sie mir eigentlich viel öfter wünschen würde. Genau das soll der Charakter der Weitsicht sein: Solche speziellen Sachen überhaupt zu ermöglichen.
Was soll bei den Leuten nach dem Wochenende hängen bleiben?
Im besten Fall geht man raus wie nach einer erfüllenden Reise: Man hat viel Neues entdeckt und schaut mit einem anderen Blick auf den eigenen Alltag und die eigenen Verhaltensweisen. Man ändert hier und da etwas und hat ein belebtes, positives Lebensgefühl – mit dem Willen, optimistisch und kraftvoll die Zukunft mitzugestalten. Diese Mischung an Vorträgen, aus leicht und schwer, unterhaltsam und informativ, und diese Authentizität in den Erzählungen ohne erhobenen Finger, soll das ermöglichen.
Jens, lieben Dank für das inspirierende Gespräch.
Weitsicht Festival im Darmstadtium
Von Freitag, 30. Oktober, 19.30 Uhr bis Sonntag, 1. November
Tickets – ab 20 Euro je Vortrag, Tageskarte: 60 Euro, Festivalpass: 120 Euro – im Vorverkauf bei Foto Erhardt, Kleine Fluchten, Frizz Tickets und im Ticketshop Luisencenter sowie online unter





