
Zeitreise in den ISK
Darmstadts verfallene Untergrund-Disco
Eine Zeitkapsel aus der Hippie-Ära – neun Meter unter der Erde: Seit fünf Jahrzehnten wird der Internationale Studentenkeller (ISK) sich selbst überlassen. Eine Spurensuche im Dunkeln.
Mitten in Darmstadt gibt es eine Disco, in der seit 53 Jahren niemand mehr getanzt hat. „Ich habe mich hier noch zu Underground-Musik und Stroboskop-Licht bewegt“, sagt Nikolaus Heiss. Darmstadts ehemaliger Denkmalpfleger leuchtet mit der Taschenlampe auf die frühere Tanzfläche, die heute voller Schutt liegt – Überbleibsel aus lange zurückliegenden Tagen, an denen die Feuchtigkeit zerrt und der Zahn der Zeit nagt.
Wir befinden uns etwa neun Meter unter der Erde in einem historischen Brauereikeller am Rand der Mathildenhöhe. Das Betreten des alten Kellergewölbes gleicht einem Eintauchen in eine Zeitkapsel aus der Hippie-Ära. Denn vieles von früher, aus den späten Sixties und frühen Siebzigern, ist noch da: ein Wandbild mit dem kämpferischen Konterfei Che Guevaras, eine vermoderte Bartheke mit leeren Wein- und Jägermeister-Flaschen, ein alter Roeder-Herd, ein platter Fußball mit der Aufschrift „Olympische Spiele 1972“.

Als oben gebaut wurde, blieb unten alles stehen und liegen
Willkommen im Club: In dem großräumigen Keller unter dem Haus an der Dieburger Straße 75, der heute nicht mehr öffentlich zugänglich ist, hatte von 1968 bis 1973 die Diskothek Internationaler Studentenkeller (ISK) ihren Sitz. Als obendrüber gebaut wurde, kündigte die Eichbaum-Brauerei dem Betreiber des Kellers, dem Internationalen Studentenkreis. Die Macher mussten die Disco aufgeben. Sie ließen vieles einfach stehen und liegen.
Sogar das alte DJ-Mischpult steht noch da. Das Gehäuse ist ab, die freigelegte Innentechnik stark verrostet. Das Gerät spielte einstmals die Songs von Beatles, Stones, Pink Floyd und Deep Purple. Abba, Michael Jackson, Nirvana oder Taylor Swift, die 1973 noch nicht die Discos erobert hatten, gingen an dem Gerät vorbei.
„Es ist ein komisches Gefühl, nach 53 Jahren wieder hier zu sein“, sagt Heiss. In der Zeit, als der ISK noch existierte, war er um die 30 und beendete gerade sein Studium. Er hat gute Erinnerungen an die Disco. „Man musste Clubmitglied sein, konnte aber Gäste mitbringen“, sagt er. Der Eintritt in das Vergnügen kostete nur eine D-Mark, wie Fotos von alten Eintrittskarten zu entnehmen ist.
„Da oben war die Kasse“, sagt Heiss und steigt eine Treppe hinauf. Von dort führen weitere Stufen hoch bis zum heute zugemauerten Eingang, über den man früher vom Lucasweg her die Disco betrat. Die Kasse steht sogar noch da – sie ist leer.

