Foto: Miriam Ott

Es ist 1975, Chief Brody sitzt am Strand, den Blick ängstlich aufs Meer gerichtet. Plötzlich passiert es: Die Welt um ihn herum scheint sich zu verzerren. Der Hintergrund rast förmlich davon, während Brodys entsetztes Gesicht auf der Leinwand immer größer wird. Wo vor fünfzig Jahren Millionen Kinobesucher:innen vor Schreck fast die Popcorntüten fallen ließen, nickt Leonard Mink heute anerkennend. Denn dies ist nicht nur eine ikonische Szene aus „Der weiße Hai“, sondern auch eines der berühmtesten Beispiele für den Einsatz des Vertigo-Effekts. Mit visuellen Finessen wie dieser optischen Täuschung kennt Leonard, genannt Leo, sich aus, denn der 31-jährige Kelkheimer und Berufs-Darmstädter ist nicht nur Regisseur und Produzent, sondern fachsimpelt einmal pro Woche mit seinem Freund und Kollegen Dennis Baumann im Podcast „Schaun wir mal …“ über genau solche Filmdetails.

Schon in seiner Kindheit zeichnet sich sein Berufswunsch ab, als er in mühevoller Kleinstarbeit Stop-Motion-Filme mit Playmobilfiguren aufnimmt. Wenn er sich diese Filme, für die er „gefühlt den ganzen Tag“ Hunderte von Fotos gemacht hat, dann das erste Mal ansieht, und der Film bereits nach 30 Sekunden vorbei ist, ist er jedes Mal „ein bisschen enttäuscht“. Aber: Das ist ja nur der Anfang! Mit zwölf Jahren bekommt Leo sein erstes Schnittprogramm, schneidet damit aus Filmen oder Computerspielen eigene Trailer und unterlegt sie mit Musik, die er toll findet. „Schnitt ist sehr rhythmisch“, sagt er, „nicht auf die gleiche Art und Weise wie Musik, aber du musst irgendwie erzählerisch rhythmisch denken können.“ Natürlich ist er in seinem Abi-Jahrgang auch derjenige, der den Abi-Film macht. Er ist eben „der Filmtyp“.

Vom „Tatort“ in die Wirtschaft

Konsequenterweise macht Leo nach der Schulzeit ein Praktikum beim Hessischen Rundfunk und darf dort den Dreh einer „Tatort“-Folge begleiten. Trotzdem entscheidet er sich anschließend dazu, auf den elterlichen Rat zu hören und erst mal „was Vernünftiges“ zu lernen. Was „Vernünftiges“ ist in diesem Fall ein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Mainz. Und das zieht Leo durch – auch wenn er schon nach zwei Semestern merkt, dass er keine große Leidenschaft dafür empfindet. Doch das Thema Film bleibt. Parallel zum Studium gründet er mit ein paar Freunden, die ähnliche Interessen haben, eine Produktionsfirma. Sie drehen und produzieren zwei Kurzfilme: „Schattentiere“ und „Der Seehund mit dem fliegenden Schal“. Letzterer liefert schließlich auch die Idee für den Firmennamen: Seehund Media. In die Produktionen fließt alles an Erspartem, was Leo und seine Kollegen damals haben. Noch heute haben zwei große, gerahmte Filmplakate ihrer ersten beiden Filme einen Ehrenplatz in der Küche von Seehund Media.

Als er seinen Wirtschaftsabschluss in der Tasche hat, ist Leo klar: Er will jetzt doch noch „was mit Film“ studieren. Der klassische Weg, den er gerne einschlagen würde, wäre ein Studienplatz an einer der großen deutschen Filmhochschulen. Doch so leicht ist das nicht: Die Konkurrenz ist riesig, und die Chance, dort angenommen zu werden, ungefähr so groß, wie einem echten Seehund mit fliegendem Schal auf dem Luisenplatz zu begegnen. Leo macht ein paar Bewerbungsrunden an verschiedenen Filmhochschulen mit, kommt hier und da auch relativ weit, doch für die Zusage reicht es nicht. Am Ende klappt die „zweite Wahl“: ein Studienplatz in „Motion Pictures“ an der Hochschule Darmstadt. Dieser Studiengang sei „ganz, was man daraus mache“, meint Leo. Und er legt sich mit seinen Kommiliton:innen richtig ins Zeug: „Wir haben halt immer Vollgas gegeben. So viel wir konnten, so gut wir konnten, mit unserem eigenen Geld.“ In jeder Minute, die er nicht in die Uni-Projekte investiert, arbeitet Leo daran, Seehund Media weiter aufzubauen.

