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Von der Krone-Kneipe bis auf die Hauptbühne des Hurricane Festivals: Die sechs Musiker von Scheiba blicken auf ein ereignisreiches Jahr 2025 zurück. Im Blackbox-Interview erzählen sie, wie sich parallel zu Studium, Jobbeginn und Arbeitsalltag auch die Haltung zum Musikmachen und die Erwartungen daran entwickelt haben.

Die Ursprünge der Band liegen in der gemeinsamen Schulzeit in Hofheim im Taunus. Während Corona gründete sich die Band in Darmstadt neu. Heute bestechen Scheiba durch energiegeladene Live-Auftritte, mixen Indie-Rock mit Disco Beats. Sebastian „Sebi“ Nieraad (Gesang, Gitarre), Mauricio Homberg (Bass, Gesang), Markus Amann (Keyboard, Synthesizer), Steffen Bißwanger (Schlagzeug), Clemens Schlegel (Posaune, Gesang) und Philipp Erdmann (Saxofon) leben mittlerweile in Deutschland und darüber hinaus verstreut; ihre musikalische Base ist aber nach wie vor Darmstadt. Hier haben sie sich in den letzten Jahren eine beachtliche Fanbase und einen soliden Bekanntheitsgrad erspielt. Gerade bereiten sie sich auf das kommende Jahr vor.

 

Ihr wart im letzten Jahr viel unterwegs – habt kleine und sehr große Festivals gespielt, Musik veröffentlicht und eigene Shows veranstaltet. Woran arbeitet Ihr gerade?

Sebi: Eigentlich erholen wir uns noch vom letzten Sommer. Bei uns läuft alles immer parallel zu unseren Jobs, das kann schon sehr anstrengend werden. Es war jetzt eigentlich das erste Mal seit Jahren, dass wir uns wirklich mal eine lange Zeit Pause genommen haben. Jetzt kommt die Lust so richtig wieder! Und wir arbeiten gerade schon viel am Showkonzept für unseren ersten Gig dieses Jahr – am 20. März in der Centralstation.

 

Wie fühlt Ihr Euch im Hinblick auf das Konzert in der großen Halle der Centralstation?

Sebi: Wir spielen an dem Abend zusammen mit der Baba Shrimp Gang und möchten nicht einfach zwei Konzerte machen, sondern eine richtige Party. Wir planen ein sehr besonderes Showkonzept – ich glaube, das wird viele überraschen!

Philipp: Wir haben natürlich total Bock und sehen das als richtig nice Chance, eine uneingeschränkt 100 Prozent geile Show zu machen, ohne Kompromisse einzugehen. Aber es ist schon auch ein gewisser Druck. Man will der Location und den Menschen, die das mit uns planen und uns sehr entgegenkommen, gerecht werden. Das braucht eine Menge Planung, insofern tut unsere „Pause“ gerade natürlich gut. Aber nicht live aufzutreten heißt ja immer noch: regelmäßig Proben, Songs machen, Planen, Recorden, Merch vorbereiten …

Steffen: Zudem mussten wir ja auch aus unserem Proberaum raus. Das war viel Arbeit und Unsicherheit, weil wir lange in der Schwebe waren, und hat viel Kapazität in Anspruch genommen.

 

Ihr habt in der Huette [einem der ältesten Jugendzentren Hessens] in der Darmstädter Kiesstraße geprobt, bis diese Ende 2025 trotz Rettungsangebots endgültig geschlossen wurde. Habt Ihr schon eine Alternative gefunden?

Philipp: Ja, wir sind jetzt eine von drei Bands von den vielen aus der Huette, die woanders untergekommen sind. Da hatten wir Glück, aber die jüngeren Bands können nicht einfach sagen: Okay, wir zahlen woanders eine monatliche Miete. Die sind jetzt wahrscheinlich erst mal einfach raus und können nicht weitermachen, das ist tragisch.

Sebi: Dass das mit der Huette absolut nicht gut gelöst wurde, sollte allen klar sein. Da fällt neben den Räumen auch der ganze zwischenmenschliche Teil weg. Das war eine Community, die jetzt komplett wegbricht, ein Mix an Leuten, der einfach gut getan hat. Das ist super schade. Wir wurden dort auch immer wieder mit Sachen konfrontiert, die uns aus der eigenen Bubble rausgeholt haben. Das fehlt jetzt.

 

„Die Huette war eine Community, die jetzt komplett wegbricht.“

 

Wie funktioniert Ihr als Band, wer schreibt Eure Texte – und wie vereinbart Ihr Job und Musik?

