Milli Bau auf der chinesischen Mauer bei Peking | Foto: Sammlung Weltkulturen Museum

Auf den Wikipedia-Seiten der Darmstädter Friedhöfe sind die Grabstätten bekannter Persönlichkeiten aufgelistet. Insgesamt sind es 160 Gräber – darunter gerade einmal sieben von Frauen. Der Anteil der Frauen, die laut dieser Auflistung erinnerungswürdig sind, ist also etwa genauso groß wie der Anteil der Namen „Wilhelm“ oder „Ludwig“. Hier zeigt sich ein Problem, das bereits Virginia Woolf aufdeckte, als sie 1929 ihr berühmtes Essay „A room of one’s own“ schrieb: Darin schilderte sie das Schicksal Judith Shakespeares, der fiktiven Schwester Williams, die aufgrund ihres Frauseins trotz großen Talents niemals so erfolgreich hätte werden können wie ihr berühmter Bruder. Frauen sind auch in der Darmstädter Geschichtsschreibung häufig untergegangen und scheinen heute vielfach beinahe unsichtbar. Doch es lohnt sich, auf die Suche nach Frauen zu gehen, die gegen die Grenzen ihrer Zeit rebellierten – und vergessene Darmstädterinnen wieder ans Tageslicht zu holen.

Eine von ihnen ist die Journalistin und Fotografin „Milli“ Bau, die am 29. Juli 1906 als Emilia Wißmann in Darmstadt geboren wird. In der Dreibrunnenstraße am Woog erinnert heute nichts mehr daran, dass hier ein sehr besonderes Mädchen aufgewachsen ist, das schon mit fünf Jahren von zu Hause weglief, um herauszufinden, „wo die Sonne rauskommt“.

Im Gegensatz zu ihren Brüdern erlauben ihre Eltern Milli nicht, zu studieren – obwohl sie sich das sehr wünscht. Doch mit knapp 20 Jahren setzt sie durch, dass sie nach Bologna gehen darf, um dort an einer Sprachenschule Italienisch zu lernen. 1932 heiratet sie einen älteren Freund der Familie, den Siemens-Direktor Waldemar Bau, und zieht mit ihm nach Hamburg-Aumühle. Ende der 1940er-Jahre, als Milli schon über 40 ist, kommt ihr kleiner Sohn Christoph zur Welt, der nur zwei Jahre alt wird.

Wie einem Käfig entronnen

Schon während ihrer Zeit in Hamburg sucht Milli den Kontakt zu Wissenschaftlern und Intellektuellen. 1948 erhält sie von der britischen Übergangsverwaltung den Auftrag, für die neu gegründete Hamburger Zeitung „Die Welt“ aus fernen Ländern zu berichten. Zusammen mit dem Bergsteiger und Kameramann Hans Ertl und einer Gruppe von Wissenschaftlern begibt sie sich 1948 – als einzige Frau – auf die erste Südamerika-Expedition nach dem Zweiten Weltkrieg. Darüber schreibt Milli in ihren Aufzeichnungen: „Wir sechs Zugvögel, die als deutsche Gruppe an einer groß angelegten Expedition nach Südamerika teilnehmen sollen, kommen uns in diesem Augenblick wie einem Käfig entronnen vor. Wir schnuppern die Freiheit und die Weite der Welt.“ Anhand ihrer Notizen lässt sich nur erahnen, was für ein hohes Maß an Mut und Neugier Milli auf ihren Reisen antreibt: „Wenn mich eine Boa constrictor erwürgt oder ein Alligator frißt oder wenn ich von einem Berg hinunterstürze – soll es mir nicht leid tun. Diese Zeit hier ist jeden Einsatz wert!“ Während sie in Südamerika ist, erkrankt ihr Ehemann in Hamburg schwer. Das Ehepaar schließt einen Kompromiss: „Ich habe mit Waldemar abgemacht, dass ich von 1952 ab jedes Jahr acht Monate in Deutschland bin […]. Daran muß Waldemar sich gewöhnen!“, schreibt Milli in einem Brief an eine Freundin. Für die 1950er-Jahre eine echte Sensation. Zusammen mit dem Äffchen „Fips Peter Schwanzelhuber“, das Milli nach einem Unfall im Urwald adoptiert und einem Koffer voller Erinnerungen kehrt sie drei Jahre nach Beginn der Expedition nach Hamburg zurück.

