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Lilien-Kolumne, Folge 140: Aber sischer!

Wer die Heimspiele der Lilien am alten Bölle besuchte, dem dürfte der Einspieler bei Eckbällen noch gut im Ohr sein. Der TÜV Hessen präsentierte sellemols diese Standards stets mit dem Slogan: „Aber sischer!“. Rund um den holprigen Saisonstart der 98er ist vor allem eines „sischer“: Ein Turnaround muss her.

Denn in einigen wichtigen Aspekten lässt die Leistung des Teams von Florian Kohfeldt deutlich zu wünschen übrig. Sollte das so bleiben, dürfte es eine zähe bis ungemütliche Spielzeit werden. Hier die Erkenntnisse aus den ersten Spieltagen:

 

Sischer ist: defensive Instabilität

Die 98er haben in den ersten sechs Pflichtspielen immer mindestens ein Tor kassiert. Richtig sattelfest sind die Auftritte der Abwehr bislang jedenfalls nicht. Doch woran liegt’s? Während Matej Maglica weg ist, sucht Aleksandar Vukotic seine Form. Die beiden Treffer gegen Kiel gingen auf das Konto des Serben. Sein früher Platzverweis gegen Hannover leitete die spätere Niederlage ein. Vukotics‘ nachfolgende Zwei-Spiele-Sperre verhinderte, dass er sich weiter mit Patric Pfeifer einspielen konnte. Hinzu kommt: War die Doppelsechs mit Hiroki Akiyama und Kai Klefisch im letzten Jahr ein Stabilisator des Teams, so konnten sie das bislang zu wenig nachweisen. Akiyama fiel mehrmals krank und angeschlagen aus, Klefisch war nach einem Platzverweis gesperrt. Da auf den Außenverteidigerpositionen die Stützen der letzten Saison verletzt oder nicht mehr da sind, waren oftmals Neuzugänge gefordert. Letztlich ist so bislang im Defensivverbund nur auf einen durchweg Verlass: Keeper Marcel Schuhen.

 

Sischer ist: schwächelnde Offensive

Zur wackeligen Defensive gesellt sich eine Offensive, die bislang nicht ins Rollen kommt. Die Neuen bilden noch keine funktionierende Einheit. Im gegnerischen Drittel sind die 98er kaum präsent. Hohe Ballgewinne sind Mangelware. Einzelne Lichtblicke werden im Verlauf der bisherigen Spiele abgelöst von längeren Flauten. Und wenn einmal Torchancen auf dem Silbertablett lagen, dann wurden sie teilweise fahrlässig vergeben. So Lance Duijvestijn mit seinem verschossenen Elfer in Kaiserslautern. So Milan Smit, der gegen Bielefeld zweimal allein vor dem Keeper die falschen Entscheidungen traf und nicht einmal zum Abschluss kam.

 

Sischer ist: ergänzungsbedürftiger Kader

Mit Mittelstürmer Smit schien am 14. August das noch fehlende Puzzlestück des Kaders an Bord zu sein. Doch der elfte Sommertransfer sollte nicht der letzte gewesen sein. Mit William Mikelbrencis und Marco Richter justierte der SVD zweimal nach. Mikelbrencis kam, da rechts hinten Matthias Bader weiterhin nicht so recht auf die Beine kommt. Und als der Saisonstart mit einem Punkt nach vier Spielen in die Hose ging, sahen sich die Verantwortlichen gefordert, den inzwischen vertragslosen Richter zurückzuholen. Das kann man als Eingeständnis werten, dass es einen Quick Fix brauchte, um die runderneuerte Offensive irgendwie in die Spur zu bringen. Richters Rückkehr könnte wiederum Härtefälle im Spieltagskader nach sich ziehen. Lars Kehl, der letzte Saison in der 3. Liga mit starken Scorerdaten auf sich aufmerksam machte, dürfte sich wohl noch mehr hintenanstellen müssen als ohnehin schon. Möglicherweise auch das vielversprechende belgische Talent Nicolas Verkooijen. Beides entwicklungsfähige Spieler, die irgendwann einmal weitere Erlöse generieren sollen.

