Foto: Jan Ehlers

Ein junges Liebespaar, das sich zärtlich küsst. Im Hintergrund: eine Fachwerkkulisse samt Darmstädter Stadtkirche. Ein trügerisches Idyll. Denn das Bild auf dem Buchumschlag des Romans „Mohnschwestern“ zeigt eine Szene kurz vor dem 11. September 1944 – der Brandnacht, in der Fliegerbomben Darmstadt in Schutt und Asche legten. Für einen Hoffnungsschimmer sorgen die Mohnblüten, die das Liebespaar umranken. Was genau hat es mit ihnen auf sich?

Ebensolche Blüten – orangefarbene, kalifornische Mohnblumen – wachsen in Ilona Einwohlts Garten. Er ist eine kleine Oase im Herzen Eberstadts. „Er hat mir gerade in den Zeiten des Corona-Lockdowns viel Ruhe und Kraft gegeben“, sagt die 52-jährige Autorin. Seit einiger Zeit wohnt sie im ehemaligen Haus ihrer Großmutter. Ein Ort ihrer Kindheit. Ihren Großvater lernte sie nie kennen. Er kam am 12. Dezember 1944 beim Bombenangriff auf die Firma Merck ums Leben.

In „Mohnschwestern“ verarbeitet die Autorin die Themen Krieg und Diktatur. „Der NS-Geschichte hat mich schon immer interessiert“, sagt sie. Schon als Schülerin. „Für ein paar Jahre dachte ich, wir Nachgeborenen hätten daraus gelernt, doch dann kam Pegida.“

2013 hatte sie erstmals die Idee, die damaligen Ereignisse in ihrer Heimatstadt literarisch umzusetzen. Von Anfang an war klar: ein ambitioniertes Unterfangen. Einwohlt befragte Zeitzeugen, darunter ihre Nachbarin Hilde Mark und den ehemaligen Lehrer und heutigen Buchautor Peter Schmidt. Sie recherchierte im Stadtarchiv. Ursprünglich sollte der Roman, der den Arbeitstitel „Brandnacht“ trug, ein Jugendbuch werden. Nun ist es das erste Buch für Erwachsene der Autorin, die seit Jahren Erfolge mit Kinderbüchern feiert. Für Jugendliche ist es dennoch durchaus zu empfehlen. Einwohlt hat ihren ersten Belletristik-Roman gleich im renommierten US-Verlag Harper-Collins untergebracht, der seit einiger Zeit in den deutschsprachigen Markt expandiert.

Die Stadt im Roman ist namenlos. „Lottes Schicksal hätte überall in Nazi-Deutschland spielen können“, erklärt Einwohlt. Der Leser stößt jedoch auf einige Andeutungen, die nahelegen, dass es sich um Darmstadt handelt. „Mohnschwestern“ ist zugleich Romanze wie zeitgeschichtliches und auch politisches Buch. Im Vordergrund steht die Liebesgeschichte zwischen Lotte und Wilhelm, deren Liaison die Kriegswirren jäh auseinanderreißen. Der Kriegsalltag ist hautnah und detailliert geschildert. Einen Schub ins Sozialkritische erhält das Buch dadurch, dass Wilhelm Mitglied einer – fiktiven, historisch nicht verbürgten – Widerstandsgruppe ist. Die Sprache ist klar, gleichwohl emotional. Einwohlt erzählt auf zwei Zeitebenen: Zusätzlich zu den Geschehnissen in den 1940er-Jahren, die den größeren Raum einnehmen, sind schlaglichtartig kurze Szenen eingestreut, die in der heutigen Zeit spielen. Hier entdeckt die junge Hazel bei einer älteren Frau ein Bild mit – ja, genau: orangenen – Mohnblumen. Jenes Bild, das vor mehr als 70 Jahren Wilhelm seiner geliebten Lotte schenkte.

„Ein Nachfolger ist schon in Arbeit“, verrät die Autorin. Erneut ein historischer Roman, der sich an Erwachsene richte. Inhaltlich sei er aber nicht mit „Mohnschwestern“ verknüpft. „Er spielt in Hamburg, im Jahr 1931.“ Kurz vor der NS-Diktatur, inmitten der Wirtschaftskrise. Das Schreiben für junge Menschen lässt Einwohlt derweil nicht ruhen. Mit „Uncovered“ ist bereits ein Jugendbuch angekündigt, das sich dem schwierigen Thema der Erpressung mit Sexbildern widmet. Die Arbeit mit Jugendlichen möchte die Autorin, die eine halbe Stelle am Institut für Medienpädagogik (MuK) in Bessungen hat, auch nicht missen. An jungen Lesern schätzt sie die Unbefangenheit, mit der sie sich Werk und Autor nähern. In einer Probelesung habe ihr unlängst ein junger Zuhörer Verbesserungsvorschläge gemacht und ihr selbstbewusst mit auf den Weg gegeben: „Ich freue mich, wenn Sie sich das zu Herzen nehmen!“

 

Die Autorin

Ilona Einwohlt wurde 1968 in Pinneberg, nahe Hamburg, geboren. Sie wuchs in Darmstadt auf. Nach dem Abitur am Schuldorf Bergstraße in Seeheim-Jugenheim studierte sie in Frankfurt Hispanistik und Germanistik, Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur. Seit 2000 ist sie freie Autorin. Sie gehört zu den Initiatorinnen des Darmstädter Jugend- und Kinderliteraturfestivals „Huch, ein Buch!“. Werke unter anderem: „Schmetterlingsflügel für dich. Das Coaching-Buch für Mädchen“, 2007; „Advent, Advent, die Bude brennt“, 2015; „Erdbeersommer“, 2016; „Wild und Wunderbar“, 2018.

Das Buch

„Mohnschwestern“, Roman, Verlag Harper-Collins, 350 Seiten, gebunden, 22 €

Lesung

Centralstation (Saal) | Do, 10.09. | 19.30 Uhr | Eintritt frei. Aufgrund der begrenzten Platzkapazität ist eine Anmeldung unter info@centralstation-darmstadt.de erforderlich.

 

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