Die Temperaturanzeige des Ford-Kleinbusses zeigt frostige 1 Grad Celsius an, die abendliche Dunkelheit wird von der Straßenbeleuchtung und diversen anderen Lichtern durchbrochen. Im kastigen Transporter hängt der leichte Geruch von Kaffee, den die Thermoskanne im Kofferraum verströmt. Tamera Bodrum, Lea Appel und Marina Rick machen ihre Abendrunde. Sie sind Streetworkerinnen der Diakonie Darmstadt-Dieburg.
Streetwork, das bedeutet leicht zugängliche Sozialarbeit auf der Straße, in diesem Fall für ein Klientel, welches in der Regel keinen festen Wohnsitz und kein festes Einkommen hat und sehr vulnerabel ist. Menschen, für die es sich teilweise sehr schwierig darstellt, einen Termin bei einer Behörde wahrzunehmen. Die Streetworker:innen gehen einen Schritt auf sie zu, um ohne Administration in sozialen Austausch miteinander zu kommen. „Beziehungsarbeit“ nennen sie das selbst oft. Die Menschen, mit denen sie arbeiten, sind nicht grundsätzlich wohnungslos. Es geht um verschiedene vulnerable Gruppen: Wohnungslose, Sexarbeiter:innen, Menschen in einer Suchtmittelabhängigkeit.
Wohnungslosigkeit in Darmstadt
Im Oktober 2025 waren in Darmstadt 1.096 Menschen in verschiedenen Unterkünften für wohnungslose Menschen untergebracht, wovon ukrainische Geflüchtete in dafür vorgesehenen Unterkünften einen erheblichen Anteil ausmachten. Bei dieser Anzahl an Personen handelt es sich um die „Hellziffer“, also die Menschen in der Wohnungslosigkeit, die in irgendeiner Form erfasst sind. Hinzu kommen Menschen, die bei Bekannten oder Freund:innen unterkommen oder eben auch auf der Straße nächtigen. Diese zu erfassen, das sagt auch Nicole Frölich von der Diakonie Darmstadt-Dieburg, ist „nahezu unmöglich“. Sie schätzt diese Zahl auf mindestens 50 Personen.
Tamera lenkt den Bus neben den „Tegut“ am Marktplatz, alle steigen aus. Es geht zu Fuß weiter, es plitscht unter den Schuhen, denn der morgens gefallene Schnee hat sich zum großen Teil in Pfützen verwandelt. Tamera erklärt: „Wir klappern die Orte ab, an denen sich unsere Klient:innen normalerweise aufhalten. Wenn wir eine Person auf der Straße sehen, sprechen wir sie an und fragen, ob wir etwas für sie tun können.“ Im Kofferraum des Transporters sind allerlei hilfreiche Dinge: Thermoskannen mit heißen Getränken, geschmierte Brötchen und Decken. Es kommt auch vor, dass Menschen in eine der Unterkünfte möchten, aber körperlich dazu nicht in der Lage sind. Dann werden sie mit dem Bus dorthin gebracht. „Es ist aber wichtig, auch ein Nein zu akzeptieren. Wir sprechen ein Angebot aus, das muss aber keine Person annehmen“, fährt Tamera fort, während sie weiter die Straße entlanggeht. Im Windschatten befindet sich ein Lager mit einer Isomatte, mehrere Decken und Schlafsäcke in bunten Farben stapeln sich auf grauem Stein. Es ist in diesem Moment verlassen. Die drei Streetworkerinnen werden an einem anderen Tag wiederkommen. Sie machen ihre Runde ohnehin mehrmals die Woche.
Es gibt drei Stopps auf ihrer Tour: die Innenstadt, die „Szene“ und die sogenannte Toleranzzone. Letztere beschreibt das Gebiet, in dem angemeldete Sexarbeiter:innen legal stehen und auf Kund:innen warten. Die „Szene“ wiederum beschreibt den Ort, an dem Menschen, die von einem Suchtmittel abhängig sind, anzutreffen sind.
