Foto: Jan Ehlers

Seit zehn Jahren findet im Schlosskeller all(zwei)monatlich eine frühe Spätabendschau mit unaussprechlichem Namen statt. Und noch immer fragen sich vereinzelt Unkundige: „Was zur Hölle machen die da eigentlich?“ Nun, die kurze Antwort ist: Axel und Holger moderieren, Richard ist der Regie-Ritschie (einmal auch Moderator, bei der laut Holger „krankesten Show ever“). Die lange Antwort ist etwas komplizierter und hat etwas mit Schreibtischen zu tun. Und mit Muppets. Aber lesen Sie selbst …

 

Average White Band „Pick Up the Pieces”

Ein funky Instrumental-Klassiker aus dem Jahr 1974.

Axel: Das könnte man eigentlich mal als Intro-Musik benutzen.

Holger: Aber dafür haben wir ja jemanden. Außerdem fehlt hier Neshs Stimme: „Ich begrüße Sie mit all meiner Leber!“ [Nesh Vonk von der allseits beliebten Chaos-Kapelle Snerft ist so was wie der musikalische Direktor der Show.]

Kennt’s denn jemand?

A: Ich würd sagen, ich kenn es … Dieser lange Bläserton jetzt gerade klingt zum Beispiel wie mein Herzstillstand, damals im Krankenhaus.

Richard: Ich find‘, man könnte das gut unter ein Skater-Video legen.

Das ist „Pick Up the Pieces“ und es ist tatsächlich eine beliebte Talkshow-Intro-Musik. Ich dachte immer, es sei die der Harald-Schmidt-Show, hab aber noch keine Verifikation gefunden. Vielleicht könnt Ihr weiterhelfen?

A: Die hab ich nie von Anfang an gesehn, ich hab immer nur reingezappt.

H: Ich mochte eher „Schmidteinander“ [Schmidts Vorgänger-Show, lief in den 90-ern mit großem Erfolg in den dritten Programmen].

R: Das war neues Fernsehen! Und da dachten wir uns damals schon, obwohl wir uns noch gar nicht kannten: Das müssen wir irgendwann auch so machen. Oder, Holger? Du hast doch schon in jungen Jahren alles wegmoderiert, was es gab, oder?

H: Ich hab in der 5c schon beim Schulfest den Zirkusdirektor gespielt …

R: … und ich im Kindergarten …

A: … und ich schon als Spermium!

 

Bernd Begemann „Jetzt bist Du in Talkshows“

Der wortgewaltige Indie-Entertainer hostete in der Tat mal seine eigene Talkshow und reflektierte darüber in diesem 96er-Song.

P Magazin: Die Stimme könnte man kennen.

H: Bela B? Mambo Kurt?

Nee, das ist Bernd Begemann.

H: Ach so. Aber wir sind keine Talkshow … „Saturday Night Live“ ist ja auch eher ne Comedy-Sendung.

A: Und „Night of the Living Dead“ ist ein Horrorfilm. Aber okay: Wir sind auch ne Talkshow.

H: Wir sind ne Late-Night-Show, das erkennt man daran, dass ich als Moderator einen Schreibtisch habe. Obwohl: Den krieg ich in letzter Zeit dauernd vom Axel geklaut!

A: Das mach ich, weil ich mich als Element der Subversion in der Subversion begreife!

H: Wir haben ja immer mal versucht rauszufinden, was wir eigentlich machen. Letztlich haben wir uns drauf geeinigt, dass wir unterhalten wollen.

R: Aber wen oder was? Eine Wohnung unterhalten?

A: Unterhaltszahlungen?

H: Früher hab‘ ich, wenn ich danach gefragt wurde, immer erzählt, wir würden sowas Ähnliches wie Harald Schmidt machen, heute sag ich Böhmermann. Ich moderiere ne lustige Sendung, sitze am Schreibtisch …

R: Das mit dem Schreibtisch ist Dir als Arbeiterkind schon wichtig, oder?

 

James Brown „Talking Loud and Saying Nothing”

Ein funky, funky Proto-Rap vom Soul Brother Number One aus dem Jahr 1970

A [triumphierend]: Das ist „Talking Loud and Saying Nothing“!

Jetzt hat’s der Sänger schon zehnmal gesungen, da kann man so was auch mal erraten …

H: Das haben die Fanta 4 mal auf Deutsch gemacht [„Laut reden nichts sagen” aus der Steinzeit des deutschen HipHop, vom 93er-Album „Die vierte Dimension”]

Ist Euch das bei Euren Talkgästen auch schon passiert?