Ein Bier für eine D-Mark, Tanzen bis zum Morgengrauen
Eine Sperrstunde gab es nicht, manchmal wurde bis um 4 Uhr früh gefeiert, heißt es in früheren Berichten des Darmstädter Echos über den ISK. Manche Anwohner störten sich an der Musik, die aus den Luftschächten dröhnte. Viele regionale Bands traten im ISK auf, darunter The Beathovens. „Gespielt wurde freitags und samstags jeweils von 21 Uhr bis 3 Uhr in der Früh“, erinnert sich Gitarrist Dieter Heinzmann auf der Website „Beat im Ried“ an die damaligen Auftritte.
Im Keller wurde Tischtennis gespielt, und sonntags flimmerten Micky-Maus-Filme über die Wände. Eine Flasche Eichbaum-Bier kostete eine D-Mark. Der Darmstädter Grafiker Fritz Fischer entwarf für den ISK Plakate und sogenannte Schattenspiele, die durch die Bewegung reizvoll wirkten. Saleem Mirza, ehemaliges ISK-Vorstandsmitglied, war für das Essen zuständig und wurde für sein Pilaw, ein persisch-indisches Reisgericht, gerühmt.
Wer in die Disco-Zeitkapsel eintauchen will, muss heute einen beschwerlichen, ein paar hundert Meter langen Weg durch teils enge Gänge nehmen, die durch den Keller der ehemaligen Brauerei Karl Fay führen. Sie war eine von insgesamt zwölf Bierbrauereien, die im 19. Jahrhundert ihre Kühlkeller tief in das Erdreich unter der Mathildenhöhe schlagen ließen, um dort ihre Fässer bei ganzjährig konstanten Temperaturen zwischen acht bis zehn Grad Celsius zu lagern. Nach der Erfindung der Kühlmaschine Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Lagerkeller aufgegeben.
Im Dezember 1968 erfuhr der Keller eine neue Verwendung, als der ISK dort einzog. Eine richtige Underground-Disco, tiefer im Untergrund ging es kaum. Nach ihrem Ende geriet sie fast in Vergessenheit. Doch der Zufall wollte es, dass sich 1978 Horst-Volker Henschel eine Eigentumswohnung in einem der neuen Häuser, die auf dem alten Kellergewölbe gebaut wurden, kaufte.




Überraschende Wiederentdeckung vor 48 Jahren
Der damalige Geschäftsführer des Modehauses Henschel und Ropertz, der 2022 verstarb, bemerkte bei Erkundungen „eine merkwürdige Tür im Untergeschosskeller, die sich 60 Zentimeter über dem Boden in der westlichen Wand befindet“. So beschreibt er es in dem von ihm mitverfassten Buch „Darmstadts Unterwelt“ (Justus von Liebig Verlag), das im Biergarten an der Dieburger Straße erhältlich ist. Der Hausmeister habe ihm den Schlüssel gegeben. „Hinter der Tür musste man über eine 1,5 Meter hohe Mauer klettern und gelangte dann in fünf ziemlich große Kellerräume, die zum Teil mit Schutt und anderem Abfall gefüllt waren.“
In drei der Räume erkannte er den ehemaligen ISK wieder, den er 1968 einmal besucht hatte. Ein Irrtum war ausgeschlossen: „Am Boden lagen noch Eintrittskarten und Mitgliedsausweise des ISK. Die abgehängten Holzdecken der Diskothek, die ursprünglich gemütlicher machen sollten, waren inzwischen zum großen Teil abgestürzt, ebenso die als Dekoration dienenden Blecheimer.“
Seit dieser Wiederentdeckung sind nochmals mehr als 40 Jahre vergangen. Die abgestürzte Holzdecke ist inzwischen vermodert und zu Mulch geworden, der auf dem Boden verstreut liegt. Die Metallteile, die sie einst trugen, hängen noch. Diese Selbstüberlassung des Ortes wirkt wie eine Art Experiment. Ein halbes Jahrhundert Dunkelheit, Feuchtigkeit und Kälte hinterlassen Spuren. Früher gab es hier Lüftung, Heizung und Licht. Doch die sind lange aus. Was rastet, das rostet.

Hinweis
Dieser Artikel wurde von Frank Schuster, den Autor des Romans „Büchner Sixty-Nine“ über Darmstadts Hippie-Zeit, ursprünglich im Darmstädter Echo veröffentlicht. Er ist aus unserer Sicht aber so interessant und P-affin, dass wir ihn – mit zusätzlichen Bildern garniert – einfach auch in dieser Ausgabe des P Stadtkulturmagazins abdrucken mussten! Und grundsätzlich gilt sowieso: Lest und unterstützt die lokale Tageszeitung … sie ist wichtig für das Fortbestehen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und als kontrollierende „Vierte Säule“ unserer Demokratie: echo-online.de




Ohne ISK: kein P!
Fun fact à la „Rischdisch (un)wischdisch“: Doris und Sinan Tevetoglu, die Eltern von P-Gründer Cem, lernten sich im Internationalen Studentenkeller kennen und verknallten sich ineinander. Es ist also keine Übertreibung zu sagen: Ohne den ISK würde es das P Stadtkulturmagazin nicht geben!