Steffen: Wir proben regelmäßig, mittlerweile auch öfter in Blöcken am Wochenende, das ist verträglicher mit der Arbeit. Und wenn wir mal nicht alle zusammen proben, ist das auch total produktiv. Gerade bei neuen Sachen lohnt es sich oft, erst mal in kleinen Gruppen zu arbeiten.

Sebi: Die Texte kommen größtenteils komplett von mir. Je nachdem, wie fertig der Song ist, wenn ich den Text mitbringe, proben wir ihn ein und ändern vielleicht nur noch mal Kleinigkeiten an den Stimmen. Letztens habe ich zum ersten Mal im Studio in Mannheim gemeinsam mit unseren Produzierenden an einem Song gearbeitet, dessen Einzelteile ich nie richtig verarbeitet bekommen habe. Das war sehr produktiv und ein ganz neues Vorgehen für mich, und hat viel Spaß gemacht.

 

Wie persönlich sind die Texte und Geschichten?

Sebi: Fast alles ist autobiografisch. Eine Ausnahme ist der Song „S3“: Da stand ich in Frankfurt-Süd und hab auf die S3 gewartet, als die noch nicht zur S6 geworden war, und wollte nach Darmstadt zurückfahren. Das fand ich schön moody für einen Song. Normalerweise kommen die Texte und Songideen aber aus Emotionen heraus. Nur dann entsteht etwas, das mir langfristig gefällt.

 

Was hat sich für Euch über die Zeit verändert? Ihr macht das ja jetzt schon seit fünf Jahren.

Sebi: Ich glaube, was sich für mich am meisten verändert hat, ist die Einstellung zu dem Ganzen. Zum Musikmachen und was es bedeutet, und wo ich damit hin will. Durch viele Blicke hinter die Kulissen von einem großen Traum von früher „Ich will Rockstar werden“, zur Erkenntnis der Realität: Dass es vielleicht auch ganz geil ist, nicht von dieser Industrie und vom Musikmachen abhängig zu sein.

Philipp: Es ist Ruhe eingekehrt. Nicht im Sinne von energielos, sondern einfach unaufgeregt sein. Weniger Dinge tun, um irgendwo hin zu kommen, sondern immer präsent sein und in der Situation alles aufnehmen und genießen. Insgesamt wird man achtsamer, vor allem wenn man viele Gigs hintereinander spielt und fit bleiben muss. Und wir trinken weniger als früher.

Steffen: Stocknüchtern Gigs zu spielen macht richtig Spaß. Auf dem Hurricane zum Beispiel habe ich nicht einen Tropfen Alkohol getrunken, und fand das richtig geil. Musikmachen ist irgendwie per default mit Alkohol trinken verknüpft. Das entkoppelt sich immer mehr.

 

Ihr habt den Gig auf dem Hurricane ja schon erwähnt, wo Ihr auf einer absurd riesigen Bühne gespielt habt. Was hat das mit Euch gemacht?

Sebi: Es ist unglaublich schwer, das zusammenzufassen, weil es so viel bedeutet hat. Es war komplett emotional überwältigend. Auf so einem Festival zu spielen, auf so einer Bühne … Das ist einfach ein Kindheitstraum, der in Erfüllung geht.

Steffen: Für mich war der Hurricane-Gig mehr als nur der Gig an sich. Der war „nur“ eine halbe Stunde lang. Aber ich habe Erinnerungen an jede Sekunde der 24 Stunden drumrum. Später ist mir auch klar geworden, was der Gig für eine riesen emotionale Belastung war. Ich hatte währenddessen Tränen in den Augen, so viel hat sich da gelöst, und ich war nur noch erleichtert und glücklich.

Philipp: So ein bisschen wurde da auch was entzaubert. Man sieht, wie alles abläuft, bekommt einen Tag im Leben dieser Mega-Artists mit, und was das für krasse Arbeit ist. Ständige Überstimulation, Lärm, Stress, Druck, Erschöpfung. Es ist auf jeden Fall auch ein Reality-Check zu sehen, was es bedeutet, auf diesem Niveau Musik zu machen.

 

 

Im Kontrast dazu wart Ihr 2025 auch auf vielen kleinen Festivals unterwegs, wie zum Beispiel dem Nonstock im Odenwald. Kann man da einen Vergleich ziehen?

