Illustration: Hans-Jörg Brehm

Anfang Juni erschießt ein polizeibekannter Neonazi in Kassel den CDU-Politiker Walter Lübcke. Im Juli schießt ein Rechtsextremer im Main-Kinzing-Kreis auf einen jungen Mann aus Eritrea und richtet sich anschließend selbst. Plötzlich scheint in Hessen rechte Gewalt gegenwärtig. Doch auch in Darmstadt zeigt sich seit Jahrzehnten eine Kontinuität von neonazistisch oder fremdenfeindlich motivierten Straftaten. Eine Chronologie.

Von Oktober bis Dezember 1982 erschüttern elf Sprengstoffanschläge auf US-Einrichtungen das Rhein-Main-Gebiet, darunter einer in Darmstadt. Die für die Terrorserie verantwortliche sechsköpfige Hepp-Kexel-Gruppe um die Rechtsextremisten Odfried Hepp und Walter Kexel ist heute der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Dabei war Kexel auch Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, die immer wieder mit dem Oktoberfestattentat von 1980 mit zwölf Toten und mehr als 200 Verletzten in Verbindung gebracht wird. Der Kopf der Gruppe Odfried Hepp galt bis zu seiner Ergreifung 1985 durch den französischen Geheimdienst in Paris als meist gesuchter Neonazi Deutschlands.

Ein ausführliches Porträt Hepps zeichnet die auf Youtube verfügbare Dokumentation „Der Rebell – Neonazi, Terrorist, Aussteiger“. Dort zu sehen ist auch ein Ausschnitt der Hessenschau vom 15. Dezember 1983. Sie zeigt ein ausgebranntes Mercedes-Wrack in einer Darmstädter Wohnsiedlung. Es ist das Auto eines 27-jährigen Captains der US Army. Er überlebt die Explosion einer zur Bombe umgebauten Gasflasche unter seinem Fahrersitz schwer verletzt. Die Hepp-Kexel-Gruppe gilt damals als die bestorganisierte rechte Terrororganisation des Landes. Ihre Opfer wählt sie zufällig aus. „Die Masse der GIs kann man nicht so schützen wie die Führungsleute. Das ist Terror in der reinsten Form“, erklärt Hepp in der Dokumentation.

Völlig unorganisiert, aber nicht zufällig ermordet 1994 ein 29-Jähriger seinen Nachbarn Ali Bayram im Schiebelhuthweg (in der Nähe des Südbahnhofs). Er habe sich durch den Lärm der über ihm wohnenden türkischstämmigen Familie mit fünf Kindern gestört gefühlt, gibt der Täter vor Gericht als Motiv an. An einem Februarabend geht er die Treppe hoch, klingelt bei den Bayrams, wartet, bis er Schritte im Flur hört und schießt mit einer 9-mm-Pistole durch die geschlossene Tür. Den Vater trifft er tödlich. Eine Kugel verletzt die 12-jährige Tochter am Arm. Obwohl er schon Monate vor der Tat gedroht habe, „Ihr Scheiß Türken, geht in Euer Land zurück. Ich bring‘ Euch noch um“, verneint das Landgericht Darmstadt eine rassistische Motivation. Die Amadeu Antonio Stiftung führt den Mord heute jedoch in ihrer Statistik über mindestens 196 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Die Bundesregierung zählt hingegen nur 84 Tötungsdelikte.

Mit dem schwierigen Verhältnis des deutschen Staats zu rechter Gewalt macht 1994 auch ein Flüchtling aus Ghana Bekanntschaft. Seit vier Jahren lebt Osman Seido im Flüchtlingsheim in Jugenheim, das bereits mehrfach von Rechtsradikalen angegriffen wurde. Doch an diesem Junitag sind es vier Polizisten, die den mutmaßlichen Schwarzfahrer an einer Telefonzelle zusammenschlagen, als „Neger“ beschimpfen und später in der Wache einen Hund auf ihn hetzen. So berichtet es zumindest Seido vor Gericht, wo er wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beleidigung der Polizisten angeklagt wird.

In einem anderen Fall 25 Jahre später ist die Grünen-Stadtverordnete Nicole Frölich jedoch vollen Lobes für die Polizei. Im Sommer 2018 hatte Frölich zu einem „Fest der Vielfalt“ als Protest gegen die AfD-Versammlung in der Orangerie aufgerufen. Danach erhielt sie einen Drohbrief. „Da wurde mir in total verrohter Sprache angedroht, mein Haus anzustecken“, berichtet Frölich auch heute noch erschüttert. Die Drohung sei selbst nach einem Jahr immer noch Thema. Beim Öffnen des Fensters bleibe stets ein mulmiges Gefühl. „Der Feuerlöscher steht immer griffbereit.“ Die Polizei habe den Fall damals sehr ernst genommen. Sie sei verstärkt vor ihrem Haus Streife gefahren, habe den Absender der E-Mail jedoch nicht ermitteln können.

Unter Polizeischutz stand Daniel Neumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt, schon als kleiner Junge. Doch als das P Magazin bei ihm anruft, muss er dennoch erst mal nachdenken, was ihm zum Thema „Rechte Gewalt in Darmstadt“ einfällt: „Ich habe die Befürchtung, dass man einfach abstumpft, wenn man damit regelmäßig zu tun hat“, vermutet er. Wirre Schreiben von Holocaustleugnern, Drohanrufe, Hakenkreuze auf Grabsteinen und Ähnliches gebe es immer wieder. Körperlich attackiert habe man ihn jedoch nur ein Mal. „Wir sind als Juden in der Öffentlichkeit ohne Kippa nicht erkennbar. Bei Farbigen oder Frauen mit Kopftuch ist das anders.“ Dann erinnert sich Neumann an zwei rechte nächtliche Aufmärsche vor seinem Elternhaus Mitte der 1980er-Jahre. Sein Vater war damals Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinden. Die Neonazis sangen in einem Fall das verbotene Horst-Wessel-Lied. Im anderen Fall zündeten sie einige Müllsäcke vor seinem Elternhaus an und skandierten Nazi-Parolen, berichtet Neumann.

Im vergangenen Jahr registrierte der Verfassungsschutz in Hessen 25 rechtsextrem motivierte Gewalttaten.

 

Lokalpolitik-Kolumne im P

Sebastian Weissgerber hat bereits für die Frankfurter Rundschau aus dem Darmstädter Stadtparlament berichtet. Im P schreibt er seit Februar 2017 als „Vierte Säule“ über die hiesige Politik.

 

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