„Komme, was Wolle … wir stricken was draus.“ Handarbeiten ist in, auch in Darmstadt – und wirkt als äußerer und innerer Widerstand gegen die Zumutungen der Welt.
Eine weiße Kissenhülle mit Spitzenrand. Darauf eine Stickerei aus rotem Faden. Nostalgisch, romantisch, seltsam rein. Fünf Buchstaben in Fraktur: „F.I.C.K.E.N.“. Dass wir das vor 20 Jahren ob seiner scheinbar weit offenen Text-Bild-Schere witzig fanden, lässt mich heute milde lächeln. Inzwischen gehören für mich Handarbeiten wie poetische Stickereien von Molotowcocktails und Distelblüten zum politischen Struggle. Nadel und Faden statt Waffen. Ich lernte, wie eng Stricken und Häkeln mit Widerstand verwoben sind und wie lang der Faden der gemeinsamen Geschichte bereits ist. 2026 beobachte ich zudem einen neuen Trend. Nicht mehr nur „Wolle. Seide. Widerstand.“, sondern Handarbeiten (auch) als Suche nach Wohlbefinden, Trost und alternativer Gemeinschaft.
Bereits im 18. und 19. Jahrhundert sind Näh- und Handarbeitskreise wichtige soziale Räume. Hier treffen junge und alte Frauen zusammen und tauschen, von Männern unbeobachtet, Informationen aus. Nicht nur die Techniken und das Fertigen der jeweiligen Arbeiten betreffend. Es wird vor allem das Wissen über Ehe, Körper, Sex und Schwangerschaft weitergegeben.
Allerdings finden wir zwei völlig unterschiedliche Welten vor. In bürgerlichen und adligen Kreisen schickt Mann die Mädchen und Frauen ins Boudoir, einen kleinen, elegant eingerichteten privaten Raum, auf dass die „Damen des Hauses“ dort diszipliniert werden: Sie sollen sich über Stickrahmen und Klöppelspulen gebeugt in Bescheidenheit, Geduld und Disziplin üben. Außerdem erhoffen die Männer, die von Erwerbstätigkeit und politischem Wirken Ausgeschlossenen auf diese Weise der Langeweile zu entreißen, während sie selbst im Rauchersalon die Geschicke der Welt lenken.
Die Mädchen und Frauen in den prekären Lebenssituationen des unteren sozialen Spektrums hingegen nähen und weben aus essenzieller Notwendigkeit heraus unter den Bedingungen extremer Ausbeutung. Zwar werden dieselben Techniken benutzt, doch in den bourgeoisen Villen führen Moral und Muße die unterschiedlichen Nadeln, wohingegen in den Armen- und Arbeitervierteln der Zwang aus ökonomischem Druck und Überlebensarbeit die Fäden vernäht.
Im Nähen und Klöppeln schlummern subversive Kräfte
Doch die Stiche kreuzen sich. Die weiblichen Räume bleiben nicht unpolitisch, stattdessen gedeihen in ihnen subversive Kräfte. Dass sich aus existenziellen Nöten und ausbeuterischen Verhältnissen heraus politisches Denken entwickelt, ist quasi unabdingbarer Überlebenskampf. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es in London, dem Zentrum der Textilindustrie, erste Proteste der Näherinnen. Das Schlüsselereignis für den Kampf der Arbeiterinnen in der Bekleidungsindustrie ist jedoch 1909 der in New York organisierte Frauenstreik „Uprising of the 20.000“. Handarbeit wird hier zur direkten politischen Kampfzone. Auf kollektiv genähten und bemalten Bannern fordern die Frauen bessere Arbeits- und Lebensbedingungen.
Aber auch in den bürgerlichen Quilt-Kreisen und adligen Boudoirs organisieren sich die Frauen. Wer je dachte, privat und weiblich würde unpolitsch bedeuten, wird eines Besseren belehrt. Sticken, Klöppeln und Verziehren sind auch hier Unterdrückung und Rebellion in einem. Das gipfelt darin, dass die traditionell gefertigten Stücke widerständlerisch genutzt werden. Zum Beispiel als hochwertige Banner der Suffragetten-Proteste. Die Forderung „Votes for Women“ (um 1909) sticken die Frauen mit Goldfäden in lila Seide und grünen Samt.
Auch Männer sind über die Jahrhunderte immer wieder Teil der Handarbeitsbewegung. Nicht nur als (Herren-)Schneider. Für das 13. und 14. Jahrhundert ist der männliche Beruf des Strickers klar belegt. Stricken ist im Mittelalter ein in Zünften organisiertes, ökonomisch bedeutsames und vom Manne dominiertes Handwerk.
Therapie für Kriegsgeschädigte
In der Zeit der Industrialisierung werden Stricken, Sticken und Nähen in die weiblichen Räume verbannt. Im 20. Jahrhundert hingegen zeigen Fotografien wieder strickende Männer an der Front. Der Erste und Zweite Weltkrieg entgendert die Handarbeit. Soldaten stricken benötigte warme Socken, stopfen ihre Uniformen oder vertreiben sich mit Nadelarbeiten die Zeit. Zudem wird der meditative Effekt des Strickens als Therapie für Kriegsgeschädigte angewendet.
