P für alle I Ausgabe 42
Illustration: Hans-Jörg Brehm

Es ist so weit! Vom 29. Februar bis zum 7. März wird das P zur Straßenzeitung: In Zusammenarbeit mit dem Scentral, der Drogenhilfe-Einrichtung des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg, hat das P hilfsbedürftige Menschen eingeladen, eine Woche lang als „P-ostbote“ zu arbeiten und das P zu verkaufen. Gegen einen Spendenbetrag von 1,50 Euro (gerne auch mehr!) bekommt Ihr bei ihnen nicht nur das aktuelle P, sondern auch den brandneuen P-Sampler Vol. 2, der in den sonst an den gewohnten Stellen ausliegenden Gratis-Heften fehlt. Als Lohn ihrer Arbeit dürfen die P-ostboten den gesamten Erlös behalten. Mit blauen P-Rucksäcken und orangenen Fähnchen ausgestattet sind sie an diesen acht Tagen zwischen 11 und 17 Uhr in Darmstadts Innenstadt unterwegs. Durch das Streetworking-Projekt will das P mit Eurer Hilfe einen Beitrag gegen Armut und soziale Ausgrenzung leisten.

 

Ein Blick hinter die Kulissen:

Die P-ostboten als wir an einem klirrend kalten Februarmorgen vor dem weißen Bus der Streetworker am Luisenplatz unsere P-ostboten zum ersten Mal kennenlernen, treffen wir auf viel positive Resonanz – und auf ganz unterschiedliche Charaktere. „Ich bin euer Mann!“, ruft eine Frau uns mit kräftigem Schulterklopfen zu und erzählt, sie habe schon andere Zeitungen verkauft. ein Heft über Kultur und sogar mit CD, das fände sie aber besonders gut. Ein Herr mit langem Haar und gutem Geschäftssinn verkündet: „Das ist meine Möglichkeit, mal ein bisschen Kohle zu schnappen!“ – und schlägt sogleich die verschiedensten Wege vor, größtmögliche Gewinne zu erzielen. Auch eine ganz junge Frau, die obdachlos ist und gerade mit dem Entzug kämpft, schafft es trotz allem, sich zu motivieren: „Na klar, mach ich das. Ist doch viel besser, das zu machen, als draußen rumzuhängen und nichts zu tun.“ Wochen zuvor hatten Dietmar lange, Bereichsleiter des Scentral, und Ute Schnur von der Abteilung Streetwork ihren Klienten vom P-rojekt erzählt und schließlich unsere P-ostboten gefunden. Auch Dietmar lange meint: „Ich habe unisono von fast allen gehört, dass sie die Idee gut finden.“

Die P-rojektpartner

Die Räumlichkeiten des Scentral liegen in einem verwinkelten alten Haus direkt am Herrngarten. Über einen einladenden Hof mit Raucherlounge gelangt man in den „Kontaktladen“, eine Art café. Jeder kann dort mit seinen Suchtproblemen vorbeikommen, aber auch ohne ein bestimmtes Ziel und ohne Termin. Er wird in allem unterstützt, bei dem er Hilfe braucht. Im Fachjargon nennt sich das ein „niedrigschwelliges Angebot“. Lange übersetzt: „Das heißt, dass wir das akzeptieren, was die Leute wollen. Das kann in der Tat sein, dass wir einfach nur noch ihre Situation erträglicher machen – oder im günstigsten Fall, dass jemand hochmotiviert kommt und sagt: ’Mir reicht’s jetzt. Ich will eine Therapie machen, könnt ihr mir beim Ausstieg helfen?’ “ Das Spektrum der Hilfeleistungen ist groß: sowohl eine Dusche und saubere Kleidung aus der Kleiderkammer kann man hier bekommen als auch tatkräftige Unterstützung in jeglichem Umgang mit Behörden. „Man kann sagen, es ist ein großer Teil unserer Arbeit, mit bürokratischen Begebenheiten zu kämpfen, Brückenbauer zu sein, um für den Klienten etwas zu erreichen“, seufzt Ute Schnur. Als Streetworkerin ist sie mit ihren Kollegen in der verbleibenden Zeit mit dem Scentral-Bus unterwegs, verteilt zum Beispiel kostenlos Heißgetränke und Gebäckstücke am Luisenplatz oder versorgt den Straßenstrich in der Bismarckstraße/Kirschenallee. Als Samaritereinsatz sieht sie das jedoch nicht, sie beschreibt ihre Arbeit abgeklärt realistisch: „Wenn ich es mal ganz sachlich und unromantisch nenne, ist es eine Form der Armutsverwaltung, der Elendsverwaltung – das ist nicht schön, aber so etwas ist es. Wir lösen ja nicht die Armut oder das Elend auf.“