Philipp: Nonstock 2025 ist mein „favourite Gig of all Time“. Weil es einfach Komfortzone war, deswegen habe ich das in dem Moment komplett genossen. Bei solchen ehrenamtlich organisierten Festivals merkt man auch einfach, dass da richtig viele Gedanken und Gefühle reinfließen, damit das gut wird. Das Catering zum Beispiel … sensationell! Das macht es noch mal besonderer. Was aber nicht heißt, dass ich das Hurricane dagegen eintauschen würde.

Sebi: Nonstock war super leicht, super spontan, familiär, fröhlich, schön. Komplett sorgenfrei! Beim Hurricane ging komplett die Pumpe. Während der Show ist das dann abgefallen, als alles funktioniert hat. Bei der Live-Aufnahme von „S3“ beim Hurricane hört man mich irgendwann lachen – das war mein Mechanismus, um nicht beim Singen anzufangen zu heulen. Es war so eine riesige Erleichterung. Und dann war das Glücksmoment und Energie pur, da wollte ich wirklich die Welt zusammenschreien.

 

Und wie macht man nach so einem Jahr weiter?

Sebi: Wir wollen fokussiert Gigs machen, an denen wir richtig Spaß haben. Ohne Hintergedanken, ob man was anderes machen sollte, könnte oder müsste, wie viele Leute einen da sehen, oder was wir davon vielleicht langfristig haben. Wir wollen alles maximal genießen.

Philipp: Ein Traum ist auch, dieses Jahr eine LP auf Vinyl rauszubringen. Einfach mal auf Speichern drücken und alles veröffentlichen, was wir haben. Es gibt so viele Erinnerungen im Kopf, die so unantastbar sind, und es wäre toll, das mal physisch zu haben. Man weiß ja auch nie, wie lang das alles noch so weitergeht.

 

Wie ist es für Euch als kleine Band, die alles selber macht, im Musikbusiness unterwegs zu sein?

Philipp: Die Schwierigkeit ist eigentlich immer, an Gigs zu kommen. Es fehlt der Door-Opener zu Booking-Möglichkeiten. Bei Festivals werden Slots für eventuelle Bands von Agenturen freigehalten und selbst, wenn die Booker Dich mögen und kennen, ist es schwer. Würde man aber professioneller werden und zum Beispiel mit einem Label arbeiten, wird der Druck natürlich ein ganz anderer. Wahrscheinlich würde man sich dann die Zeit zurückwünschen, in der man, wie wir jetzt, auf eigene Faust vorgeht und dafür machen kann, was man möchte.

Sebi: Das ist dann die Realität und der Zwiespalt, in dem man steckt. Wir sind total frei in dem, was wir machen, und wir machen einfach gerne Musik. Es geht auch so schon immer mehr um Reichweite auf sozialen Medien. Veranstalter sehen bei uns, dass wir nicht die krassen Zahlen im Internet haben – wissen aber nicht, dass wir eine ziemlich gute Live-Band sind, die auch unbekanntes Publikum sehr gut unterhalten kann. Wenn man größer werden will, wird das noch mehr Marketing, weniger Musik machen. Das sind nicht wir. Und deswegen ist es, glaube ich, auch für uns einfach ein guter Weg, wie es ist. Wir wollen live spielen, das ist unser Ding.

 

Die Musikbranche ist nach wie vor ein extrem männerdominiertes Business, das Thema Gleichberechtigung ist aktuell sehr akut. Merkt Ihr das als Band, die aus sechs Männern besteht?

Sebi: Was wir immer gerne gemacht hätten, ist, als Support Act für Bands auf Tour spielen. Da kommt dann verständlicherweise sehr oft zurück, dass die Bands FLINTA* Acts fördern möchten und es deshalb nicht passt.

Philipp: Die entsprechenden Bands sind ja selbst schon meistens vier bis sechs Typen auf der Bühne, da brauchen die nicht noch eine sechsköpfige Männerband. Den Fakt, dass wir sechs Dudes sind, können wir nicht ändern, wir sind uns dessen sehr bewusst. Und wenn wir mal in der Position sind, Support zu suchen, dann versuchen wir ja auch, entsprechende Acts zu finden.

Danke schön für das nette Gespräch. Wir sehen uns am 20. März in der Centralstation – und am Heinerfestfreitag uff de Piazza!

 

Scheiba live!

Centralstation (Halle) | Fr, 20.3. | 20 Uhr | 20 €: Baba Shrimp Gang x Scheiba

Win! Win! 2 x 2 Tickets auf p-stadtkultur.de/winwin

Save schon mal the date! Stadtkirchplatz | Fr, 3.7. | 21.30 Uhr | Eintritt frei: Scheiba bei „Heißes Pflaster uff de Piazza“

scheiba.band