Foto: Miriam Ott
Foto: Sebastian Rieker

Die Realität hinter der Kamera

Und die Arbeit lohnt sich: Heute ist die Seehund Media GmbH eine etablierte Produktionsfirma in Eberstadt. Hier gibt es jede Menge Lagerplatz für technisches Equipment, einen Serverraum, mehrere Büroräume voller Schreibtische und gemütliche, ehemalige Kinosessel als sichtbare Zeichen der Filmleidenschaft des gesamten Teams. An einem der Schreibtische sitzt Leo, wenn er nicht auf Dreh ist. „Regie und Produktion bedeuten auch viel Büroarbeit“, sagt er. Zu eigenen Filmproduktionen kommen Auftragsarbeiten hinzu, etwa Konzertaufzeichnungen, Werbung und Dokumentationen. Meist arbeitet Leo an mehreren Projekten parallel. Als Regisseur trägt er die inhaltliche Verantwortung. Wenn er ein Drehbuch oder eine Idee bekommt, entwickelt er daraus gemeinsam mit allen Departments – Kamera, Produktion, Requisite und Schnitt – ein Konzept. Leo begleitet jeden Schritt, von Entwicklung und Planung über den Dreh bis zur Postproduktion. Dabei achtet er darauf, dass Dramaturgie und Details am Ende genau so umgesetzt werden, wie sie geplant waren. „Regie ist sozusagen eine durchgängige Qualitätssicherung“, fasst er zusammen.

Ist Leo für ein Projekt als Produzent tätig, dann geht es dabei vor allem um das Organisatorische. Finanzierung und Förderung, Locations und Drehgenehmigungen, Equipment und Produktionsmaterialien: All das muss geregelt werden. Manchmal sitzt er auch selbst am Schnitt. Der erste Cut liefert jedoch nie auf Anhieb das perfekte Resultat: „Das muss erst mal reifen, bis es so weit ist. Erst nach und nach setzt sich alles richtig zusammen, man findet Lösungen, und die Dinge funktionieren.“

Foto: Louisa Göttelmann
Foto: Julia Braun

Der Drei-Euro-Stunt

Lösungen zu finden, ist gerade bei Kurzfilmproduktionen mit streng kalkuliertem Budget das A und O. Leo erlebt das zum Beispiel bei seinem Uni-Abschlussfilm „Mauer des Schweigens“, in dem es um Polizeigewalt geht. Die erforderliche Polizeiuniform besorgt sein Team bei einem zertifizierten Verleih. Weil beim Namensschild an der Uniform jedoch pro Buchstabe bezahlt werden muss, bekommt die Figur kurzerhand einen neuen, deutlich knapperen Nachnamen verpasst. Ähnlich ist es beim Blaulicht: Da dessen Verwendung offiziell genehmigt werden muss und teuer werden kann, wird auch hier improvisiert. Leos Crew dreht die Szene geschickt so, dass das Licht nur ganz kurz aufblitzt. „Es geht darum, dass man mit wenig Geld trotzdem zu dem Ergebnis kommt, das man haben möchte“, sagt er.

Besonders gut erinnert sich Leo an den Dreh eines Horrorfilms, bei dem sich die als Drehort anvisierte Höhle als nicht tief genug entpuppte, um eine Schauspielerin wie geplant darin verschwinden zu lassen. „Dann haben wir so von vorne beleuchtet, dass ein ganz harter Schlagschatten entstand. Dahinter war nur noch Schwarz zu sehen. So konnten wir so tun, als sei die Höhle tief.“ Auch beim Stunt muss improvisiert werden, denn das Team hat keine professionellen Kabelzüge, die die Schauspielerin in die Höhle ziehen. Die pragmatische Lösung: Sie muss einen Rucksack tragen, denn daran kann ein Seil befestigt werden, das von vorne nicht zu sehen ist. Mit vier Matratzen baut die Crew eine „Auffangkonstruktion“, damit sich die Schauspielerin nicht verletzt, wenn zwei Teamkollegen sie ruckartig in die Höhle ziehen. „Das hat voll funktioniert!“, erzählt Leo begeistert. „Theoretisch wäre das enorm aufwendig gewesen, hinterher ein Kabel zu retuschieren, wie man es eigentlich machen würde. Und so war es halt ein Stunt für drei Euro.“