In den 1960er- bis 1980er-Jahren möchte man Nähen, Sticken, Stricken und Häkeln bewusst aus der „Abwertung als weibliche Arbeit“ herausholen und gleichzeitig auf die unbezahlte Care-Arbeit der Frauen hinweisen. Handarbeiten werden radikal politisiert. Handarbeitsgruppen sind Orte für Gespräche über Politik, Sexualität, Care-Arbeit und Gleichberechtigung. Auch im Bundestag wird ab Einzug der frühen Grünen demonstrativ gestrickt.
Die Kunst entdeckt das Gestalten mit Fäden und Gewebe. Die Fede zwischen „echter“ Kunst und kitschigem Kunsthandwerk wird beigelegt und die Handarbeit rangiert vom Werkstück zum Kunstwerk.
In den 1980er- und 1990er-Jahren erleben wir weltweiten Protest, Dokumentationen von existenzbedrängenden Zuständen oder internationale Trauer oft im Kontext mit Handarbeiten. Ein herausragendes Beispiel ist der AIDS Memorial Quilt, ein gewaltiges, offenes, kollektives Trauerkunstwerk, um der Menschen zu gedenken, die an AIDS gestorben sind. Es wird 1987 in San Francisco gestartet und bis heute fortgeführt. 2020 besteht der Quilt aus 50.000 einzelnen Paneelen von jeweils 0,80 mal 1,90 Metern Größe.
Ein anderes Beispiel sind die Arpilleras (farbenfrohe Wandbilder aus Stoffresten). Chilenische Frauen sticken darauf vorsichtig codierte Szenen der Gewalt durch das Militär, Erzählungen von Entführungen und Armut. Während der Militärdiktatur werden sie ins Ausland geschmuggelt und gewährleisten so ein kleines Einkommen. Außerdem verbreiten sie Informationen über das Leben der chilenischen Frauen unter Pinochet.
In den 2010er-Jahren etabliert sich der sogenannte Craftism, zusammengesetzt aus Craft (Handwerk) und Aktivismus (activism). Mit Wolle, Garn und Stoff werden soziale, politische und ökologische Botschaften gehäkelt, gestrickt und gestickt – international (vor allem durch digitale Medien verbreitet), symbolisch, prozesshaft und alltagsnah. Mit einem leisen, niedrigschwelligen Zugang für alle.
Ein bekanntes Beispiel des Craftism ist das Pussyhat Project von 2017, als Millionen pinke Mützen mit Katzenohren aus Protest gegen Trump gestrickt und getragen werden. Oder das Yarn Bombing, bei dem Bäume, Fahrradständer und Laternen mit Häkel- und Strickarbeiten ummantelt werden und so der öffentliche Raum erobert und sich kollektivistisch angeeignet wird.
Im Jahr 2026 hängen nur noch wenige der inzwischen stark vergrauten Häkelarbeiten in den Städten herum. Aus dem Bundestag ist kein Nadelklappern mehr zu hören und in den Öffis wird nicht mehr rechts und links gestrickt, sondern nach rechts und links geswiped.
Der Hype scheint vorbei. Es lebe der Hype!
Kurz bevor man erschöpft das Handy ausschaltet, noch ein schneller Blick auf die „TikTok“-Tutorials des allerneuesten Trends: „Protest is a fundamental Right!“ (gesticktes Banner), „Melt the ICE!“ (gestrickte Mütze), „No Kings!“ (gehäkelter Patch) – oder auch eine romantische Strickjacke mit Rüschen.
Im analogen Raum der Clubs, Cafés, Kinos oder Open-Air-Knit-ins trifft man sich nun wieder mit Gleichgesinnten, arbeitet mit Nadel und Faden, tauscht sich aus, trinkt eine Brause oder einen Ingwertee. Eine Person dreht Platten. Vielleicht läuft auch ein Kinofilm bei halber Beleuchtung. Vielleicht liest einer einen poetischen oder politischen Text vor. Vielleicht spielt jemand auf dem Klavier. Kein Rausch, kein Kink, keine Ekstase. Es gilt das Hier und das Jetzt. Zwei Stunden lang oder auch drei. Slow + Care. Im Flow der Nadel darf man endlich einmal abschalten und zur Ruhe kommen. Sich ganz und gar spüren, vielleicht sogar eine gewisse Wirkmächtigkeit, je nachdem, wie das entstehende Werkstück anmutet.
Die neuen Häkelkinos, „Wollbefinden“-Abende, Strickraves und „Stitch & Bitch“-Kreise sind willkommene Angebote, die eigene Resillienz zu trainieren und Krisen, Kriegen und Kapitalismus gemeinschaftlich handarbeitend entgegenzutreten. Eine tröstliche Mischung aus Freizeitbeschäftigung, sozialer Nähe und leisem Aktivismus. Absolut genderoffen.
Ausstellung „Wolle. Seide. Widerstand.“
Beeindruckende Teppich-Arbeiten internationaler Künstler:innen zu politischem und persönlichem Widerstand
Museum Angewandte Kunst (Schaumainkai 17, Frankfurt am Main) | bis So, 14.6. | 14 €
Handarbeits-Events in Darmstadt
„Wollbefinden Open Air“ Viertes Kollektivstricken
Carree-Hof vor der Centralstation | Sa, 30.5. | 16.30 Uhr | Eintritt frei
+ Ausschau halten nach (Termine standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest):
„221 Maschen auf 221qm“: siehe 806qm.de
„Strick- und Häkeltreffen“ im das Blumen: dasblumen.de
„Film & Faden“ – monatliches Strickkino im Programmkino Rex: kinopolis.de/rx








