Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Kulturelle Vielfalt gehört zu Darmstadt wie der Lange Lui, Verschenkekisten im Martinsviertel oder männerlastige Studentenpartys. Laut Bevölkerungsstatistik 2019 haben 21,1 Prozent der in Darmstadt lebenden Menschen eine nicht deutsche Nationalität. Das P möchte wissen, wie Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nach Darmstadt gefunden haben, diese Stadt erleben. Also reden wir über Integration in Darmstadt – mit den Experten für diese Thematik. Denjenigen, die schon lange ihr Leben „hier im Ausland“ navigieren, sich anpassen und Wege finden, ihren Horizont zu erweitern, um an mehreren Orten gleichzeitig dazuzugehören.

Folge 2: Hayat Abubakar

Hayat, 28 Jahre alt, ist Mutter von zwei Kindern und absolviert aktuell eine Pflegeausbildung. Sie lebt seit acht Jahren in Deutschland, ist aber schon viel länger von ihrer Heimat entfernt. Als Kind ist sie mit ihrer Mutter über Landwege aus Eritrea nach Sudan geflüchtet. Dort blieb sie sechs Jahre lang. Anschließend lebte sie drei Jahre in Libyen, bevor sie über das Mittelmeer nach Italien reiste. 2013 kam sie in Deutschland an und beantragte Asyl. Sie kam zuerst in der Geflüchtetenunterkunft in Alsbach-Hähnlein unter. Seit 2015 lebt sie in Darmstadt.

Ich lernte Hayat 2017 kennen, als sie an einem Frauenintegrationskurs teilnahm, in dem ich unterrichtet habe. Als wir uns in ihrer Nachbarschaft in Eberstadt beim Eiscafé hinsetzen, hält sie erst mal mit der Kellnerin ein Schwätzchen.

 

Liebe Hayat, wir haben uns lange nicht gesehen! Wie geht es Dir und Euch mittlerweile in Darmstadt?

Ganz gut eigentlich. Bei mir geht es voran. Nachdem ich den Sprachkurs bei Dir abgeschlossen habe, habe ich über die BAFF Frauenkooperation meinen Hauptschulabschluss gemacht und dann meine Ausbildung zur Altenpflegehelferin absolviert. Jetzt geht’s weiter: Ich mache noch drei Jahre generalistische Ausbildung, dann kann ich in jedem Bereich der Pflege arbeiten. Da habe ich Lust drauf.

 

Und wie geht’s Dir sonst in Deutschland? Wie läuft’s mit der „Integration“? [zwinker]

Das Einzige, was mir fehlt, ist meine Familie. Aber ansonsten, geht’s uns gut. In unserem Haus sind wir die einzigen „Ausländer“, aber ich habe nicht das Gefühl, dass wir irgendwie alleine wären. Mit unseren Nachbarn (die sind alle Deutsche) sind wir wie eine Familie. Unsere Kinder spielen zusammen und wir passen gegenseitig auf unsere Kinder auf. Letztes Jahr war meine jüngste Tochter im Krankenhaus und ich musste bei ihr bleiben. Da haben uns unsere Nachbar:innen viel geholfen. Man sagt über die Europäer: „Ja, dort gibt es andere Regeln, da ist jeder für sich. Die kümmern sich nicht umeinander.“ Das stimmt nicht. Das habe ich hier oft erlebt. Auch ich hatte Vorurteile über Europa, bevor ich hierher kam. Aber Vorurteile sind immer einfacher als die Realität. Die Wahrheit ist immer ganz anders als das, was die Leute sagen. Ich finde, das hier in Deutschland ist keine so schlimme Kultur. [schmunzelt]

 

Das ist schön zu hören, dass Ihr Euch so wohlfühlt. Weil ich glaube, es kann auch anders gehen …