Kreative Lösungen zu finden und manchmal auch zu improvisieren, gehört zu Leos Job, verlangt aber auch die richtige Einstellung. Seine Branche sei eine, die nur über ihren Idealismus funktioniere, sagt er. „Alle hier machen das nicht fürs fette Geld. Wenn es einem nur darum ginge, dann bringt die Branche nichts. Dann muss man was anderes machen.“

In Sachen Takes, also wiederholten Aufnahmen einer Einstellung, sei er früher noch viel unsicherer gewesen. „Perfektionismus kann auch das Ergebnis von Unsicherheit sein. Manchmal ist das sogar hinderlich, weil man irgendwann verschlimmbessert“, weiß der Filmemacher heute. Wichtig sei es am Set vor allem, dass die Kernpositionen, Kamera und Regie, die Stimmung halten: „Sonst wird jeder Handgriff irgendwie kompliziert, weil keiner mehr machen möchte, als er muss.“

Foto: Julia Braun

Hörn wir mal …

„Geschichten in größerem Rahmen erzählen, szenisch oder dokumentarisch“, sagt Leo, sei das, was ihm an seiner Arbeit am meisten Spaß mache. „Aber ich habe schon ein szenisches Herz.“ Das ist auch in dem Podcast „Schaun wir mal …“ spürbar, den er im April 2023 mit seinem Freund und Kollegen Dennis Baumann startet und seitdem regelmäßig in Darmstadt aufnimmt. Einmal in der Woche sprechen die beiden darin auf höchstem Nerd-Level über Filme, sezieren Kameraeinstellungen bis ins kleinste Detail, analysieren cineastische Stilmittel oder bewerten die besten Filme in einer bestimmten Kategorie – manchmal auch mit Gästen aus der Filmwelt. „Retrospektiv ist es schon krass, dass wir das anderthalb Jahre durchgezogen haben, ohne dass uns irgendwer groß gehört hat. Klar, Freunde und Familienmitglieder haben immer wieder reingehört und sich gefreut. Da haben wir gemerkt, dass wir anscheinend irgendwas richtig machen.“ Die Idee, aus ihren Aufnahmen Reels zu schneiden und diese auf Instagram zu posten, ist es, die schließlich jede Menge Menschen auf den Podcast aufmerksam macht. 2025 haben rund 21.900 Menschen den Podcast allein auf Spotify gehört. Obwohl die beiden kaum schneiden, fließt etwa ein Dreiviertel-Arbeitstag pro Woche in den Podcast, denn schließlich müssen sie vorab den jeweiligen Film schauen, Fun Facts recherchieren und zum Schluss noch ein Folgen-Cover erstellen.

Wenn Leo davon erzählt, wie sich im Schnitt alles zusammenfügt und aus einzelnen Szenen ein stimmiges Ganzes entsteht, oder er im Podcast von genialen Tricks großer Filmklassiker schwärmt, dann blitzt sie wieder auf: dieselbe Begeisterung, die ihn schon als Kind gepackt hat, wenn er seine Playmobilfiguren in Szene setzte oder Trailer zusammenschnitt. Die Leidenschaft für seinen Job ist in jedem Satz spürbar.

 

Podcast „Schaun wir mal …“

Jeden Sonntag erscheint auf allen gängigen Podcast-Plattformen eine neue Folge „Schaun wir mal …“. Mal analysieren Dennis Baumann und Leo Mink darin einen Film bis ins kleinste Detail, mal stellen sie ihre Top Ten einer bestimmten Filmkategorie vor, mal ist jemand aus der Branche zu Gast. Das Besondere: Als Filmemacher können die beiden das Handwerk hinter den Bildern erklären und für die Zuhörer:innen entschlüsseln, was sich die Regie bei einer Szene gedacht hat oder warum eine bestimmte Kameraeinstellung eine so starke Wirkung hat. Spannend! … Hört mal rein!

instagram.com/schaunwirmal_podcast