Foto: Jan Ehlers

„Das funktioniert! Immer locker machen!“, antwortet Bijan auf die Frage, ob das mit dem Sex bei ihm genauso geht wie bei anderen. Dann lächelt er verschmitzt und überlässt den Rest der Vorstellung seines Youtube-Publikums. „Was für eine seltsame Frage“, denke ich mir, bevor ich den Titel des Videos sehe: „Frag einen Tourette-Kranken: Sex? (Frag ein Klischee).“ Der sympathische junge Mann, der da vor der Kamera steht, weckt mein Interesse an der Krankheit, die sich durch motorische und lautliche Tics äußert und die mir bislang nur durch den Film „Vincent will Meer“ bekannt ist. Den Film findet Bijan übrigens relativ schwach: „zu sehr herzzerreißende Schnulze“, wie er mit trockenem Humor erklärt.

Ich klicke mich weiter durch Videos mit Titeln wie „Über andere Tourette-Kranke lachen?“ und lerne, dass nur ein Fünftel der Betroffenen auch unter Koprolalie leidet, also dem Bedürfnis, während eines Tics Schimpfwörter auszusprechen. Außerdem finde ich heraus, dass Bijan paradoxerweise von sich behauptet, trotz Tourette gut die Kontrolle über seinen Körper zu behalten. „Ich habe mit der Zeit einfach ein Gefühl für meine Bewegungen entwickelt“, sagt er. „Ich weiß ja auch gar nicht, wie es ohne die Tics wäre.“ Bei längerem Betrachten seiner Gastauftritte beim Youtube-Kanal Hyperbole bestätigt sich diese Behauptung: Bijan erklärt, stellt Gegenfragen, grinst und wird bei alledem immer wieder von Lauten und dem Zusammenzucken seiner Arm- und Nackenmuskulatur gestört. Auf meine Frage, ob er sich auch gestört fühlt, antwortet er: „Klar stört es mich, wenn ich ein Glas umwerfe. Aber das wäre bei Dir doch auch so, oder?“ Die Unterbrechungen seiner Sätze dauern kaum länger als ein Niesen. Für Bijan sind sie selbstverständlich, gehören einfach dazu.

Wenn ich ihm beim Sprechen zuhöre, bekomme ich nicht nur das Gefühl, er habe sich mit der unheilbaren Krankheit abgefunden. Bijan strahlt eine Ruhe und Zufriedenheit aus, von der viele andere nur träumen können. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich frage, ob ich mich nach einer Weisheitszahn-OP auch nur annähernd so selbstsicher fühlen würde. Die Antwort ist ein klares Nein.

Besonders beliebt sind Bijans Gastauftritte in der „Frag ein Klischee“-Reihe bei Hyperbole. Dort stellen Zuschauer neugierig – und oft auch von Vorurteilen geprägt – sehr persönliche Fragen an Prostituierte, Pfarrer, Lehrer, Ex-Junkies, SPD-Mitglieder, Waldorfschüler oder Millionäre. Selbst vor heiklen Themen wie Pädophilie schreckt das Format nicht zurück.

So lernt das Web-Publikum Bijan Kaffenberger kennen: 27 Jahre alt, Nationalität: deutsch, verwuschelte dunkle Haare, regelmäßige Tics, wortgewandt. Der aus Roßdorf stammende Gemeindevertreter, der an der Frankfurter Goethe-Universität International Economics studiert hat, gerade als Referent im Thüringer Wirtschaftsministerium arbeitet und an seinem Doktor herumfeilt, leidet an Tourette, seit er sich erinnern kann. Dabei ist es sein Umgang mit dem Handicap, der Bijan so unverwechselbar sympathisch macht. Und ich bin bei weitem nicht die Einzige, die so denkt: Schon das Darmstädter Echo und das Vice Magazine haben ihn interviewt und nur das Beste über ihn berichtet. So verwundert es kaum, dass Bijan noch nicht genug davon hat, ein Ansprechpartner für alle zu sein, die sich für Tourette interessieren und sich trauen, Fragen zu stellen, die oft unausgesprochen bleiben: „Greifst Du auf illegale Substanzen zurück, um Deine Ticks zu beruhigen?“, „Wie oft hast Du Dich oder andere in Gefahr gebracht?“ oder „Kanzler mit Tourette: Kannst Du Dir das vorstellen?“

Um seine humorvollen Lebensweisheiten auch mit anderen Ratsuchenden zu teilen, trägt er mit seinem Format „Tourettikette“ zu dem neu gegründeten öffentlich-rechtlichen Online-Netzwerk „funk“ bei. Das Ironisch-Dekadente überwiegt eindeutig, wenn Bijan mal wieder gönnerhaft an seiner Zigarre zieht und Fragen von MartinMayday, ImDaBestArouuund und Co. beantwortet. Kann man mit seinen Ratschlägen etwas anfangen? Nicht wirklich. Ist es unterhaltsam, wenn er in bayerischer Tracht vor der Kamera herumtanzt? Auf jeden Fall!

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Bijan Kaffenberger als einem der wenigen Darmstädter auf Youtube der Spagat zwischen Comedy und einer sinnvollen Mission gelingt: die negativen Vorurteile gegenüber Tourette-Kranken beiseite zu kehren und Tabus zu überwinden. Vielleicht ist einer der schlimmsten Vorwürfe, die man Bijan machen kann, dass er seine Krankheit in irgendeiner Art ausnutze. Seine politischen Ambitionen lässt der aktive Kommunalpolitiker auf YouTube komplett außen vor, möglicherweise auch, um genau diesem Vorwurf vorzubeugen. „Ich wollte nie die Welt über Tourette aufklären“, sagt er, und ergänzt: „Ich mache diese Videos, weil ich Gefallen an der Produktion gefunden habe. Es macht mir einfach Spaß – wie den anderen Youtubern auch.“

Aber was genau sind seine politischen Ambitionen? „Ich möchte Jugendliche zum Optimismus motivieren, wenn es darum geht, die Welt verändern zu wollen“, antwortet der Junge Sozialdemokrat, der auch Mitglied der Gruppe Kritische Ökonomen an der Goethe-Uni ist. Diese erfrischende Direktheit strahlt Bijan Kaffenberger auch aus, wenn er neben Martin Schulz posiert oder für sein Format vor der Kamera sitzt, in seinem Alltag, im Erfurter Ministerium genauso wie auf Youtube.

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