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Die Darmstädter Jonglageszene ist im Wandel und bekommt mit der Gründung des Vereins Flowmies e. V. eine ganz neue Struktur

Schon im Mittelalter wurde über Gaukler:innen gesprochen, gespottet und gelacht. Früher ein Privileg der Adeligen, heute ein Abendprogramm für alle: „Eins, für das es sich zu kämpfen lohnt!“, denken sich die Betroffenen. Wie so viele nischige Kunst- und Kulturbereiche haben es auch die unterschiedlichen Disziplinen der modernen Gauklerei – Jonglage, Flow-Arts, Akrobatik und andere – nicht immer leicht. Chronisch unterfinanziert treffen sie die letzten Kürzungen im Sport- und Kulturbereich umso mehr. Auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene sowie hochschulpolitisch werden ihnen Steine in den Weg gelegt. Die Probleme reichen von massiven Kürzungen für Kulturprojekte in der ganzen Bundesrepublik bis hin zur Räumung und anschließender Rodung des Osthangs nahe der Mathildenhöhe in Darmstadt. Nie direkt gemeint – aber häufig mit getroffen.

Wenn Jongleur:innen und Flowartist:innen zusammenkommen, kreieren sie ihre eigene Parallelwelt – mal schrill und bunt, mal dunkel und düster, aber immer durchtrieben, voller Leidenschaft und ein bisschen absurd. Ganz nach dem Kant’schen Ideal des kategorischen Imperativs „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, gestalten sie ihre eigene Welt genau so, wie sie benötigt wird: Keine komischen Blicke gibt es hier, keine Ausgrenzungen und keinen externen Leistungsdruck. Diese Regeln sind nirgends niedergeschrieben, und doch etablierte sich diese freiheitswahrende, kreative und inklusive Umgangsform in der ganzen Szene – dynamisch und intuitiv.

 

 

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Unisport und der Hochschulpakt

Jonglage fand in Darmstadt bis jetzt zu großen Teilen in kleinen, lockeren Gruppen statt, der Unisport der TU war die einzige Gruppe mit festen Strukturen. Für sie kommt nun die aktuelle Hochschulpolitik erschwerend hinzu. Letztes Semester noch war der Jonglage-Kurs kostenlos, lediglich Externe mussten eine Gastkarte erwerben. Der Preis der Gastkarte (50 Euro) ist zwar identisch geblieben, es werden künftig aber zusätzliche Kursgebühren erhoben. Studierende sollen dann 25 Euro, Beschäftigte 35 Euro und Externe 50 Euro zuzüglich Gastkarte blechen. Bei diesen Preisen wirkt die vergünstigte Gastkarte von 25 Euro für Schüler:innen, Auszubildende und Studierende anderer Hochschulen maximal als Trostpflaster. Ein:e von Jonglage und Flow Arts begeisterte Schüler:in müsste noch immer satte 75 Euro bezahlen – pro Semester. Für einen Sport, der erst unter Inklusion, Kreativität und vielen Freiheiten so richtig aufblüht, schwierige Voraussetzungen.

Im Gespräch mit dem Flowmies e. V., der die Darmstädter Jonglage- und Flow-Arts-Szene neuerdings vertritt, wird der Unmut schnell deutlich – und die Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten: Der Kurs wurde seitens der Uni aufgrund zu weniger Teilnehmer:innen abgesagt. Nur aufgrund ehrenamtlichen Engagements Einzelner kann er jetzt doch stattfinden. Aber auch mit ehrenamtlichem Engagement verlangt die TU weiterhin die neuen Teilnahmegebühren. Auf Anfrage des P Stadtkulturmagazins begründet die TU Darmstadt die Beitragserhöhung mit den Kürzungen des Personalbudgets um zehn Prozent im Rahmen des neuen Hessischen Hochschulpakts 2026-2031: „Dies entspricht einem zweistelligen Millionenbetrag. Der Fehlbetrag muss durch Einsparmaßnahmen kompensiert werden“, erläutert die Pressestelle und fährt fort: „In allen Bereichen der Universität müssen daher Ausgaben strukturell reduziert werden.“ Für die Betroffenen bleibt nach den in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierten Schließungen des Instituts für Sportwissenschaften sowie des Instituts für Angewandte Geowissenschaften fraglich, inwiefern Kürzungen im Personalbudget steigende Gebühren im Sportangebot rechtfertigen. Besonders angesichts des ehrenamtlichen Engagements ist die neue Teilnahmegebühr für die Betroffenen zumindest irritierend.

