tinyBE in Darmstadt: „First“ von Onur Gökmen, 2021 | Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Kaum Platz in den eigenen vier Wänden – und dann auch noch Homeoffice. Die Corona-Pandemie hat die Vereinbarkeit und Verortung von Lebens- und Arbeitswelten in ein völlig neues Licht gerückt und vorpandemischen Entgrenzungstendenzen rund um das mobile Arbeiten, Work-Life-Balance und Digitalisierung einen enormen Beschleunigungsschub verpasst. Als kreatives Labor beschäftigt sich das Konzept „tinyBE“ mit künstlerischen Visionen zur nachhaltigen Gestaltung des Lebens und zeigt mit bewohnbaren Skulpturen im öffentlichen Raum utopische und dystopische Ideen zu neuen Formen des Wohnens und Arbeitens. Von Ende Juni bis Ende September auch in Darmstadt.

Die Macher von „tinyBE“ haben ein Ausstellungsformat entwickelt, das den interdisziplinären Dialog zwischen bildender Kunst, Design, Architektur und Wissenschaft öffnet. Wie sollen unsere Lebens- und Arbeitswelten zukünftig aussehen? Wie wollen wir als Gesellschaft zusammenleben? Mit Fragen wie diesen trifft „tinyBE“ den Nerv der Zeit und greift Veränderungen auf, die mit Globalisierungs- und Digitalisierungtendenzen, dem Klimawandel und nicht zuletzt auch mit den Erfahrungen aus der Pandemie einhergehen. Auch gesellschaftliche Trends wie Tiny Living (die freiwillige Selbstbeschränkung auf das Wesentliche) und ökologisches Bauen zeigen das Bedürfnis nach innovativen Wohn-, Lebens- und Arbeitskonzepten.

Skulpturenpark bei Tag – bewohnbare Skulpturen in der Nacht

Mit der Ausstellungsreihe „Living in a sculpture“ haben die „tinyBE“-Macher:innen erstmals neun temporär bewohnbare Skulpturen von internationalen Künstler:innen für die Metropolregion Rhein-Main kuratiert. Die Vorgaben: Die Wohnskulpturen müssen mit nachhaltigen Ressourcen umgesetzt werden und dürfen eine Gesamtgröße von maximal 30 Quadratmeter nicht überschreiten. Tagsüber sind sie für die Öffentlichkeit frei zugänglich, auf Anfrage können sie aber sowohl am Tage sowie nachts gebucht werden. Das individuelle Erleben der temporären Bewohnbarkeit der Skulpturen eröffnet dabei völlig neue Formen der Kunstbetrachtung.

Dialog zwischen Kunst, Design, Architektur und Wissenschaft

Die „livable sculptures“ in Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt sind vom 26. Juni bis 26. September 2021 jeweils 24 Stunden durchgehend zugänglich. Das Projekt wird durch die ausstellungsbegleitende Veranstaltungsreihe „tinyMONDAYS“ ergänzt. Key Speaker aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft laden ein zum Dialog zu alternativen Wohn- und Arbeitswelten und Lebensformen der Zukunft.

tinybe.org

 

tinyBE in Darmstadt: „First“ von Onur Gökmen, 2021

Stampflehm, diverse Materialien

2,40 x 4,50 x 3,50 Meter

Standort: am Landesmuseum, auf der Brache an der Schleiermacherstraße

Der 1985 in Istanbul geborene Städelschule-Absolvent Onur Gökmen beschäftigt sich in seiner Kunst mit Ereignissen aus der Vergangenheit und deren Nach-und Auswirkungen auf die Gegenwart. Besonderes Interesse zeigt er bei seinen Recherchen für historische Ereignisse, die im Nachhinein politisch umkodiert wurden und damit die Vergangenheit umschreiben. Für „tinyBE“ hat Gökmen die bewohnbare Skulptur „First“ realisiert, mit der er einen Bezug zu einer der ältesten untergegangenen Städte der Welt, dem UNESCO-Weltkulturerbe Çatalhöyük, herstellt. Die in der heutigen Türkei liegende Siedlung aus der Jungsteinzeit wurde Ende der 1950er-Jahre entdeckt und gilt als ein Prototyp erster urbaner Gemeinschaften. Zwischen Hunderten eng aneinander gebauten Häusern aus Stampflehm waren keine Straßen angelegt, so dass die Bauten nur über die Flachdächer und über Leitern zugänglich waren. Vermutlich führte der Müll, der zwischen den Hauswänden gelagert und nicht abtransportiert werden konnte, zur Ausbreitung von Seuchen und schließlich zum Untergang der Stadt. Gökmens unter anderem mit Stampflehm realisierte Wohnskulptur „First“ am Landesmuseum Darmstadt ist wie die Bauten in Çatalhöyük nur über das Dach und eine ins Innere herabgelassene Leiter zugänglich.

 

tinyBE in Wiesbaden: „The House of Dust“ von Alison Knowles, 1967/2021

3D-Druck, Lehm, Holz, Beton, diverse Materialien

3 x 5 x 4 Meter

Standort: Kranzplatz

Alison Knowles, 1933 in New York geboren, ist eine Pionierin der Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre. Kunst und Alltag fließen im Werk der Intermedia-Künstlerin zusammen; aus gefundenen Objekten und ihrer Stimme erschafft sie Installationen und Performances. Ihr Projekt „The House of Dust“, das Knowles 1967 mit einem Siemens Computer 4004 umgesetzt hat, gilt als eines der ersten mit einem Computer generierten Gedichte. Für „tinyBE“ lässt die Künstlerin „The House of Dust“ nicht nur wiederauferstehen, sondern aktiviert das Werk mithilfe eines architektonischen 3D-Druckers neu.

 

tinyBE in Frankfurt: The Embassy of the Refugee, 2021

Metallgerüst, Holz, Zelt, diverse Materialien

4 x 6 x 7 Meter

Standort: Metzlerpark

Sieben der bewohnbaren „tinyBE“-Skulpturen plus ein zwar nicht bewohnbarer, aber erfahrbarer Gastbeitrag stehen im Metzlerpark am Frankfurter Museumsufer, darunter die Arbeit „The Embassy of the Refugee“ von Mia Eve Rollow und Caleb Duarte. Beim US-amerikanischen Künstlerduo Rollow und Duarte, 1984 und 1982 geboren, wird Kunst zum Sprachrohr für politische, ökonomische und soziale Veränderungen. Dank Beschäftigung und Zusammenarbeit mit Minderheiten und Geflüchteten machen Rollow und Duarte institutionelle und strukturelle Lücken sichtbar und suchen nach alternativen Lösungen. Die Folgen von Migration und Verdrängung stehen im Fokus ihres partizipativen Kunstansatzes. Gemeinsam mit Migrant:innen aus dem Frankfurter Raum will das Künstlerduo im Metzlerpark einen Ort der Partizipation und Kreativität entstehen lassen. Das begehbare Zelt- und Containerkonstrukt „The Embassy of the Refugee“ wird durch Performances, die Fragen zum Zugang zu gesellschaftlichen Prozessen stellen, belebt.