
Seit Anfang August rollt der Ball wieder in der 2. Bundesliga. Trotzdem konnten die Klubs noch bis zum 1. September neue Spieler verpflichten. Die Lilien hatten in Person von Paul Fernie ihre Hausaufgaben frühzeitig erledigt. Einzig mit der sich hinziehenden Verpflichtung des erhofften Wunderstürmers strapazierte der Geschäftsführer Sport die Nerven so mancher Lilienfans sehr.
Das war letztlich ein größerer Kaderumbau beim SVD, als ich selbst es an dieser Stelle vor drei Monaten erwartet hatte. Ein gutes Dutzend Zugänge sollten den Aderlass im Kader auffangen. Ebenso schmerzhaft (wie erwartbar) waren die Abgänge der Torjäger Isac Lidberg und Fraser Hornby. Auch das Ende der Leihen von Marco Richter und Niklas Schmidt durfte niemanden überraschen. Daneben verließen mit Paul Will, Killian Corredor und Sergio López drei weitere namhafte Kicker den Sportverein.
Doch auf die allermeisten Personalien hatten die 98er schnell Antworten parat. Mit Christopher Lannert von Ligakonkurrent Bielefeld wurde der Ersatz für López schon vor dessen Weggang verpflichtet. Für Will kam wenige Tage später pünktlich zum Trainingslager Carlo Sickinger von Bundesliga-Aufsteiger Elversberg. Und Corredor lässt sich schlussendlich von mehreren anderen Zugängen ersetzen. Lance Duijvestijn wirkt wiederum wie der logische Ersatz für Hornby und zog gleich zum Ligaauftakt fleißig im offensiven Mittelfeld die Strippen. Einzig im Sturmzentrum, da sollte es lange dauern, bis Lidberg ersetzt wurde: Der Südkoreaner Ho-jae Lee stieß kurz vor Saisonbeginn hinzu, fügte sich jedoch am 1. Spieltag mit einem Treffer gleich gut ein. Da neben ihm mit Fynn Lakenmacher lediglich ein weiterer zentraler Angreifer im Kader stand, musste nach Saisonbeginn nochmals nachgelegt werden.
Hertha sucht, Darmstadt findet
Just diese letzten Transfers für das Sturmzentrum ließen für einige Fans deutlich zu lange auf sich warten. Die Geduldsprobe schien ihnen jedenfalls nicht gut zu tun. Das war in den einschlägigen Foren nachzulesen, und das hörte man auch rund um das erste Spiel der Saison. Dabei hatte Paul Fernie früh kommuniziert, dass es länger dauern werde, bis man im Angriff alle an Bord haben würde. Schließlich suchte die halbe Liga bis zum Schluss nach Verstärkungen „für vorne drin“. Beispielsweise Dickschiff Hertha BSC. Wobei der Hauptstadtklub dafür genau genommen gar kein Geld hatte.
Das Beispiel des finanziell arg gebeutelten Klubs zeigt jedenfalls, welche Schieflage Missmanagement hervorrufen kann. Und der Vergleich mit der „alten Dame“ zeigt zugleich, wie planvoll aktuell am Böllenfalltor gearbeitet wird. Während die Hertha erst in der zweiten Juli-Hälfte ihren ersten (!) Sommertransfer per Leihe (!!) stemmen konnte, hatten die Lilien zum gleichen Zeitpunkt schon neun neue Spieler unter Vertrag genommen. Darunter beileibe nicht nur No Names. Und: Die 98er können die Zugänge irgendwann wieder zu Geld machen, denn schließlich müssen Interessenten sie aus ihren Verträgen herauskaufen.
Bemerkenswertes Wirtschaften
Womit wir wieder bei Paul Fernie, aber auch Florian Kohfeldt sind. Die beiden haben es verstanden, in Darmstadt Spieler zu verpflichten und durchstarten zu lassen. Auf diese Weise haben sie für die eingangs erwähnten Abgänge über 10 Millionen Euro an Einnahmen generiert. Ein Quantensprung für Darmstädter Verhältnisse. Der SVD hatte nie auch nur annähernd so viel Geld in einem Transferfenster eingenommen. Das Geschäftsmodell der Lilien, die Spieler hier weiterzuentwickeln, und dann Erlöse zu generieren, ging also voll auf. Schon 2019 hatte der damalige Präsident Rüdiger Fritsch gesagt: „Mittelfristig sind wir auf Transfererlöse angewiesen.“ Seit Fernie im April 2024 die sportliche Verantwortung trägt, hat der Sportverein laut Transfermarkt.de geschätzte 20 Millionen Euro durch Spielerverkäufe eingenommen. Insofern liefert er das, was Fritsch vor sieben Jahren gefordert hatte. Die Ausgaben für neue Spieler dürften in diesem Zeitraum bei nicht einmal der Hälfte gelegen haben. Der Hessische Rundfunk überschrieb das Prinzip unter Fernie zuletzt ziemlich treffend mit: „Aufbauen. Kassieren. Investieren. Wiederholen.“
Wenn die Kasse stimmt, werden die Lilien weiterhin erfolgreiche Spieler ziehen lassen. Sie werden auch nicht alles wieder in neue Kicker investieren, sondern damit Infrastrukturprojekte und den laufenden Betrieb gegenfinanzieren. Und sie werden weiterhin mit Augenmaß und überschaubarem Risiko auf dem Transfermarkt agieren. Das nennt man solides kaufmännisches Wirtschaften. Aus der Not geborene Transfers sieht man bei den 98er jedenfalls schon länger nicht mehr. Dass die Neuen zu einer erfolgreichen Einheit werden, die nach oben schielen darf und sich nach unten absichern muss, dafür gibt es freilich keine Garantie. Dennoch wirkt der aktuelle Kader im Zusammenspiel mit Florian Kohfeldt interessant zusammengestellt. Er und Fernie wollen die Offensive variabler aufstellen und – nach der ziemlich erfolglosen Rückrunde – eine neue Dynamik im Team entstehen lassen. Das wirkt weder getrieben noch kopflos. Die Lilien müssen nicht reagieren, sie agieren. Das ist schon viel wert.
Ned kirre mache lasse
Und dennoch gab es in den sozialen Medien wieder Kommentare, aus denen die pure Verzweiflung sprach. Das Glas war angesichts des lange fehlenden Lidberg-Ersatzes nicht mal mehr halb leer, am Boden war bestenfalls noch eine Pfütze auszumachen. Den Verantwortlichen wurde ihre Fähigkeit abgesprochen, die richtigen Verpflichtungen zu tätigen. Das Warten auf Lee und Torjäger Mister X (der sich letztlich als der Niederländer Milan Smit entpuppte und Mitte August per Leihe von Stoke City kam) nagte allzu sehr am Nervenkostüm einiger Anhänger. Klar, diese Transfers müssen sitzen, denn erst Tore garantieren Siege. Zudem hatten die 98er in Lidberg zwei Jahre lang eine gewisse Torgarantie im Sturm. Doch auch er und Corredor wechselten 2024 erst nach Saisonbeginn nach Darmstadt. Selbst erfolgreiche Angreifer wie Sandro Wagner und Serdar Dursun kamen erst im August zum SVD. Ergo: Lasst Eisch ned kirre mache, Ihr Heiner!
Als Team zusammenfinden
So, 30.8., 13.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – Hannover 96
Sa, 5.9., 13 Uhr: 1. FC Kaiserslautern – SV Darmstadt 98
Fr, 11.9., 18.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – Arminia Bielefeld
Fr, 18.9., 18.30 Uhr: VfL Wolfsburg – SV Darmstadt 98
Matthias und der Kickschuh
Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!





