Foto: Jan Ehlers

Über 20 Jugendliche haben sich, wie jeden Samstagabend, im Sefo-Raum der Bessunger Knabenschule versammelt, um ein Welterbe anzutreten. Das Welterbe ihrer Vorfahren. Sogar die UNESCO hat es in ihre exklusive Liste aufgenommen. Sobald die Musik aus den Boxen ertönt, geht’s los. In einer Reihe aufgestellt fassen sich die jungen Serben an den Händen und beginnen, einheitlich und im Rhythmus der Musik, mit kleinen, wendigen Schritten in die Fußstapfen ihrer Ahnen zu treten. Oder besser gesagt: zu tanzen.

Kolo heißt der Tanz, den die Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 18 hier, beim serbischen Verein Serbia e. V. in der Knabenschule, lernen. Kolo ist nicht nur in Serbien, sondern im gesamten Gebiet des früheren Jugoslawiens bekannt. Jede Region hat ihre eigene Version mit eigenem Namen: zum Beispiel Bugarka, Čačak oder Moravac. Die Bewegungen gehen fast ausschließlich von den Beinen und den Füßen aus. Das Tempo der Schritte steigt mit dem Tempo der Musik. „Es sieht vielleicht einfach aus, aber ist extrem schwer zu lernen“, sagt Gojan Vasilyevic, der Trainer des Vereins. Er und die Jugendlichen repräsentieren den serbischen Verein in Darmstadt in tanzender Weise.

„Der Verein ist für die Kinder da“, betont Slobo Radulovic, der bis Juni der Vereinsvorsitzende war. Der Tanz sei das Mittel, um den Kindern, die hier in Deutschland geboren wurden und aufwachsen, die serbische Kultur und Sprache näherzubringen. Daher achtet Trainer Gojan darauf, dass die Jugendlichen während der Übungen kein Deutsch sprechen. „Wenn die Kinder ihre Großeltern in Serbien besuchen, sollen sie sich mit ihnen unterhalten können“, erklärt er.

Während die jungen Tänzer ihre Schritte üben, sitzen einen Raum weiter ihre Eltern. Der serbische Kulturverein ist für sie nicht nur der Ort, an dem sie ihre Kinder zum Tanzen hinschicken, sondern auch ein geselliger Treffpunkt mit Freunden. Die meisten kannten sich schon, bevor ihre Kinder der Tanzgruppe beigetreten sind. Der Vereinsraum schafft es mit wenigen Mitteln, eine serbische Atmosphäre zu erzeugen: Auf einem Fernseher laufen Programme aus der Heimat, an den Wänden hängen neben der serbischen Flagge Bildnisse von Persönlichkeiten der Landesgeschichte.

Den Eltern ist es sehr wichtig, dass ihre Kleinen ihre Wurzeln kennenlernen. „Jeder sollte wissen, woher er kommt“, sagt Svetlana, Mutter zweier Kinder. Ihre serbischen Eltern kamen als Gastarbeiter nach Darmstadt. Sie wuchs erst in Darmstadt auf, verbrachte ihre Schulzeit aber in Jugoslawien. Die bereichernde Erfahrung, zwei Kulturen und zwei Sprachen zu kennen, wünscht Svetlana sich auch für ihre Kinder.

Auch Tanja ist heute da, die Tochter des Trainers. Sie war als Kind in der Folkloregruppe und macht inzwischen bei Meisterschaften im serbischen Folkloretanz mit. „Ich bin hier geboren, möchte aber wissen, woher meine Eltern und Großeltern kommen“, sagt sie. Und dazu gehöre es auch, die Tänze zu lernen, denn: „Tanzen ist ein großer Teil der serbischen Kultur.“

Es geht aber nicht nur um die Weitergabe der serbischen Folklore, sondern auch darum, dass die Kinder Spaß haben und Freundschaften schließen. Die 16-jährige Tamara zum Beispiel tanzt heute nicht mit, da sie krank ist, kam aber trotzdem, um ihre Freunde zu sehen. „Unser Trainer sagt immer: Druženje“, erklärt sie. Übersetzen kann man das mit: freundschaftlicher Geselligkeit.

