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Foto: Patrick Demuth

Für diese Ausgabe verlassen wir die gängigen Wege zwischen Herrngarten und Oberfeld. Es geht in den Darmstädter Süden – auf eine Jogging-Strecke der etwas anderen Art.

„Straße fand ich schon immer langweilig“, erzählt mein heutiger Laufpartner Tobias, als wir uns auf dem Parkplatz des Restaurants „Bölle“ treffen. Der 34-Jährige frisst seine Kilometer viel lieber mitten in der Natur – querfeldein, hoch und runter, auf Wegen, die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient haben. Denn Tobias ist kein Otto-Normal-Läufer, sondern Trailrunner. Und dass man als Trailrunner auch in Darmstadt glücklich sein kann, wird er mir jetzt beweisen.

Unser Weg führt vom Parkplatz aus direkt in den Wald. Wir folgen den Schildern zum Spielplatz Herrgottsberg und überwinden die ersten knackigen Höhenmeter, vorbei an einigen Installationen des Waldkunstpfads. Am Spielplatz angekommen geht’s wieder bergab zum Goethe-Teich – hier herrscht Postkarten-Idylle deluxe. „Ganz schön krass, was man hier so hat, hm?!“, freut sich Tobias, „und das alles quasi direkt vor der Haustür.“ Er war schon bei Wettkämpfen in Kanada oder auf La Palma am Start, aber die Darmstädter Wälder haben für ihn einen ganz eigenen Charme. Während ich mich gedanklich mit einem Cocktail am Strand von La Palma liegen sehe, erreichen wir die Ludwigshöhe. Hier sitzen Radfahrer und genießen ihren Kaffee, wir aber werden gleich wieder vom Wald verschluckt und laufen weiter Richtung Prinzenberg. Der Pfad ist schmal, die Steigung hat’s in sich, das Herz pumpt auf Hochtouren. Doch mit der Ankunft auf dem 241 Meter hohen Prinzenberg ist alle Atemnot vergessen: Hier wird man mit der wahrscheinlich schönsten Aussicht Darmstadts belohnt! Wir machen eine kurze Pause, unsere Blicke wandern über die Eberstädter Streuobstwiesen und das Ried bis in die Pfalz.

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Foto: Patrick Demuth

Jetzt ein schönes Kaltgetränk, das wär’s. „Kein Problem, dann lass mal weitermachen“, grinst Tobi. Hat er hier etwa irgendwo Bier versteckt? Wir verlassen die schöne Aussicht und stürzen uns einen echt steilen Weg hinab, bis wir an einen kleinen alten Brunnen kommen – den Melitabrunnen. Da kommt Wasser raus! Und es ist trinkbar! Also Prost! Während Tobi aus seinen Händen schlürft, erklärt er, dass man von hier aus noch ewig weiterlaufen kann, wir jetzt aber wieder umdrehen und zurückmarschieren. Das heißt dann auch, dass dieser echt steile Weg von eben erneut bezwungen werden muss – nur eben aufwärts, hurra. Während wir uns im Laufschritt nach oben quälen, sehe ich am Horizont den Marlboro-Cowboy auf seinem Pferd sitzen und mich auslachen. Ja, dieses Laster rächt sich hier gewaltig, davon abgesehen weinen meine Waden bitterliche Tränen. Aber wir müssen weiter. Nicht zurück auf den Prinzenberg, sondern diesmal rechts entlang, auf einem deutlich humaneren Weg. Nach etwa zwei Kilometern entdecke ich links von mir die alten, verwucherten Gebäude der ehemaligen Cambrai-Fritsch-Kaserne. Schön zu wissen, dass wir uns nicht verlaufen haben und bald wieder am Anfang unserer Reise ankommen werden.

So soll es dann auch kommen, doch vorher springt Tobias nochmal spontan ins Gebüsch und zieht mich hinterher. Ah ja, das ist dann also auch ein „Trail“. Man muss aufpassen, dass man beim Rennen nicht über eine Wurzel stolpert oder im Gesicht von Ästen verprügelt wird, aber trotzdem – nein verdammt, gerade deshalb! – macht es einfach einen riesigen Spaß! Nach 400 Metern kommen wir zurück auf den Waldweg, passieren das hölzerne U-Boot des Künstlers Roger Rigorth, um kurz danach wieder am Parkplatz zu stehen. Uff, Feierabend. Die Uhr zeigt genau 6,7 gelaufene Kilometer, absolviert in 40 Minuten und mit satten 160 Höhenmetern. Wenn man bedenkt, dass Tobias auch gerne mal das Zehnfache davon rennt, wird mir ganz anders. Aber nach diesem Lauf weiß ich: Prinzenberg, wir sehen uns wieder!

 

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Foto: Patrick Demuth

Prinzenberg-Trail
Streckenlänge: 6,7 Kilometer
Profil: viel auf und viel ab mit insgesamt 160 Höhenmetern
Zielgruppe: Trailrunner oder solche, die es werden wollen.
Stadtteile: keine
Hot Spots: Goetheteich, Prinzenberg, Melitabrunnen und die vielen versteckten Kunstinstallationen
Untergrund: Waldweg
Beleuchtung: Keine. Und im Dunkeln will man hier auch mit Stirnlampe nicht wirklich rumrennen.
Kleiner Tipp: Eine kleine Trinkflasche mitnehmen und am Melitabrunnen mit bestem Quellwasser auffüllen.
Weiterer Tipp: Folgt Tobias Geipert bei seinen Läufen durch Wald, Wiesen und Vulkangestein – auf: www.trailtourist.de.

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