Ich akzeptiere die Leute, und sie akzeptieren mich auch. So funktioniert es. Ich meine, es gibt manchmal Leute, zum Beispiel in der Straßenbahn oder so, die unmögliche Sachen sagen wie „was machen Sie hier?“ und so. Aber ich nehme das nicht persönlich. Ich lasse es da stehen, und vergesse das gleichzeitig. Ich nehme das nicht zu Herzen. So Sachen, die höre ich nicht und die sehe ich nicht. Ich reagiere darauf einfach nicht. Außer, es hat mit meinen Kindern zu tun. Es gab schon Situationen, da wurden meine Kinder bedroht, und dann ist die feurige Afrikanerin in mir herausgekommen. In solchen Situationen muss man aussprechen und den Leuten zeigen: „Ich verstehe, was Ihr sagt, und ich weiß, was meine Rechte sind.“

 

Ich finde es total beeindruckend, wie Du es trotzdem schaffst, so positiv zu bleiben.

Wenn ich das mit mir herumtragen würde, dann würde es mich nur kaputtmachen. Hass ist eine Krankheit! Wozu brauche ich das, jemanden die ganze Zeit zu hassen und das mit mir herumzutragen? Ja, ich habe viel Negatives erlebt, klar. Aber ich nehme das nicht persönlich. Ich bin genau richtig, wie ich bin, meine Kinder sind genau richtig, wie sie sind. Niemand ist besser als ich, keine anderen Kinder sind besser als meine Kinder. Alle Leute sind gleich. Das ist meine Entscheidung. Wenn du dich davon verletzten lässt, wird es nur noch schlimmer, und meine Kinder würden am meisten daran leiden, wenn ich das alles persönlich nehmen würde.

 

Deine Kinder sind eine große Motivation für Dich, oder?

Meine Kinder sind beide hier geboren. Es ist meine Aufgabe, Vorbild zu sein. Ich kann nicht sagen: „Ich habe nur zu Hause gesessen und keinen Sprachkurs gemacht und nehme die ganze Zeit Geld vom Amt“ – und dann aber wollen, dass meine Kinder sich in der Schule Mühe geben. Meine Kinder sollen sagen können: „Die Mama kann alles, die Mama schafft alles.“ Ich bin nicht perfekt, aber ich versuche, was ich kann. Ich sage zu meinen Kindern immer: „Ihr seid die Besten.“ Aber ich muss den Respekt meiner Kinder verdienen, das passiert nicht von allein, wenn man sich keine Mühe gibt. Wenn ich das Negative im Kopf hätte, dann würde sich das auf die Kinder übertragen.

 

Was hättest Du gerne, dass die deutsche Gesellschaft im Umgang mit Integration lernt?

Ich hätte gerne, dass Ihr Eure Ohren und Eure Augen aufmacht und richtig hört und seht, anstatt mit geschlossenen Augen zu schauen. Wenn Ihr Eure Augen und Eure Herzen aufmacht, seht Ihr alles Positive und nicht nur das Negative. Vielleicht lernt Ihr noch was, was Ihr vorher nicht wusstet.

Hayat, Du inspirierst mich! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Darmstadts kulturelle Vielfalt in Gesprächen

Manchmal hat man an einem Ort direkt das Gefühl, dass man willkommen ist. So war es für mich, als ich 2010 aus Kanada für ein Auslandssemester nach Darmstadt kam. Aus diesem einen Semester ist ein Studium geworden – und mittlerweile ist Darmstadt mein Zuhause. Als Ausländerin will ich mich in meiner Stadt zugehörig fühlen, unabhängig davon, wo ich herkomme oder wie lange ich vielleicht bleiben werde. Als Leiterin von Integrationskursen frage ich mich, was es eigentlich heißt, integriert zu sein. Integration ist schließlich kein Ziel, das erreicht werden kann, sondern vielmehr ein Prozess – ein Prozess in Richtung einer vielfältigeren, multikulturellen Gesellschaft.

melanielipinski.com

 

Artikel drucken Artikel versenden