Die Jonglage-Gruppe sieht ihre inklusive und solidarische Gemeinschaft gefährdet. „Zusätzlich zu den Kosten steigt gleichzeitig auch die Erwartungshaltung an die Anzahl der Teilnehmenden und die Kurse selbst an. Wohingegen ein wie sonst übliches freies Treffen solchen Erwartungen nicht gerecht werden muss“, so Flowmies-Vorsitz Poily. Für den Vereinsvorstand und sonstige Mitglieder fühle es sich konträr zu ihrem eigentlichen Konzepts an, für die Kurse Geld zu verlangen. Denn die damit steigenden Ansprüche wirkten sich auch auf die Kursleiter:innen aus: Auf einmal stehe mehr das Lehren und nicht nur das gemeinsame Lernen und Ausprobieren im Fokus.

 

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Osthang fehlt

Mit der Zwangsschließung und Rodung des Osthangs verlor die Kulturszene Darmstadts einen der wichtigsten Veranstaltungsorte für Kunst, Musik und Subkultur. Auch die Flowmies nutzten das Gelände für ihre offenen Treffen. Julia erzählt uns, wie sie dem Osthang hinterhertrauert: „Es war der perfekte Trainingsort. Dort gab es zwischen den Bäumen Schutz vor Hitze und Sonne und mit der Halle auch vor nassem Wetter. Es stellte sich nie die Frage, ob und wo wir uns treffen. Das ist aktuell leider nicht mehr so.“ Zusätzlich gibt es Berichte aus der Szene, dass die Polizei spontane Firespaces, an denen mit brennenden Keulen jongliert wird, trotz gründlicher Sicherheitsvorkehrungen nicht duldete und auflöste.

 

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Neue Struktur, neues Glück!?

Um unabhängig von den Uni-Strukturen sein zu können, trauen sich drei engagierte Jongleur:innen und Flow-Artists, was in Darmstadt bislang fehlte: ein Verein für diesen spirituell angehauchten Sport. Im Mai gründeten Poily (Vorsitz), Tripsy (stellvertretender Vorsitz) und Julia (Schatzmeisterin) den Flowmies e. V. – gemeinsam als Dreiergespann repräsentieren sie nun ganz offiziell die Heinersche Gauklerszene. Ihre Backgrounds, Motivation sowie Art und Weise zu flowen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Poily studiert an der TU Darmstadt Mathematik und versucht sich im Training an immer schwierigeren Tricks, um das eigene Bewegungsrepertoire zu diversifizieren: „Das kommt mir vor allem beim Improvisieren zugute. Am Ende sind es aber zwei Facetten des Gleichen, denn um richtig zu flowen, braucht es gleichermaßen strukturiertes Lernen wie auch freies Improvisieren.“ Tripsy ist ein echter Speedrunner – mit Herz und Leidenschaft sucht er mit den unterschiedlichsten Tools den Einklang zwischen Rhythmus und Bewegung. Der 37-Jährige bezeichnet sich selber als „Jack of all Trades“ und bringt damit sowohl seine diversen Tools als auch Fähigkeiten als Hobbymusiker mit ein. Und Schatzmeisterin Julia gehört unbestritten zur Darmstädter Spitze der Flow-Szene.

Und wer Julia sagt, muss auch Laura sagen: Sie ist die mindestens genauso talentierte wie engagierte Zwillingsschwester. Für zahlreiche Conventions, Auftritte und Workshop reisen die beiden quer durch Deutschland und auch darüber hinaus. „Im Jahr kommen gut und gerne mehr als zwei Dutzend, meist mehrtägige Veranstaltungen zusammen“, resümiert das Duo. Ihre „Long-String“-Variation des Levi-Sticks ist auch in der Szene eine absolute Besonderheit. Klassischerweise wird der Levi mit einer armlangen Nylonschnur geschwungen. Die fast unsichtbare Schnur ist dabei genau in der Mitte des perfekt ausbalancierten Stabs befestigt und kreiert mit runden Bewegungen die Illusion eines schwebenden Zauberstabs. Bei der Long-String-Variante ist die Schnur aus Baumwolle und circa zehn Mal so lang. Daraus ergeben sich dann ganz neue Spielweisen und kreative Möglichkeiten. Während Julia im Vorstand des regionalen Vereins tätig ist, wurde Laura erst Ende letzten Jahres zum Vorstand des deutschlandweiten Vereins Firespace e. V. gewählt, welcher sich primär mit Sicherheitsvorkehrungen rund um das Jonglieren und Flowen mit Feuer beschäftigt.

 

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Selbstbewusst dank Flowmies e. V.

