Foto: Jan Ehlers

Warum leben wir nicht in einer Gesellschaft, die die Bedürfnisse der Menschen in den Fokus stellt, auf das Gemeinwohl achtet, auf Gleichheit Wert legt? Sondern in einer, in der beispielsweise Sorgearbeit anhand geschlechtlicher, klassenbezogener und kolonialer Kategorien verteilt wird? Diese und ähnliche Fragen stellen sich die Mitglieder* des Feministischen Streiks Darmstadt – und versuchen Antworten darauf und Lösungen zu finden, die die Ungleichheit aufheben. Eine von ihnen ist Milena Heyer. Die 26-Jährige studiert Politikwissenschaften an der TU Darmstadt, arbeitet, ist politisch in der Interventionistischen Linken aktiv und Mutter einer fünfjährigen Tochter. Das Bündnis Feministischer Streik hat sich im Januar 2019 gegründet und im letzten Frühjahr zum ersten Mal den internationalen Frauen*tag am 08. März mit Aktionen bespielt.

P: Milena, wer engagiert sich beim Feministischen Streik Darmstadt?

Milena: Wir sind Einzelpersonen und Aktive aus verschiedenen politischen Gruppen und haben auf Initiative des feministischen Kampftagsbündnisses unsere Gruppe gegründet, um das Vakuum an feministischer Organisation in unserer Stadt zu füllen. Neben den Aktionen am 08. März sind wir in Bündnissen wie dem Global Strike aktiv und arbeiten mit anderen politischen Bewegungen und Gruppen wie zum Beispiel der Interventionistischen Linken, der Seebrücke, dem OAT (Offener Antifaschistischer Treff) und Fridays for Future zusammen.

Ihr habt schon mehrere Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen gestemmt, um was geht es in diesem Jahr? Und wie möchtet ihr darauf aufmerksam machen?

Wir haben natürlich viele Themen, für die wir kämpfen. In diesem Jahr ist unser Hauptthema jedoch die unsichtbar gemachte, unbezahlte Sorge- und Reproduktionsarbeit. Diese möchten wir am 08. März bestreiken, denn auch wenn der Demo-Tag auf einen Sonntag fällt, hat diese Arbeit keine freien Tage oder Urlaub. Wir veranstalten einen kollektiven Chill-Out und wollen Frauen* damit entlasten, dass wir für alles sorgen: Es gibt Essen, Trinken, Entspannungsmöglichkeiten – ebenso wie Spiele und Kinderbetreuung vor Ort. Wir möchten niedrigschwelliges Engagement und Aktivismus ermöglichen, damit Frauen*, die Reproduktionsarbeit leisten, politisch aktiv werden können.

Was genau ist Sorge- und Reproduktionsarbeit?

Das ist die gesamte Arbeit, die nicht bezahlt wird, aber die Schaffung und Erhaltung der Gesellschaft sicherstellt. Dazu gehören Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit, ehrenamtliches Engagement sowie politische, kulturelle und soziale Arbeit. Sie wird täglich im überwiegenden Maße von Frauen* ausgeführt. Dieser Arbeitskomplex ist unsichtbar und isoliert, da er in keiner Weise ökonomisch aufgewertet wird, die Ausübenden nicht gewerkschaftlich organisiert sind und dementsprechend kaum politische Macht besitzen. Das liegt zum größten Teil auch daran, dass sie keine Zeit dafür haben: Stell’ dir mal vor, du bist Mama und 24 Stunden am Tag damit beschäftigt, dein und das Leben deines Kindes zu organisieren. Vom Geburtstage planen, dem täglichen Abholen vom Kindergarten über Arztbesuche bis hin zur täglichen Hausarbeit wie Wäsche waschen, kochen, putzen, nur halt für zwei oder mehr Leute. Du hast nicht nur den Mental Load, sondern wirst auch körperlich beansprucht. In diesem Alltag findest du wenig Zeit für anderes.

Wo bleibt da noch Platz für die Lohn- und Erwerbsarbeit?

Genau! Das Problem ist, dass Frauen*, die Care- und Reproduktionsarbeit leisten, aus der normalen Erwerbsarbeit herausgedrängt werden. Es wird leider immer noch als normal angesehen, dass, wenn sich eine Familie neu gründet, die Frau* ihre Karriere und oft auch ihre Selbstverwirklichung hinten anstellt und sich zuallererst der Familie widmet. Falls sie in ihren Beruf zurückkehrt, dann meistens in Teilzeit, was sich im Alter auf fehlende Rentenansprüche auswirkt und dazu führt, dass viele Frauen*, die ihr Leben lang Care- und Reproduktionsarbeit geleistet haben, im Alter verarmen. So gesehen sind Frauen*, vor allem im Alter und wenn sie alleinerziehend sind, ökonomisch schlechter gestellt und haben ein erhöhtes Risiko, durch die mentale Belastung und Überforderung an Burnout oder Depressionen zu erkranken.

Du hast eben den Begriff „Mental Load“ verwendet – was genau ist damit gemeint?

