
Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier ist etwas im Entstehen. Schicht für Schicht, Ebene für Ebene – als würde eine fremde Intelligenz ein Objekt in die Welt setzen, dessen Logik man noch nicht ganz versteht. Wer Andy Weirs Roman Project Hail Mary kennt, denkt vielleicht an Rocky, die xenonbasierte Lebensform, die Dinge auf eine Weise herstellt, die vertraut und gleichzeitig vollkommen fremd wirkt. Helmut Landers Spiegelplastik hat etwas davon, denn sie zwingt einen, die eigene Wahrnehmung kurz neu zu kalibrieren.
Das bringt einen zwangsläufig auf das Wort selbst: Lebensform. Es bezeichnet gleichzeitig zu viel und zu wenig. Andere Arten des Lebens, so wie Tiere, Pflanzen, Insekten – oder eben Rocky. Aber auch, im Sinne des Philosophen Ludwig Wittgenstein, die Gesamtheit der Praktiken und Handlungsweisen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten. Eine Lebensform ist dann nicht ein Körper, sondern eine Art zu sein, eine Weise, die Welt zu bewohnen.
Landers Plastik pendelt zwischen diesen Bedeutungen. Sie sieht aus wie ein Wesen und wie ein System zugleich, wie etwas Gewachsenes und wie etwas Konstruiertes. Lander, der 1951 nach Darmstadt kam und dessen Schaffen von Kriegserfahrung und langen Reisen geprägt war, arbeitete in einer Phase intensiver Produktivität, als die Plastik 1973 entstand. Man spürt das: Es steckt Energie darin, eine Spannung, die sich nicht auflöst, sondern offen bleibt.
Die (auch geografische) Nähe der Skulptur zur aktuellen Forschung in der Informatik gibt ihr einen neuen Resonanzraum. Wo täglich an künstlichen Intelligenzen und nichtmenschlichen Systemen gearbeitet wird, stellt die Plastik ihre Frage besonders laut: Was genau ist eine Lebensform und wie sieht sie aus?
Kunst im öffentlichen Raum
Kunst findet man nicht nur in Museen und Galerien, sondern oft auch im Freien und für jede:n sichtbar. Manche Werke sind schon seit Jahrhunderten ein Teil des Stadtbildes, andere zieren es nur kurz. In Darmstadt haben einige Fügungen des Schicksals dafür gesorgt, dass es besonders viele Kunstwerke im öffentlichen Raum gibt. Ohne die schützenden Laborbedingungen eines White Cube gehen sie allerdings schnell unter. Dabei können gerade diese stillen Zeitgenossen unsere Wahrnehmung des Stadtraumes verändern und unser Verständnis von Welt herausfordern. Eine Einladung zum Fantasieren.





