Demokratie-Bildung und die World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026: Im Juni mit etlichen Veranstaltungsformaten in Darmstadt!
Zu Beginn ein wenig Staatsbürgerkunde: Wir Menschen hier in Deutschland leben in einer Demokratie, in einer Herrschaftsform also, in der die politische Macht vom Volk ausgeht und die Bürger:innen sich direkt oder indirekt an politischen Entscheidungen beteiligen. Die Grundpfeiler einer Demokratie sind freie und geheime Wahlen, die Teilung der Gewalt in eine gesetzgebende, eine ausführende und in eine kontrollierende (um Machtmissbrauch zu verhindern), das Gebundensein allen Handelns von Bürger:innen und (!) Staat an Gesetze und Grundrechte, die Meinungs- und Pressefreiheit, der Schutz von Minderheiten und die Gewährleistung von politischer Beteiligung, öffentlicher Diskussionen, demokratischer Bildung und Protest aller Bürger:innen.
Genervt? Dabei klingt das doch wie die bestmögliche (momentan existierende) Herrschaftsform. Dennoch zeigen die Gesichter und Aussagen vieler Mitmenschen im Stadt- und Medienbild, aber auch entsprechende Studien der vergangenen Jahre, dass eine zunehmende Demokratieverdrossenheit Einzug hält. Vermeintlich.
Denn bei genauerer Betrachtung richtet sich die Unzufriedenheit eher gegen Politiker:innen und politische Entscheidungsprozesse und nicht gegen die Herrschaftsform selbst. Über die Hälfte der Wahlberechtigten fühlt sich nicht ausreichend oder gar nicht vertreten und verliert dadurch das Vertrauen in politische Institutionen. (Von den meist völlig ignorierten Kindern und Jugendlichen ganz zu schweigen.) Dennoch unterstützen 80 Prozent der Deutschen weiterhin die Werte der liberalen Demokratie. Dass sich trotzdem viel zu viele frustriert aus einer politischen Beteiligung zurückziehen, ist fatal. Nicht nur, weil gleichzeitig in gewissen Teilen der Bevölkerung die Sehnsucht nach starker Führung sowie eine generelle Offenheit für Autorität wächst.
Manchen Politiker:innen scheinen diese Tendenzen zu Kopf zu steigen. Als Beispiel soll die Übergriffigkeit des aktuellen Kulturstaatsministers dienen, der drei bereits von einer unabhängigen Jury ausgewählten Buchhandlungen wegen angeblicher „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“ vom Deutschen Buchhandlungspreis ausschließen ließ, ohne die Vorwürfe offenzulegen. Auch der plötzliche Entzug eigentlich bewilligter staatlicher Unterstützung verschiedenster laufender „Demokratie leben!“-Projekte, ein Förderprogramm des Bundesfamilienministeriums, lässt ein mehr als mulmiges Gefühl zurück. Denn die Gründe dafür scheinen zumindest schwammig.
Doch aufgeben ist keine Option. Politische Entfremdung der Bevölkerung und Misstrauen demokratischen Prozessen gegenüber dürfen nicht verstärkt werden. Demokratiebildung (ich liebe die Doppeldeutigkeit dieses Wortes) und Kulturarbeit sind mehr als wichtig. Sie befähigen Menschen, demokratische Werte zu verstehen, politische Prozesse kritisch zu hinterfragen, eigene Wirkmächtigkeit zu verspüren und sich aktiv gesellschaftlich einzubringen.
Dritte Orte als Keimzellen
Dabei kommt eine große Bedeutung öffentlichen Räumen zu, in denen sich Menschen jeder Herkunft begegnen, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam kreative Ideen entwickeln können. Das sind sogenannte third places, also dritte Orte. Der erste Ort des Menschen ist sein Wohnort, der zweite der Arbeitsort und der dritte eben jener Ort der freiwilligen, gemeinschaftlichen Begegnung, im besten Fall ohne Konsumzwang: Bibliotheken, Vereine, Kulturzentren, Parks und Nachbarschaftstreffs. Oder Orte, die von Akteur:innen im demokratischen Sinn bespielt werden, wie in diesem Jahr durch die Projekte der World Design Capital Frankfurt Rhein-Main (WDC) 2026.
Die World Design Organization, eine weltweit anerkannte, nicht staatliche Organisation mit beratendem Status bei den Vereinten Nationen, vergab den internationalen Titel „World Design Capital“ für das Jahr 2026 an die Region Frankfurt Rhein-Main [including Darmstadt], weil sie Design gezielt nutzen wollte, um gesellschaftliche, kulturelle, ökologische und demokratische Herausforderungen zu bearbeiten.