Er beschreibt die Organisationsarbeit, die Frauen* am Tag im Hinterkopf leisten: Von „wann ist der nächste Elternabend“ über „wer kauft ein, was gibt es heute Abend zu essen“ bis „wer kocht, wer betreut das Kind“ … all die Sachen, die Frauen* organisieren, aber gleichzeitig auch ausführen. In den meisten Partnerschaften weigern sich Männer* immer noch, ihren Teil der Organisation zu übernehmen. Wir merken spätestens, wenn ein Kind da ist, dass Frauen* den überwiegenden Teil der Repro-Arbeit und Organisation ausüben und dann als Mütter* plötzlich gefordert sind, ein Volumen an Arbeit und Belastung aufzunehmen, dass in Erwerbsarbeitskategorien dem mehrerer Berufstätiger entspräche. Vielleicht merken sie, dass es ihnen nicht gut geht, aber wissen nicht, wie sie es ändern können. Auch deswegen ist es wichtig, dass das Problem von Care- und Reproduktionsarbeit sichtbar gemacht wird. Natürlich hat der Problemdruck auch damit zu tun, in welcher ökonomischen Verfassung sich eine Familie befindet. In ökonomisch besser gestellten Familien kann und wird Reproduktionsarbeit heute oft an Arbeitsmigrant*innen zum Beispiel aus Osteuropa ausgelagert, was wiederum andere problematische Entwicklungen verstärkt, da diese Frauen* prekär bezahlt werden und oft selbst Familien in ihrer Heimat zu versorgen haben.

Was ist der Grund für die ungleiche Verteilung?

Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, die sich durch eine patriarchale Rollenverteilung auszeichnet. Abgesehen von Einzelfällen wie den skandinavischen Ländern oder der Schweiz, die in ihren Strukturen teilweise schon weiter sind, ist das ein globales Problem. Vor einiger Zeit zeigte eine Oxford-Studie, dass Frauen* insgesamt weltweit mehr als zwölf Milliarden Stunden am Tag an unbezahlter Arbeit leisten. Wenn man diese mit Mindestlohn bezahlen würde, wären das elf Billionen US-Dollar jährlich; das geht über den Jahresumsatz der größten Technologieunternehmen wie Google, Apple und Amazon hinaus. Das zeigt, dass die Reproduktionsarbeit die Schattenwirtschaft darstellt, die dafür verantwortlich ist, dass Kapitalismus funktioniert und unser Wirtschaftskreislauf am Laufen gehalten wird.

Gibt es eine Lösung für das Problem?

Es fehlt die Anerkennung dieser Arbeit, die Entlastung der Mütter, die politische Teilhabe von Menschen in Care-Berufen und die grundlegende Neustrukturierung der Geschlechterrollen. Das alles mündet kurz gesagt in die Formel „Überwindung des Patriarchats“. Das klingt vielleicht zunächst mal abstrakt, aber im Grunde meint es, dass Gleichheit nur hergestellt werden kann, wenn wir Macht und Herrschaft neu verteilen. Macht und Herrschaft liegen in unserem kapitalistischen System im überwiegenden Maße bei Männern*, die tagtäglich davon profitieren, dass Frauen* diese unsichtbare Arbeit leisten.

Welche konkreten Maßnahmen braucht es?

Neben der Neuorganisation der gesellschaftlichen Strukturen geht es darum, Versorgungsinfrastrukturen, also Kitas, Schulen etc. auszubauen und ihre qualitative Ausstattung an zum Beispiel psychologischer Grundversorgung zu stärken. Ein weiterer Schritt ist, Arbeitsentschädigungsleistungen über das Elterngeld hinaus zu zahlen – für Menschen, die Reproduktionsarbeit leisten. Oder Care-Arbeit mit Rentenansprüchen zu verbinden. „Arbeit aus Liebe“, wie es in den 50er-Jahren hieß, ist heute nicht mehr zeitgemäß, da Frauen* in diesem System ganz selbstverständlich zu den ökonomischen und sozialen Verlierer*innen werden.

 

Darmstädter Aktionen zum Internationalen Frauen*tag

Das Hauptthema 2020 ist die unsichtbar gemachte, unbezahlte Sorge- und Reproduktionsarbeit. So soll sie sichtbar gemacht und thematisiert werden:

Luisenplatz | Sa, 07.03. | 18 Uhr: Tanzdemo

Oetinger Villa | Sa, 07.03. | 20 Uhr: „fem*tastisch abhotten“ (Nach-der-Demo-Party)

Marktplatz | So, 08.03. | 14 Uhr: Gemeinsames Nichtstun, Frau*lenzen, Entspannen und dabei die Care-Arbeit bestreiken

Jagdhofkeller | So, 08.03. | 18 Uhr: „Liberté, Egalité, Soronité“, Frauenbewegung in Frankreich – Lieder, Texte und mehr

Zucker | Mo, 09.03. | 19 Uhr: „Der Staat als Feminist!? Kritik des staatlichen Feminismus“ (Vortrag und Diskussion)

Jeden ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr bietet der Feministische Streik Darmstadt ein offenes Plenum in den Räumen der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Bezirksverband Südhessen, Gagernstraße 8) an. Kinder können nach vorheriger Absprache gerne zum Plenum mitgebracht und für die Zeit des Plenums betreut werden. Weitere Infos per E-Mail an: fstreik-da@riseup.net

Weitere aktuelle Veranstaltungen online unter: www.facebook.com/fstreikda

 

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