 

Sischer ist: nicht umgesetzte Spielidee

Flo Kohfeldt wollte mit den zahlreichen Neuen der letztjährigen Spielidee neue Facetten hinzufügen. Schnellere, durchsetzungsfähige Spieler sollen über die Flügel und in den Halbräumen hinter die gegnerische Abwehrkette kommen. Sie sollten außerdem mehr Eins-gegen-Eins-Situationen für sich entscheiden. Die Mannschaft sollte weiterhin pressen und so die Gegner stressen, wobei auch Phasen im tiefen Block eingestreut werden sollten, um von dort in Kontersituationen zu kommen. Davon war in den ersten Partien reichlich wenig zu sehen. Zum Teil, weil die Lilien länger in Unterzahl agieren mussten. Zum Teil, weil die Neuen die Automatismen noch nicht ausreichend verinnerlicht hatten. Zum Teil, weil Leistungen wie in Kaiserslautern einfach unterirdisch waren. Häufig war der Ballvortrag behäbig und fehlerhaft, Milan Smit hing vorne in der Luft. Auch beim lang ersehnten und wichtigen Sieg gegen Bielefeld agierten die Kontrahenten spielerisch überzeugender. In dieser Partie war Kohfeldt das spielerische Element aber reichlich egal. Pragmatismus war Trumpf. Der Dreier musste irgendwie her – und er kam. Welche Last danach von Kohfeldt abfiel, zeigte er gegenüber den Fans noch lange nach Schlusspfiff: Ungewohnt emotional riss der Coach mehrmals beide Arme nach oben und schrie seine unbändige Freude fast schon aggressiv Richtung Tribüne heraus.

 

Und sischer ist auch: nervöses Umfeld

Der schwache Saisonstart rief zudem diejenigen auf den Plan, die es schon immer gewusst haben. Der Verkauf zahlreicher Leistungsträger spülte zwar Millionen in die Kasse, ging für die Knodderer jedoch auf Kosten der Kaderqualität. Die Neuen seien kein gleichwertiger Ersatz und überhaupt spielten die Verantwortlichen mit der Personalrochade völlig unnötigerweise mit dem Feuer. Auch mutmaßlich reflektierte Zeitgenossen ließen sich von der Klatsche in Kaiserslautern verunsichern und begannen zu hadern. Am Betze schickten die Auswärtsfans gar die eigene Elf nach Schlusspfiff weg. Eine heikle Gemengelage. Um nicht noch mehr Unruhe aufkommen zu lassen, war der Sieg gegen Bielefeld Gold wert. „Sischer“ ist jedoch auch: Nach der Länderspielpause müssen weitere Dreier folgen.

 

P-Mantra: Die Lilien blühen im Oktober!

Sa, 10.10., 13 Uhr: SV Darmstadt 98 – Energie Cottbus

So, 18.10., 13.30 Uhr: Karlsruher SC – SV Darmstadt 98

Fr, 23.10., 18.30 Uhr: SV Darmstadt 98 – FC St. Pauli

Di, 27.10., 20.45 Uhr (DFB-Pokal, 2. Runde): SV Elversberg – SV Darmstadt 98

Sa, 31.10., 13 Uhr: SV Darmstadt 98 – FC Heidenheim

sv98.de

 

Matthias und der Kickschuh

Seit Ende 2011 schreibt Kickschuh-Blogger Matthias „Matze“ Kneifl über seine große Leidenschaft: den Fußball. Gerne greift er dabei besonders abseitige Geschichten auf. Kein Wunder also, dass der studierte Historiker und Redakteur zu Drittligazeiten begann, über die Lilien zu recherchieren und zu schreiben. Ein Resultat: das Taschenbuch „111 Gründe, den SV Darmstadt 98 zu lieben“, das (auch in einer erweiterten Neuauflage 2019) im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag erschienen ist. Zudem führt er seit einigen Jahren Interviews für den „Lilienkurier“. Genau der richtige Mann also für unsere „Unter Pappeln“-Rubrik!

kickschuh.blog