Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Der „Quartierladen“ ist leer. Bis auf drei verkleidete Männer. Was nach der Vorbereitung auf die nächste Comic-Con klingt, ist tatsächlich der kreativste politische Protest, den Darmstadt in den letzen Jahren gesehen hat. Entspannt, als müssten sie nicht in dieser Nacht noch dem Profitmonster gegenübertreten, sitzen sie im Herzen der solidarischen Postsiedlung: Venkman, Spengler, Stantz. Sie tragen die Namen der „Ghostbusters“-Filmhelden aus den 80ern auf der Brust, ein originalgetreuer Nachbau ihres Einsatzwagens steht auf dem Tisch. Mit ruhiger Stimme erzählen sie von den sozialen Missständen und der Schieflage, die das Viertel bedrückt.

Denn die Postsiedler:innen haben längst bemerkt, dass die Mieten der Stadt – im Allgemeinen und in ihrem Viertel im Besonderen – rasant steigen. Dass Neubauten von Beginn an für viele unbezahlbar sind. Dass sie zu lange leer stehen – und manche sogar leer stehen sollen! Es sind diese perfiden Methoden der Profitmaximierung, die zur Geburtsstunde der Darmstädter „Ghostbusters“ führten.

Seit 2015 bemüht sich der Postsiedlung e. V. darum, das Viertel so sozial wie möglich zu gestalten, organisiert Cafés und Treffpunkte, den Umsonst- und Quartierladen. Unter dem Motto „Lebenswirklichkeit verändern“ etablieren die Vereinsmitglieder Projekte gegen Einsamkeit, Isolation und Einzelkämpfer:innen-Mentalität. Kein Wunder, dass alle Alarmsignale ertönen, wenn die nächste Familie nicht im Viertel bleiben kann, weil es keine bezahlbare Wohnung gibt, und Student:innen lieber außerhalb eine neue Bleibe suchen statt in ihrem Heimatviertel. Denn obwohl die vielen Neubauten auch neuen Wohnraum versprechen, ist dieser in Luxusform tatsächlich nur bedingt für die Mehrheit der Städter:innen nutzbar. Und so haben sich einige Bewohner kurzerhand zur humorvoll-kritischen Task-Force zusammengeschlossen.

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

Wer die cineastischen Vorbilder kennt, vergisst nie den Leitspruch der Geisterjäger: „If there’s somethin‘ strange in your neighborhood – Who ya gonna call?“ Genau, Ghostbusters! So lautet auch das Selbstverständnis der – wenn sie vollzählig sind – vier Darmstädter Jäger. In einer Sachlage, „die sich ohne viel Übertreibung als deprimierend beschreiben lässt“, zeichnen sie sich dabei durch eine freche und unkonventionelle Geisteshaltung aus, die anderen Protesten oft fehlt. Sie wollen auf Missstände hinweisen, diese sichtbar kritisieren und die Profiteur:innen in eine Rechtfertigungsposition drängen – und dabei die Lächerlichkeit der Situation beleuchten. Gewaltlos und mit einer erfrischenden Leichtigkeit zeigen sie so, dass sie sich weder dem Druck der Wohnsituation beugen möchten, noch an ihr verzweifeln. Bereits im Sommer wurde auf der Homepage des Postsiedlung e. V. ein detailreicher „Bericht über die Investor:innen und Profiteur:innen des Wohnwahnsinns“ veröffentlicht. Doch ist die Medienwirksamkeit erwachsener Männer in Ganzkörperoveralls einfach höher.

 

„Messwerte – hoch profitabel!“

Mit Kreidesprühfarbe und aufblasbaren Accessoires bewaffnet ziehen sie in die aufkommende Nacht. Die Stimmung ist entspannt, fast ausgelassen. Was einfach nur amüsant aussehen könnte, wird im Kontext des politischen und sozialen Protests bemerkenswert – und einzigartig. Denn weder Wut noch Frust sind in dieser Novembernacht spürbar, auch wenn sie der Aktion zugrunde liegen. Vielmehr wird deutlich, dass Spaß an der Kritik diese nicht mindert.

Bei ihrem bereits zweiten Einsatz ist das vermutete Geisterhaus nur einige Meter vom Quartier der Ghostbusters entfernt. Unscheinbar steht es zwischen den Betonkästen der Nachbarschaft, die Fenster durch Rollläden verdeckt, leer, dunkel. Doch sind es die Details (oder eher: ihr Fehlen), die letztlich darauf hinweisen, dass hier etwas nicht stimmt. Das Nachbarhaus wird durch Blumenkästen vor der Tür geschmückt, Gummistiefel und ein Cityroller weisen auf Leben im Innern hin. Bei unserem Geisterhaus fehlt all das. Mehr noch: Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass nicht einmal ein Briefkasten am Haus montiert wurde. Gerade so, als wäre schon heute sicher, dass hier niemals jemand wohnen wird. Eine Lampe auf dem Fußweg zum benachbarten Parkplatz flackert, der Effekt reiht sich nahtlos in den Stil der Aktion ein. Und tatsächlich stellt Stantz bei der Untersuchung des Gebäudes unnatürliche Aktivitäten fest: „Messwerte – hoch profitabel!“.

Foto: Nouki Ehlers, nouki.co

So machen sich die Geisterjäger an die Arbeit: Nahezu lautlos und geübt sprühen sie das „Geisterhaus“-Symbol auf den Boden – zwei-, dreimal, damit es nicht übersehen wird. Denn nicht nur Investor:innen und Profiteur:innen sollen wissen, dass die Bewohner:innen der Postsiedlung nicht dabei zuschauen werden, wie ihr Viertel stetig weniger lebenswert wird. Auch die Siedler:innen selbst sollen immer wieder sehen, welch gruseligen Vorgänge ihre unmittelbare Nachbarschaft bedrohen. Obwohl die Aktion keine Viertelstunde gedauert hat, wird sie mindestens bis zum nächsten Regen täglich auf einen quälenden Missstand mitten im Herzen der Postsiedlung hinweisen. Und ist dabei Vorbild für diverse und inklusive Formen der Kritik. Denn sie zeigt: Um die nötige Aufmerksamkeit zu erregen, braucht es nicht immer Massen auf den Straßen, gesperrte Kreuzungen und Megafon-Durchsagen. Auch im kleinen Stil, zu viert und nach Feierabend, kann mensch sich dem Wohnungswahnsinn der Stadt und des Viertels entgegenstellen. Die Ghostbusters wollen kritisieren, uns zum Schmunzeln bringen und inspirieren, nach dem Grundsatz: „Wir müssen nicht akzeptieren, was uns überhaupt nicht passt – und was wir können, könnt Ihr auch!“

Zwar beschränken sich die Darmstädter Geisterjäger bislang auf die Postsiedlung, sind aber allzeit bereit, andere Quartiere zu beraten und in ihrem Protest mit (Erfahrungs-)Wissen zu unterstützen. „Wir setzen ein Zeichen“, sagt Venkman, „und streichen den Konjunktiv.“ Sie kommen wieder, keine Frage.

postsiedlung.de

 

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