Foto: Jan Nouki Ehlers
Foto: Jan Ehlers

Leere niemals Dein Bier in die Plattenkiste eines Musik-Nerds – es könnte gefährlich werden. Was normalerweise zu einer handfesten Schlägerei führt, war Beginn der Freundschaft und musikalischen Kooperation von Michael Satter und Christian Beetz. Heute bilden sie zusammen mit ihrem dritten Mitglied Julius Singer das Hamburger/Frankfurter/Darmstädter DJ-Team „Frequency Without Control“ und bestechen auf Partys mit einem ausgefeilten Mix aus 80er Jahre Underground-, Italo- und Cosmic-Disco. Was diese Musikstile eigentlich sind und wer wem das Bier in die Plattenkiste goss, erzählen sie in dieser Black Box. Leider konnte Julius nicht anwesend sein, da es ihn wegen seines Studiums derzeit nach Hamburg verschlagen hat.


P: Bei Euren Partys läuft größtenteils Musik aus den 80ern, trotzdem würde der Begriff 80er-Jahre-Party Euch nicht gerecht werden.

Michael: Ja, das stimmt. Wir beziehen uns mit unserer Musik auf einen Sound, der damals in den Underground Clubs von New York, Chicago und in Italien aufkam. Ursprünglich stammt er aus einem schwulen Spektrum – schwule Tanzmusik sozusagen. Das hat nichts mit dem heute so populären 80er-Pop à la Radio Bob zu tun. Paradise Garage in New York und die Music Box sowie das Warehouse in Chicago waren Geburtsstätten dieser Musik. Und Leute wie Larry Levan, Ron Hardy oder Franky Knuckles waren stilprägend für diese Bewegung.

Christian: Und dazu die Disco-Geschichte aus Italien: Cosmic-Disco entstand in einem damals wegweisenden Club, der Cosmic-Disco am Gardasee. Da hatte sich eine Szene um DJ Mozart und Danielle Baldelli entwickelt. Die brachten den New Yorker Disco Sound mit und kombinierten ihn mit europäischen Einflüssen und kreierten auf diese Weise einen neuen Sound. Heute kennt man ihn auch als Italo-Disco.

Könntet Ihr diesen Cosmic-Sound genauer beschreiben?

Michael: Der Sound ist auf jeden Fall sehr synthie- und poplastig, das reicht von super cheasy [Anm. d. Red.: schmalzig], wo man das Gefühl hat „Hey, jetzt spielt Modern Talking“, bis zu sehr düsteren Sachen.

Wie kamt Ihr auf diese Musik?

Michael: Das fing damit an, dass wir uns Platten von dem New Yorker Act Metro Area gekauft haben. Deren Musik ist sehr stark von dem Disco-Sound der achtziger Jahre beeinflusst, welcher auch der Grundstein für House und Techno war.

Christian: Als der Julius und ich angefangen haben, spielten wir schon den „Morgan Geist Sound“ [Gründer von Metro Area; Anm. d. Red.], waren aber insgesamt noch tech-housiger. Ich komme ursprünglich aus dem Techno, das war die erste Musik, die ich überhaupt aufgelegt habe. Der Julius auch – das waren noch zu U60-Zeiten.

Die Musik, die Ihr auflegt, ist sehr speziell – nichts, was man im Karstadt oder Saturn finden würde. Wo findet ihr Eure Platten, ist da viel Internet-Recherche nötig?

Michael: Ja, das ist schon viel Internet-Gestöber, aber wir sind auch so drauf, dass wir manchmal zu speziellen Plattenläden fahren. Total Recall ist zum Beispiel so ein Laden, der ist hier in der Nähe in Rödermark. In Darmstadt ist dafür das Pentagon ein guter Laden.

Christian: Auch im Come Back findet man ab und zu was, wobei man echt bemängeln muss, dass man dort die Platten nicht anhören kann. Die Musik, die wir auflegen, ist zum Teil auch eine Geldfrage, es gibt Platten, die kosten bei Ebay bis zu 300 Euro. Das sind rare Sammlerstücke, die heute nur noch in geringer Stückzahl existieren.

Ihr betreibt ja auch noch Euren Blog frequencywithoutcontrol.blogspot.com, auf dem Ihr Eure neuesten Platten vorstellt.

Michael: Wir betreiben den Blog hauptsächlich, weil wir die Musik, die wir gut finden, mit anderen Leuten teilen wollen. Es ist eine gute Plattform, um über den Style, den wir auflegen, etwas zu erfahren.

Christian: Es gibt zwar alle Songs „for free“ als Download, trotzdem supporten wir ja die Künstler und kaufen uns die Platten selbst.

Im Speziellen auf Darmstadt bezogen: Habt ihr Träume und eine Vision, was das Auflegen hier angeht?

Michael: Ja, früher hatten wir die mal. Als wir anfingen, dachten wir, es könnte hier wirklich mehr gehen – wir hatten hier auch schon echt gute Partys. Doch auf lange Sicht fehlt hier einfach der geeignete Ort, der gewisse Menschen zusammenbringt. Im 603qm gibt es zum Teil gute Partys, da kann man schon gut weggehen, aber sonst kannst Du hier eigentlich fast alles vergessen.

Christian: Früher war das Club-Ding ja so: In einem Laden spielte jedes Wochenende derselbe DJ und die Leute wussten einfach, was sie erwartet und haben zu den Liedern groß gefeiert.

Der aktuelle Sound in den Discos wird ja immer härter, siehe Justice, Kitsuné und Ed Banger. Was setzt Ihr dem entgegen?

Christian: Bei uns ist es mehr abwechslungsreich, da gibt es nicht nur Geprügel. Wir variieren mehr zwischen mal soft und low, mal hart und schnell – wie bei einer Welle.

Michael: Ich sag‘ dazu immer „Zuckerbrot und Peitsche“. Wenn ich persönlich abends weggehe, will ich zwei Feelings auf der Tanzfläche haben: Extremer Herzschmerz, wo man denkt es zerreißt einen, da kann die Musik auch mal richtig cheasy sein, und diese Vorfreude, wenn man merkt, jetzt kommt danach ein richtig hartes Brett.

Und wer hat wem das Bier in die Plattenkiste gekippt?

Christian: Ich habe damals auf einer Geburtstagsparty aufgelegt, da kam der Michael zu mir und – schwupps – leerte sich sein Bier in meine Plattenkiste. Trotzdem sind wir gute Freunde geworden.

Besten Dank für das Gespräch.

 

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