Illustration: Hans-Jörg Brehm

Darmstadt soll als Digitalstadt zum europaweiten Vorzeigemodell werden: Für die Bürger heißt das freies WLAN in selbstfahrenden Bussen und teilautonomen Straßenbahnen, im Auto immer mit der grünen Welle fahren und nie wieder im Bürgeramt für den neuen Ausweis oder einen Kindergartenplatz Schlange stehen – weil das in Zukunft alles online geht. Allerdings sollen dafür tausende Sensoren unseren kompletten Alltag überwachen. Sie melden nicht nur freie Parkplätzen live für jedermann zugänglich ins Internet, sondern auch den Inhalt unserer Mülltonnen. Sogar über die Zeiten unserer Toilettengänge wird die Digitalstadt Bescheid wissen.

Was sich je nach Blickwinkel wie eine Hightech-Utopie oder eine dystopische Wahnvorstellung liest, soll schon ab kommenden Jahr Stück für Stück Realität werden. Wie der Alltag in der Digitalstadt konkret aussehen soll, zeigt ein achtminütiger Imagefilm auf Youtube: Wenn morgens im Digitalhaus die elektrischen Jalousien hochgehen, beginnt auch schon die Überwachung. Während der Familienvater auf einem Display im Hausflur beruhigt seinen nachhaltigen Verbrauch von Gas, Wasser und Strom ablesen kann, meldet der digitale Stromzähler diese Daten rund um die Uhr und damit auch, wann der Motor der Jalousien läuft, an den Netzbetreiber.

Die sogenannten Smartmeter gelten unter Datenschützern als Alptraum. Denn ob Durchlauferhitzer, Deckenlampe, Kaffeemaschine oder Playstation – über das Verbrauchsprofil lässt sich jedes Gerät identifizieren und so überraschend sicher bestimmen, wer was wann zuhause macht. Nicht nur Toilettengänge und Duschzeiten lassen sich erkennen, auch häufig wechselnde Übernachtungsgäste werden über den Stromverbrauch ersichtlich. Sogar welcher Film gerade auf dem Flatscreen läuft, konnten Forscher über die Smartmeter schon identifizieren.

In dem Imagefilm auf dem Frühstückstisch übrigens auffällig in Szene gesetzt ist ein Papierexemplar des Darmstädter Echos. Dabei sollte man meinen, gedruckte Zeitungen gehörten in der Digitalstadt zur analogen Vergangenheit. Und so bleibt die Ausgabe an diesem Morgen auch ungelesen, denn Vater, Mutter, Kind beschäftigen sich zum Marmeladenbrötchen hauptsächlich mit ihren Smartphones. Während die Tochter aus dem Bildungsnetz der Darmstädter Schulen ihren aktuellen Stundenplan zieht, sendet der Vater sein nächtliches EKG in die Gesundheits-Cloud der Darmstädter Ärzte und Krankenhäuser. Und die Mutter wird an den Facharzt-Termin erinnert, den sie mit der gleichen App gebucht hat.

Die Gesundheitsplattform soll nicht nur Patientenakten verschiedener Ärzte zusammenführen und auf das eigene Smartphone laden, sondern auch mit Online-Check-in ohne Wartezeit im Klinikum direkt ins Krankenzimmer führen und sogar Sprechstunden per Online-Chat anbieten. Ob die kommunale Cloud erfolgreicher wird als die elektronische Gesundheitskarte, mit der Bund und Krankenkassen nach mehr als zehn Jahren und mehr als einer Milliarde Euro ähnlich weit sind wie der Berliner Flughafen BER, bleibt abzuwarten.

