Foto: Nouki

„Tatsächlich bin ich ein total schüchterner Mensch“, sagt Ain Nguyen Tuan und lächelt. Kaum vorstellbar, wenn man die Mama eines 13-jährigen Jungen mit ihren zahlreichen Tattoos, den vietnamesischen Wurzeln und der beeindruckenden Vielseitigkeit erlebt: Ain ist Köchin, Tattookünstlerin, Illustratorin – und eine feste Größe in der Darmstädter Kreativszene. Wenn sie mal Stress hat, bringt sie das Tätowieren runter, genauso wie das Am-Herd-Stehen. Denn: „Kochen ist Magie, wie Zaubern, Jonglieren mit Pfannen. Oder wie ein Bild zu malen.“

Ain wird von den meisten „die Aine“ (kocht … tatöwiert – oder: „Ain Lauch“) genannt, authentisch spricht man ihren Namen aber „Aing“ aus. Geboren wurde Aing in Erfurt, wo sie in einem eher rauen Umfeld aufwuchs. Sie stammt aus einer großen Familie mit vier jüngeren Brüdern. Ihr Vater war Koch und ein guter Zeichner, ihre Mutter eine tolle Schneiderin. „Wahrscheinlich habe ich den Bezug zur Kunst von meinen Eltern in die Wiege gelegt bekommen. Beide waren sehr kreative Menschen.“

Der Liebe wegen kam Ain nach Darmstadt und absolvierte eine Ausbildung zur Köchin im Maritim Rhein Main Hotel. Hier begann sie die Gastronomie mit all ihren vielen Facetten lieben. „Danach habe ich eine Zeit lang in Berlin gelebt und das Handwerk des Sushi-Meisterns erlernt. Irgendwann bin ich mit Kind wieder zurück nach Darmstadt gezogen. Ich mag die Stadt: nicht zu groß, nicht zu klein, ein kunterbuntes Durcheinander.“ Ein Ort, an dem sich Familie, Kunst und Kochen gut miteinander verbinden lassen.

Die Kunst als Begleiterin

In ihrer beruflichen Laufbahn hat Ain bei vielen Events mitgekocht, unter anderem bei „Soulkitchen“ im Ponyhof, in der Lieblingsküche und im „LT10“. „Besonders prägend war meine Zusammenarbeit mit Gil Delaveaux sowie mit Gottfried Pacher von ,Das Krü‘, wo ich lange gearbeitet und viel gelernt habe. Heute koche ich bei ,Menschenskinder‘ in Kranichstein [köstlich vegetarisch und vegan!].“

Die Kunst hat Ain immer begleitet und geerdet – in guten wie in schlechten Zeiten. So liebt sie es zu stricken, mit Linol zu drucken – oder Stromkästen schön zu gestalten (unter anderem „der Eber“ in Eberstadt, „die Bialetti“ in der Innenstadt oder „die Ameise“ am Darmstädter Gericht sind von ihr). Immer mit einem Augenzwinkern, bewusst fernab von Perfektion. „Mir geht es nicht um Perfektion, sondern darum, meinen eigenen Stil zu zeigen“, sagt Ain. Dieser spiegelt sich auch in ihren Tattoos wider: humorvoll, lebendig, individuell und oft ein bisschen verspielt.

Ihre Naturverbundenheit fließt in all ihre Arbeiten ein. Ob beim Pilzesammeln im Wald, beim Herstellen von eigenem Miso oder beim Fermentieren von Kimchi oder Kombucha – Ain liebt es, selbst kreativ zu experimentieren. Musik und Natur sind feste Bestandteile ihrer täglichen Auszeiten und wichtige Quellen für Kraft und Inspiration.

„Zum Tätowieren kam ich eher beiläufig. Dabei habe ich mich selbst nie allzu ernst genommen, was wohl meinen Stil ausmacht.“ Im Kulturraum „Zucker“ tätowierte sie bei einem Pop-up-Event und stellte ihre Kunst aus. „Dadurch kam alles ins Rollen – das mit der Kunst und mit dem Tätowieren.“ Weitere Ausstellungen (im Woodrich, Schuknecht, Zucker, Daedis und in verschiedenen Pop-up-Stores in der Innenstadt) sowie die Präsentation ihrer Arbeiten auf kleinen Kunstmärkten folgten. In letzter Zeit hat Ain eine kleine Pause gemacht, 2026 soll es aber wieder losgehen. „Ich will zurückkommen, mehr kochen, mehr tätowieren – und mehr Kunst machen.“ Gute Aussichten – für sie selbst und für Darmstadt.