Foto: Stefan Daub

Reizvolle, idyllische und vor allem relativ unbekannte Gewässer gibt es mehr als 50 im Raum Darmstadt. So weist es zumindest der Bauingenieur, Buchautor und „Gewässerconnaisseur“ Thomas Deuster in seiner neuesten Veröffentlichung „Gewässer in und um Darmstadt“ nach. Seien es kleine Teiche, Brunnen oder Wasserläufe, sie allesamt möchte der Autor den Lesern seines Buches verständlich und zugänglich machen, ihnen den Charme und die oftmals leicht verwunschene Atmosphäre dieser Orte nahe bringen.

Höchste Zeit also, diesen nicht selten versteckt und vergessen gelegenen Naturplätzen auf die Spur zu kommen, und mal wieder was Neues über die etwas anderen Orte unserer Stadt zu erfahren. Es geht dabei weniger um das Badevergnügen als um das Genießen der Natur.

Thomas Deuster kam schon als Kind, über die Mitgliedschaft seines Opas im Anglerverein, mit Gewässern und Seen in Berührung und lernte früh die Flora und Fauna dieser Lebensräume kennen und schätzen. Während seines Studiums des Bauingenieurwesens eignete er sich Kenntnisse in Wasserbau sowie Biologie und Chemie an, und ist somit auch in der Lage, die dort gegebenen Wirkungszusammenhänge zu analysieren und zu verstehen. Das P sprach mit diesem ausgemachten Gewässerexperten und versuchte, etwas mehr über ihn, seine Motivationen und natürlich die Thematik selbst heraus zu finden.

 

P: Herr Deuster, wie kamen sie eigentlich zu diesem mittlerweile doch nun recht ausgewachsenen Hobby, immerhin haben sie ja kürzlich ein über 300 Seiten starkes Buch dazu veröffentlicht?

Die Idee für ein Gewässerbuch reifte, nach meinen zwei vorausgegangenen Büchern über die Ludwigshöhe und den Bismarckturm samt Waldpark Marienhöhe, seit circa 2005. Ich bin ja schon früh, wie bereits erwähnt, mit der Natur und den sehenswerten Orten in und um Darmstadt in Kontakt gekommen. Schon damals tauchten bei mir die ersten Fragen auf: „Wie ist dieses oder jenes entstanden? Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?“ Bei diesen Ausflügen ist mir dann auch aufgefallen, wie viele Gewässer, sowohl stehende als auch  fließende, es im Raum Darmstadt gibt. Fragt man die Darmstädter, welche sie davon kennen, antworten die meisten: „Den Woog, die Grube, den Steinbrücker Teich und den Darmbach!“ Anliegen meines Buches ist es, ein Bewusstsein über die Gewässervielfalt unserer Stadt zu wecken, aber auch die Bitte, diese Orte mit Respekt zu behandeln und diesen Lebensräumen mit ihrer Artenvielfalt den entsprechenden Tribut zu zollen. Wer weiß zum Beispiel, dass im Backhausteich am Jagdschloss Kranichstein eine fast einen Meter lange Natter lebt, und daß sich bei uns mittlerweile eine Vielzahl von Libellen- und Amphibienarten angesiedelt hat? Wasser hat ökologisch und atmosphärisch eine große Bedeutung für uns alle.

Sind tatsächlich alle Gewässer der Umgebung in ihrem Buch erfasst?

Ich habe alle Teiche und Fließgewässer aufgenommen, die innerhalb der Gemarkung Darmstadts liegen, sowie Anlagen, die historisch zu Darmstadt gehören oder gehörten, also von ehemaligen Landgrafen im Umkreis angelegt wurden. Es wäre hier vielleicht auch zu erwähnen, dass eigentlich alle stehenden Gewässer in Darmstadt künstlichen Ursprungs sind. Solche von Menschenhand angelegten Teiche nennt man Nutzgewässer, das heißt, sie wurden für die Fischzucht genutzt, dienten als Wasserreservoir oder entstanden durch Abbaumaßnahmen. So sind zum Beispiel die Teiche im Bürgerpark ehemalige, mit Wasser vollgelaufene Tongruben.

Wie finanzieren Sie die Umsetzung Ihrer sehr zeitaufwendigen Projekte und Ihrer Bücher?

Ich habe das Glück, eine größere Anzahl von Förderern und Sponsoren hinter mir zu haben, vor allem solche, denen die Bedeutung des Themas Gewässerökologie im globalen Kontext sehr wichtig ist. Und genau dieser globale Kontext beginnt schon im kleinen Flüsschen vor der Haustür. Zur Dokumentation sei ein bemerkenswertes Beispiel gegeben: In der Eberstädter Modau, welche im Odenwald entspringt, leben bis zu 60 Zentimeter große Bachforellen, deren Größe und Alter darauf schließen lassen, dass sie wahrscheinlich schon mehrmals den Rhein hinauf bis in die Nordsee geschwommen sein könnten, um sich dann zum Laichen wieder die Modau soweit wie möglich hoch zu kämpfen, was ihnen oft durch Wehre und Rückhaltebecken erschwert wird. Klingt nach Kanada und Wildlachswanderung? Ist auch so! Soll aber vor allem zeigen, dass das ganze Gewässersystem auf der Erde zusammenhängt und der Schutz dieses komplexen, sensiblen und weltumspannenden Lebensraums schon lokal beginnt.

Gibt es geheimnisvolle Besonderheiten oder Gewässer-Anekdoten, die Sie unseren Lesern verraten können?

Thomas Deuster
Foto: Stefan Daub

Was viele Leute zum Beispiel nicht wissen, ist, dass es einen – mittlerweile trockengelegten – Kanal aus dem 17. Jahrhundert vom Backhausteich am Jagdschloss Kranichstein zum Steinbrücker Teich gibt, der als „Lustgondelkanal“ für unsere barocken Fürsten diente. Der so genannte Fließnachweis dieses Verbindungskanals war auch Thema meiner Diplomarbeit, und der Kanal selbst ist heute Mittelpunkt einer meiner Führungen am Jagdschloss. Einen geheimnisvollen Charakter hat vielleicht das Verschwinden des Teiches am Steckenborn in Eberstadt. Dieses Gewässer ist innerhalb von zwei Jahren trotz ständigen Wasserzuflusses komplett ausgetrocknet und verschwunden. Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit und lässt sich nur sehr schwer erklären. Vermutlich ist irgendwo ein Leck entstanden – mysteriös ist es allemal.

Welche Gewässer in und um Darmstadt haben besonders viel Atmosphäre und sollte man unbedingt mal besuchen?

Der Kirchbergteich am Anfang des Mühltals zum Beispiel ist wunderschön, der Grüne Teich an der Katzenschneise am Oberfeld ist auch etwas besonderes – aber eigentlich muss jeder seinen Favoriten selbst ausmachen. Bei Besuchen verstehen sich ein angemessenes Verhalten und der Respekt vor der zerbrechlichen Natur ja hoffentlich von selbst.

 

Herr Deuster, vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Gewässerkunde

www.darmstadt-gewaesser.de

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