Sensoren in Mülltonnen und an Parkplätzen

Fraglich ist auch, ob die Hausmülltonne in ein paar Jahren wie im Film ihren Füllstand jederzeit an die Müllabfuhr meldet. Denn die bedarfsgerechte Einzelleerung mit elektrischen Kleinfahrzeugen klingt vielleicht nachhaltiger, ist aber logistisch gegenüber der Routine einer wöchentlichen Sammelleerung deutlich komplizierter. Zu den großen Containern am Campus Lichtwiese und einigen öffentlichen Mülleimern wird die Müllabfuhr aber schon im nächsten Jahr erst ausrücken, wenn ein Sensor es befiehlt.

So viel ist klar: Ohne ihre Sensoren funktioniert die Digitalstadt nicht. Schon heute messen 170 Verkehrskameras, wie viele Autos, Lastwagen, Fahrräder und Fußgänger gerade welche Ampel passieren. Die Daten helfen nicht nur, die Ampeln passgenau zu schalten, sie sind auch schon seit einem Jahr für jedermann im Internet verfügbar. Eine Handyapp soll so bald jedem Autofahrer die richtige Geschwindigkeit für seine private Grüne Welle anzeigen. Auch den Weg zum nächsten freien Parkplatz weist bald eine App dank Sensoren an jedem Parkplatz. Straßenlaternen müssen in Zukunft nur dann leuchten, wenn wirklich jemand auf dem Gehweg ist. Ihre Sensoren messen auch die Luftqualität und melden Brände automatisch an die Feuerwehr.

Kern der Digitalstadt ist dabei, dass all diese Daten als Open Data für jedermann zugänglich sind. „Die Plattform bündelt die Daten der Sensoren und Messgeräte (Internet of Things) so, dass ein übergreifendes Bild der Stadt entsteht. Schnittstellen und Zugriffe für Open Data oder Drittanwendungen sind über ein sicheres API-Management möglich“, heißt es auf digitalstadt-darmstadt.de. Unternehmen sollen also so viele öffentliche Daten wie möglich in Darmstadt nutzen können, um praktische Handyapps zu entwickeln.

Open Data: Segen und Problem zugleich

„Das alles ist wunderbar und toll. Aber natürlich funktioniert das nur, wenn Sicherheit, Datenschutz und Partizipation sichergestellt sind“, erklärt Michael Waidner. Der Leiter des Fraunhofer SIT gilt als der führende Cybersicherheits-Experte in Deutschland und wurde zum Chief Digital Officer der Stadt Darmstadt ernannt. Auch Oberbürgermeister Jochen Partsch betont, als er im Juni beim Branchenverband Bitkom für Darmstadt wirbt, in jedem zweiten Satz: „Datenschutz und Datensicherheit sind die große Frage.“ Natürlich sollen alle Daten anonymisiert werden.

Aber zu den Grundregeln von Big Data gehört leider, dass es eigentlich keine anonymen Daten gibt. Weil jeder Mensch einzigartig ist, jeder ein anderes Leben mit unterschiedlichem Alltag lebt, reichen meist wenige Details, um Profile aus großen, anonymisierten Datensätzen wieder dem Elektromeister Martin Schneider oder der Vorstandsvorsitzenden Alexandra Stark zuzuordnen.

Die Daten zehntausender intelligenter Stromzähler helfen dann auf einmal nicht nur bei der Energiewende, sondern könnten auch Stalker, Einbrecher, eifersüchtige Ehemänner und kontrollwütige Schwiegereltern interessieren – wenn sie denn die technischen Mittel haben. Denn Nutzerprofile aus Big Data zu erstellen ist dann doch etwas komplizierter als zu googeln. Nutzen dürften den Datenreichtum in jedem Fall Unternehmen, die Anwendungen für die digitale Zukunft entwickeln. Dass dabei zunächst Sicherheitsforscher und nicht Kriminelle so manche Überraschung zu Tage fördern werden, wird dazu gehören – und muss auch gewollt sein, wenn Datenschutz und -sicherheit tatsächlich als Ziel ernst genommen werden.

