Foto: Privat
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Sechs Darmstädter waren, sind und gehen auf Reisen, um mit Tatendrang und Leidenschaft an verschiedenen Orten der Welt zu helfen. In sechs Ausgaben des P-Magazins werden die persönlichen Erfahrungen aus sechs verschiedenen Ländern von sechs unterschiedlichen Menschen aus Darmstadt und Umgebung vorgestellt. Helfen ist nicht selbstverständlich – deshalb diese Serie hier im P-Magazin.

Andrea Stephan, 30 Jahre alte Darmstädterin, war bereits vor vier Jahren als Freiwillige in einem Frauengefängnis in Guatemala tätig. Die Eindrücke und Erlebnisse aus dieser Zeit prägten sie so sehr, dass sie die Entscheidung traf, wieder in Lateinamerika als Freiwillige zu arbeiten. Nach zweijähriger Tätigkeit als Sozialpädagogin in der Wohnungslosenhilfe in Deutschland begann sie (im Internet) nach Projekten zu recherchieren und stieß auf das Frauenhaus „Yach ‘Il Antzetic“ in Mexiko. Im August 2010 ging es für ein Jahr geförderten Freiwilligendienst des Bundesministeriums für Entwicklung und internationale Zusammenarbeit nach San Cristóbal de las Casas in Chiapas, dem ärmsten Bundesstaat Mexikos.

Hilfe zur Selbsthilfe

„Yach ‘Il Antzetic“ bedeutet „neue Frauen“. Die Einrichtung ist ein Frauenhaus für alleinstehende, schwangere Frauen sowie alleinerziehende Mütter. Die Frauen, welche meist indigener Herkunft sind oder aus ärmlichen Stadtteilen kommen, können in ihrer Notsituation dort aufgenommen und durch verschiedene Angebote unterstützt werden, ein autonomes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie wurden von ihren Männern verlassen oder von ihrer Familie verstoßen, da sie außerehelich schwanger wurden. Manche Familien sind jedoch einfach zu arm, um „ihren Frauen“ zu helfen, und wenden sich deshalb an die Einrichtung.

„Gerade in ländlichen Gebieten leben die Menschen in Chiapas unter sehr armen Bedingungen und haben kaum Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung“, erklärt Andrea. So haben sie die Besuche in indigenen Gemeinden besonders geprägt: „Dort haben wir Seminare zu sexueller Aufklärung durchgeführt. Die Frauen hörten sehr interessiert zu, während sie Tortillas von Hand über dem Feuer für uns zubereiteten. Das wenige, was sie haben, teilen sie“, so Andrea. Auch durch Flyerwerbung und einen Radiospot wurde auf die Einrichtung aufmerksam gemacht.

Gender und Maya-Medizin

Foto: Privat
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Im Frauenhaus Yach ‘Il Antzetic wird mit den Klientinnen täglich Aufklärungsarbeit geleistet. Darüber hinaus finden regelmäßige psychologische Betreuungen sowie durch Maya-Medizin unterstützte Geburten statt. Dafür werden in der Einrichtung eigens Austernpilze kultiviert und Naturheilkräuter angebaut, aus denen die Hebammen Maya-Medizin herstellen. In Seminaren über Frauenrechte, Gender, Selbstverteidigung, Selbstbestimmung, Gesundheit und Familienplanung werden die Frauen informiert – und dadurch gestärkt. In Alphabetisierungs-Kursen können sie Lesen und Schreiben lernen und einen Schulabschluss erlangen. In der Töpfer- und Kunsthandwerkswerkstatt lernen die Frauen, kreativ Eigenes zu produzieren und ihre Produkte zu verkaufen. Bei deren Vermarktung helfen Frauenkooperativen, mit denen Yach ‘Il Antzetic zusammenarbeitet.

Während die Frauen an den Angeboten teilnehmen, werden ihre Kinder betreut, damit sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Viele von Andreas Kolleginnen sind indigener Herkunft – und waren früher selbst betroffen. „Sie sprechen die Sprachen der Klientinnen und leiten heute im Frauenhaus zum Beispiel die Töpfer- und Kunsthandwerkstatt. Es sind verantwortungsvolle Aufgaben, die sie übernehmen, und es zeigt, dass das Projekt funktioniert und nachhaltige Wirkung hat“, erklärt Andrea.

Als besonders schön empfand die Darmstädterin die großen Treffen, die einmal pro Monat im Frauenhaus stattfinden und zu denen alle eingeladen sind, die jemals in der Einrichtung gewohnt haben und selbst aus den entlegensten Gegenden anreisen: „Es ist für die Frauen, die noch in der Krise sind, schön, andere zu sehen, die es geschafft haben.“

Reiche Familie, schlechte Bezahlung

Derzeit studiert Andrea berufsbegleitend in Berlin „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“ und plant mit ihren Kenntnissen ein Menschenrechts-Bildungsprojekt für die Initiative in Mexiko. Denn viele der Frauen, die Yach ‘Il Antzetic verlassen, entscheiden sich, in der Stadt zu bleiben und fangen an, als Hausangestellte bei reichen Familie zu arbeiten. Es ist meist die einzige Arbeit, die man ihnen mit einem Säugling und ohne ausgeprägte Kenntnisse in Lesen und Schreiben zutraut. Wissend um ihre Abhängigkeit werden sie dort oft ausgenutzt, haben keine Freizeit und werden schlecht bezahlt: „Sie bekommen oft nur ein kleines Taschengeld und dürfen sich etwas von dem Essen nehmen, was sie für die Familie zubereitet haben“, schildert Andrea. Häufig kommt es auch zu sexuellen Übergriffen seitens ihrer „Chefs“. Aus Angst, den Beruf – und damit auch die Unterkunft – zu verlieren, trauen sich die Frauen nicht, etwas dagegen zu unternehmen.

Andrea möchte mit ihrem neuen Projekt diese alleinerziehenden mexikanischen Frauen, die als Haushälterin arbeiten, für ihre Rechte sensibilisieren: „Die Frauen sollen sich darüber bewusst werden, dass es Menschenrechte sind, die verletzt werden und dass sie die Möglichkeit haben, dagegen vorzugehen. Viele wehren sich nicht, da sie in machistischen Strukturen aufgewachsen sind und gar nicht wissen, dass sie das Recht auf eine würdige Behandlung haben“, erklärt Andrea. Auch ein Film zu diesem Thema ist geplant.

Nun ist Andrea wieder zurück in Darmstadt. Es ist nur eine Zwischenstation. Ende September hat sie erfolgreich eine Soli-Party für Yach ‘Il Antzetic in der Oetinger Villa organisiert. Denn ihr Ziel ist klar: 2013 möchte sie wieder für sechs Monate nach Chiapas reisen, um weiter helfen zu können.

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