Ein in eine Klarsichthülle verpacktes, handgemaltes Bild hängt an einer Wand und ist mit der Aufschrift „Nimm mich mit” versehen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass sich in der Hülle auch eine selbstgebrannte CD befindet. Eine E-Mail-Adresse zur Kontaktaufnahme ist angegeben, aber Absender und Tracklist fehlen.

CD und Cover mitgenommen und die CD zuhause abgespielt: Es handelt sich um eine Mix-CD mit zwanzig Liedern, die zwischen Chanson und Indie angesiedelt sind. Die Songs sind alle eher ruhig, die Grundstimmung fast ein bisschen melancholisch.

Sehr stark erinnert die gefundene CD an die alten Mixtapes mit liebevoll gestaltetem Cover und ebenso ausgewählter Musik. Was auf der Kassette eigentlich drauf ist und in welche Musikrichtung es geht, wusste man meist auch erst nach dem ersten Durchhören. Mixtapes gibt es kaum noch, die meisten Musikkonsumenten von heute haben wahrscheinlich nicht mal mehr die Möglichkeit, eins abzuspielen.

Das moderne Äquivalent zum Mixtape wäre wohl die liebevoll zusammengestellte Playlist auf dem persönlichen MP3-Player. Aber wer verschenkt schon Playlists? MP3s verschenken und geschenkt bekommen läuft meist so, dass große Teile der MP3-Sammlung weitergegeben werden und der Beschenkte eigentlich das nächste Jahr mit dem Durchhören beschäftigt ist. Die Musik selbst ist zu einem stark inflationärem Massengut geworden.

Eine solche mit Liebe zusammengestellte CD sticht also unabhängig vom Medium besonders durch die Beschränkung auf einige wenige Lieder hervor. Auf eine Anzahl, die man – wie früher Kassetten und später CDs – rauf und runter hören kann.

Foto: André Liegl
Foto: André Liegl
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