Das Spannungsfeld liegt also zwischen: „Wir wollen ein Experimentierlabor sein für neue Dinge“ (Waidner) und „dazu brauchen wir vor allem auch Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger“ (Partsch). Für die Akzeptanz der Digitalstadt will Partsch deshalb den Bürgernutzen in den Vordergrund stellen. Für rund 100 Services wie der Ummeldung des Wohnsitzes oder der Müllentsorgung sollen in Zukunft keine Behördengänge mehr notwendig sein. Auch Strom, Gas und Wasser sowie RMV-Fahrkarten soll es über das Portal geben. Das kostenfreie WLAN in der Innenstadt soll ausgebaut und auch in Bussen und Straßenbahnen verfügbar sein. Und Fahrradkuriere sollen Online-Bestellungen von Darmstädter Einzelhändlern noch am gleichen Tag nach Hause bringen, um nur einige von rund 30 Projekten zu nennen.

 

Digitalstadt Darmstadt

Gegen 13 andere Städte hat sich Darmstadt im Juni im Wettbewerb „Digitale Stadt“ des Branchenverbands Bitkom der Deutschen IT- und Kommunikationsunternehmen durchgesetzt. Die Industrie und das Land Hessen steuern nun jeweils zehn Millionen Euro bei. Eine städtische Gesellschaft mit einem Jahresbudget von zwei Millionen Euro und zehn Mitarbeitern koordiniert rund 100 beteiligte Unternehmen und Forschungsinstitute in rund 30 Projekten.

www.digitalstadt-darmstadt.de

Aktuelles Verkehrsaufkommen: www.darmstadt.ui-traffic.de

 

Wissenschaftstag spezial: Cybersicherheit

Das Darmstädter Center for Research in Security and Privacy (CRISP) und seine Partner stellen sich in der Centralstation vor. Crisp ist das größte Forschungszentrum für Cybersicherheit in Europa. Seine Experten erklären, wie man sicher surft, E-Mails verschlüsselt und geben einen Ausblick auf die Digitalstadt Darmstadt.

Centralstation (Halle) | Mo, 18.09. | 19 Uhr | Eintritt frei

 

Bundestagswahl

Am Sonntag, 24.09., ist Bundestagswahl. Wahllokale und alle amtlichen Informationen gibt es online.

Echo-Podium in der Centralstation

Leitende Redakteure des Darmstädter Echos diskutieren mit den sechs Kandidaten, deren Partei mutmaßlich in den Bundestag einziehen wird. Wahrscheinlich machen den Wahlkreis 186 (Darmstadt und der westliche Landkreis Darmstadt-Dieburg) drei Frauen unter sich aus: Die Bürgermeisterinnen von Roßdorf, Christel Sprößler (SPD), und von Mühltal, Astrid Mannes (CDU), sowie die Grünen-Landesvorsitzende Daniela Wagner aus Darmstadt. Die anderen drei Kandidaten auf dem Podium: Michael Friedrichs (Linke), Nicolas Wallhäuser (FDP) und Frank Karnbach (AfD).

Centralstation (Saal) | Mi, 20.09. | 19 Uhr | Eintritt frei

Wahl-o-mat

Das Frage-und-Antwort-Tool der Bundeszentrale für Politische Bildung zeigt, welche Partei in 38 ausgewählten Punkten der eigenen politischen Position am nächsten steht.

www.wahl-o-mat.de

Musik-o-mat

Wer sich nicht mit Inhalten beschäftigen möchte oder das bereits getan hat, kann mit diesem Werbegimmick eines Musikstreaming-Dienst schauen, welche Partei am besten zum eigenen Musikgeschmack passt.

www.musik-o-mat.com

 

Lokalpolitik-Kolumne im P

Sebastian Weissgerber hat bis 2009 für die Frankfurter Rundschau aus dem Darmstädter Stadtparlament berichtet. Im P schreibt er seit Februar 2017 als „Vierte Säule“ über die hiesige Politik.

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