Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Kulturelle Vielfalt gehört zu Darmstadt wie der Jugendstil und DJ Kai in der Kronedisko. Laut Bevölkerungsstatistik 2019 haben 21,1 Prozent der in Darmstadt lebenden Menschen eine nicht deutsche Nationalität. Also reden wir über Integration in Darmstadt – mit Experten:innen für diese Thematik. Klar ist: Wie Menschen in einer für sie neuen Gesellschaft ankommen und wie sie sich einbringen, ist nicht nur eine Frage des Willens. Nicht selten gibt es zwischenmenschliche Vorurteile zu überwinden. Diskriminierung bedeutet, dass Menschen aufgrund bestimmter Merkmale aktiv an ihrer Teilhabe gehindert werden. Gegen diese Hürden anzukämpfen und sich für eine durchlässigere Gesellschaft stark machen, hat sich die Darmstädter „MyWay“-Stiftung zum Ziel gesetzt. Ein Gespräch mit Stiftungskoordinatorin Lisa Keil und Vorstandsmitglied Maren Sauermann.

 

Die „MyWay“-Stiftung hat im Januar 2023 in der Bleichstraße 8 eine neue Beratungsstelle eröffnet. Was genau bietet diese Einrichtung und für wen ist sie konzipiert?

Keil: Unsere Beratungsstelle richtet sich an Menschen mit Diskriminierungserfahrung. Damit wollen wir Menschen helfen, ihre Handlungskompetenzen auszubauen und weiterzuentwickeln und ihnen Ängste vor Diskriminierung nehmen.

Sauermann: Coaching ist ein Bereich, der oft einer privilegierten Gruppe vorbehalten ist. Wir wollen das für jede und jeden zur Verfügung stellen.

 

Ihr bekennt Euch zu einer intersektionalen Perspektive im Umgang mit Diskriminierung. Was ist Intersektionalität?

K: Ich glaube für diejenigen, die intersektionale Diskriminierung erfahren, ist das Konzept leicht zu begreifen: Intersektionalität heißt – kurz und knapp – die Gleichzeitigkeit und Überschneidung von mehreren Diskriminierungskategorien. Das kann man an einem einfachen Beispiel erklären: Eine muslimische Frau mit Kopftuch wird nicht nur aufgrund der Kategorie Geschlecht oder Religion diskriminiert, sondern an der Schnittstelle beider Kategorien. Das heißt, sie erfährt eine andere Diskriminierung als eine Frau, die nicht muslimisch ist, aber auch eine andere Diskriminierung als ein muslimischer Mann. Das heißt, dass man in Situationen anders intervenieren muss, wenn verschiedene Kategorien zusammenkommen, beispielsweise in der Gesetzgebung.

 

Was bedeutet der intersektionale Ansatz für Eure Arbeit?

S: Ich denke, es geht auch um meine Sichtweise auf das Gegenüber. Überhaupt erst mal wahrzunehmen, dass es mehrfache Zugehörigkeiten gibt. Dass ich jemanden nicht nur als Religionszugehörige oder nur als Frau oder nur als Mensch im Rollstuhl anspreche, sondern, dass ich jeder Person als in sich vielfältige Zusammensetzung von Aspekten begegne. Ich muss die Grundhaltung haben, die intersektionale Perspektive wahrnehmen zu wollen. Wenn ich eine intersektionale Perspektive habe, bin ich notwendigerweise offener für mein Gegenüber.

 

Eine solche Offenheit würde die Idee von „Integration“ auch anders beleuchten, oder?

S: Der Diversitätsbegriff ist grundlegend für eine Perspektive, die Komplexität und Heterogenität – oder einfach Humanität! – als gesellschaftliches Merkmal voraussetzt. Es gibt kein „so sind die“ und „so sind wir“. Mit dem Grundgedanken von Vielfalt wird’s eben nicht Integrationspolitik, sondern einfach Gesellschaftspolitik. Das heißt, wir sind alle in der Verantwortung.

 

Wo steht Darmstadt aus Eurer Sicht in Bezug auf eine solche gelebte Vielfalt?

K: Interessant fanden wir, dass das „Amt für Interkulturelles“ 2021 in „Amt für Vielfalt“ umbenannt wurde. Institutionell ist der Wille zu mehr Offenheit schon da.

S: Darmstadt wirbt mit Weltoffenheit und Diversität – und die Bevölkerung ist wirklich sehr vielfältig. Aber ich würde immer die kritische Rückfrage stellen: Ist man deswegen wirklich offener oder toleranter? Reicht es, eine Uni zu haben, die internationale Studierende hat, internationale Unternehmen und Forschungseinrichtungen? Weil da reden wir wieder von einer sehr privilegierten Gruppe. Die Frage ist: Wer ist sichtbar und in welcher Form ist sie oder er sichtbar? Wer darf sprechen, wer darf nicht sprechen?

K: Man kann auch sagen: Warum gibt es ein Amt für Vielfalt und nicht eine Stelle in jedem Amt, die sich um diese Fragen kümmert? Vielfalt hat ja in allen Ämtern Relevanz.

 

Ihr seid eine Antidiskriminierungsstiftung mit drei weißen Frauen im Vorstand. Wie geht Ihr in Eurer Arbeit mit den eigenen Privilegien um?

K: Wichtig ist eine ständige Reflexion und das Bewusstsein, dass ich lebenslang lerne und offen für Kritik und Verbesserung bin. Für unsere Arbeit ist wichtig, dass wir mit und nicht über Menschen sprechen. Das heißt, wir holen Menschen an den Tisch, oder lesen Texte und Bücher, die andere Meinungen oder Sichtweisen vertreten. Es ist wichtig, dass man Vielfalt auch im eigenen Denken abbildet.

S: Oberflächig sind wir drei weiße Frauen, aber man weiß nicht, was dahinter vielleicht noch steckt. Es setzt nicht Betroffenheit voraus, um sich einzusetzen. Aber es setzt voraus, die eigene Position permanent kritisch zu hinterfragen. Niemand ist von den eigenen Glaubenssätzen ganz frei. Deswegen würde ich immer von diskriminierungssensibel sprechen statt diskriminierungsfrei. Die Frage ist: Wie bereit bin ich, mich von meinem Gegenüber überraschen lassen zu wollen.

Danke für die spannenden Aspekte und Anregungen.

 

Für Vielfalt – gegen Diskriminierungsstrukturen!

Die gemeinnützige „MyWay“-Stiftung arbeitet seit April 2022 für mehr Anerkennung von Vielfalt und gegen Diskriminierungsstrukturen. Seit der offiziellen Eröffnung ihrer Darmstädter Beratungsstelle in der Bleichstraße 8 im Januar 2023 bietet sie direkte Unterstützung für Betroffene von Diskriminierung an. Mit Coaching und Beratung, die für jede:n zugänglich sein soll, können Handlungsstrategien zum Umgang mit diskriminierenden Strukturen im privaten, beruflichen oder öffentlichen Bereich entwickelt werden.

myway-stiftung.de