Kleine Fragen mit großer Wirkung
„Wir haben auch mit Sexarbeit zu tun“, erzählt Tamera, „und ein Teil unserer Arbeit ist es, Safer Use zu ermöglichen und Artikel wie Kondome anzubieten.“ Dann kommt ein anderer Ausrüstungskoffer im Bus ins Spiel, in dem sich die genannten Kondome, aber auch Damenhygieneartikel wie Feuchttücher und Tampons befinden. Dorthin, in die Toleranzzone, lenkt Tamera den Bus. Als eine Frau am Straßenrand steht, hält sie an. Lea und Marina steigen aus und bieten ihr einen Kaffee an. „Mit Milch oder mit Zucker?“ Wie Tamera erklärt hat, beginnt der Aufbau einer Beziehung mit den kleinen Dingen. Mit dem Angebot eines Kaffees und einem Gespräch darüber, ob die Klientin gerne Zucker im Kaffee trinkt zum Beispiel. Denn nur so ist es möglich, dass die Menschen Vertrauen fassen und irgendwann zum Beispiel in die Scentral-Drogenhilfe kommen und dort Unterstützung annehmen. Vielleicht dabei auch einen Antrag ausfüllen oder sich einen für sie zunächst kryptischen Brief von der Behörde erklären lassen. Das ist oft wichtig, um einen Kreislauf zu unterbrechen, der Menschen immer weiter ausschließt. Denn wenn zum Beispiel ein Ausweis abläuft und eine Person nicht in der Lage ist, aus eigener Kraft einen neuen bei der Behörde zu beschaffen, ist es wiederum nicht möglich, eine Wohnung zu mieten, eine Versicherung abzuschließen oder ein Bankkonto zu eröffnen. Wie bei einem Dominoeffekt schließen sich so nacheinander immer mehr Türen und erschweren einen Weg zurück.
Eine offene Tür
Das Scentral am Herrngarten ist ein Kontaktladen. Das bedeutet: eine Anlaufstelle für Menschen mit einer Suchtmittelabhängigkeit, die dort viele Beratungsangebote und auch eine Grundversorgung mit Essen, Trinken, Hygiene sowie sogenannte Konsummittel bekommen. Die Tür steht aber grundsätzlich auch für anderes vulnerables Klientel offen, obwohl der Fokus auf Personen mit Drogenabhängigkeit liegt. Der Begriff Konsummittel umfasst alle Utensilien, die den sicheren, sterilen Konsum von Drogen ermöglichen. Dazu gehören Spritzenköpfe, Desinfektionsmittel und Tupfer.
„Diese Menschen haben Dinge erlebt, die wir uns nicht vorstellen können.“
Im Bus erzählt Tamera, dass ihr durch eben diese Gespräche und den persönlichen Geschichten noch bewusster wird: „Das mit den Drogen passiert nicht unbedingt auf freiwilliger Basis. Oft haben erlebte Traumata und Suchtmittelkonsum miteinander zu tun.“ Lea ergänzt: „Diese Menschen haben zum Teil Dinge erlebt, die wir uns noch nicht einmal vorstellen können.“
Die drei Streetworkerinnen machen sich auf den Weg zur „Szene“, um auch dort noch die Güter aus ihrem Kofferraum anzubieten. Und um Konsummittel zu verteilen. Eineinhalb Stunden kümmern sie sich – und beenden danach ihre Abendrunde. Doch schon bald werden sie wieder mit dem kastigen Ford ihre Runde drehen und dieses kleine Sicherheitsnetz aufspannen, mit dem sie Menschen auf den Straße Darmstadts aufzufangen versuchen.
Steckbrief Beruf Streetworker:in
Arbeitgeber: Kommunen, Jugendzentren, Beratungsstellen, gemeinnützige Organisationen
Ausbildung: Studium der Sozialen Arbeit
Relevanz: enorm wichtige soziale und gesellschaftliche Bedeutung
Motivation: Menschen außerhalb des Systems eine Chance geben
Was Du mitbringen solltest:
– Interesse an anderen Menschen, Perspektiven und sozialen Berufen
– Empathie und ein offenes Ohr
– Generelle Offenheit für andere Perspektiven
– Keine ausgeprägten Berührungsängste
– Aushalten können, dass Du keine Retter:in bist und es Klient:innen schlecht geht oder sie sogar sterben könnten.