„Mit der Vereinsgründung hat sich bei uns einiges verändert“, erzählt Julia stolz, „man traut uns sonst oft nicht zu, dass wir so gut organisiert sind.“ Durch das seriöse Auftreten als Verein sei es deutlich leichter, Räume zu mieten oder Sponsoren zu finden. Weiterhin berichtet sie rückblickend über die Entwicklungen in der Szene: „Früher war ich oft treibende Kraft, aber inzwischen kommen mehr und mehr Leute dazu, die Verantwortung übernehmen wollen und es auch tun. Es fühlt sich sehr gut an, wenn man merkt, dass die eigene ehrenamtliche Arbeit Früchte trägt. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich die Verantwortung mit anderen so tollen Menschen teilen kann.“

Auch ein erstes Darmstädter Event sei schon in Planung und mit passendem Namen versehen, die „FireConDa“. Das Konzept der Convention ist klar: Ein Wochenende lang gemeinsam flowen und jonglieren – abends dann auch mit Feuer sowie begleitenden Workshops zum Thema Feuersicherheit. Ganz traditionell organisieren und leiten die Teilnehmenden diese Kurse in Eigenregie und füllen damit ganz unverbindlich das Tagesprogramm. Unter Anleitung können dann entweder neue Tools ausprobiert oder spezifische Skills erlernt werden. Allerdings ist der Verein aktuell noch auf der Suche nach einem geeignetem Veranstaltungsort.

Bis es so weit ist, gibt es schon jetzt kostenfreie wöchentliche Jonglage-Treffen (entweder in der Baas-Halle oder bei gutem Wetter im Herrngarten). Die regulären Treffen sind offen für alle, denen ein respektvoller, offener und inklusiver Umgang wichtig ist. Es ist ein Platz ohne Sexismus, Rassismus und Ableismus: „Es sind alle Menschen willkommen. Vorkenntnisse und eigene Tools sind gern gesehen, aber kein Muss. Außerdem sind ganz viele liebe Menschen vor Ort, die gerne weiterhelfen und Tools ausleihen, wenn sie freundlich gefragt werden“, erläutern die Vereinsgründer:innen. Interessierte können entweder einfach zu den regulären Terminen dazustoßen oder, wer es offizieller mag, der kann den Verein vorab auch per Mail kontaktieren. Und dann: Let it flow!

 

 

Trainingstermine + Kontakt

Offenes Training ist montags um 19.30 Uhr, mittwochs um 19 Uhr und sonntags von 10 bis 13 Uhr in der Baas-Halle im Martinsviertel – und bei gutem Wetter im Herrngarten. Kontakt: flowmiesdarmstadt@gmail.com

 

Jonglage

Das rhythmisches Werfen und Fangen von Bällen, Messern, Keulen und alles andere, was sich in die Luft schleudern lässt: So lautet die kurze Definition von Jonglage. Es gibt viele verschiedene Tricks und Wurfmuster. Insider-Know-how: Zahlen beschreiben die Art eines Wurfes. Während Würfe mit einer geraden Zahl mit derselben Hand gefangen werden, werden Würfe mit ungeraden Zahlen mit der anderen Hand gefangen. 3-3-3 ist das klassische 3-Ball-Wurfmuster – bei jedem Wurf wechselt der Ball die Hand. Mit 3 Bällen lässt sich beispielsweise auch ein 5-1-Muster werfen, im Szene-Slang auch „Shower“ beziehungsweise auf Deutsch „Dusche“ genannt. Die „5“ wird höher als eine „3“ geworfen, wechselt dabei die Hand. Und die „1“ wird von der gegenüberliegenden Hand direkt in die andere geworfen oder übergeben, sodass alle Bälle nur in die eine Richtung fallen und damit an einen Wasserstrahl einer Dusche erinnern. Kreativ, kryptisch – „und notwendig“, wie ein Szenekenner betont.

 

Flow Arts

Bei Flow Arts verwendet werden die unterschiedlichsten Tools – Poi, Dragon Staff, Levi-Stick, Hula Hoop oder Fächer – entweder ganz schlicht, extravagant verziert mit LEDs oder wahlweise mit loderndem Feuer. Die ausdrucksstarken Hilfsmittel werden mit runden, flüssigen, ästhetischen Bewegungen fast schon ein Werkzeug zur Hypnose des Publikums. Besonders im Einklang mit rhythmisch-melodischer Musik wird die Herkunft des Begriffs Flow Arts deutlich. Einmal in den richtigen Händen, bringen die Tools ein harmonisches Zusammenspiel von Musik und Bewegungen hervor, welches Publikum und Artists gleichermaßen in Trance versetzt. In der Szene wird das auch „Flow“ genannt.

In P-Ausgabe #158 (November 2023) haben wir Flow Arts schon mal als „Randsportart im Rampenlicht“ vorgestellt: p-stadtkultur.de/flow-arts