Ein Jahr lang werden Projekte und Veranstaltungen in der Region mit öffentlichen Mitteln gefördert, die unter dem Motto „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ Design nicht nur als ästhetische Gestaltung verstehen, sondern als gesellschaftliches Werkzeug für Demokratie, Teilhabe und sozialen Wandel, das den öffentlichen Dialog, die gemeinschaftliche Mitbestimmung und so letztlich die Lebensqualität aller fördern kann. Das Programm verbindet Stadtentwicklung, Bildung, Kunst, Kultur, Politik, Inklusion und Nachhaltigkeit. Vor allem aber sollen Menschen aktiv zum kreativen Austausch und zur gemeinsamen Gestaltung ihrer Umwelt eingeladen werden. Das bedeutet: Die meisten Veranstaltungen finden draußen im öffentlichen Raum statt und sind so niedrigschwellig, dass sich jede Person willkommen fühlt und einbringen kann.
„In Zeiten von Lähmung und Krise und mit einem überlasteten Demokratiebegriff ist es wichtig, einfach loszulegen“, bekräftigt Christina Sweeney, Direktorin für Kommunikation der WDC 2026. Im Oktober 2024 gab es dem Motto entsprechend einen Open Call. Aus über 1.200 Einreichungen von kleinen und großen Vereinen, aus der Wissenschaft, der Lehre, von Kultur- und Bildungseinrichtungen, von Unternehmen aber auch von Einzel-Künstler:innen und engagierten Menschen wurden 450 Projekte von einem Expert:innen-Rat aus den Bereichen Gestaltung und Demokratie ausgewählt. Um eventuelles Geklüngel und Vetternwirtschaft zu vermeiden, bestand dieser Rat aus Vertreter:innen ganz Deutschlands. „Wir haben darauf geachtet, dass die Auswahl facettenreich ist und arbeiteten mit einem erweiterten Designbegriff. Darum ist die WDC 2026 wie ein bunter Flickenteppich: Viele tolle Einzelteile werden miteinander verwoben und ergeben ein großes, vielfältiges Gesamtbild“, erklärt Sweeney.
Das genaue Programm der rund 2.000 (!) regionalen Veranstaltungen – laut Sweeney „große und kleine Projekte auf Augenhöhe“ – kann man der WDC-Website und verschiedenen, an den Veranstaltungsorten ausliegenden Broschüren entnehmen.
Jeder Monat sammelt unter einem bestimmten Schwerpunktthema Highlights. So steht der Juni unter dem Motto „Kreisläufe der Zukunft – Design, Handwerk und Industrie“.
Einige Projekte und Veranstaltungen, die in diesem Monat (auch) in Darmstadt stattfinden, möchte das P kurz vorstellen:
Open Design Week und Ausstellung „One Step Ahead“
Die Open Design Week lädt vom 5. bis 14. Juni dazu ein, Designprozesse direkt vor Ort in Studios, Unternehmen, Hochschulen, Forschungsinstituten und Kreativräumen der Region zu erleben. An über 100 Orten in vier Städten öffnen Gestalter:innen ihre Türen und zeigen, wie Gestaltung unseren urbanen Alltag prägt.
Im Heimatstädtchen startet die Woche mit dem Welterbefest auf der Mathildenhöhe und der Eröffnung der Ausstellung „One Step Ahead“. Mit dem Blick in die Zukunft gerichtet widmet sich die Ausstellung 125 Jahren Darmstädter Designgeschichte und der Frage, wie Design, Kunst und Architektur gesellschaftliche Prozesse beeinflussen (können).
Der Donnerstag, 11. Juni, ist Schwerpunkttag der Open in Darmstadt. Unternehmen wie Riese & Müller, Merck und Artefakt Design geben Einblicke in ihr gestalterisches Tun.
Vom 11. bis 13. Juni zeigt das Designhaus Darmstadt eine begleitende Ausstellung zur Designszene vor Ort. Außerdem fungiert das Haus als Raum abendlicher Begegnungen der Darmstädter Kreativszene.