Foto: Jan Ehlers

Dem 16-jährigen Stefan geht es neben dem Spaß und den Freunden auch darum, die Kultur zu präsentieren. Zweimal im Jahr veranstaltet der Verein eine große Feier in der Halle der Bessunger Knabenschule, wo die Jugendlichen ihre Tänze zeigen. „Vor 300 Leuten aufzutreten, ermutigt mich sehr“, sagt Stefan. Und beim Internationalen Bürgerfest haben sie auch schon auf dem Luisenplatz getanzt.

Die 15-jährige Snežana sieht auch den Vorteil, dass sie nun bei serbischen Hochzeiten mittanzen kann. Bevor sie zur Gruppe kam, war sie schon mit ihren Eltern bei Veranstaltungen des Vereins. „Unsere Eltern kennen sich alle untereinander“, sagt sie. Der 15-jährigen Bojana gefällt, dass „alle hier auf einer Wellenlänge sind, da alle einen serbischen Hintergrund und Interesse am Tanzen haben.“ Außerdem kann sie in der Gruppe ihr Serbisch auffrischen. Sie fährt, wie die anderen Kinder und Jugendlichen, in den Ferien immer mit ihren Eltern nach Serbien. Außerhalb dieser Zeit spricht sie nur während der Tanzstunden und mit ihren Eltern Serbisch. Deutsch lernte sie, wie die meisten hier, erst, als sie im Kindergarten mit Deutschen in Kontakt kam.

Die Kinder sehen neben dem vielen Positiven aber auch die Probleme, vor denen die Tanzgruppe steht. So wünschen sie sich einen ausgebildeten Choreografen, der ihren Trainer unterstützt. Und, da die Gruppe immer weiter wächst, einen größeren Raum. Am besten mit Wandspiegel, um sich beim Tanzen zu beobachten.

Slobo Radulovic, bis Juni der Vereinsvorsitzende und immer noch aktives Mitglied, teilt die Wünsche der Kinder. Er möchte die Folklore ausbauen, mit mehr Platz, mehr Gruppen, richtigen Trachten und Teilnahme an Turnieren. Doch das kostet Geld und davon hat der Verein im Moment nicht genug – unter anderem, weil nicht alle der knapp 100 Mitglieder ihre Beiträge (120 Euro im Jahr) zahlen. Allein die Trachten würden 200 Euro pro Kind kosten. Aber zugleich sieht Slobo, dass es – nach den Krisenjahren von 2012 bis 2016 („da war der Verein so gut wie tot, es gab keine Folklore, keine Kinder, nichts“) – langsam nach oben geht. Seit 2016 wächst der Verein wieder. Zu Beginn besuchten fünf Kinder die Tanzgruppe, heute sind es mehr als 30.

Die meisten sind als Kinder serbischer Eltern in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber es gibt auch einige, die mit ihren Eltern erst kürzlich von Serbien nach Deutschland umgezogen sind. Für sie ist der Verein eine gute Anlaufstelle, um Freunde kennenzulernen, finden die beiden Mädchen Snežana und Bojana. Dadurch, so sagen sie, könnten sie auch schneller Deutsch lernen. „Man hilft sich gegenseitig“, sagt Bojana mit Überzeugung in der Stimme. „Druženje“, wie der Trainer sagen würde.

 

Serbisches Herbstfest

Die perfekte Gelegenheit, das tanzbare Welterbe auf der Bühne zu sehen, bietet der serbische Verein zweimal im Jahr mit einer großen Feier. Die jungen Tänzer bringen die gleichzeitig anmutig und wild wirkende Folklore für einen Abend nach Darmstadt. Und eine Gruppe um den unter den hier lebenden Serben bekannten Sänger Nedjo Bobar spielt und singt den ganzen Abend über serbische Volksmusik. Und während Akkordeon, Keyboard und Gitarre die Ohren mit Balkanklängen verwöhnen, gibt es für das leibliche Wohl typisch serbische Spezialitäten wie Ćevapčići und Quittenschnaps. (fg)

Bessunger Knabenschule (Halle) | Sa, 09.11. | 19 Uhr | 10 € (Kinder unter 16 Jahren: 6 €, Kinder unter 10 Jahren: kostenlos)

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