Milli Bau in ihrem VW-Bus vor der Zitadelle von Selçuk, Türkei | Foto: Sammlung Weltkulturen Museum
Milli Baus VW-Bus mit Blick auf den Berg Ararat, Türkei | Foto: Sammlung Weltkulturen Museum

Mit dem „Bulli“ bis nach Indien

Doch es soll nicht ihre letzte Reise gewesen sein. Nach dem Tod Waldemars macht Milli sich 1956 auf ihr bis dato größtes Abenteuer auf. Sie verkauft Haus und Besitz und erwirbt stattdessen einen VW-Bus T1 („Bulli“), mit dem sie allein entlang der Route der historischen Seidenstraße bis nach China fahren will. Zu diesem Zeitpunkt ist sie bereits 50 Jahre alt. Ihre Reise führt sie zunächst auf einem Schiff vom Hamburger Hafen bis nach Beirut, von wo aus Milli mit ihrem VW-Bus durch Syrien, Irak, Iran, Pakistan, Indien und Nepal weiterfährt. Es soll vier Jahre dauern, bis Milli wieder deutschen Boden betritt. Während ihrer Reise schreibt sie weiterhin für „Die Welt“, führt ein Interview mit dem taiwanesischen Regierungsoberhaupt Chiang Kai-shek, ist manchmal stunden- oder sogar tagelang allein in wüstenartigen Gebieten unterwegs, ohne einem Menschen zu begegnen „oder auch nur ein Kamel oder so zu sehen“. Was sie sieht und wem sie begegnet, hält sie fest. In Tagebucheinträgen, Reiseberichten und Briefen, die sie an Freunde verschickt, und vor allem in unzähligen Fotos, die sie mit ihrer Rolleiflex schießt. Doch es läuft nicht immer alles glatt: Das Geld ist oft knapp, häufig gibt es Verständigungsprobleme, Reisepläne klappen nicht und einmal bricht Milli sich sogar „im Zimmer (!!!)“ das Bein. Kurz bevor sie China erreicht, gibt ihr VW-Bus den Geist auf, sodass sie ihn in Indien zurücklassen muss. Doch auch das hält Milli nicht auf, und so reist sie im Reich der Mitte mit dem Zug weiter. Als sie sich 1960 schwer verletzt, ist sie gezwungen, vorerst nach Deutschland zurückzukehren.

Die Reise entlang der Seidenstraße ist nicht das letzte Abenteuer in Millis aufregendem Leben. Auftragsreisen halten sie in den Jahren von 1960 bis 67 auf den Beinen, sie schreibt Reiseführer und -berichte. Ab 1967 lebt sie sieben Jahre lang als Auslandskorrespondentin für „Die Welt“ in Teheran. Anschließend kehrt sie nach Darmstadt zurück – natürlich nur für eine Weile. Denn noch in den 1980er-Jahren, inzwischen über 70 Jahre alt, wirkt Milli als Kulturreferentin auf der MS Europa. Und auch, als sie bereits stolze 90 Jahre alt ist, reist sie weiter und entdeckt ihre Liebe zu Sibirien. 1996 erhält sie die bronzene Verdienstplakette der Stadt Darmstadt. Am 31. Oktober 2005 stirbt Milli schließlich mit 99 Jahren in ihrer Geburtsstadt. Ihr Grab ist noch heute auf dem Alten Friedhof zu finden.

Bücher, Dias und ethnologische Objekte

Die Kunsthistorikerin und ebenfalls Darmstädterin Julica Norouzi lernt Milli als Kind kennen und besucht sie gemeinsam mit ihrer Mutter über Jahre hinweg regelmäßig, als Milli wieder in Darmstadt lebt. Ihre kleine Zweizimmerwohnung in der Ohlystraße – „vollgestopft mit Büchern, ethnologischen Objekten und Dia-Kästen“ und einem winzigen britischen Feldbett dazwischen – nennt Milli selber „Archiv mit Schlafgelegenheit für Sachbearbeiter“. Gemeinsam trinken sie jede Menge Rotwein mit Honig und Zimt und gehen Chinesisch oder Italienisch essen.