Alle Veranstaltungen und Orte der Open unter: wdc2026.org/de/constellations/open
Das Programm des Fokustages Darmstadt unter: wdc2026.org/de/frames/fokustag-darmstadt
Demokratie-Kioske
Am Ludwigsplatz und im Carree befinden sich von Mai bis September zwei Demokratie-Kioske. Kioske sind Orte, an denen sich Menschen treffen und bei Getränken und gemischten Tüten miteinander ins Gespräch kommen. Diese beiden besonderen Exemplare wollen mit kreativen Veranstaltungen und Workshops dasselbe vermitteln. Im Sinne der Demokratie laden sie Jugendliche und Erwachsene dazu ein, Teil zu sein und neue Perspektiven oder Hobbys zu entdecken. Ende Juni findet ein offener FLINTA-Design-Workshop mit dem Kollektiv „Das fliegende S“ statt, in dem gemeinschaftlich öffentliche Rückzugsorte und Safer Spaces erdacht und gebaut werden:
Demokratie-Kiosk am Ludwigsplatz | Sa, 27.6. | 15 bis 18 Uhr | Eintritt frei
Alle weiteren Veranstaltungen der Demokratie-Kioske in Darmstadt unter: demokratiekiosk.de/veranstaltungsort/demokratiekiosk-in-darmstadt
Workshops und Veranstaltungen an den Kiosken der Region unter: demokratiekiosk.de/kioske
Common Ground (Straßenfest in der Saalbaustraße)
Die Straße gehörte einst den Menschen. Sie als Treffpunkt, als Ort der Begegnung und des kollektiven Austauschs zurückzugewinnen, ist die Idee dieses Experiments. Gewerbe, Läden und Kulturbetriebe der Nachbarschaft gestalten mit Konzerten (live: Neuzeitliche Bodenbeläge), DJ-Sets (unter anderem: Didem), Workshops, Infoständen, einem Programm für Kinder, Snacks und Drinks einen autofreien Straßenraum des Miteinanders.
das blumen e. V., Saalbaustraße 37 | Sa, 6.6. | 14 bis 22 Uhr | Eintritt frei
wdc2026.org/de/events/common-ground
Die Broschüre „Design Steps Darmstadt“, die alle Darmstädter Veranstaltungen der WDC 2026 ab Juni vereint, wird zum Welterbefest am 6. Juni erscheinen und auf der Mathildenhöhe und im Darmstadt Shop (im Neuen Rathausfoyer) ausliegen.
Am Ende unseres Gesprächs bitte ich Christina Sweeney um ihre persönlichen WDC-Highlights. Bitte schön:
Module Festival
Großes Open-Air-Festival mit ausgewählten Konzerten, DJ-Sets, audiovisuellen Performances, spannenden Talks, kreativen Workshops und der Legobaustelle des Deutschen Architekturmuseums.
Kulturcampus Bockenheim, Frankfurt | Do, 13.8. bis So, 16.8. | Eintritt frei
„Mishocha. The Art of Collaboration“
Was bedeutet Familie? Verwandtschaft oder Freundeskreis? Schicksalsgemeinschaft oder selbst gewählte Community? Unter der künstlerischen Leitung von Beastie Boy Mike D wird dieser Frage nachgegangen. Die interdisziplinäre Ausstellung lässt mit der Kraft des kreativen Miteinanders neue Räume für künstlerische Experimente entstehen.
Jüdisches Museum Frankfurt | bis So, 27.9. | 10 € (ermäßigt: 5 €), am letzten Samstag des Monats: Eintritt frei | weitere Infos:
juedischesmuseum.de/besuch/detail/mishpocha
Sanctuary City Darmstadt
Wie kann eine postmigrantische Stadtgesellschaft Geflüchteten Zuflucht und Teilhabe bieten in einem Klima zunehmender Restriktionen gegen Migrant:innen? Das Darmstädter Hochschulprojekt sucht Antworten auf Fragen wie: Was bedeutet Sicherheit in einer vielfältigen Gesellschaft? Vor wem oder was gilt es sicher zu sein? Welche Vorstellungen von Sicherheit sind inklusiv? Welche Faktoren machen städtische Räume zu Zufluchts-, Sehnsuchts- und Gemeinschaftsorten? Und welche Rolle spielen dabei biografische und körperliche Wissensbestände, Objekte, Architektur und soziale Beziehungen? Gemeinsam mit Fachleuten aus Sozialer Arbeit, Wissenschaft, Theaterpädagogik, Filmvermittlung, Architektur und Gestaltung werden Strukturen für eine „Stadt für alle“ entwickelt.
Hoffart Theater | bis Fr, 26.6. | weitere Infos:
wdc2026.org/de/frames/sanctuary-city-darmstadt
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