Gerhard Schweizer

Foto: Nouki

Gerhard Schweizer zu finden, ist gar nicht so leicht. Irgendwo auf dem weitläufigen Gelände in der Landwehrstraße 75 rund um Boulderhaus, Motorenfabrik und Tonstudio „raum 103“. Hier hat er sein Atelier. Es ist Gerhard Schweizers sechstes seit Beginn seiner Lehrtätigkeit am Fachbereich Gestaltung an der Hochschule Darmstadt in den frühen siebziger Jahren. 2000 wurde der heute 91-Jährige pensioniert. Tätig ist er aber beeindruckender Weise noch immer: „Ich bin fast täglich in meinem Atelier, um zu arbeiten.“

Das erzählt der drahtige Mann mit den schlohweißen Haaren und der Nickelbrille später, als besagtes Atelier gefunden ist, man gemeinsam auf hölzernen alten Schulstühlen sitzt und auf sein Lebenswerk blickt: Da sind Leinwände, kleinere und größere, mit grafischen Mustern, Linien und Zahlen, kleine Skulpturen sowie bemalte Papierfahnen, die an den Wänden hängen. „Das Atelier ist momentan wegen eines Wasserschadens zugestellt mit Arbeiten auf Leinwand, meistens aus den Siebzigerjahren“, erläutert Schweizer. Seit den frühen Achtzigern arbeitet er hauptsächlich auf großformatigen Kartons und Papieren mit klassischen Mitteln, mit Graphit, Farbstiften und Reißschiene. Zugleich entstehen immer wieder großräumige, begehbare Skulpturen im öffentlichen Raum. Sowohl die großen Zeichnungen als auch die realisierten Skulpturen, die hier im Atelier im Modell herumstehen, befassen sich mit Ausschnitten aus einem nach allen Seiten offenen Raum, und somit mit Perspektive, mit optischer Täuschung und Illusion.

„Eigentlich ist das Anliegen meiner Kunst der Raum. Die räumliche Wirkung und die Illusion“, erklärt Schweizer. Beispiel: Bei seiner knallroten Stahlskulptur „Verschwunden, aber nicht vergessen“, die in Mörfelden-Walldorf vor dem Bürgerhaus steht und wirkt, hat der Betrachter das Gefühl, er schaue auf eine Wand mit einem Text. In Wirklichkeit handelt es sich um stelenartige, gefaltete Stahlbleche mit hineingefräßten Buchstaben – der Text lässt sich nur lesen, wenn man die richtige Perspektive einnimmt. Eine ähnliche Skulptur (aus Holz) stand übrigens auch am Eingang des OHA Osthang – bis dieser gerodet wurde und auch Schweizers Kunstwerk einer kürzlich stillgelegten Baugrube weichen musste. Weitere Beispiele sind die aus 15 Stelen bestehende „El Lyssitzki Allee“ im Regionalpark Rhein Main und – etwas weiter entfernt – das Steinareal Kohfidisch, bestehend aus 21 großvolumigen Kalksteinen, im südlichen Burgenland.

Gerhard Schweizer ist überzeugt, dass sein Elternhaus seine frühen gestalterischen Versuche sehr gefördert hat – seine Mutter studierte Textildesign an der Kunstakademie in Stuttgart und war Schülerin des Darmstädter Malers Alexander Posch, sein Vater war Gartenarchitekt. Schweizer selbst, der in Roßdorf geboren und aufgewachsen ist, studierte in Kassel bei Arnold Bode Malerei. Bis 2006 wohnte er mit Frau und zwei Töchtern in Seeheim. 2006 zogen er und seine Frau nach Darmstadt in die Pützerstraße – mit direktem Blick auf die Mathildenhöhe.

An Darmstadt schätzt der Lyrik-Fan besonders die zentrale Lage (und die kurzen Wege, auch zu Museen in Frankfurt und Mainz) sowie die Nähe zum Wald, wo er gerne mit seinem Hund Kukka, einem Luzerner Laufhund (Bracke), spazieren geht. Etwas kritischer sieht er die allgemeine, auch in Darmstadt recht weit verbreitete Unzufriedenheit: „Die Mehrzahl von uns lebt hier wie die Maden im Speck, angesichts dessen würde ich mir einen respektvolleren Umgang untereinander wünschen“, merkt er an.

2009 starb Gerhard Schweizers Frau Möhr. Wie sie, möchte auch er „lebenssatt sterben.“

gerhardschweizer.com

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