Illustration: Pauline Wernig

Kling, Glöckchen, klingelingeling. Na, seid Ihr auch so aufgeregt wie ich? Die hässlichste Innenstadt Hessens erstrahlt in weihnachtlichem Glanze. Der Lange Lui gibt sich festlich und ragt wie ein riesiger Glitzerphallus in den grauen Himmel. Einfach schön, wenn es an einem Verkehrsknotenpunkt so besinnlich wird. Die Straßenbahnen klingeln warnend, wenn mal wieder jemand gemütlich auf den Gleisen spaziert, dichtes Gedränge beim Einstieg in den Bus, überall Menschen mit großen Tüten. Man möchte vor Besinnlichkeit laut schreien.

In der ganzen Innenstadt sind Lichterketten aufgehängt und selbst das Luisencenter wird durch diese Deko ein bisschen ansehnlich. Es ist wieder die Zeit, in der wir uns auf unsere Nächsten besinnen und helfen, wo wir können. Allen voran natürlich der Wirtschaft, denn die wird durch das Weihnachtsgeschäft ordentlich angekurbelt. Man tut, was man kann. Die Augen glitzern aufgrund einer Mischung aus weihnachtlicher LED-Beleuchtung und Tränen der Verzweiflung, weil es unmöglich scheint, sich dem zu entziehen. Diesen Mix aus Vorfreude und Normalität, was haben wir ihn vermisst. Advent, Advent, die Kreditkarte brennt.

Aber immerhin: Über dieser Szenerie liegt ein warmer Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln, die ganze Innenstadt riecht wie der Nikolaus persönlich unter den Achseln. Denn nach einem Jahr Pause aus bekannten Gründen ist es wieder so weit: Der Weihnachtsmarkt öffnet und man kann endlich wieder lauwarmen Fusel aus designmäßig fragwürdigen Tassen in Stiefelform schlürfen. Weihnachtsmärkte per se bringen kulinarische Grenzerfahrungen mit sich, wo sonst wirbt die Gastronomie mit „Nierenspießen“ oder der „Meterbratwurst“. Gehäckseltes Tier in einem gespülten Darm, 100 Zentimeter lang, auf ein Brötchen gelegt und mit Senf abgerundet. Oh, Du Fröhliche … ! Für die Vegetarier:innen gibt’s die obligatorischen Pommes oder Champignons aus der Pfanne. Ich bin überzeugt, dass dieser Pilzsud nur einmal zur Eröffnung des Marktes angesetzt und nach Ende des Weihnachtsmarktes weggekippt wird. Prove me wrong! Kennt Ihr jemanden, der das schon mal gegessen hat? Nee, ich nämlich auch nicht!

„Mutti ist die Beste!“

Aber Weihnachtsmarkt heißt ja nicht nur: kulinarischer Hochgenuss. Keineswegs. Auch Weihnachtsgeschenke können hier erworben werden, wenn man in den Geschäften noch nicht fündig wurde. Weihnachten ist halt auch das Fest der Liebe und der Familie. „Mutti ist die Beste!“, eingraviert in einem Holzbrettchen in Wolkenform. Womit kann man seiner Mutter mehr Ehre erweisen als mit so einem last minute erworbenen Verzweiflungsgeschenk? Alternativ gibt’s Gefilztes für den Baum, Gewürzmischungen (die da seit 2013 liegen und garantiert geschmacksneutral sind) und … äh … ja … Pfannen. Was sonst?!

Der kitschige Budenzauber erstreckt sich dieses Jahr über die gesamte Innenstadt und den neuen, glatt und kühl granitversiegelten Friedensplatz. Ein Ort, wie gemacht für heimelige Feste. So klinisch rein, dass selbst das Coronavirus aufgibt. In diesem Jahr startet der ganze Zinnober sogar noch früher, mit Ausnahme des Totensonntags, denn natürlich soll der Rubel rollen, aber lieber nicht die Kirche verärgern oder gar Gott. Safety first!

Sobald das erste Mal das leise „Pfft … Pfft … Pfft“ der Wärmebehälter zu hören ist, wird man kein Treffen mehr woanders ausmachen können. „Ach komm, lass‘ uns doch auf ’nen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt treffen, ist ja nur einmal im Jahr!“ Widerstand zwecklos. Also steht man wahlweise mit Arbeitskolleg:innen oder Freund:innen um einen klebrigen Stehtisch. Vielleicht trat das Coronavirus gar nicht in China zum ersten Mal auf, sondern entstand in dieser rötlichen Mischung aus Glühwein, Ketchup und Pommesfett auf einem Weihnachtsmarkt … wer weiß das schon?

Irgendjemand wird rotbäckig-grinsend fragen: „Und? Noch ’ne Runde? 3G heißt doch „3 Glühwein“, oder nicht? Höhö!“ Und so findet man sich in der Schlange für das nächste Getränk wieder, denn die erste Regel auf dem Weihnachtsmarkt lautet: NIEMAND trinkt nur ein Getränk. „Mit Schuss?“ – „Japp, bitte mit Kopfschuss!“

 

Du bist fies? Ich bin Fiesa!

Ich bin Isa, 33, spiele Roller Derby und mag Tierbabys aller Art. Ich wohne seit 2007 in Darmstadt, wollte nur kurz zum Studium bleiben … das hat ja hervorragend geklappt. Darmstadt war Liebe auf den zweiten Blick und ist Zuhause geworden. Die Schrullen und Besonderheiten der Stadt bringen mich zum Lachen, daran wollte ich Euch teilhaben lassen. Da ich keine echte Heinerin bin, ist das natürlich nie ganz ernst zu nehmen und mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

 

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