Wir fürchteten uns vor der angesagten, aber gestrengen Secondhandladen-Lady, hatten jedoch die Kleiderschränke voll. Von Nachhaltigkeit sprach vor 25 Jahren kaum jemand, aber die vorgeliebten Sachen waren noch voll okay und wir konnten jeden Extrapfennig gebrauchen. Außerdem hatten wir Lust auf ein besonderes Event – möglichst mit Berlin-Feeling.
Freunde zogen gerade mit ihrem Architekturbüro aus einer alten Apotheke und plötzlich war da ein leerer Raum mit Kühlschrank – sprich: mit Bar. Genug DJs kannten wir sowieso. Mit angekarrten Klamottenbergen, Kleiderständern, alten Türen, Schubladen, Holzkisten und Spiegeln verwandelten wir die Hinterzimmer im Martinsviertel für eine Nacht in einen chaotischen Mode-Laden. Ausgelassen tanzten und feierten wir im Vorderraum. Keine Ahnung, ob jemand etwas verkaufte, die Idee jedoch war geboren.
Beinane ein Politikum
Dass das unsere erste gemeinsame Veranstaltung sein und wir von nun an als Kulturatorinnen das Heimatstädtchen mit verschiedenen Formaten beglücken würden, wussten wir noch nicht. Vor allem aber ahnten wir nicht, dass aus unserem Baby „Firle & Franz“ aka „Rocken & Hosen“ aka „Kleid at Night“ beinahe ein Politikum werden würde, das wir wie zärtliche Löwenmütter verteidigen mussten. Obwohl wir doch inzwischen angekommen waren – in den Zeiten der Nachhaltigkeit, der genreübergreifenden Kulturformate, der Genderfluidity und einer Mode, die den Generationen nichts diktieren will.
Es war ein spaßiger, aber auch schmerzhafter Weg bis zum heutigen Event, das an zwei Abenden im Jahr in der Centralstation stattfindet. Wie oft stachen wir uns schneewittchenlike mit den Etikettiergeräten in die Finger, bis endlich jede:r Verkäufer:in individuelle Preisschildchen bastelte.
Verhakte Kleiderbügel in der Sexismusfalle
Wir tappten in die Sexismusfalle, als wir ernsthaft eine Männerspielecke mit in Dessous gekleideter Puppe und Playstation anboten. Oder als wir uns erst einem Shitstorm stellen mussten, bevor wir begriffen, dass auch Männer Eintritt zahlen sollten. Nicht nur, weil Menschen sich inzwischen divers kleideten. Sondern auch, weil offensichtlich Personen aller Geschlechter bei uns Spaß hatten.
Unvergessen die Nächte, in denen wir nach der Veranstaltung zu zweit stundenlang in sich verhakte Kleiderbügel separierten, liegen gelassene Klamotten sortierten, private von gemieteten Kleiderständern trennten und Etiketten der verkauften Sachen den Verkäufer:innen zuordneten. In denen wir Schaufensterpuppen auf Fahrrädern heim brachten oder in Aufzügen und Parkhäusern stecken blieben, völlig erschöpft, todmüde und voll beladen mit Restekisten.
Zu Beginn suchten wir leer stehende Orte, die wir bespielen konnten, und Mundpropaganda brachte Freunde von Freunden von Freunden herbei. Erst als wir das erste Mal Flyer (!) verteilten, platzte die Linie 9 in Griesheim aus allen Nähten. Wir brauchten mehr Raum. Außerdem beschlossen wir, uns auf Darmstadt zu konzentrieren. Also zogen wir in die Centralstation.
Obwohl er bei der Premiere Empörung hervorrief, wurde irgendwann Eintritt nötig. Personal am Einlass half, unliebsame Diebstähle einzudämmen, endlich war Platz für Umkleidekabinen, Tischreihen und ein DJ-Pult, das lästige Heranschleppen von privaten Kleiderständern, -bügeln und Spiegeln übernahm eine Firma. Die neue Größe benötigte auch größeren Aufwand, dennoch mussten wir die Kosten überschaubar halten. An Profit ist bei einem Secondhandmarkt sowieso nicht zu denken.
Einfach smart: alles sortiert nach Farben
Unser Prinzip, als Kollektiv zu verkaufen und die Ware nach Farben zu präsentieren, entwickelten wir bereits zur zweiten Veranstaltung in einem Atelier in der Liebigstraße. Am Abend des Events selbst helfen alle mit. Ein festes Team sorgt nicht nur für den Kleidernachschub, sondern baut auf, etikettiert, sortiert (die Farben!), berät, kassiert, hängt zurück, räumt weg und packt schließlich Übriggebliebenes wieder ein. Mit Spaß, Freude und vor Anstrengung geröteten Gesichtern.
Natürlich gab es auch Abende, an denen uns das Lächeln verging. Dauerregen, Lilienspiel, zu wenig Werbung, zu warm, zu kalt, ähnliche Events ortsfremder Veranstalter – schon eins davon konnte für weniger Besucher:innen sorgen. Dann schien sich die Mühe nicht gelohnt zu haben. Doch wir hielten zusammen, trösteten uns mit Drinks von der Bar und hofften auf das nächste Mal.
Vielfältige Klamottenparty für alle
Für das neue Jahr werden wir noch nachhaltiger: Folgetermine werden längerfristig festgelegt und kommuniziert, ein beliebtes Darmstädter Warenhaus leiht uns Equipment gegen etwas Werbung, jüngere DJs dürfen sich ausprobieren.
Und natürlich werden wir zu jeder Veranstaltung weiterhin mehrere Tausend Stück Kleidung zusammentragen (und nach Farben sortieren!).
Wir wollen allen Besucher:innen eine vielfältige Klamotten-Party bieten – mit Spaß beim An- und Ausprobieren, als Bühne für Modecontent bei Tiktok oder Insta, mit frischer Musik, guten Drinks, netten Gesprächen und beglückenden Funden für jeden Geldbeutel.
Wir danken allen, die uns auf diesem Weg begleitet haben.
Next „Kleid at Night“
Centralstation (Halle)
Montag, 9. Februar
19 Uhr bis 21.30 Uhr
Eintritt: 3 €