A: Es ist meist eher umgekehrt: Gerade Leute, die im Vorgespräch sehr nett und eloquent sind, versagen dann in der Show komplett und sagen gar nichts Interessantes mehr.

R: Und es sind nicht nur Bühnenunerfahrene … Es gab auch schon einen Schauspieler, der voll versagt hat.

A [prompt]: Til Schweiger war das übrigens.

H: Der musste damals seinen aktuellen Film vermarkten, da musste er überall hin, sogar in unseren Keller … Das gab es aber auch schon umgekehrt, zum Beispiel eine trockene Alkoholikerin, die sehr offen mit allem war, aber trotzdem auch sehr unterhaltsam.

A: Und das, obwohl die Show damals sehr alkoholgeschwängert war. Und auch der Partsch von dieser schmierigen, rapsölverschmierten Ökopartei war sehr nett und hat sich schnell auf unser Humorniveau herab begeben.

 

The Muppets feat. Joanna Newsom „The Muppets Show Theme”

Die weltberühmte Titelmelodie … diese 2012-er-Fassung aus dem Muppets-Movie-Soundtrack hat die Indie-Elfe und Harfenistin Joanna Newsom am Start – nicht, dass man es hören würde …

A [begeistert]: Muppet-Show! [singt sofort ekstatisch den deutschen Text mit]

R: Aber das ist ja keine Late-Night-Show …

A: Aber passt schon! Ich seh‘ da schon Parallelen zu uns.

H: Dann stellt sich jetzt aber die Frage: Wer wärst Du gerne?

A [sofort]: Kermit!

R: Holger, dann wärst Du Miss Piggy.

H [säuerlich]: Und Du wärst der Adler [Sam, der amerikanische Weißkopfseeadler, war von Jim Henson und Frank Oz seinerzeit in die Show geholt worden, damit sie sich besser über das erzkonservative Amerika lustig machen konnten; aber das sei nur am Rande bemerkt.]

R: … und Nesh wäre wie Rowlf [das ist der Hund am Klavier und die älteste Figur der Show, lassen sich seine Spuren doch bis in eine Hundefutterwerbung aus den frühen Sechzigern zurückverfolgen.]

H [bescheiden]: Aber eines sei gesagt: Es sind ja nicht nur wir vier die Early-Late-Night-Show, das ist ein großes Team, da machen ja noch viel mehr Leute prägend mit.

 

The Small Faces „Mad John“

Der vorletzte Song von „Ogdens‘ Nut Gone Flake“ aus dem Jahr 68, einem der ersten Rock-Konzeptalben überhaupt.

[Nachdem alle drei ausgiebig ratlos dreingeschaut haben:] Das sind die Small Faces mit „Mad John“, einer Voraus-Hommage an Eure bekannteste Kreatur [Mad Jochen, das aus vielen Youtube-Videos bekannte fahrradfahrende, wahnsinnige Alter Ego des Darmstädter Oberbürgermeisters Jochen Partsch].

A [skeptisch]: Voraus-Hommage? Das ist ja wie bei unseren Gags … oder unseren Motti: Wir laden Gäste ein, die sagen dann ab, und dann laden wir andere ein und biegen deren Einladung so zurecht, dass sie zum Motto passt.

Wird es denn eine Rückkehr von Mad Jochen geben oder ist die Figur zu groß geworden für Eure Show?

H: Er ist eigentlich sehr klein.

R: Er wirkt in den Videos nur deshalb größer, weil wir so kleine Mitspieler für ihn aussuchen.

A: Zum Beispiel Aurora De Mol, äh … Linda DeMeehl …

H: Der Mad Jochen hat uns aber auch Türen geöffnet. Der echte OB hat nur deshalb bei unserer Show mitgemacht, weil er seinem Büroleiter gesagt hat: „Das sind die Jungs, die dieses Video über mich gemacht haben!“

A: Es gab ja auch das berüchtigte Duell der beiden Jochens in unserer Show, bei dem letztlich rauskam, dass der Partsch gar nicht der echte OB ist.

H: Dabei hatte er immer die besseren Antworten auf unsere Quizfragen als Mad Jochen, und das, obwohl wir Letzterem vorher extra noch einen Spickzettel gegeben hatten.

Madness „Shame and Scandal“ -> https://www.youtube.com/watch?v=zlqbt1PQ1ek

2005 coverte die beliebte Londoner Ska-Band dieses alte Lord-Kitchener-Lied über eine äußerst unzüchtige Familie …

A [hört auf den Text]: Ah … eine dysfunktionale Familie! Wir sind auch eine dysfunktionale Familie … eine Showfamilie!