Was kann jede:r tun?
– In Kontakt treten: Fragen, wie es den Menschen geht und ob Du etwas für die Person tun kannst.
– Wenn die Person unterkühlt oder krank wirkt, kannst Du so Aufschluss darüber bekommen, ob sie Hilfe benötigt.
– Ein Nein akzeptieren: Keine Person ist verpflichtet, Hilfe anzunehmen.
– Schlafsäcke abgeben an eine obdachlose Person oder eine Einrichtung
– Achtsam sein: Ist eine Person unterkühlt, macht sie den Eindruck, gesundheitlich nicht in Ordnung zu sein oder lagert nicht mehr an einem Ort, wo sie lange vorzufinden war? Schicke einen Hinweis an die Mailadresse streetwork.darmstadt@regionale-diakonie.de. Das Streetwork-Team geht diesem dann nach.
– Wenn Du eine Person siehst, die offenkundig bewusstlos ist und nicht mehr atmet: Ruf den Rettungswagen unter Notruf 112!
Anlaufstellen in Darmstadt
– Scentral (Schleiermacherstraße 15): Anlaufstelle für Menschen mit Suchtmittelabhängigkeit. Beratungsangebot und Grundversorgung. Tagsüber geöffnet.
– Teestube konkret (Alicenstraße 29): Anlaufstelle für wohnungslose Menschen. Ambulante Beratung und Grundversorgung. Tagsüber geöffnet.
– „Z14“ (Zweifalltorweg 14): Unterkunft für männliche Obdachlose. Verfügbarer Sozialdienst.
– „Liv – FrauenWohnen“ (Benzweg 6): Unterkunft für (alleinstehende) wohnungslose Frauen (ab 18 Jahren). Verfügbarer Sozialdienst.
– MuKis – Unterkunft für Frauen & Kinder (Otto-Röhm-Straße 26): Unterkunft für wohnungslose Frauen mit Kindern bis zu einem Alter von zehn Jahren (Mädchen bis zu 18 Jahren) sowie schwangere Frauen. Verfügbarer Sozialdienst.
– Streetworkteam der Diakonie Darmstadt-Dieburg: Kontaktaufnahme zum Beispiel per Mail unter streetwork.darmstadt@regionale-diakonie.de
– Stadt Darmstadt, Amt für Soziales und Prävention: Anlaufstelle für Hinweise (zum Beispiel auf Menschen, die Schutz vor Kälte benötigen) und Schuldenberatung. Kontakt: amt-fuer-soziales-und-praevention@darmstadt.de
– Weitere Unterkünfte vom Verein Horizont e. V. und PaSo gGmbH
Weitere Initiativen
Aus der Not Darmstadt
Mehr helfende Hände: Der gemeinnützige Verein „Aus der Not Darmstadt“ wurde vor zwei Jahren von Petra Bier gegründet. Die 56-Jährige engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für wohnungslose Menschen und verteilt zum Beispiel Nahrung und warme Kleidung rund um den Hauptbahnhof.
Mehr Infos gibt es online unter aus-der-not-darmstadt.org
Obdachlosen helfen Darmstadt
Diese Gruppe von Privatpersonen verteilt jeden Sonntag um 13 Uhr am Europaplatz hinter dem Darmstädter Hauptbahnhof warme Mahlzeiten, Getränke, Lebensmittel, Kleidung, Hygieneartikel und Tiernahrung an Obdachlose und Bedürftige.
Kontakt: via Facebook, über die Gruppe „Obdachlosen Helfen Darmstadt“
Übernachtung im Böllenfalltorstadion
Um auf das Thema Obdachlosigkeit in Deutschland und speziell in der Region Darmstadt aufmerksam zu machen, veranstaltet der SV Darmstadt 98 einmal im Jahr (meist Ende November) eine Stadion-Übernachtung für den guten Zweck. Lilien-Fans hören Vorträge, sprechen mit von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen – und übernachten unter freiem Himmel im Stadion.