P für alle 2 I Ausgabe 42
Illustration: Hans-Jörg Brehm

Armut in Darmstadt

Es sind natürlich nicht nur suchtkranke Menschen, die unter Armut und sozialer Ausgrenzung leiden. Auch alte Menschen, Kinder aus sozial schwachen Familien oder Menschen mit Migrationshintergrund sind immer häufiger betroffen. Doch was bedeutet Armut? Das Statistische Bundesamt definierte zuletzt 2008 die Armutsgrenzen. Für alleinstehende Personen gilt somit: Wer monatlich weniger als 930 Euro zur Verfügung hat, ist arm. Es sind jedoch nicht nur finanziellmaterielle Faktoren, die in den Zustand von Armut mit hineinspielen. Soziale Isolation und Einsamkeit sind neben Wohnungslosigkeit und Sucht weitere wichtige Faktoren. „Armut ist ein Begriff, den man individuell sehr unterschiedlich definieren muss“, gibt auch Dietmar lange zu bedenken. Außerdem hat er beobachtet, dass die Armut auch in Darmstadt zunimmt: „Wir haben da mit der Tafel ein Barometer; die haben steigende Zahlen“. Und Ute Schnur fügt hinzu: „Das kam mit dem Euro und Hartz IV.“ Im Grunde sei Darmstadt aber keine hochdramatische Gegend. Die Versorgungslage sei sehr gut, da sind sich beide einig. Es gäbe ein gut ausgebautes Hilfesystem und auch die Kürzungen und Einsparungen seien noch zu verkraften. Es gibt ausreichend Schlafplätze für Obdachlose, obwohl manch ein Betroffener es nicht aushält, mit bis zu drei im ungünstigsten Fall stark alkoholisierten, fremden Zimmergenossen zu übernachten, und deshalb dann doch auf der Straße schläft. Eine erfreuliche Entwicklung ist auf einer anderen Ebene auszumachen: „Wir haben es hier in Darmstadt mittlerweile geschafft, dass sich die Politik klar zum Thema äußert und sagt, dass diese Leute [Anm. d. Red: obdachlose Menschen] Teil unserer Gesellschaft sind und eine Daseinsberechtigung haben, auch am Luisenplatz, wo man sie sieht, auch wenn sie optisch oder sonstwie stören. Knackige Sprüche wie ’Man muss mal mit dem eisernen Besen über den Luisenplatz gehen’ liegen zehn Jahre zurück“, meint Lange. Obwohl die Lage insgesamt noch nicht brenzlig sei, gibt es an vielen Stellen Verbesserungsbedarf. Zum Beispiel wird durch personelle Einsparungen die Bürokratie immer schwerfälliger: „Wir haben Leute betreut, die sechs Wochen keine Grundsicherung bekamen, weil es selbst uns nicht möglich war, den zuständigen Sachbearbeiter zu erreichen. Also das ist sehr schwierig“, gibt Lange zu. Und er nennt ein weiteres Problem: „Meiner Meinung nach müsste es für einen relativ großen Teil unserer Klienten tagesstrukturierende Maßnahmen geben, die im Beschäftigungsbereich liegen, und da bricht im Moment ganz viel weg. Das ist verheerend.“ Die Erfahrung zeige: Beschäftigungsprogramme sind wichtig, um Menschen in ihrem Selbstwertgefühl, auf ihrem Weg aus der Isolation heraus und bei ihren Schritten zurück in eine mögliche berufliche Zukunft zu unterstützen.

P-rojekt Streetworking

Auch das P-Streetworking-Projekt fußt auf verwandte Gedanken. Für eine Woche sollen die Teilnehmer einen Job als P-ostbote haben – eine klar umrissene Tätigkeit. Es ist ein Ziel, ihnen das Gefühl des Ausgegrenztseins in dieser Zeit ein Stück weit zu nehmen, indem andere auf sie zugehen, um ein P zu kaufen. Mithilfe dieser Erfahrung und dem finanziellen Zubrot möchten wir gegen die Armutsfaktoren Mittellosigkeit und Isolation wirken. Wir hoffen, dass die P-ostboten nicht nur etwas Geld dazugewinnen, sondern auch Spaß, Erfolg und nette Kontakte beim Verkaufen des März- Ps haben. Ein Wunsch ist, dass sie ein gutes Gefühl mitnehmen durch die positive Erfahrung, dass es lohnt, sich für etwas zu motivieren, und sie sich auf dieser Grundlage immer besser selbst helfen werden können. Je mehr von Euch ihr P bei den P-ostboten kaufen, desto besser wird es klappen.

Alle für alle

Jeder Einzelne hat viele Möglichkeiten, Darmstadt immer mehr zu einem Ort zu machen, in dem Armut und soziale Ausgrenzung keine Chance haben. Es fängt bei Kleinigkeiten an, wie einem höflichen Umgang mit Bedürftigen im Innenstadtgebiet. Ute Schnur bestätigt: „Verständnis in der Öffentlichkeit ist ganz wichtig.“ Wer richtig aktiv werden möchte, hat die verschiedensten Möglichkeiten: Vom Großprojekt, in gemeinnütziger Initiative Jobs und Beschäftigungsmöglichkeiten für Betroffene zu schaffen oder eine Obdachlosenzeitung zu gründen, über gelegentliche ehrenamtliche Dienste. Die Darmstädter Tafel zum Beispiel empfängt stets freudig freiwillige Helfer (Kontakt und Infos unter www.darmstädtertafel.de). Auch im Kleinen kann man Gutes tun: Ausgemistete Klamotten können in der Kleiderkammer des Scentral in der Bismarckstraße 3 (direkt am Herrngarten) abgeben werden, wo sie dann auch garantiert bei hilfsbedürftigen Menschen landen. Auch gespendete Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen und Fernseher vermitteln Dietmar lange und sein Scentral-Team gern an Personen weiter, die sich solche Luxus-Geräte sonst vom Mund absparen müssten.

Es gibt viele Wege seinen Beitrag zu leisten. Das März- P auf der Straße zu kaufen, ist ein erster Schritt.

 

 

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