„Ich kann mich gut erinnern und habe den Wert, die die Zeit mit Milli für mich hatte, besonders zu schätzen gelernt, als ich älter wurde“, erzählt Julica Norouzi. Viele Jahre lang hat sie sich mit Milli Baus Leben auseinandergesetzt, ist ihren Spuren durch das Darmstädter Stadtarchiv und durch die Welt gefolgt. Was sie herausfindet und an was sie sich erinnert, erzählt sie 2017 in dem Bildband „Milli Bau – Seidenstraße / Silk Road 1956-1974“, erschienen im Kerber Verlag. Die Suche nach der Frau, die für Norouzi einige Jahre lang eine Großmutterrolle erfüllte, ist eine herausfordernde Aufgabe. Es gelingt ihr, Milli einfühlsam nachzuspüren und behutsam auch kritische Fragen zu ihrem Leben zu stellen – etwa zu Millis positiver Berichterstattung rund um den letzten Schah des Iran, für die sie besonders von iranischen Studierenden in Deutschland kritisiert wurde. Auf die Frage nach einer Botschaft, die Milli gerne weitergegeben hätte, antwortet Norouzi: „In erster Linie, dass man unbedingt seine Träume leben sollte. Dass es nie zu spät ist, dies zu tun.“ Und sie erinnert sich noch an einen weiteren weisen Satz ihres großen Vorbildes: „Es gibt keinen schlechten Platz auf der Welt, um gute Menschen zu treffen.“

Esel transportiert Esel in Syrien, 1956 | Foto: Sammlung Weltkulturen Museum

Nachlass wird digitalisiert

Zurück in Deutschland konnten Millis Dias und Schriftstücke aufgrund des aufwendigen erforderlichen Konservierungsprozesses in Darmstadt leider nicht so archiviert und ausgestellt werden, wie sie es sich wünschte. Stattdessen wird nach ihrem Tod ein Großteil ihres Nachlasses dem Weltkulturen Museum Frankfurt übergeben. Einige ihrer Fotografien sind noch eine Zeit lang im Besitz des Hessischen Landesmuseums, doch vor ein paar Jahren wurden auch diese Materialien an das Museum in Frankfurt abgegeben, sodass heute das gesamte Bildmaterial an einem Ort archiviert ist. Viele von Millis schriftlichen Reisedokumentationen und Tagebucheinträgen sind allerdings noch immer im Besitz des Darmstädter Stadtarchivs. Im November 2021 wurde durch das Frankfurter Kulturdezernat eine Förderung beschlossen, dank der der fotografische Nachlass Milli Baus – insgesamt 5.000 Dias – nun vollständig gereinigt und digitalisiert werden kann. Alice Pawlik, Kuratorin der Sammlung „Visuelle Anthropologie“ im Frankfurter Weltkulturen Museum und ebenfalls Darmstädterin, berichtet: „Die Digitalisierung der 5.000 Dias hat insgesamt dreieinhalb Monate gedauert, das ist also mittlerweile schon abgeschlossen. Der eigentliche Spaß geht jedoch jetzt erst los, denn nun steht das Sichten des digitalisierten Bildmaterials an. Oft gibt es keine weiteren Informationen zu den Dias. Wir müssen also anhand der schriftlichen Aufzeichnungen Milli Baus nachvollziehen, in welchen zeitlichen und geografischen Kontext die Bilder einzuordnen sind und das alles von Hand eingeben. Das wird sicherlich noch mal ein Jahr dauern. Insgesamt arbeiten wir daran, eine digitale Datenbank aufzubauen, die nicht nur die Fotografien von Milli Bau, sondern auch noch andere Sammlungen des Museums für die Allgemeinheit zugänglich macht. Bis diese Datenbank vorliegt, wird es noch eine Weile dauern.“

Für die digitale Aufbereitung der über 40 Jahre Weltgeschichte, die Milli Bau in ihren Reisefotografien dokumentierte, ist also gesorgt. Doch an keinem Ort in Darmstadt wird daran erinnert, dass hier eine Frau gelebt hat, die allen gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit zum Trotz mit großer Neugier in die große Welt aufbrach, ein ums andere Mal Schwierigkeiten überwand und ihren Mut und Optimismus bis zum Ende nicht verlor. Wie wäre es mit einer Erinnerungstafel in der Ohlystraße?

 

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