R: Nur wir vermehren uns nicht untereinander.

H: Na, wir vermehren uns schon. Wir verjüngen uns sogar manchmal.

A [hört weiter zu]: Das ist schön, das erinnert mich an Seegurkenbrei.

Vor sieben Jahren habt Ihr gefragt, ob Darmstadt skandalös oder skandallos sei. Wie war damals das Urteil der Bürger? Und wie ist heute Eures?

H: Das war ja der Auslöser für Mad Jochen …

A: … weil eine Bürgerin sich beschwert hatte, dass einige gewisse grüne Politiker ständig mit dem Fahrrad durch die Stadt brettern.

H: Aber es gibt vieles, was eigentlich ein Skandal ist, aber nicht zum Skandal gemacht wird: Zum Beispiel die Pflastersteine vor dem Hauptbahnhof … von denen der Hersteller vorher schon gesagt hatte, dass sie nicht geeignet seien, und die dann für teuer Geld wieder entfernt werden mussten.

R: Andere Sachen werden dagegen voll hochgejazzt, obwohl sie gar kein Problem darstellen: Zum Beispiel, dass die Platanen auf der Mathildenhöhe gefällt werden sollen.

H: Und Schuld sind nur die Boule-Spieler!

R [versonnen]: Seit die SPD nicht mehr an der Macht ist, gibt’s keine echten Skandale mehr. Da ist Fahrradfahren an sich schon ein Skandal.

H: Der Darmstädter skandalisiert schon gern mal.

R: Aber für ne Revolution reicht’s nicht! Ich hab mal bei einem wissenschaftlichen Buch mitgewirkt, und am Ende kam raus, dass Darmstadt eher so phlegmatisch ist [Georg Büchner sah es ähnlich, bezeichnete er die Stadt einst sogar als „die Wüste Sahara“].

A: Die Darmstädter kraulen sich ein bisschen die Eier, weil die Stadt gerade jedes Zukunftsranking gewinnt.

Alle [wie aus einem Munde]: Und damit kann man immer alle Missstände begründen: „Jaaahh … momentan ist’s hier scheiße, aber in der Zuuuukunft!“

 

Egotronic „Die Partei“

Die odenwaldstämmigen Polit-Elektropunker haben 2006 schon über Parteien gesungen, die immer recht haben. Passend dazu: Holger ist neben seiner Moderatorentätigkeit auch bei der Partei „Die Partei“ aktiv. Und Richard hat da mal ein Praktikum gemacht – aber nie eine Praktikumsbescheinigung gekriegt!

H: Ist das Bormuth? Pornophonique? Ach, das ist Dings … aus dem Odenwald … Egotronic!

R: Ich hab mal in Indien ein Egotronic-Shirt verschenkt, mit „Raven gegen Deutschland“ drauf.

Sie singen: „Die Partei hat immer recht!“ Könnt Ihr beipflichten?

H: Ja, auf jeden Fall. Obwohl … Wir hatten mal den Oliver Maria Schmitt da, von der „Partei“ und der „Titanic“ …

R: … das war ein Skandal!

H: Wobei: Während der Show ging’s noch. Aber er trat damals als OB-Kandidat in Frankfurt an.

A [von der Seite]: Das ist diese Stadt bei Offenbach.

Und was war jetzt der Skandal?

A: Dass der Schlosskeller gesagt hat, dass man als Late-Night-Show unparteiisch seien müsse. Die Partei „Die Partei“ ist ja keine reine Spaßpartei, die tritt ja bei Wahlen an.

Zum Abschluss hab ich noch zwei Fragen. Zum einen: Ihr habt viele Skandale in unserer Stadt aufgedeckt, viele Themen öffentlich gemacht. Welches Problem der Stadt Darmstadt würdet Ihr gern noch lösen?

H [sofort]: Das Luisencenter!

A: Das haben wir eigentlich schon gelöst … In „Mad Jochen 2“.

H: Ich hätte hier gern ein fließendes Gewässer.

R: Das ist ja historisch schon versucht worden, von irgendeinem Ludwig. Man wollte den Rhein nach Darmstadt leiten.

A: Aber eigentlich lösen wir ja keine Probleme, wir machen ja Quatsch.

R: Unser Bio-Heroin zum Beispiel hat mehr Probleme mit sich gebracht als gelöst …

Und die zweite Frage: Habt Ihr eine abschließende Botschaft an den gemeinen P-Leser?

H: Er soll nicht so gemein sein!

Das kann man ja gerade so stehen lassen. Ein schönes Schlusswort! Macht’s gut und auf die nächsten zehn Jahre Schreibtisch-Show!

 

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